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Philippsthal, Hessen, 1986–2000

Melanie und Karola Weimar

Zwei Mädchen verschwinden 1986 in Osthessen, beide Eltern geraten in Verdacht.

Lesezeit etwa 18 Minuten

Worum es geht

Am 4. August 1986 werden die siebenjährige Melanie und die fünfjährige Karola Weimar im osthessischen Philippsthal als vermisst gemeldet; drei Tage später findet man beide tot. Die Ermittler konzentrieren sich schnell auf die Eltern Monika und Reinhard Weimar, deren Ehe längst zerrüttet war. Monika hatte zudem eine Affäre mit einem amerikanischen Soldaten, und beide Elternteile widersprechen sich in ihren Aussagen. Es folgen drei Gerichtsverfahren über mehr als ein Jahrzehnt mit unterschiedlichen Ergebnissen, die den Fall zu einem der bekanntesten deutschen Indizienprozesse machen.

Panorama mit Kalischacht in Philippsthal
Panorama mit Kalischacht in Philippsthal. Foto: 2micha, CC BY-SA 3.0, über Wikimedia Commons.

Intro

Am 04. August 1986 werden die siebenjährige Melanie und die fünfjährige Karola Weimar als vermisst gemeldet. Es wären nur noch wenige Tage bis zu Melanies Einschulung gewesen. Das Mädchen hatte sich auf den neuen Lebensabschnitt gefreut. Drei Tage später, am Tag der geplanten Einschulung, findet man die Leichen von ihr und ihrer Schwester. Darauf folgen Befragungen und Prozesse, die vermuten lassen, dass die Mädchen von einem ihrer Elternteile ermordet wurden.

Doch wer war es? Monika Böttcher, die Mutter, die schon lange unglücklich mit ihrem Leben war? Oder doch der Vater, der nicht verkraften konnte, dass seine Frau ihn verlassen wollte? Im heutigen Video sprechen wir über die Weimar-Morde. Eine grausame Familientragödie, die zugleich einer der spektakulärsten deutschen Mordfälle der Nachkriegszeit ist.

Familie Weimar

Monika Böttcher wurde am 13. April 1958 in Osthessen geboren. Über ihre Jugend ist nur wenig bekannt. Nach der Schule machte sie eine Lehre zur Krankenpflegerin. 1977 lernte sie, im Alter von 19 Jahren, Reinhard Weimar kennen und verliebte sich in ihn. Nur knapp ein Jahr später, im Juni 1978, heirateten die beiden. Dabei nahm Monika Reinhards Nachnamen an. Reinhard wurde 1952 geboren und arbeitete nach einer KFZ-Schlosser-Lehre unter Tage im Hera-Schacht der Kali- und Salzbergwerke.

Würde man Monika heute nach ihrer Ehe fragen, würde sie nur das antworten, was sie die ganzen letzten Jahre schon betonte: Die Hochzeit hatte nur aus „Torschlusspanik“ stattgefunden und wäre ein Fehler gewesen. Dennoch schienen die beiden zunächst glücklich zu sein. Sie zogen in den Ortsteil Röhrigshof-Nippe in der osthessischen Stadt Philippsthal. Dort hatten sie eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus, in dem Monika aufgewachsen ist. In den anderen Wohnungen lebten noch Monikas Mutter, ihre Großmutter sowie eine ältere und eine jüngere Schwester von ihr, jeweils mit ihren Männern.

Am 22. Juli 1979 kam ihre erste Tochter Melanie auf die Welt. Am 08. März 1981 folgte ihre zweite Tochter Karola. Sie schienen glückliche Kinder zu sein. Zwei schüchterne Mädchen mit roten Haaren und Sommersprossen. Bilder zeigen sie in ihrem Kinderzimmer. An der Wand befindet sich eine Blümchentapete, zwei Betten stehen im Raum. Zaghaft lächeln sie in die Kamera. Sie schienen es gut zu haben. Aber war dem wirklich so?

Probleme in der Beziehung

Im Jahr 1985 war Reinhard dreimal in stationärer Behandlung. Er litt immer wieder unter Bewusstseinsstörungen mit „langen ohnmachtsähnlichen Ausfällen“. Am Ende fand man heraus, dass diese Zustände auf eine Medikamentenvergiftung mit Neuroleptika und Benzodiazepinen zurückzuführen waren. Reinhard stritt ab diese Medikamente jemals eingenommen zu haben. Während er damals noch überlegte, wie die Vergiftung zustande gekommen sein könnte, war er später davon überzeugt, dass Monika ihn vergiften wollte und ihm die Arzneimittel untergemischt hat. Durch ihren Job als Krankenpflegerin hätte sie rein theoretisch Zugriff auf die Medikamente gehabt.

