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Griffin, Georgia, 2018–2019

Steven Freeman

Eine Frau meldet den tödlichen Schuss auf ihren Freund als Unfall, doch die Ermittler zweifeln.

Lesezeit etwa 8 Minuten

Worum es geht

Im August 2018 ruft die junge Mary Katherine Higdon in Griffin im US-Bundesstaat Georgia den Notruf und gibt an, sie habe ihren Freund Steven Freeman versehentlich erschossen. Steven stirbt kurz darauf im Krankenhaus, und schon bei der ersten Untersuchung des Hauses stoßen die Ermittler auf Ungereimtheiten. Mary ändert ihre Darstellung mehrfach, ein offizielles Geständnis gibt es wegen einer beschädigten Tonaufnahme nicht. Im Prozess stehen sich der Vorwurf des vorsätzlichen Mordes und die Behauptung der Notwehr gegenüber, begleitet von der Frage, wie es um die Beziehung der beiden wirklich stand. Der Fall spaltet die Gemeinde.

Gebäude an der East Solomon Street in Griffin, Georgia
Gebäude an der East Solomon Street in Griffin, Georgia. Foto: Michael Rivera, CC BY-SA 3.0, über Wikimedia Commons.

Intro

An einem warmen Sommerabend im August 2018 fällt in einem kleinen Haus im US-Bundesstaat Georgia ein tödlicher Schuss. Mary Katherine Higdon, eine junge Frau aus Griffin, ruft völlig aufgelöst den Notruf und sagt, sie habe ihren Freund Steven Freeman versehentlich erschossen. Doch schon wenige Minuten nach Eintreffen der Polizei kommen erste Zweifel auf. In den nächsten Tagen stellt sich den Ermittlern immer wieder vor allem eine Frage: War es ein tragischer Unfall oder ein eiskalter Mord? Der Fall erschüttert und spaltet die Gemeinde und endet mit einem Urteil, das viele fassungslos macht.

Das Leben von Steven Freeman

Steven Freeman wird im Jahr 1995 in Griffin, Georgia, geboren. Seine Eltern Jennifer und Roy leben schon ihr ganzes Leben hier. Zwei Jahre nach ihm kommt sein jüngerer Bruder Blake zur Welt. Die beiden Brüder wachsen in einem stabilen Umfeld auf. Steven ist ein Kind, das viel draußen ist. Mit seinen Freunden ist er immer in Wäldern oder am See unterwegs. Sein Umfeld beschreibt ihn als freundlich, hilfsbereit und gelassen, selbst in den stressigsten Situationen habe er immer Ruhe bewahrt. Besonders zu seiner Mutter hat er eine enge, fast freundschaftliche Beziehung. In der Highschool schreibt Steven ihr einen Brief, in dem er ihr für alles, was sie für ihn getan hat, dankt.

Mit 15 Jahren lernt Steven Mary Katherine Higdon kennen. Die beiden verstehen sich sofort und werden nur kurze Zeit später ein Paar. Auch Mary ist naturverbunden, unkompliziert und bodenständig. Die beiden teilen Hobbys, den gleichen Humor und einen ähnlichen Lebensstil. Auch Stevens Familie nimmt Mary liebevoll auf und behandelt sie fast wie eine Tochter. Nach dem Schulabschluss ziehen sie gemeinsam in ein kleines Haus in der Sandbar Drive in Griffin. Steven arbeitet in einer Metallfabrik und Mary ist Assistentin der Schulleitung in einem benachbarten Ort. Zusätzlich hat sie einen Nebenjob in einem Waffengeschäft, in dem sie voll aufgeht. Sie ist ein großer Waffenfan, besitzt mehr als zehn Schusswaffen und kennt sich bestens mit ihnen aus.

Die beiden haben weiterhin einen engen Draht zu ihren Familien. Jeden Sonntag sind gemeinsame Essen mit Stevens Eltern und seiner Großmutter fester Bestandteil des Alltags. Auch ihr gemeinsamer Freund aus der Highschool, Thomas Kenner, der mit Mary im Waffengeschäft arbeitet, empfindet die beiden als fröhliches Pärchen, das perfekt zueinander passt. Steven und Mary leben sieben Jahre lang ein glückliches, harmonisches Leben, bis sich in einer Nacht im Sommer 2018 plötzlich alles für immer verändern soll.

Der Tod von Steven Freeman

Am Abend des 18. August 2018 geht um 22:42 Uhr ein Notruf bei der Polizei ein. Am anderen Ende der Leitung ist Mary Katherine Higdon. Sie wirkt hysterisch und sagt, sie habe ihren Freund Steven versehentlich erschossen. Nur wenige Minuten später treffen Polizei und Rettungskräfte am Haus ein. Mary ist aufgelöst und weint. Im Wohnzimmer finden sie Steven, auf einer Matratze liegend, schwer verletzt, mit einer Schusswunde in der Brust. Er ist noch am Leben und wird sofort ins Krankenhaus gebracht.

