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Memphis, Tennessee, 2005–2016

Noura Jackson

Eine Mutter wird 2005 in Memphis tot aufgefunden, ihre 18-jährige Tochter steht vor Gericht.

Lesezeit etwa 23 Minuten

Worum es geht

Am 5. Juni 2005 findet die 18-jährige Noura Jackson in Memphis, Tennessee, ihre Mutter Jennifer tot im Schlafzimmer. Die Polizei geht rasch von einer Tat im persönlichen Umfeld aus und richtet den Verdacht gegen die Tochter, die für die Tatnacht nur ein lückenhaftes Alibi vorweisen kann. Im Indizienprozess stehen Hinweise wie eine Schnittwunde an Nouras Hand, ein womöglich inszenierter Einbruch und das hohe Erbe Argumenten wie fehlenden Blutspuren und unbekannter fremder DNA gegenüber. Der Fall beschäftigt die Justiz über Jahre und spaltet bis heute die Meinungen.

Hernando-de-Soto-Brücke in Memphis, Tennessee
Hernando-de-Soto-Brücke in Memphis, Tennessee. Foto: Larry Donald, U.S. Army Corps of Engineers, Public domain, über Wikimedia Commons.

Intro

Die 18-jährige Noura Jackson und ihre Mutter Jennifer sind beste Freundinnen. Sie verbringen viel Zeit zusammen, und Jennifer versucht, ihrer Tochter immer alle Wünsche von den Lippen abzulesen. Aber alles ändert sich, als Noura am 5. Juni 2005 nach Hause kommt, und kurz darauf der folgende Notruf eingeht.

„Hallo, 911.“ „Bitte ich brauche einen Krankenwagen. Ich brauche sofort einen Krankenwagen!“ „Krankenwagen in der Leitung, bitte legen Sie nicht auf. Wie ist die Adresse Ihres Notfalls?“ „5001 New Haven Avenue.“ „Was ist das Problem? Erzählen Sie mir genau, was passiert ist.“ „Jemand ist in mein Haus eingebrochen. Meine Mutter – Meine Mutter blutet.“ „Atmet sie?“ „Nein, sie atmet nicht! Sie atmet nicht. Sie atmet nicht.“

Noura und Jennifer Jackson

Jennifer Jackson lebt mit ihrer Tochter Noura in Memphis, Tennessee. Zusammen wohnen sie in einem gemütlichen Backsteinhaus mit einem großen Vorgarten (in der New Haven Avenue). Bereits als Noura noch ein Baby gewesen ist, hat sich Jennifer von Nouras Vater, Nazmi Hassanieh, scheiden lassen. Seitdem hat er keinen Kontakt mehr zu seiner Tochter.

Für eine kurze Zeit datet Jennifer den Pastor der örtlichen Kirche, Mark Irvin, aber ihre Liebe ist nur von kurzer Dauer. Jennifer wird als herzliche und ruhige Person beschrieben. Als Anleihenhändlerin verdient sie gut, und am liebsten gibt sie das Geld fürs Shoppen mit ihrer Tochter aus. Noura, die am 17. März 1987 geboren wurde, wächst mit ihrer Mutter als einzige konstante Bezugsperson auf. Daher ist es wenig überraschend, dass die beiden eine sehr enge Bindung zueinander haben.

Jennifer behandelt Noura wie ihre beste Freundin und versucht, ihr alle Wünsche zu erfüllen. Daraus ergibt sich aber auch, dass Noura nie wirkliche Grenzen oder Regeln aufgezeigt werden. Als sie älter wird, stellt sich das als problematisch heraus. Im Alter von 16 Jahren besucht Noura fast täglich Partys, trinkt Alkohol und nimmt Drogen. In den letzten Jahren musste sie bereits fünf Mal die Schule wechseln. Als Noura auch mit 18 Jahren noch keinen Schulabschluss hat, erkennt Jennifer, dass es so nicht weitergehen kann. Sie nimmt Noura von der Schule und entscheidet sich dazu, sie fortan selbst zu unterrichten und ihr strengere Regeln aufzuzeigen. Noura gefällt das gar nicht, doch ihr bleibt nichts anderes übrig, als die neuen Regeln ihrer Mutter anzunehmen.

