Intro
Im Winter 2012 wurde der 52-jährige Jaime Melgar tot in seinem Kleiderschrank aufgefunden. Jemand hatte ihn mit über 30 Messerstichen hingerichtet. Seine Frau Sandra Melgar fand man lebendig und ohne einen Kratzer in einem anderen Kleiderschrank. Handelt es sich bei diesem grausamen Verbrechen um einen gescheiterten Raubüberfall, oder wurde Jaime doch von seiner eigenen Frau ermordet? Bei den Ermittlungen kommt es zu einigen Widersprüchen und Versäumnissen, die man unterschiedlich deuten kann.
Dass es für beide Theorien so zahlreiche Beweise gibt und die Meinung der Bevölkerung so stark auseinandergeht, macht den Fall rund um Sandra und Jaime Melgar zu einem der spannendsten Verbrechen der Neuzeit. Aber macht euch davon am besten selbst ein Bild.
Sandra und Jaime Melgar
Jaime Melgar wurde 1960 in Guatemala geboren. Im Alter von drei Jahren wanderte er mit seinen Eltern in die USA aus. Der pfiffige Junge fasste dort schnell Fuß und fand einige Freunde. Später ging er in Houston auch auf die High School. 1978 lernte er dort die ein Jahr ältere Sandra kennen. Sandra und Jaime verbrachten immer mehr Zeit gemeinsam und schnell verliebten sich die beiden ineinander. 1980, nur anderthalb Jahre später, heirateten die beiden bereits.
Nach der High School machte Sandra eine Ausbildung zur Krankenschwester und Jaime wurde Programmierer. Gemeinsam kauften sie ein Haus in Houston und bekamen 1985 eine Tochter mit dem Namen Elizabeth. Doch Sandra, die schon immer einige gesundheitliche Probleme hatte, musste ein paar Jahre später ihren Job aufgeben. Sandra litt unter Lupus, hatte Epilepsie, Rheuma, Arthritis und so starke Hüftprobleme, dass sie ein paar Jahre lang auf den Rollstuhl angewiesen war, bis sie eine Hüftprothese bekam.
Aber auch danach bekam sie oft Krampfanfälle und ihre Gelenke waren so steif, dass sie ihren Job im Krankenhaus unmöglich hätte fortführen können. Gemeinsam mit Jaime machte sie sich selbstständig. Sie entwickelten ein kleines Unternehmen, das bei der Abwicklung medizinischer Rechnungen half. Und tatsächlich lief das Unternehmen besser als erwartet, sie konnten ihr großes Haus behalten und hatten keinerlei Geldsorgen. Von ihren Freunden wurden Sandra und Jaime als überaus nettes und liebes Pärchen, das nie stritt, beschrieben. Nur dass die beiden den Zeugen Jehovas angehörten, hießen nicht alle ihrer Freunde gut.
Der 32. Hochzeitstag
Am 22. Dezember 2012 feierten Jaime und Sandra ihren 32. Hochzeitstag. Eigentlich war der bereits am 12. Dezember gewesen, aber an dem Tag hatte Sandra so starke Schmerzen gehabt, dass sie nichts hatten unternehmen können. Also holten sie dies am 22. Dezember nach und besuchten das Los Cocos, ihr liebstes mexikanisches Restaurant. Nach einem entspannten Abend mit vielen Gesprächen verließ das Pärchen das Restaurant um 21.05 Uhr. Auf dem Weg nach Hause hielten sie kurz bei der Drogeriekette CVS und kauften sich zwei Flaschen Cola und Sprite.
Ihre Tochter Liz war bereits vor ein paar Jahren von zu Hause ausgezogen und sie wollten den Abend zu Hause noch gemütlich mit ein paar zweisamen Stunden ausklingen lassen. Fröhlich fuhren sie die letzten Kilometer zu ihrem Haus, ohne zu wissen, wie grausam ihr Hochzeitstag enden sollte.
Einen Tag später
Herman, der Bruder von Jaime, kam am nächsten Tag gegen 16.30 Uhr mit seiner Frau und seinen Kindern an dem Haus der Melgars an. Es war der 23. Dezember und die Familien hatten geplant gemeinsam Weihnachten zu feiern. Herman klopfte an der Vordertür des Hauses, aber keiner reagierte. Er wunderte sich, denn schließlich waren sie verabredet und er hatte keine Absage erhalten. Herman schaute durchs Fenster, aber konnte niemanden sehen. Und auch, als er zur Hintertür ging und dort klopfte, öffnete ihm niemand.