Die Polizei befragt Mary noch vor Ort. Nachdem sie sich etwas beruhigt hat, erzählt sie, was passiert sei. Sie und Steven hätten gemeinsam im Wohnzimmer auf Matratzen gelegen und ferngesehen. Neben ihnen habe eine von Marys Waffen gelegen. Sie habe ihm die Waffe reichen wollen, damit er sie auf den Tisch legt und dabei habe sich versehentlich ein Schuss gelöst. Mehrfach betont sie, nicht gewusst zu haben, dass die Waffe geladen war. Normalerweise wären alle Waffen im Haus weggeschlossen und würden niemals geladen irgendwo herumliegen.

Doch bei der Untersuchung des Hauses stoßen die Ermittler auf Ungereimtheiten. Die Küche ist völlig verwüstet. Überall hängen und liegen Essensreste. Sogar an den Schränken und im Flur. Es sieht so aus, als hätte jemand das Essen vor Wut durch die Gegend geworfen. Eine leere Whiskeyflasche liegt in der Spüle, und Mary riecht stark nach Alkohol. Die Ermittler haben erste Zweifel an Marys Aussagen und bringen sie zur weiteren Befragung aufs Revier.

Steven stirbt wenig später im Krankenhaus an seinen Verletzungen. Mit nur 23 Jahren. Im Verhör wiederholt Mary zunächst ihre Geschichte, der Schuss sei beim Weiterreichen der Waffe gefallen. Doch mit der Zeit ändern sich ihre Angaben. Sie sagt nun, sie habe die Waffe geworfen, aber auch das überzeugt die Ermittler nicht. Nach einer stundenlangen Befragung gesteht Mary schließlich, dass sie in einem Wutanfall absichtlich geschossen habe. Daraufhin wird sie festgenommen.

Doch als man das Verhör später dem Staatsanwalt übergeben will, stellt sich heraus, dass die Tonaufnahme schwer beschädigt ist. Etwa 40 Minuten der Aufnahme bestehen nur aus Rauschen, weswegen es kein offizielles Geständnis gibt. Zwar sagen die beiden ermittelnden Beamten aus, Mary habe die Tat zugegeben, doch da sie selbst die Tat nun wieder bestreitet, bleibt es bei Aussage gegen Aussage. Trotzdem wird der Fall zur Anklage gebracht. Im Juni 2019 beginnt der Prozess.

Der Prozess

Staatsanwältin Kate Lennart führt im Eröffnungsplädoyer aus, dass es ausreichende Indizien gebe, um einen vorsätzlichen Mord zu belegen. Die forensischen Spuren sprechen laut ihr eine klare Sprache. Die Tatwaffe wurde erst an diesem Abend geladen. Auf dem Magazin und anderen Bauteilen finden sich Rückstände von Kochfett und Gewürzen, identisch mit den Spuren in einer Pfanne auf dem Herd. Laut eigener Aussage hatte Mary zuvor für Steven gekocht. Ein Polizist demonstriert im Gerichtssaal das Laden der Waffe. Genau jene Stellen, die auch bei Marys Waffe Rückstände zeigen, werden dabei berührt. Daraus schlussfolgern sie, dass Mary die Waffe am Tattag nach dem Kochen geladen haben muss.

Es werden mehrere Zeugen aufgerufen. Vor allem Stevens bester Freund Thomas Kenner belastet Mary schwer. Er berichtet davon, dass Mary in letzter Zeit immer aggressiver geworden sei. Mary habe Steven angeschrien, kontrolliert und mehrfach in der Öffentlichkeit geschlagen. Steven habe sich ihr gegenüber hilflos gefühlt und Angst gehabt. In einer SMS schreibt Steven an Thomas: „Sie hat mich wieder mit der Waffe bedroht.“ Weitere Zeugen bestätigen, dass Steven die Beziehung beenden wollte, sich aber nicht getraut habe, aus Sorge vor Marys Reaktion. Am 3. August, nur zwei Tage nach seinem Tod, wollte er endgültig ausziehen. Thomas und andere wussten davon. Vor Mary hatte er es geheim gehalten. Er wollte die Stadt verlassen, solange sie auf der Arbeit ist.

Am 30. Juli ist ein Streit zwischen den beiden eskaliert, woraufhin Steven bei Thomas übernachtet hat. Mary hat ihm dutzende Nachrichten geschickt und mehrfach versucht ihn anzurufen, aber er hat sie ignoriert, woraufhin sie am nächsten Tag seine Mutter Jennifer kontaktiert hat. Jennifer ahnte nichts und hat ihr verraten, wo sich ihr Sohn aufhält. Daraufhin fuhr Mary zu Thomas nach Hause. Jennifer hat aber auch ihrem Sohn Bescheid gegeben und er und Thomas sind mit dem Auto weggefahren. Mary hat das jedoch bemerkt und ist den beiden so lange gefolgt und dicht aufgefahren, bis sie schließlich angehalten haben und Steven eingewilligt hat mit ihr nach Hause zu fahren, um die Situation zu klären. Nur anderthalb Stunden später ist Steven Freeman tot.