Im Juli 2005 ist Noura 18 Jahre alt, und Jennifer ist 39. Noura scheint sich langsam an ein Leben mit mehr Grenzen zu gewöhnen, auch wenn sie oft noch gegen die Ansagen ihrer Mutter rebelliert. Am 4. Juni frühstücken die beiden zusammen, bevor Noura in die Stadt fährt, um sich die Nägel machen zu lassen. Am Abend besucht sie mit Freunden ein italienisches Festival und geht anschließend feiern. Dabei telefoniert sie ein paar Mal mit ihrer Mutter. Es sind banale Gespräche, in denen sie Smalltalk führen und darüber reden, wann Noura nach Hause kommt. Alles wirkt wie ein ganz normaler Tag. Doch nur wenige Stunden später soll sich alles für immer ändern.

Der 05. Juni 2005

Um 5 Uhr morgens kommt Noura vom Feiern nach Hause. Sie bemerkt, dass die Glastür zur Garage eingeschlagen wurde. Das beunruhigt sie allerdings nicht sonderlich, da ihre Mutter vor einigen Monaten mal ihre Schlüssel vergessen hatte und daraufhin auch die Scheibe der Tür eingeschlagen hat. Daher geht sie davon aus, dass es wieder so gewesen ist, und denkt sich nichts dabei, als sie das Haus betritt. Das ändert sich jedoch, als Noura am Schlafzimmer ihrer Mutter vorbeikommt. Die Tür steht offen, was für Jennifer sehr ungewöhnlich ist. Noura geht rein und macht das Licht an.

Den Anblick, der sich ihr daraufhin offenbart, wird sie ihr Leben lang nicht mehr vergessen können. Ihre Mutter liegt nackt und leblos in einer riesigen Blutlache. Noura rennt zum Nachbarn, um Hilfe zu holen. Sie ist sich nicht sicher, ob sich der Täter vielleicht noch im Haus aufhält. Der Nachbar nimmt seine Pistole mit, und gemeinsam laufen sie zurück zu Jennifer. Kurz darauf geht folgender Notruf ein: „Hallo, 911.“ „Bitte ich brauche einen Krankenwagen. Ich brauche sofort einen Krankenwagen!“

„Krankenwagen in der Leitung, bitte legen Sie nicht auf. Wie ist die Adresse Ihres Notfalls?“ „5001 New Haven Avenue.“ „Was ist das Problem? Erzählen Sie mir genau, was passiert ist.“ „Jemand ist in mein Haus eingebrochen. Meine Mutter – Meine Mutter blutet.“ „Atmet sie?“ „Nein, sie atmet nicht! Sie atmet nicht. Sie atmet nicht. Bitte helfen Sie mir.“ „Mam, wurde irgendjemand angeschossen?“ „Nein, aber da ist überall Blut. Bitte, ich brauche einen Polizisten.“

„Okay, Mam, wie alt ist Ihre Mutter?“ „Sie ist 39 Jahre alt. Oh mein Gott, oh mein Gott. Bitte, bitte helft mir. Bitte schickt jemanden.“ „Okay, hören Sie mir zu, Mam, Sie müssen sich beruhigen, damit wir Ihrer Mutter helfen können.“ „(weint) Sie atmet nicht.“ „Okay, hören Sie mir zu, haben Sie gesehen, was passiert ist?“ „Nein, nein, ich bin gerade erst nach Hause gekommen.“ „Ist jemand in Ihr Haus eingebrochen?“

„Ja, ich wollte meine Katze aus der Küche holen und da ist überall Glas. Bitte schickt einen Krankenwagen. Bitte schickt einen Krankenwagen!“ „Hilfe ist unterwegs, wir werden Ihrer Mutter helfen.“ „Jemand, jemand muss mir jetzt sofort helfen!“ „Mam, Sie müssen sich beruhigen, damit wir Ihrer Mutter helfen können, okay?“ *weint*