Nachdem er ein paar Minuten überlegte und wartete, fiel ihm ein, dass sein Bruder die Tür in der Garage meist nicht abschloss. Herman gelang es, das Garagentor zu öffnen und tatsächlich war die Tür, die die Garage mit dem Haus verband, offen. Nachdem er seine Familie durch die Vordertür reingelassen hatte, hörte er plötzlich Schreie. Es war Sandra, die mit voller Kraft um Hilfe schrie. Schnell rannten seine Frau und er die Treppe nach oben und folgten den Schreien ins Badezimmer. An das große Bad angeschlossen befand sich ein begehbarer Kleiderschrank. Die Tür davon war von außen mit einem Stuhl blockiert worden.
Herman entfernte den Stuhl und öffnete die Tür. Auf dem Boden des Kleiderschranks lag Sandra. Das Gesicht zum Boden gedreht, ihre Hände auf dem Rücken mit einem Bademantelgürtel gefesselt und ihre Beine mit einem Schal eng zusammengebunden. Herman versuchte die Knoten zu öffnen, aber sie waren so fest, dass er eine Schere holen musste, um sie aufzuschneiden. Später sollten Herman und seine Frau der Polizei berichten, dass sie sich sicher seien, dass Sandra nicht in der Lage gewesen wäre, sich selbst so zu fesseln und den Stuhl vor die Tür zu stellen.
Nachdem sie die Fesseln von Sandra entfernt hatten, war diese komplett aufgelöst und begann nach ihrem Mann zu suchen. Es dauerte nicht lange, bis sie ihn ein paar Räume weiter fand. Jaime lag in seinem begehbaren Kleiderschrank, der von seinem Schlafzimmer abging. Sie überprüften seinen Puls, obwohl ein Blick auf seinen Körper genügt hätte, um zu wissen, dass Jaimes Herz nicht mehr schlug. Sein Körper war übersät von zahlreichen Schnitt- und Stichverletzungen. Der gesamte Boden des Kleiderschrankes war in Blut getränkt.
Jaimes Beine waren mit einem Telefonkabel gefesselt und um seinen Oberkörper war locker ein Seil gelegt. Es sah aus, als hätte Jaime lange gekämpft und sich versucht zu befreien. Aber leider kam jede Hilfe zu spät. Der 52-Jährige war tot. Es dauerte nicht lange, bis die Polizei und ein Rettungswagen am Haus eintrafen. Die Tatwaffe fanden sie schnell im Badezimmer. In dem vollen Whirlpool der Melgars lagen ein Küchenmesser, eine weiße Bluse und ein schwarzes Handtuch. Das Messer, das die Tatwaffe war, gehörte den Melgars selbst und war aus der Küche entwendet worden. Die Polizei vermutete einen Raubüberfall, der eskaliert war.
In dem Kleiderschrank, in dem man Jaimes Leiche fand, lag auch seine Pistole. Diese bewahrte er dort immer auf. Allerdings kam er nicht mehr dazu, sie zu verwenden. Oder wollte er das vielleicht gar nicht, weil er seine Angreiferin kannte? Die Sanitäter kümmerten sich um Sandra. Sie erzählte, dass ihr Kopf weh tat und sich wund anfühle. Außerdem wären all ihre Gelenke steif und am Schmerzen. Diese Art von Schmerzen seien ihr bekannt, nach einem epileptischen Anfall. Und da sie sich nicht mehr an das erinnerte, was passiert war, war sie sich ziemlich sicher, im Schrank einen gehabt zu haben. Dabei war sie eigentlich schon über ein Jahr anfallsfrei.
Sandra wurde von den Sanitätern untersucht und es konnten keine Verletzungen festgestellt werden. Auch nicht an ihrem Kopf. Außerdem fiel ihnen auf, dass Sandra weder an ihren Armen noch an ihren Beinen blaue Flecke oder Abdrücke der Fesseln hatte. Das war ungewöhnlich, vor allem, wenn man bedenkt, dass Sandra zwischen 12 und 14 Stunden gefesselt im Schrank hatte liegen müssen. Zuerst wollte Sandra in ein Krankenhaus, als sie allerdings dort ankamen, änderte sie ihre Meinung und unterschrieb sogar eine Erklärung, dass sie keine ärztliche Hilfe wünsche. Anschließend wurde Sandra direkt auf das Polizeirevier gebracht und befragt.