Mit diesen Vorwürfen ging Reinhard sogar vor Gericht. Allerdings konnte man Monika nie etwas nachweisen. Sie selbst behauptete, dass Reinhard diese Medikamente sehr wohl regelmäßig selbst eingenommen habe. Eventuell mit dem Gedanken „ihr Mitleid zu erregen“. Man merkt schon, der Grundstein der Ehe bestand weder aus Harmonie noch Vertrauen.

Im Mai 1986 ging Monika oft mit ihrer Schwester aus. Sie besuchten Bars und Diskotheken. Dabei erzählte Monika ihr, dass sie darüber nachdenke, sich scheiden zu lassen. An einem dieser Abende lernte sie Kevin Pratt kennen. Kevin war ein amerikanischer Soldat, der damals in Deutschland stationiert war. Nach einem kurzen Hin und Her fingen Monika und er eine Affäre an. Reinhard selbst besuchte in der Zeit regelmäßig ein Bordell. Auch er war mit der Ehe unzufrieden. Gegenüber Monika erhob er mehrfach die Hand. Doch diese ließ sich nicht scheiden, sondern ertrug die Schläge aufgrund ihrer Schuldgefühle, die sie wegen der Affäre hatte.

Kevin Pratt versuchte Monika in den nächsten Wochen immer wieder davon zu überzeugen, mit ihm in die USA zu kommen. Ihre Kinder könnte sie selbstverständlich mitnehmen. Dort hatte er zwar selbst eine Frau, aber die würde er laut eigener Aussage für Monika verlassen. Doch diese lehnte ab. Sie sagte, sie wolle ihren Kindern nicht den Vater wegnehmen. Reinhard Weimar behauptet später, er habe von der Affäre seiner Frau gewusst. Er habe diese hingenommen, weil er seine Kinder liebte und diese keinesfalls nur noch selten sehen wollte.

Das Verschwinden von Melanie und Karola

Am 02. August 1986 kam Monikas Mutter ins Krankenhaus und musste dort für einige Tage bleiben. Das ist relevant, weil diese sich sonst immer um Melanie und Karola gekümmert hat, wenn Monika sich mit Kevin traf. Den Tag darauf machte Monika gemeinsam mit Kevin Pratt und ihren Töchtern einen Badeausflug. Bevor sie losgefahren sind, stritt sie sich mit Reinhard, dem sie erzählt hatte, dass sie alleine mit den Mädchen fahren würde.

Reinhard wollte sie begleiten und Monika würgte ihn ab und sagte „Du kannst doch gar nicht schwimmen!“ Daraufhin war Reinhard sehr enttäuscht. Nach dem Ausflug kam Monika, laut ihrer eigenen Aussage, mit ihren Töchtern gegen 18 Uhr zuhause an. Sie habe die Kinder dann bettfertig gemacht und die Wohnung noch einmal gegen 20.30 Uhr verlassen, um sich mit Kevin in einer Diskothek zu treffen. Um 3 Uhr in der Nacht wäre sie endgültig wieder zuhause gewesen. Kevin bestätigte Monikas Aussagen und sagte, er habe bis etwa 3 oder 3.30 Uhr mit ihr Zeit verbracht.

Der 04. August war ein Montag. Reinhard und Monika hatten beide Urlaub. Die Sonne stand hoch am Himmel und das Thermometer hatte an diesem Sommertag die 30-Grad-Marke weit hinter sich gelassen. Den Morgen des Tages rekonstruierte Monika wie folgt. Um 09.30 Uhr habe sie Melanie und Karola geweckt. Nach einem kurzen Frühstück gingen die beiden auf einen nahegelegenen Spielplatz. Gegen 10.50 Uhr habe Monika das Haus mit dem Auto verlassen. Bei der Bank ein paar Straßen weiter habe sie ein paar Überweisungen getätigt und wäre im Anschluss in den Supermarkt gefahren.