Nur anderthalb Jahre zuvor ist Nouras Vater in seiner eigenen Tankstelle überfallen und erschossen worden. Trotz Überwachungsaufnahmen konnte man den Täter bis heute nicht fassen. Noura und ihr Vater hatten zwar nie eine sonderlich enge Bindung, doch sein plötzlicher Tod hatte sie damals trotzdem stark getroffen. Bei dem Angriff auf ihre Mutter hat sie daher direkt Angst, dass es sich möglicherweise um den gleichen Täter handeln könnte, der es auf ihre Familie abgesehen hat. (Ein für uns vielleicht abwegiger, fast schon irrationaler Gedanke, aber in der Ausnahmesituation hat Noura einfach versucht dem Ganzen einen Sinn zu geben und eine Verbindung zu sehen.)

Als die Polizei und der Rettungsdienst eintreffen, können sie nur noch Jennifers Tod feststellen. Jemand hat über 50 Mal auf sie eingestochen. Die Spuren zeigen, dass es zwischen Jennifer und ihrem Angreifer einen starken Kampf gegeben haben muss, der sich vermutlich vom Flur bis hin zu ihrem Schlafzimmer gezogen hat. Obwohl Jennifer bei ihrem Auffinden unbekleidet ist, lassen sich keine Spuren finden, die auf einen sexuellen Übergriff hindeuten. Der Täter hat außerdem einen Korb über Jennifers Kopf gelegt. Das könnte er entweder getan haben, um sie nicht ansehen zu müssen, als er sie getötet hat, oder er hat den Korb erst anschließend dort platziert.

Aber so oder so, das Verdecken des Gesichts deutet auf eine persönliche Beziehung zwischen Jennifer und ihrem Mörder hin. Auch die Polizei ist schnell davon überzeugt, dass Jennifer kein zufälliges Opfer gewesen ist, und beginnt daher ihr Umfeld zu befragen. Ihre beiden Schwestern und ihr Bruder werden mehrmals vernommen, ebenso wie der Pastor, den sie mal gedatet hat. Der Pastor kann ein Alibi für die Tatzeit vorweisen, und auch ihre Geschwister können bald als Täter ausgeschlossen werden.

Währenddessen macht sich Angst in der Stadt breit. Der grausame Mord hat für zahlreiche Schlagzeilen gesorgt, und die Gegend, in der Jennifer gelebt hat, ist sehr wohlhabend. Die Anwohner fürchten, dass der Täter erneut zuschlagen könnte. Die Polizei hat diese Befürchtung nicht. Sie sind weiterhin überzeugt davon, dass das Tatmotiv persönlicher Natur ist. Und nach zahlreichen Befragungen beginnen sie, Noura zu verdächtigen, ihre eigene Mutter getötet zu haben. Während ihr gesamtes Umfeld Mitleid mit der 18-Jährigen hat, die nun Vollwaise ist, sind die Ermittler zunehmend davon überzeugt, dass sie selbst den Tod ihrer Mutter zu verantworten hat.

Und sie sollten tatsächlich mit ihrer Vermutung richtig liegen. Dreieinhalb Monate nach der Tat, am 29. September 2005, wird Noura wegen des Mordes an ihrer Mutter angeklagt.

Vor Gericht

Bei dem zweiwöchigen Prozess handelt es sich um einen Indizienprozess. Es werden mehr als 40 Zeugen geladen und fast 400 Beweisstücke aufgeführt. Es gibt Dinge, die für ihre Schuld sprechen, und einige, die dagegen sprechen, fangen wir mit ersteren an.