Das Verhör
Die beiden Polizisten, die das Verhör leiteten, verdächtigten sie von Anfang an. Sie fanden es komisch, dass Sandra keinen Kratzer abbekommen hatte, während ihr Mann brutal ermordet wurde. Auch den vermeintlichen Blackout, von dem Sandra ihnen erzählte, glaubten sie ihr nicht. In dem Verhör wurden von Beginn an diverse Verhörmethoden ausprobiert, um Sandra möglichst schnell dazu zu bringen, die Tat zu gestehen. Schon bevor die Befragung begann, wurde der Raum, in dem sie stattfinden sollte, so weit wie möglich runtergekühlt. So, dass sich Sandra möglichst unwohl fühlte und fror.
Als Erstes wollten sie von ihr, dass sie den gestrigen Abend so weit schilderte, wie möglich. Sandra erzählte von dem Restaurantbesuch und der Limo, die sie gekauft hatten. Auf dem Weg von der Drogerie nach Hause wäre ihnen ein Auto aufgefallen, das ihnen folgte. Jaime hatte überlegt, ob er extra langsam fahren sollte, um sich überholen zu lassen, entschied sich aber letztendlich dagegen, da das hätte gefährlich sein können. Kurz bevor sie zuhause ankamen, bogen sie nach rechts in eine Straße ab. Das Auto hinter ihnen bog nach links ab. Das beruhigte die beiden und sie hielten es für einen Zufall.
Zuhause angekommen parkten sie in ihrer Garage und gingen durch die Garagentür ins Haus. Die Vordertür des Hauses war bei ihnen stets abgeschlossen. Aber, ob Jaime hinter ihnen die Garagentür abschloss, wusste Sandra nicht mehr. Manchmal ließen sie sie offen. Sandra und Jaime machten sich einen entspannten Abend in ihrem Whirlpool. Dort tranken sie die Limo und unterhielten sich über alles Mögliche. Sie sprachen darüber, dass Jaime demnächst in Rente gehen würde und darüber, dass sie noch reisen wollten. Auch über ihre Zukunftspläne und ihre Tochter Elizabeth redeten sie einige Zeit. Anschließend hatten sie im Whirlpool auch Sex.
Nach ungefähr zwei Stunden hörte Jaime draußen ihre Hunde bellen. Das Paar besaß vier kleine Hunde, die jedes Mal bellten, wenn sie aus dem Garten ins Haus gelassen werden wollten. Also stieg Jaime aus dem Whirlpool und ging nach unten. Als er nach einigen Minuten nicht zurückkam, stieg auch Sandra aus dem Whirlpool und ging in den begehbaren Kleiderschrank am Badezimmer. Dort cremte sie sich ein und zog sich ihren Schlafanzug an.
Das war das Letzte, an das sie sich erinnern konnte. Sandra sagte, sie gehe davon aus, dass sie an der Stelle entweder einen epileptischen Anfall oder einen Schlag auf den Kopf bekam und das Bewusstsein verlor. Das Nächste, an das sie sich erinnern könne, wäre, wie sie gefesselt im Schrank lag, ihr alles weh tat und sie sich nicht bewegen konnte. Irgendwann wäre sie wieder eingeschlafen. Insgesamt befand sich Sandra 14 Stunden in dem Schrank, bis sie gefunden wurde.