Gegen 12.15 Uhr sei sie wieder zuhause gewesen. Belege beweisen, dass Monika diese Überweisungen tatsächlich getätigt hat. Allerdings befand sich der Bankangestellte, mit dem Monika angeblich gesprochen hat, zu diesem Zeitpunkt im Urlaub. Und auch im Supermarkt wurde die 28-Jährige von niemandem gesehen. Ihr Auto wiederum sah man, während sie gerade im Supermarkt gewesen sein soll, an einem anderen Ort. Nachdem sie wieder zuhause war, habe Monika angeblich Mittagessen gekocht und Reinhard losgeschickt, um die Kinder reinzuholen.

Und als Reinhard am Spielplatz ankam, waren die beiden nicht mehr da. Diese Variante des 04. Augusts erzählte Monika auch der Polizei, als sie kurz darauf ihre Töchter als vermisst gemeldet hat. Später änderte sie ihre Aussage allerdings. Doch dazu kommen wir erst gleich. Auch ist nicht sicher bekannt, ob Monika die Kinder selbst als vermisst gemeldet hat, oder ob dies Brigitte, eine von ihren Schwestern, gemacht hat. Die Polizei begann sofort nach den Mädchen zu suchen. Auch die Nachbarn und Reinhard beteiligten sich bei der Suche. Monika selbst allerdings nicht.

Der Leichenfund

Zunächst ging man von einer Entführung aus. Doch bald erfuhren die Ermittler von den Eheproblemen von Monika und Reinhard. Die Vermutung lag nahe, dass Melanie und Karola von zuhause weggelaufen sind oder dass sogar eines der Elternteile die Kinder versteckte, um sie dem anderen vorzuenthalten. Als sie einen Tag später von Monikas Affäre erfuhren, zogen sie es in Betracht, dass Monika die Kinder gemeinsam mit Kevin entführt hat und deswegen auch nicht bei den Suchaktionen half.

Doch die Hoffnung, dass die Kinder noch lebten, zerschlug sich am Nachmittag des 07. Augusts. Ein Busfahrer fand Melanies Leiche an einem Parkplatz nahe der L3255 in der Nähe der Untertagedeponie Herfa-Neurode, neun Kilometer von ihrem Elternhaus entfernt. Als die Polizei die Umgebung absuchte, gelang es ihr ungefähr anderthalb Stunden später, auch Karolas Leiche zu finden. Ihr Körper befand sich etwa vier Kilometer von Melanies Leiche entfernt an einem stillgelegten Straßenstück im Bengendorfer Grund. Es wäre der Tag von Melanies Einschulung gewesen. Vier Tage später wurden die Mädchen beerdigt.

Die Ermittlungen

Schnell waren nur noch Monika und Reinhard im Fokus der Ermittler. Sie hielten es für äußerst unwahrscheinlich, dass Melanie und Karola am helllichten Tag, nur wenige Meter von ihrem Zuhause entführt wurden. Es handelte sich um eine belebte Wohngegend und niemand hatte die Mädchen draußen gesehen oder irgendetwas Verdächtiges beobachtet. Außerdem konnte der Todeszeitpunkt ziemlich sicher auf den 04. August datiert werden. Also dem Tag, wo die beiden verschwunden sind.

Warum hätte ein Entführer die beiden Kinder sofort umbringen sollen? Eine Obduktion hatte auch keine Hinweise auf einen sexuellen Missbrauch ergeben. Reinhard und Monika wiederum hätten ein Motiv gehabt, ihre Kinder zu töten. Reinhard war eifersüchtig und wütend wegen der Affäre seiner Frau. Der Badeausflug am Tag zuvor hätte das Fass zum Überlaufen bringen können. Und Monika wollte eventuell frei sein für ihre neue Beziehung. So hatte sie ja oft geäußert in ihrer Ehe unglücklich zu sein, aber wegen ihrer Kinder auch nicht mit nach Amerika ziehen zu wollen – da sie nicht wollte, dass ihre Kinder ohne ihren leiblichen Vater aufwachsen.

Bei der Obduktion fand man auch heraus, dass Melanie mit einem Stoff erstickt und Karola erwürgt wurde. Der toxikologische Bericht ergab, dass die beiden keine Medikamente oder sonstige ungewöhnliche Stoffe im Blut hatten. An ihrer Kleidung fand man keinerlei Sand. Was ebenfalls dagegen spricht, dass die Mädchen tatsächlich auf dem Spielplatz waren. Dafür befanden sich zahlreiche Kletten an Melanies und Karolas Kleidung. Von diesen Kletten wuchsen sehr viele an dem Ort, an dem man Karolas Leiche gefunden hat.