Hinweise, die für Nouras Schuld sprechen

Noura plädiert auf nicht schuldig und gibt an, zum Tatzeitpunkt auf einer Feier gewesen zu sein. Die Obduktion hat ergeben, dass Jennifer zwischen ein und drei Uhr morgens ermordet worden ist. Noura kann nicht genau sagen, wo sie sich zu dieser Zeit aufgehalten hat. Bis kurz nach Mitternacht hat sie mit ihren Freunden das italienische Festival besucht. Anschließend ist sie allein weitergegangen, um noch in einem Club zu feiern. Sie gibt an, um 0:46 Uhr Zigaretten an einer Tankstelle gekauft zu haben und danach in zwei verschiedenen Clubs gefeiert zu haben. Um 03:30 Uhr habe sie kurz eine Freundin besucht und sei anschließend mit dem Auto durch die Gegend gefahren. Um 04:20 Uhr habe sie angehalten, um zu tanken. Ihre zwei Zwischenstopps an der Tankstelle lassen sich tatsächlich durch Überwachungsaufnahmen belegen. Komisch ist jedoch, dass Noura angibt, Alkohol getrunken und Marihuana geraucht zu haben und trotzdem noch Auto gefahren zu sein. Auf den Überwachungsaufnahmen der Tankstellen macht sie aber keinen betrunkenen Eindruck und durch ihre Aussage gesteht sie eine Straftat und riskiert ihren Führerschein zu verlieren.

Die Staatsanwaltschaft hält Nouras Alibi für lückenhaft. Sie vermuten, dass Noura ihre Mutter getötet hat, weil sie ihr Partyleben fortsetzen wollte und mit den strengeren Regeln ihrer Mutter nicht klargekommen ist. Jennifer hatte zuvor überlegt, sie auf ein Internat zu schicken, was Noura stark verärgert haben soll. Daher gehen sie davon aus, dass Noura alkoholisiert nach Hause gekommen sei und begonnen habe, sich mit ihrer Mutter zu streiten. Infolgedessen sei sie ausgerastet, habe ihre Mutter angegriffen und auf sie eingestochen. Dazu passt auch, dass der Täter Jennifers Gesicht verdeckt hat und die über 50 Stichverletzungen, die auf Wut und ein persönliches Motiv des Täters hindeuten.

Kirby McDonald, eine Freundin von Noura, sagt aus, dass Noura einmal geäußert habe, ihre Mutter zu hassen. „Sie sagte: 'Meine Mutter ist eine Schlampe, und sie soll zur Hölle fahren.'“ Wobei man bedenken muss, dass solche Äußerungen für wütende Teenager nicht allzu ungewöhnlich sind und nicht direkt bedeuten müssen, dass man einen Mord begehen möchte. Auffälliger ist vielmehr, dass Jennifer durch den Tod von Nouras Vater eine hohe Geldsumme geerbt hat und auch selbst wohlhabend gewesen ist. Durch ihren Tod würde Noura 1,5 Millionen Dollar erben und zusätzlich noch das Geld aus Jennifers Lebensversicherung erhalten. Nouras Onkel berichtet, dass sie kurz vor dem Tod ihrer Mutter sehr daran interessiert schien, was sie erben könnte, wenn Jennifer stirbt.

Man legt Noura außerdem das Verhalten negativ aus, das sie gezeigt hat, nachdem sie ihre Mutter leblos aufgefunden hat. Es wird kritisiert, dass sie extra losgelaufen ist, um den Nachbarn um Hilfe zu bitten, falls der Täter noch im Haus sein sollte, dann aber ins Haus vorgelaufen ist, obwohl der Nachbar als Einziger bewaffnet gewesen ist. Fast so, als hätte sie gewusst, dass kein Täter mehr im Haus ist. Noura könnte natürlich auch unter Schock gestanden und deswegen so gehandelt haben. Komisch ist aber auch, dass sie beim Notruf auf die Frage, ob jemand erschossen wurde, ganz klar mit Nein geantwortet hat. Bei der Menge an Blut am Tatort hätte sie das der Ansicht der Staatsanwaltschaft nach gar nicht so genau wissen können.

Noura hat außerdem nach dem Tod ihrer Mutter eine kleine Schnittwunde an der Hand. Der Polizei sagt sie, dass sie auf dem Festival gestürzt und mit der Hand auf eine kaputte Bierflasche gefallen sei. Aber diese Art der Verletzung würde auch zu einem Kampf mit ihrer Mutter passen. Später kommt heraus, dass sie verschiedene Geschichten zu ihrer Verletzung erzählt hat. Als ihre Tante sie nach ihrem Verband fragt, sagt sie, dass sie sich beim Kochen verbrannt habe. Einem Freund erzählt sie, dass sie beim Einfangen ihrer Katze gestürzt sei, und einer anderen Freundin sagt sie, dass sie sich selbst geschnitten habe. Allen ist aufgefallen, dass Noura immer versucht hat, die Wunde und ihre Hände durch langärmelige Kleidung zu verstecken.