Die Ermittler hatten an Sandras Aussagen einiges auszusetzen. Die gesamte Geschichte mit dem Blackout hielten sie für ausgedacht. Außerdem gab es keinerlei Zeichen für einen Einbruch. Und warum war sie unverletzt geblieben, während ihr Mann ermordet wurde? Besonders komisch fanden sie, dass Sandra die Hunde scheinbar bellen hörte, aber ihren Mann nicht schreien gehört hatte. „Also haben sie ihre Hunde bellen gehört, aber können nicht jemanden schreien hören? Der Kleiderschrank (in dem Jaime starb) ist nicht weit vom Bad entfernt.“
„Nein, ich glaube die Hunde waren direkt draußen unter dem geöffneten Fenster. Danach habe ich nichts mehr gehört. Der Whirlpool lief auch noch und machte Geräusche. Aber um ehrlich zu sein habe ich auch nicht die Hunde bellen gehört… Jaime hat sie bellen hören. Er hatte schon immer ein besseres Gehör als ich. Als Jaime zu ihnen ging habe ich sie jaulen gehört.“ „Was wir denken ist: Sie müssen was gehört haben, wenn da jemand war. Und, wenn dieser jemand in den Raum kommt, in dem sie waren… dann müssen sie das noch viel eher hören. Wenn jemand eindringt, wenn jemand jemanden gewaltsam ersticht. Dann hören sie das.“
Im weiteren Verlauf des Gesprächs wurde Sandra zunehmend verdächtigt. Sie selbst betonte immer wieder, dass der Whirlpool eingeschaltet und sehr laut war. Doch das überzeugte die Ermittler nicht. Als Liz von der Tat erfuhr, reiste sie sofort nach Houston. Sie betonte immer wieder bei der Polizei, dass ihre Mutter krank war. Durch die Arthritis konnte sie Gegenstände nicht lange halten und ließ oft Sachen fallen. Ihre Gelenke waren so steif, dass sie sich nur langsam bewegen konnte, oft auf einen Stock gestützt. Eine Zeit lang saß sie sogar im Rollstuhl. Liz sah keinerlei Möglichkeit dazu, dass Sandra diese Tat begangen haben könnte. Ihr hätte dazu die Kraft gefehlt und Jaime hätte sie mit Leichtigkeit überwältigen können.
Außerdem ergab Jaimes Autopsie, dass er sich massiv gewehrt hatte. Er hatte zahlreiche Abwehrverletzungen an seinen Händen. Hätte Sandra ihn angegriffen, müsste sie irgendwelche Kratzer, Schnittverletzungen oder blaue Flecken haben. Sie war eine kleine zierliche Frau mit zahlreichen Vorerkrankungen. Hätte sie diesen Mord begangen, hätte man das an ihr sehen müssen. Außerdem bestätigte ein Neurologe, dass es nicht ungewöhnlich war, einen Krampfanfall zu bekommen, auch wenn man davor längere Zeit keinen gehabt hatte. Auch eine Amnesie nach so einem Anfall wäre nichts Ungewöhnliches. Und ein Schlag auf den Kopf würde so einen möglichen Anfall eventuell sogar noch begünstigen können. Eventuell wurde Sandra also erst niedergeschlagen und hatte als Folge davon einen epileptischen Anfall bekommen.
Doch den Polizisten reichte das nicht. Denn es gab auch einige Hinweise, die Sandra verdächtig machten. So wurden zum Beispiel die Nachbarn der beiden befragt. Während die Melgars nur ein einstöckiges Haus hatten, hatten ihre Nachbarn ein zweistöckiges und konnten von ihrem Schlafzimmer aus direkt in den Garten der Melgars gucken. Die vier Hunde des Paares hatten die Nachbarn durch ihr Bellen schon einige Stunden Schlaf gekostet. Aber an dem Abend der Tat wäre es die ganze Zeit über leise gewesen und kein Hund hatte gebellt.
Das widersprach sich mit Sandras Aussage. Außerdem gingen die Ermittler davon aus, dass Jaime in seinen Kleiderschrank geflüchtet war, um dort seine Waffe zu holen. Aber welchen Grund hätte er gehabt, diese nicht zu nutzen? Fehlte ihm dazu einfach die Zeit? Oder wollte er sie nicht nutzen, weil die Angreiferin seine eigene Frau war? Dass Sandra gefesselt im verbarrikadierten Kleiderschrank gefunden wurde, war für sie kein Argument, um an ihre Unschuld zu glauben. Durch einfache Tricks konnte man sich problemlos selbst fesseln und so hätte Sandra es wie einen Überfall aussehen lassen. Und tatsächlich findet man im Internet einige Videos mit genau solchen Anleitungen. Auch um einen Stuhl vor die Tür zu stellen, gibt es einige Mittel und Tricks.