Es gab aber keine am Fundort von Melanies Leiche. Deshalb ging man davon aus, dass Melanie zunächst neben Karola abgelegt und dann doch noch einmal mitgenommen wurde und sie später erst dort platziert wurde, wo man sie letztendlich gefunden hat. Die Kleidung der Mädchen war sonst sehr ordentlich, sauber und schick und auch die Position, in der man ihre Leichen fand, sah sehr platziert aus. Sie wurden also nicht einfach auf den Boden geschmissen. Ihre Haare waren mit Haarspangen zurechtgemacht, als wollte man auch ihre Leichen noch schön machen. Das sprach für die Ermittler auch dafür, dass ein Elternteil den Mord begangen hatte und wollte, dass man ihre Kinder ordentlich vorfindet.

Bei solch einer Inszenierung spricht man manchmal auch von einem sogenannten Undoing. Hier ein kurzes Zitat aus dem Buch „Fallanalyse und Täterprofil“ von Jens Hoffmann und Cornelia Musolff aus der BKA-Forschungsreihe. „Versucht der Täter, das Verbrechen symbolisch ungeschehen zu machen, spricht man von “Emotionaler Wiedergutmachung„ (undoing). Dies kann etwa darin Ausdruck finden, dass der Mörder nach der Tat den Körper des Opfers in eine schlafende Haltung legt und zudeckt oder den Tatort und den Leichnam reinigt.“

Besonders Monika rückte damit ins Licht der Ermittlungen. In der Polizeiakte las man später „Nur die Mutter wollte die Kinder selbst als Leichen schön gefunden haben.“

Jeweils am 12. und am 15. August übergab Monika der Polizei einen anonymen Brief, den sie angeblich erhalten hätte. Darin stand an Monika gerichtet „Das ist die Strafe. Es tut mir leid um die Kinder, aber es musste sein. Jetzt bist du bald dran. Von wem der Auftrag kommt, kannst du dir wohl denken…“ Diese Briefe implizierten, dass Reinhard etwas mit dem Tod seiner Kinder zu tun haben könnte. Allerdings wurde die Handschrift der Briefe von einem Schriftsachverständigen untersucht und dabei mit der Handschrift von Monika verglichen. Dabei stellte sich heraus, dass Monika die Briefe selbst verfasst hatte. Als man sie damit konfrontierte, gestand sie ihre Lüge.

Fast zwei Wochen später, am 28. August 1986, wurde Monika verhört und anschließend verhaftet. Man war sich sehr sicher, dass sie den Mord begangen hatte. Zunächst blieb Monika bei ihrer alten Aussage. Doch einen Tag später zog sie ihre Aussage zurück und behauptete von nun an, dass sie – als sie am 04. August gegen 3 Uhr nach Hause kam – Reinhard im Kinderzimmer vorgefunden hat. Die Mädchen waren bereits tot, aber noch warm.

Sie hätten in ihren Betten gelegen, haben aber keinen Schlafanzug angehabt. Reinhard wäre verwirrt und abwesend gewesen und hätte geweint. Monika wäre schockiert ins Schlafzimmer gegangen und habe kurz darauf Motorengeräusche gehört. Reinhard und die Leichen ihrer Töchter waren fort. Einige Zeit später sei Reinhard dann zurückgekommen und habe gesagt „Jetzt kriegt keiner mehr die Kinder!“ Er nannte ihr dabei angeblich auch den Ort, an dem er ihre Leichen abgelegt hatte.

Da sie ihre Töchter unbedingt noch einmal sehen wollte, wäre sie am nächsten Tag dorthin gefahren. Deswegen hätte man dort auch ihr Auto gesehen. Sie habe aber nur Melanie finden können, Karola nicht. Um Reinhard zu schützen, hätte sie nicht die Wahrheit erzählt. Und ab diesem Zeitpunkt blieb Monika bei dieser sogenannten „Nacht-Version“.