Kurz darauf entdecken Ermittler zudem Überwachungsaufnahmen, die Noura in der Tatnacht zeigen, wie sie um vier Uhr morgens bei Walgreens, einer Apothekenkette, Verbandszeug und Pflaster kauft. Sie bittet den Apotheker sogar um Taschentücher, da der Schnitt an ihrer Hand noch stark blutet. Das bedeutet, dass die Verletzung noch frisch gewesen sein muss und nicht mit ihrer Behauptung übereinstimmt, auf dem Festival gestürzt zu sein. Das Festival hat sie bereits um kurz nach Mitternacht verlassen, und es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Wunde so lange stark blutet und Noura sich nicht schon früher Hilfe geholt hat. Die meisten ihrer Freunde geben an, dass sie sich nicht daran erinnern könnten, dass Noura gestürzt sei oder eine Verletzung gehabt habe. Einer der Freunde sagt allerdings aus, dass Noura ihn um einen Verband gebeten habe.

Wie bereits erwähnt, gibt es zwar Überwachungsaufnahmen, die Noura um 0.46 Uhr und um 04.20 Uhr an einer Tankstelle zeigen, aber die Staatsanwaltschaft vermutet, dass Noura dort absichtlich hingefahren ist, um die Aufnahmen als Alibi nehmen zu können. Die 18-Jährige kann auch weiterhin nicht genau sagen, wo sie sich in der Zeit zwischen diesen beiden Aufnahmen befunden hat. Von ihren Freunden wurde sie zuletzt um kurz nach Mitternacht gesehen, als sie das Festival verlassen hat.

Die Ermittler hatten zunächst vermutet, dass Noura eventuell jemanden decken möchte und deswegen nicht verrät, wo sie sich in den dreieinhalb Stunden aufgehalten hat. Oder dass sie bei der Tat so alkoholisiert gewesen ist, dass sie sich nicht mehr daran erinnern kann. Aber dagegen spricht, dass sie noch um vier Uhr morgens Auto gefahren ist und sich sowohl in der Tankstelle als auch in der Apotheke klar ausdrücken konnte. Die Polizei vermutet allerdings, dass sie nach dem Tanken direkt nach Hause gefahren ist und daher bereits früher als von ihr angegeben am Haus angekommen ist.

Auffällig sind auch Nouras Handyaktivitäten. Ihr Freund Clark Schifani sagt aus, dass er um ein Uhr morgens einen Anruf vom Haustelefon der Jacksons erhalten hat. Der Anrufer hat aufgelegt, bevor er den Anruf entgegennehmen konnte, und nur Sekunden später hat er einen Anruf von Nouras Handy erhalten. Das ist die letzte Aktivität von Nouras Handy, bevor es zwei Stunden lang nicht verwendet wird. Die Ermittler finden den Anruf vom Festnetztelefon sehr verdächtig. Polizist Mark Miller sagt dazu: „Ich glaube, sie hat versehentlich das Haustelefon abgenommen und gemerkt: 'Hey, ich sollte nicht hier sein. Ich lege jetzt auf.' Und dann drehte sie sich wieder um und rief ihn von ihrem Handy aus an.“

Nachdem sie ihr Handy zwei Stunden lang nicht verwendet hat, beginnt Noura um drei Uhr morgens wieder damit, Freunde anzurufen. Um halb vier besucht sie sogar kurz eine Freundin. Die Ermittler denken, dass auch das geplant gewesen ist, um später ein Alibi vorweisen zu können. Ein Bekannter von Noura sagt vor Gericht aus, dass sie scheinbar nicht lange um ihre Mutter getrauert habe, da sie bereits am nächsten Tag ins Kino gehen und eine Party feiern wollte. Ob das wirklich so gewesen ist, weiß man nicht genau.