Doch am meisten überzeugte die Ermittler, dass Sandra sich weigerte, einen Lügendetektortest zu machen. Sie zitterte und ihr war kalt, weswegen sie Angst hatte, dass dieser falsch anzeigte und gegen sie verwendet werden würde. „Was ist Ihre Entschuldigung diesen Test nicht machen zu wollen, Sandra? Ich möchte ehrlich mit ihnen sein… Sie sollten einen machen.“ „Ich möchte einfach nicht, dass ich einen mache und der dann gegen mich verwendet wird.“
„Das ist nicht möglich.“ „Doch ist es… klar ist es möglich.“ Man muss dabei bedenken, dass das ganze Verhör nur wenige Stunden nach der Tat stattfand und Sandra vermutlich unter Schock stand. Im weiteren Verlauf des Verhörs versuchten die Polizisten zunehmend Sandra unter Druck zu setzen, um von ihr ein Geständnis zu erhalten. Mit gezielten Fragen versuchten sie, sie aus der Reserve zu locken. Teilweise griffen sie dafür zu fragwürdigen Methoden.
„Sandra, was denken Sie, sollte mit der Person geschehen, die das Ihrem Mann angetan hat? Was sollte seine… oder ihre Strafe sein? Was sollten sie mit ihr machen?“ Sandra fragend „Sie sollte ins Gefängnis gehen. Was sollten die machen? Sie ins Gefängnis stecken, so wie normalerweise mit solchen Menschen umgegangen wird.“ „Raubüberfall und ein Mord… sollte sie die Todesstrafe bekommen?“ „Was?“ … „Haben Sie sich das alles ausgedacht und inszeniert, was in Ihrem Haus geschehen ist?“
„Inszeniert?“ „Ja.“ „Nein hab ich nicht.“ „Konnten Sie ihn um Hilfe rufen hören? Konnten Sie Ihren Mann schreien hören?“ „Ich habe nichts gehört!“ „Er hatte Schmerzen… wir wissen das. Er hat sehr gelitten, Sandra. Vielleicht rief er: Ich brauche deine Hilfe Sandra, ich brauche deine Hilfe, ich brauche dich, bitte hilf mir, ich brauche Hilfe, Sandra. Sandra, hilf mir.“ Sandra weinend „Stop! Bitte hören sie auf. Ich habe nichts gehört.“
„Hilf mir, Sandra. Bitte. Hilf mir, ich brauche deine Hilfe. Hilf mir Sandra, Hilf mir. Sandra.“ „Das ist genug… ich brauche einen Anwalt. Sie foltern mich hier.“
Der Gerichtsprozess
In den darauffolgenden Monaten gab es kaum neue Entwicklungen in dem Fall. Tatsächlich wurden sogar einige Hinweise, die ich gleich noch erwähnen werde, absichtlich unter den Tisch gekehrt. Die Polizei hatte mit Sandra Melgar ihre Verdächtige bereits gefunden. Anderthalb Jahre später, im Sommer 2014, wurde Sandra wegen Mordes an ihrem Mann angeklagt. 2017 begann der Prozess. Die Verteidigung rief Billy Belk in den Zeugenstand. Billy war Polizist und spezialisiert auf Mord und Raubüberfälle. In seinen über 22 Jahren Berufserfahrung arbeitete er an weit mehr als 500 Mordfällen mit. Das Houston Police Department hatte seine Unterstützung in diesem Fall angefordert.
Und Billy Belk machte ihnen schwere Vorwürfe. Die Ermittlungsarbeit wäre katastrophal gewesen. Er selbst hatte sich den Tatort angesehen. Hatte gründlich Szenen nachgestellt und auch getestet, ob man noch etwas in den anderen Räumen hören konnte, wenn der Whirlpool lief. Und für ihn war Sandra Melgar unschuldig. Zunächst fände er es unverantwortlich, dass Herman und seine Frau, die die Ersten am Tatort waren und alles unberührt vorfanden, kein einziges Mal verhört wurden.
Auch langjährige Freunde des Paares wurden nie befragt. Wobei diese vielleicht mehr über die Ehe und Beziehungsdynamik von Sandra und Jaime gewusst hätten und den Ermittlern einen Einblick hätten geben können. Außerdem fände er das Argument hinfällig, dass es keine Einbruchsspuren gab und es deswegen Sandra gewesen sein müsse. Herman kam auch ohne Probleme in das Haus hinein. Die Garage ließ sich leicht öffnen und die Garagentür, die eh meistens offen war, wurde offensichtlich an dem Abend nicht abgeschlossen.