Nach ihrer Aussage wurde Monika freigelassen und Reinhard wurde verhaftet. Bei seiner Befragung gab er an, am 03. August gegen 22 Uhr ins Bett gegangen zu sein und bis 11.30 geschlafen zu haben. Als er aufstand, wäre er allein in der Wohnung gewesen. Um 12.15 Uhr sei Monika zurück nach Hause gekommen, habe gekocht und ihn dann losgeschickt die Mädchen reinzuholen. Reinhard wurde nach seiner Aussage ebenfalls wieder freigelassen. Die Ehe von Monika und Reinhard war nun endgültig vorbei. Sie trennten sich und ließen sich im Laufe des nächsten Jahres scheiden, wo Monika auch wieder ihren Mädchennamen Böttcher annahm.

Zwei Monate nach den Anschuldigungen und der Änderung von Monikas Aussage wurde ein Haftbefehl gegen sie erlassen. Am 27. Oktober 1986 wurde sie festgenommen. Vor Gericht zweifelte man an dem Wahrheitsgehalt ihrer Aussage. Selbst wenn es sich so zugetragen hätte, hätte sich Monika mitschuldig gemacht. Sie war Krankenpflegerin und hätte sofort Wiederbelebungsmaßnahmen einleiten können und müssen. Außerdem alarmierte sie keinerlei Hilfe. Reinhard sagte aus, dass er sich „nicht erinnern“ könne den Mord begangen zu haben und „wenn er es gemacht habe, dann muss es ein Blackout gewesen sein“.

Zum Ablegen der Leichen sagte er: „Ich bin mir fast sicher, dass ich den Abtransport der Mädchen nicht allein fertiggebracht habe“. Auf die Frage, ob er auch in der Nacht vom 3. auf den 4. August Ausfallerscheinungen ähnlich seiner früheren gehabt habe, antwortete er, sich das „nicht vorstellen“ zu können. Doch es gab noch einige andere Hinweise, die auf Monika als Täterin hingedeutet haben. So besaß Familie Weimar einen weißen VW Passat, der nach dem Verschwinden der Mädchen am 04. August untersucht wurde. Dabei fiel den Polizisten die gesprungene Frontscheibe ins Auge. Monika hatte sich dazu geäußert und angegeben, dass es ein paar Tage zuvor einen Steinschlag gab. Als sie damit konfrontiert wurde, dass die Risse aber von innen entstanden seien, gab sie an, in der Nacht zuvor mit Kevin Sex im Auto gehabt zu haben. Dabei wäre sie versehentlich mit ihrem Fuß gegen die Scheibe gestoßen.

Als man Kevin Pratt dazu befragte, stritt dieser den Vorfall allerdings ab. Er sagte, dass die Scheibe noch intakt gewesen wäre, als er ging. Die Theorie, die die Ermittler nun für am wahrscheinlichsten hielten, war die, dass Monika ihre Töchter im Auto tötete und eines der Mädchen sich so heftig wehrte, dass dabei irgendwie die Scheibe zu Bruch ging. Zuvor war bereits die Theorie überprüft worden, ob eines der Kinder eventuell bei einer Vollbremsung mit dem Kopf gegen die Scheibe stieß. Aber es gab weder Blut im Auto noch passende Verletzungen bei den Mädchen.

Und auch eine Zeugenaussage gab Zweifel an Monikas Version des Tathergangs auf. So gab Monikas Schwester an, in der Nacht vor dem Verschwinden der Mädchen um kurz vor drei aufgewacht zu sein. Ihre Wohnung grenzte an die von Reinhard und Monika an. Dadurch habe sie Karola weinen gehört. Mit ihrem Zweitschlüssel habe sie daraufhin die Wohnung betreten und Karola getröstet, die in die Hose gemacht hatte. Sie hätte ihr anschließend eine frische Hose angezogen und sie wieder ins Bett gelegt. Es war nicht das erste Mal, dass die Schwestern sich gegenseitig unterstützten.

Weiter gab sie an, dass Melanie von dem Weinen ihrer Schwester nicht aufgewacht wäre und auch Reinhard schlafend im Bett lag. Monika wäre zu diesem Zeitpunkt noch nicht wieder zuhause gewesen. Gemessen an den Aussagen von Monika und Kevin müsste diese allerdings kurz darauf wieder heimgekommen sein. Hätte Reinhard also wirklich, so wie Monika berichtete, in ihrer Abwesenheit die Kinder getötet, so hätte er dafür nur äußerst wenig Zeit gehabt.