Bei ihrem Notruf wirkt Noura jedenfalls sehr aufgelöst, und es ist nur schwer vorstellbar, dass sie nicht einmal 24 Stunden später fröhlich feiert. Möglicherweise hat Noura auch nur auf ihre eigene Art versucht, sich abzulenken und mit dem Verlust umzugehen. Die Ermittler stellen aber noch mehr Beweise vor, die ihrer Meinung nach für Nouras Schuld sprechen. So wirkt auf sie auch die eingeschlagene Garagentür inszeniert. Ein Fremder hätte ihrer Meinung nach die Scheibe direkt über dem Türknauf eingeschlagen, um die Tür so zu öffnen. Doch die Tür der Jacksons ist weiter oben eingeschlagen worden. An dieser Stelle verläuft innen ein Scharnierschloss am Türrahmen. Das Schloss ist aber von außen nicht sichtbar, weswegen sie der Meinung sind, dass der Täter das Haus und die Tür ganz genau gekannt haben muss. Was ihrer Meinung nach am ehesten auf Noura zutrifft.

Besonders auffällig ist auch, dass die eingeschlagene Tür die Küche mit der Garage verbindet, aber die Garage selbst nirgends geöffnet gewesen ist. Laut den Ermittlern wäre es für einen Einbrecher also unmöglich gewesen, an die Küchentür zu gelangen. Sie sind daher schnell davon überzeugt, dass die Szene inszeniert wurde. Aber es gibt auch einiges, was gegen Noura als Täterin spricht.

Hinweise, die gegen Nouras Schuld sprechen

Unmittelbar nach dem Eintreffen der Polizei am Tatort ist Noura auf das Revier mitgenommen worden, ohne eine Gelegenheit zum Umziehen zu haben. Obwohl sich im gesamten Haus reichlich Blut befunden hat, hat man weder an Noura selbst noch an ihrer Kleidung irgendeine Spur von Jennifers Blut finden können. Noura hat immer noch dieselbe Kleidung wie auf dem Festival mit ihren Freunden getragen. Angesichts der über 50 Messerstiche und des vorausgehenden heftigen Kampfes ist anzunehmen, dass Noura, wenn sie die Tat begangen hätte, erhebliche Mengen Blut an sich gehabt haben müsste.

Trotz einer Schnittverletzung an der Hand von Noura fand sich kein Blut von ihr am Tatort, was ebenfalls sehr unwahrscheinlich wäre, wenn sie die Tat begangen hätte. Die Tatwaffe wurde nie gefunden, man hat aber einige Blutstropfen von Jennifer auf der Eingangstreppe entdeckt. Die Staatsanwaltschaft vermutet daher, dass Noura die Tatwaffe aus dem Haus gebracht hat, um sie mit dem Auto wegzubringen, und dass dabei Blut von dem Messer auf den Boden getropft ist.

Nouras Anwältin Valerie Corder äußert dazu: „Nun, wenn das wahr wäre, würde man erwarten, auch etwas von Nouras Blut oder von Jennifers Blut in ihrem Auto zu finden. Es war jedoch kein Blut im Auto.“ Zudem fehlt kein Messer aus der Küche der Jacksons, was darauf hindeutet, dass der Täter seine eigene Tatwaffe mitgebracht haben muss. Auch Nouras Fingernägel sind untersucht worden, unter ihnen konnte man weder Blut noch die DNA von Jennifer finden.

Zu einem Foto, das nach der Tat von Noura aufgenommen wurde, äußert sich ihre Anwältin: „Was meiner Meinung nach auf diesem Foto signifikant ist, sind die makellosen Nägel. Die Nägel meiner Mandantin waren nicht blutig. Sie waren nicht eingerissen. Sie waren nicht abgesplittert. Sie sahen aus, als hätte sie mit Papier hantiert und nicht ein brutales Verbrechen begangen. (…) Sie wurde von Kopf bis Fuß fotografiert, und es gibt keine Verletzungen. Es gibt keine blauen Flecken… Es sieht nicht so aus, als wäre sie in einen Nahkampf verwickelt gewesen.“