Des Weiteren hatte die Polizei Liz dazu aufgefordert, durch das Haus ihrer Eltern zu gehen und eine Liste mit gestohlenen Objekten zu verfassen. Diese hatte angegeben, dass der Fernseher im Wohnzimmer fehlte. Außerdem fand sie in der Garage, unter dem Auto, einen Rucksack, der zwar ihren Eltern gehörte, aber mit zahlreichen Schmuckstücken, einer Xbox und mehreren Videospielen aus dem Haus gefüllt war. Warum hätte Sandra den dort platzieren sollen? Untersuchungen ergaben, dass sich auf dem Rucksack weibliche DNA befand, die nicht Sandra zugewiesen werden konnte. Dieselbe weibliche DNA fand man an Sandras Schmuckschatullen, die geleert wurden.
Dem wurde allerdings nicht weiter nachgegangen. Auch nicht, als Sandra sich einige Wochen nach der Tat bei der Polizei meldete. Teile ihrer Erinnerung waren zurückgekommen. Sie sagte, sie könne sich jetzt daran erinnern, wie sie gefesselt wurde. Ein Mann stand über ihr und legte ihr die Fesseln an, während vor ihr eine junge, spanisch aussehende Frau stand. Diese wäre Anfang bis Mitte 20 gewesen und hätte eine dunkelrote Bluse getragen. Sie schaute wütend und sprach mit dem Mann, der über Sandra stand.
Sandras Neurologen bestätigten, dass die Erinnerungslücken nach Krampfanfällen sich manchmal wieder schließen können. Doch die Polizisten hielten das für „bullshit“, den Sandra sich ausgedacht hatte, um von sich abzulenken, und schenkten ihren Aussagen keine Beachtung. Doch das war noch lange nicht alles, was die Polizei übersehen hatte oder übersehen wollte. In Jaimes Kleiderschrank, in dem man ihn fand, befand sich auch ein Safe. Auf dem Griff des Safes befand sich ein blutiger Handabdruck. Doch dieser Handabdruck wurde nie weiter untersucht und seine DNA nie abgeglichen. Auf die Frage, warum dies nicht getan wurde, antworteten die Polizisten: „Wieso? Es werden doch eh Sandras DNA und ihre Fingerabdrücke gewesen sein.“
Man fand auch noch an dem Schal, mit dem Sandra an den Beinen gefesselt wurde, unbekannte männliche DNA. Diese gehörte weder zu Jaime noch zu Herman. Die gleiche DNA fand man an diversen Türklinken im Haus und an dem Rucksack in der Garage. Einen weiteren sehr wichtigen Hinweis lieferte ein Reporterteam, das am 23. Dezember kurz nach der Polizei am Tatort ankam. Während sie filmten, fiel ihnen ein junger Mann auf, der sich sehr merkwürdig und auffällig verhielt. Sie gaben ihre Sichtung an die Polizei weiter und diese konnte den jungen Mann als Chad Ryan Sullivan identifizieren. Der junge Mann lebte nur einige Häuser weiter. Ein Blick in sein Vorstrafenregister verriet, dass er in der Vergangenheit wegen Körperverletzung und einem Raubüberfall im Gefängnis saß.
Und er wurde erst zwei Tage vor dem Mord an Jaime entlassen. Die Polizisten sagten, sie hätten ihn verhören wollen und wären auch zu ihm gefahren. Einmal um 14 Uhr und einmal um 16 Uhr. Aber beide Male hatten sie ihn nicht angetroffen. Sie hätten ihm eine Karte in den Briefkasten geworfen mit der Bitte, sich zu melden und danach hatten sie nie wieder etwas von ihm gehört. Dem weiter nachzugehen war ihnen nicht wichtig genug erschienen.
Billy Belk war wütend und enttäuscht, wie schlecht und verantwortungslos die Polizei hier ermittelt hatte, nur weil sie Sandra so sehr drankriegen wollten, für eine Tat, die sie durch ihren Gesundheitszustand gar nicht hätte begehen können. Sandra hätte nicht nur Spuren eines Kampfes an sich haben müssen, sie hätte sicherlich auch Blut von Jaime an ihrer Kleidung gehabt. Aber das war nicht der Fall. Im Whirlpool fand man neben dem Messer zwar auch eine weiße Bluse, auf der sich Blut von Jaime befand, aber Sandra wurde diese Bluse nie gezeigt und es wurde nie überprüft, ob sie ihr überhaupt gehörte. Aber selbst wenn, hätte die gebrechliche Sandra sicher Blut im gesamten Haus verteilt. Aber der einzige Ort, an dem man welches fand, war der Kleiderschrank selbst.