Außerdem hatte die Obduktion ergeben, dass die Mädchen etwa eine Stunde vor ihrem Tod noch Milch, Kakao und Getreideprodukte zu sich genommen hatten. Dieses Ergebnis deckt sich zum einen mit Monikas erster Aussage, dass sie ihren Töchtern Frühstück gemacht hätte und widerspricht sich gleichzeitig damit, dass Reinhard die Mädchen angeblich mitten in der Nacht getötet hätte. Würde letztere Version stimmen, hätten Melanie und Karola noch gegen zwei Uhr morgens Müsli gegessen.

Des Weiteren fand man an der Kleidung der Mädchen Stofffasern von Monika. Es gab aber auch Aussagen, die für Reinhard als Mörder sprachen. So gaben vier Zeugen unabhängig voneinander an, dass Reinhard ihnen gegenüber den Mord gestanden habe. Bei den Zeugen handelte es sich um einen Privatdetektiv, eine Kurzzeitbekannte von Reinhard, eine ehemalige Mitpatientin aus der Psychiatrie und die Prostituierte, die Reinhard regelmäßig besuchte. Letztere sagte aus, dass Reinhard „Mir kann keiner was nachweisen, das merk dir.“ gesagt habe. Allerdings stufte das Gericht jeden einzelnen der Zeugen als unglaubwürdig ein. Am 08. Januar 1988 zu einem Urteilsspruch.

Die Verurteilung

Abschließend ging die Staatsanwaltschaft davon aus, dass es sich folgendermaßen zugetragen habe:

Am 04. August wäre Monika Weimar nach einem kurzen Frühstück mit ihren Töchtern gegen 11.30 Uhr weggefahren. Ungefähr zehn Minuten später kamen sie dort an, wo man später Karolas Leiche fand. Während Monika eines der Mädchen zum Urinieren ins Gebüsch schickte, tötete sie ihre andere Tochter. Als das zweite Mädchen zurückkam, tötete sie auch dieses im Auto. Dabei entstand der Sprung in der Windschutzscheibe. Zunächst legte sie dann beide Leichen im Gebüsch ab, wodurch die Kletten an die Kleidung gerieten.

Dann nahm sie Melanie allerdings doch wieder mit ins Auto und fuhr mit ihr an den Ort, wo man später ihre Leiche fand. Dort platzierte sie ihren Körper gegen 12 Uhr in einem Brennnesselgebüsch. Anschließend fuhr sie zurück nach Hause, wo Monika gegen 12.15 Uhr ankam.

Der gesamte Gerichtsprozess zog sich über mehrere Monate hinweg, aber nun war das Urteil gefallen und Monika wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe wegen Mordes verurteilt. Monika beteuerte aber weiterhin ihre Unschuld und legte Revision ein. Diese wurde am 17. Februar 1989 vom Bundesgerichtshof zurückgewiesen. Und auch ihre Verfassungsbeschwerde wurde am 02. Mai desselben Jahres verworfen. Einige Jahre später schrieb Monika ein Buch über ihr Leben. Darin beschrieb sie den Moment, als das Urteil gesprochen wurde, folgendermaßen „Meine ganze Hilflosigkeit über das Urteil, der Schmerz, der meinen ganzen Körper verkrampft hatte… alles brach aus mir heraus. Ich fühlte mich wie niedergetrampelt und weggeworfen. Eigentlich war mein Leben an diesem Tag ausgelöscht worden.“

Der Freispruch

Am 04. Dezember 1995 wurde das Gerichtsverfahren noch einmal neu aufgenommen. Das hatte das Oberlandesgericht in Frankfurt angeordnet. Sie waren der Meinung, dass die Stofffasern von Monika, die man an der Kleidung der Mädchen fand, kein Indiz wären, das für sie als Täterin spricht. Im Alltag hätten diese Fasern auch auf anderem Wege an die Kleidung der Kinder geraten können. Außerdem fand man an ihrer Kleidung keine Spuren der Kletten, was wahrscheinlich gewesen wäre, wenn sie sich am Fundort aufhielt.