Marys Anwälte bringen eine neue Version vor. Nun behauptet sie, aus Notwehr gehandelt zu haben, da Steven sie körperlich angegriffen habe. Emotional schildert Mary vor Gericht, dass Steven sie über Jahre misshandelt habe. Sie habe nie Anzeige erstattet, da sie sich geschämt und sich selbst die Schuld gegeben habe. Mehr als 60 Seiten an Textnachrichten legt die Verteidigung vor. Darin finden sich Drohungen und Beleidigungen von Steven an Mary. In einer Nachricht posiert Steven mit einem toten Fisch und schreibt: „Das bist du.“ In einer anderen droht er ihr: „Ich werde dich zerstören.“

Auch Zeugen bestätigen, dass Steven solche Nachrichten geschrieben habe, seitdem er von einem Seitensprung von Mary erfahren habe. Doch laut der Verteidigung stammen viele der Nachrichten aus der Zeit vor dem Betrug. Mary behauptet zudem, Steven habe sie zweimal vergewaltigt. Am Abend des Schusses, so sagt sie, habe sie die Beziehung beenden wollen. Steven sei daraufhin ausgerastet, habe sie angeschrien und sie bedroht. Aus Angst habe sie zur Waffe gegriffen, sie geladen und ihn aufgefordert, Abstand zu halten. Als er weiter auf sie zugegangen ist, habe sie schließlich geschossen.

Die Staatsanwaltschaft zweifelt an dieser Darstellung. Warum hätte Mary dann in der Nacht zuvor unentwegt angerufen, seine Mutter kontaktiert, ihn verfolgt und für ihn gekocht? Und auch die Ergebnisse der Forensik sprechen dagegen. Steven saß beim Schuss auf der Matratze und hat nicht gestanden, wie Mary behauptet hatte. Zudem hatte sie ihre Geschichte im Laufe der Ermittlungen mindestens zehnmal geändert. Die einzige Zeugin für angebliche Misshandlungen ist ihre Schwester, die gelegentlich blaue Flecken gesehen haben will. Weitere Hinweise auf häusliche Gewalt gibt es nicht. Keine Nachrichten an Freundinnen, keine Aussagen im Vorfeld und keine Andeutungen gegenüber Kolleginnen oder Vertrauten.

In ihrem Schlussplädoyer argumentiert die Verteidigung, Mary habe aus einer Notwehrsituation heraus gehandelt. Scham, Angst und emotionale Abhängigkeit hätten sie daran gehindert, sich früher zu trennen. Viele Missbrauchsopfer verhielten sich widersprüchlich, das sei normal. Nach einer Woche Beratung kommt die Jury zu einem Urteil. Sie ist der Meinung, dass Mary unschuldig ist. Später wird bekannt, dass zunächst alle bis auf zwei männliche Juroren für „schuldig“ gestimmt hatten. Diese beiden überzeugten die Gruppe aber schließlich, dass nicht ausgeschlossen werden könne, dass es sich um Notwehr gehandelt habe.

Mary Katherine Higdon wird am 26. Juli 2019 freigesprochen und aus der Haft entlassen. Die Entscheidung löst Schock und Entsetzen bei Stevens Familie aus. Stevens Eltern trauern bis heute um ihren Sohn, der nur 23 Jahre alt geworden ist.

Epilog

Damit sind wir am Ende des heutigen Videos angelangt. Was glaubt ihr? Hat Mary Steven ermordet oder war es Notwehr? Ich bin sehr gespannt auf eure Meinungen in den Kommentaren. Damit unterstützt ihr auch gleichzeitig diesen Kanal. Wenn ein Video kurz nach dem Upload viel Interaktion erhält, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass es auch Leuten vorgeschlagen wird, die Insolito noch nicht abonniert haben. Wenn ihr mich zusätzlich unterstützen wollt, könnt ihr das gerne mit einem Like oder Abo tun. Ihr findet mich auch auf Instagram und im Discord – die Links stehen in der Beschreibung. Und wer meine Videos unzensiert und ohne Werbung sehen möchte, kann mich gerne auf Patreon unterstützen. Vielen Dank fürs Zuschauen und bis zum nächsten Video. Ciao Leute.

Quellen

  1. Mary Katherine Higdon, Georgia woman who shot and killed boyfriend, says she didn't know her gun had a bullet in the chamber CBS News, 2021
  2. Evidence photos in the case against Mary Katherine Higdon CBS News, 2021
Fallakte
Orte
Griffin, Sandbar Drive, Georgia
Region
Georgia
Land
USA
Jahr
2018–2019
Status
Teilweise geklärt
Fallart
Tötungsdelikt, Familie & Partnerschaft, Justiz & Fehlurteil
Personen
Steven Freeman, Mary Katherine Higdon, Thomas Kenner, Kate Lennart
Lagekarte
Kartendaten: Natural Earth