Die Polizisten verteidigten sich damit, dass sie den Tatort seltsam inszeniert fanden. Alle Schubladen im Haus wären herausgezogen, aber nicht durchwühlt worden. Sandras Portemonnaie lag offen herum. Ihr Geld wurde zwar gestohlen, aber all ihre Kreditkarten waren noch im Portemonnaie. Warum hätten die Einbrecher die Karten zurücklassen sollen? Einen Krampfanfall hätte sie schon über ein Jahr nicht mehr gehabt, was wäre das für ein Zufall, wenn sie ausgerechnet an diesem Tag wieder einen bekommen würde.
Und besonders komisch fanden sie, dass die Tatwaffe ein Messer aus ihrer eigenen Küche war. Das würde bedeuten, dass die Einbrecher ohne eine Waffe gekommen waren. Warum sollten sie das tun und sich selbst damit in Gefahr bringen? Als Motiv gaben sie an, dass Jaime eine Lebensversicherung von 500.000 Dollar hatte. An das Geld wäre Sandra nur gekommen, wenn sie es wie einen Überfall hätte aussehen lassen. Sie hielten es aber auch für möglich, dass einer der beiden fremdging und Sandra ihren Mann im Streit umbrachte. Oder vielleicht war sie schon lange unglücklich, aber da die beiden bei den Zeugen Jehovas waren und Scheidungen dort nicht gerne gesehen sind, wusste sie sich nicht anders zu helfen, als ihren Mann umzubringen.
Sie hätte so getan, als wolle sie Jaime für einen Liebesakt fesseln und als er sich nicht mehr bewegen konnte, stach sie auf ihn ein. Die Verteidigung stritt die Vorwürfe ab. Die Polizei hatte bei ihren Ermittlungen die Handys und Computer der beiden überprüft und es gab keinen Hinweis auf einen Streit oder eine Affäre. Geldprobleme hatten die beiden auch nicht. Für sie gab es kein Motiv, warum Sandra ihren Mann nach über 32 Jahren Ehe plötzlich so brutal ermorden sollte.
Nach zahlreichen weiteren Diskussionen und Anschuldigungen zogen sich die Geschworenen zur Beratung zurück. Nach acht Stunden gaben sie ihr Urteil bekannt. Sandra Melgar wurde schuldig gesprochen. Wegen dem Mord an ihrem Mann wurde sie zu 27 Jahren Haft verurteilt. Im Jahr 2044 wird sie entlassen werden. Colleen Barnett, einer der Geschworenen, sagte nach dem Urteil: „Sandra Melgar hat das Leben aus ihrem Mann regelrecht rausgehackt… und dafür wird sie den Rest ihres Lebens in einem Zellenblock verbringen. Das Urteil ist gerecht.“
Sandras Freunde und ihre Familie sind bis heute von ihrer Unschuld überzeugt und haben eine 20.000-Dollar-Belohnung ausgesetzt, für denjenigen, der ihnen einen Hinweis geben kann, der zum wahren Schuldigen führt. Sie wollen nicht aufgeben zu kämpfen und erhalten dabei von zahlreichen Bürgern Unterstützung. Bei einem Interview im Gefängnis bricht Sandra in Tränen aus und sagt: „Sie haben es falsch verstanden. Sie haben es komplett falsch ausgelegt…“ Auf die Frage, ob sie ihren Mann umgebracht habe, sagt sie nur immer wieder: „Nein, Nein… ich habe ihn nicht umgebracht.“
Epilog
Und damit sind wir schon am Ende des heutigen Videos angelangt. Was denkt ihr? Hat Sandra Melgar ihren Mann ermordet? Oder sitzt sie unschuldig im Gefängnis? Bei diesem Fall muss ich an den Grundsatz „In dubio pro reo“ – „Im Zweifel für den Angeklagten“ denken. Und Zweifel gibt es hier mehr als genug. Aber dennoch wurde Sandra verurteilt. Für beide Seiten und beide Theorien gibt es zahlreiche Argumente und vielleicht werden wir nie die Wahrheit erfahren. Aber gerade diese gespaltene Sicht auf den Fall und dass man selbst zwischenzeitlich nicht sicher ist, was man glauben soll, macht diesen Fall für mich zu einem der spannendsten, den ich je recherchiert habe. Vielleicht geht es euch ja auch so.
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