Valerie Corder geht davon aus, dass Noura bei einem so heftigen Kampf deutlich mehr Verletzungen hätte haben müssen als eine kleine Wunde an der Hand. Noura selbst sagt zu ihrer Schnittverletzung, dass sie allen Leuten nur die Geschichte erzählt habe, die sie auch der Polizei erzählt hat. Die Personen, die etwas anderes behauptet haben, würden lügen. Besonders ihre anderen Familienmitglieder hätten schon immer ein Problem mit ihr gehabt, da sie durch ihren Vater halbe Araberin ist, und das sei ihrer Familie schon immer ein Dorn im Auge gewesen.

Von dem Apothekenbesuch habe sie nichts erzählt, da sie Angst gehabt habe, dass man das gegen sie verwenden würde. Außerdem habe sie schon immer ihre Arme und Hände unter langen Ärmeln versteckt, da sie sich für ihre starke Armbehaarung schämen würde. „Ich hatte oft lange Ärmel an. Sogar am Strand hatte ich manchmal lange Ärmel an. Man sieht vielleicht jemanden im Bikini oder im T-Shirt, und ich habe vielleicht etwas Langärmeliges an. Das ist einfach die Art, wie ich mich kleide.“

Einige von Nouras Freunden bestätigen, dass sie auch schon früher immer lange Ärmel trug und ihre Hände versteckt hat. Es lassen sich auch keine DNA-Spuren von Noura am Tatort finden, dafür aber zwei unbekannte weibliche DNA-Spuren. Die beiden Spuren lassen sich niemandem in Jennifers Umfeld zuordnen. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass sie schon früher bei irgendeinem Besuch dort hingelangt sind. Man hat zudem in Jennifers Hand lange blonde Haare gefunden, die nicht zu Noura gehören. Man geht davon aus, dass sie bei dem Kampf ihren Angreifer an den Haaren gepackt hat. Die Haare sind aber nie weiter untersucht worden, und bis heute ist nicht bekannt, wem sie gehören. Später sagt einer der Ermittler dazu: „Hätten wir das Haar testen sollen? Im Nachhinein betrachtet, ja, das hätten wir wahrscheinlich tun sollen.“

Noura beteuert weiterhin ihre Unschuld. Sie sagt, dass sie zwar in den letzten Jahren oft Streit mit ihrer Mutter gehabt habe, aber dass sie sie immer geliebt und respektiert habe und ihr nie etwas antun könnte. Der gesamte Prozess konzentriert sich ausschließlich auf Noura, obwohl einige Personen aus dem Umfeld von Jennifer jemand anderen verdächtigen: Mark Irvin, den Pastor, den Jennifer eine Zeit lang gedatet hat. Ansley Larsson, eine Freundin von Jennifer, sagt, dass sie nach ihrem Tod sofort an ihn gedacht hat. „Die Wahrheit ist, dass ich als Erstes an ihn dachte. Es scheint bei ihm eine unterschwellige Wut zu brodeln, und er scheint eine sehr kontrollierende Person zu sein.“ Noura beschreibt ihn ebenfalls nicht gerade positiv – sie sagt: „Er war der kontrollierendste und manipulativste Mensch, den ich in meinem ganzen Leben getroffen habe. Und er hat mir Angst gemacht.“

Die Ermittler Mark Miller und W.D. Merritt fanden heraus, dass Mark Irvin Jennifer in der Nacht des Verbrechens angerufen hatte. Irvin gibt an, dass sie zwar getrennt waren, sich aber noch gut verstanden hätten. Er habe sie angerufen und noch während des Klingelns festgestellt, dass es bereits zu spät sei, um noch anzurufen, und daher direkt wieder aufgelegt. Anschließend sei er ins Bett gegangen. Den Ermittlern ist aufgefallen, dass er großes Interesse am Stand der Ermittlungen gezeigt hat: „Er kam einfach immer wieder zurück. Er rief einfach immer wieder an… Man kann das auf zwei Arten betrachten. Entweder ist es ehrliches Interesse, Besorgnis… oder er hat es getan und will wissen, was wir wissen.“ Trotz einem ersten Verdacht ist er schnell als Verdächtiger ausgeschlossen worden, da er ein Alibi vorweisen konnte. Sein Alibi besteht allerdings darin, dass er angegeben hat, geschlafen zu haben, allein in seinem Haus in Jackson, das etwa 90 Minuten von Jennifers Haus entfernt liegt. Da dies weder bewiesen noch widerlegt werden konnte und es keine weiteren Beweise gegen ihn gegeben hat, ist nicht weiter in seine Richtung ermittelt worden.