Es kam erneut zu einem Gerichtsprozess, der am 05. Juni 1996 begann und am 24. April 1997 mit einem Freispruch aufgrund mangelnder Beweise endete. Man hatte nach dem Grundsatz „Im Zweifel für die Angeklagte“ entschieden. Monika war überglücklich. Endlich hatte man ihr geglaubt. Und auch die Bevölkerung schien nun auf Monikas Seite zu sein. Zumindest löste der Freispruch bei den vielen Bürgern, die vor dem Gerichtsgebäude warteten, Begeisterung aus. Doch die Staatsanwaltschaft war nicht überzeugt, sie legte Revision gegen den Freispruch ein.

Die erneute Verurteilung

Es kam zu einem dritten Prozess. Dieser dauerte vom 02. September bis zum 22. Dezember 1999. Alle Indizien wurden neu bewertet und alle Zeugen noch einmal verhört. Am Ende wurde Monika erneut zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Richter Dr. Heinrich Gehrke sagte in einem Interview dazu „Es ist ein Indizienverfahren, das ist klar. Denn die Tat hat niemand beobachtet und die Angeklagte ist nicht geständig. Aber es ist eine solche Menge an Beweis-Anhaltspunkten, dass kein vernünftiger Zweifel für das Gericht besteht, als dass es so gewesen sein muss wie es die Anklage zugrunde gelegt hat.“ Auch dieses Mal legte Monika Revision ein, aber ihr Antrag wurde am 27. August 2000 abgelehnt. Sie musste ihre Strafe absitzen.

Heute

Am 18. August 2006 wurde Monika Böttcher, im Alter von 48 Jahren, nach 15 Jahren Haft entlassen. Sie nahm zunächst einen Job in einer Anwaltskanzlei in Frankfurt an. In ihrer freien Zeit verfasste sie ein Buch über ihr Leben mit dem Titel „Ich war Monika Weimar“. Einige Zeit später zog sie nach Großbritannien, um dort ein ruhiges Leben führen zu können. Reinhard wiederum war nach Monikas Verurteilung wieder zurück zu seinen Eltern gezogen. Ab 1989 war er wiederholt in einer Psychiatrie, aufgrund von „paranoid-halluzinatorischer schizophreniformer Psychosen“.

Während dieser Zeit versuchte er mehrfach sich das Leben zu nehmen. Ihm war es die Jahre über wichtig in der Nähe von Philippsthal zu bleiben. Denn dort pflegte er aufopferungsvoll das Grab seiner Kinder. Als Monika aus der Haft entlassen wurde, sagte er dazu nur „Ich will sie nicht mehr sehen. Dafür hat sie mir zu viel Leid zugefügt. Sie hat mir mein Bestes genommen und meine Gesundheit ruiniert. (…) Ich möchte sie nicht mehr wiedersehen.“

Im Jahr 2012 verstarb Reinhard an Herzversagen. Bis heute ist unklar, wie Reinhards psychische Verfassung kurz vor dem Tod seiner Kinder war und ob diese eine Rolle in dem Mord gespielt haben.

Epilog

Und damit sind wir am Ende des heutigen Videos angelangt. Was denkt ihr zu diesem Fall? Hat Monika Böttcher ihre beiden kleinen Töchter ermordet? Oder war es doch Reinhard? Wer auch immer der Täter war: Die nicht enden wollenden Gerichtsprozesse und Wiederaufnahmeverfahren müssen für alle Beteiligten eine große Belastung gewesen sein. Schreibt mir eure Meinung zu dem Fall gerne in die Kommentare, oder diskutiert darüber auf unserem Discord. Ich hoffe, das heutige Video hat euch gefallen.

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Quellen

  1. Mord an Melanie und Karola Weimar Wikipedia
  2. Nach fast 35 Jahren bleibt die Frage: Hat Monika Weimar ihre Töchter ermordet? fuldaerzeitung.de, 2022
  3. Das Erste in der Mediathek – jetzt online anschauen NDR
  4. Der Mordfall "Monika Weimar": Hat diese Mutter ihre Töchter ermordet? RTL, 2021
Fallakte
Orte
Philippsthal, Röhrigshof-Nippe, Herfa-Neurode, Bengendorfer Grund, Frankfurt
Region
Hessen
Land
Deutschland
Jahr
1986–2000
Status
Teilweise geklärt
Fallart
Tötungsdelikt, Familie & Partnerschaft, Kinder & Jugendliche, Justiz & Fehlurteil
Personen
Melanie Weimar, Karola Weimar, Monika Böttcher, Reinhard Weimar, Kevin Pratt, Heinrich Gehrke
Lagekarte
Kartendaten: Natural Earth