Am 27. März 2009 wird Noura schuldig gesprochen und wegen Mordes zweiten Grades zu 20 Jahren und 9 Monaten Haft verurteilt. Richter Chris Craft kommentiert das Urteil mit den Worten: „Noura hat die einzige Person getötet, die sie wirklich geliebt hat. Alles, was Noura wollte, war frei zu sein und ihr Geld zu haben. Ihre Mutter wollte, dass sie aufs College geht. Es ist einfach eine Tragödie, dass das passiert ist, aber niemand konnte sie kontrollieren.“ Jennifers Familie ist größtenteils von Nouras Schuld überzeugt. Jennifers Cousin Randolph Reeves sagt: „Der Gerechtigkeit wurde heute Genüge getan. Ich hoffe, sie (Noura) kann daraus lernen, aber sie hat uns viel genommen. Es ist eine doppelte Tragödie für unsere Familie, aber sie hat schlechte Entscheidungen getroffen, und damit muss sie leben.“

Noura steht unter Schock, da sie nicht mit einer Verurteilung gerechnet hat. Die anderthalb Millionen Dollar, die sie geerbt hätte, gehen an andere Familienangehörige von Jennifer. Am 17. Juli 2009 wird ihr Antrag auf Berufung abgelehnt. Im August 2014 hebt der Oberste Gerichtshof von Tennessee das Urteil auf, da die Staatsanwaltschaft Indizien zurückgehalten hat, die gegen Nouras Schuld sprechen. Ein Zeuge, der gegen Noura ausgesagt hatte, meldet sich später schriftlich und zieht seine Aussage zurück, da er dabei unter Drogeneinfluss gestanden habe.

Noura steht dadurch ein neuer Prozess zu. Am 22. August akzeptiert Noura einen Alford Plea. Das ist ein Angebot, das ihr eine frühere Entlassung ermöglicht, wenn sie die Tat zwar nicht gesteht, aber anerkennt, dass die Staatsanwaltschaft genug Beweise hatte, um sie zu verurteilen. Am 20. Mai 2015 nimmt Noura das Angebot an, um einen weiteren Prozess zu vermeiden, und wird am 7. September 2016, elf Jahre nach ihrer Verurteilung, freigelassen.

Die Geschichte um den Mord an Jennifer Jackson bleibt weiterhin rätselhaft und spaltet die Meinungen. Noura beteuert nach wie vor ihre Unschuld, obwohl viele Freunde und Familienmitglieder, insbesondere Jennifers Familie, weiterhin von ihrer Schuld überzeugt sind. Nach ihrer Entlassung zieht Noura zunächst nach Memphis zu Ansley Larsson, einer Freundin der Familie. Später lebt sie in Nashville mit ihrer Lebensgefährtin zusammen, bevor sie nach New York zieht, um am Empire State College der State University of New York zu studieren. Ihr Traum ist es, später im Bereich des Strafrechts zu arbeiten und weibliche Gefangene zu unterstützen. Im Juli 2022 wird sie aber in Kentucky verhaftet, weil sie Kokain, Marihuana und verschreibungspflichtige Medikamente besitzt.

Die Frage nach dem wahren Mörder von Jennifer Jackson bleibt weiterhin offen. Es gibt Spekulationen, ob Noura möglicherweise jemand anderen beauftragt und gedeckt hat, was erklären könnte, warum sie nie genau angibt, wo sie sich zur Tatzeit aufgehalten hat. In späteren Interviews äußert sie sich nicht dazu, wer der mögliche Täter sein könnte, und wirkt auch nicht so, als wäre es ihr wichtig, dass der wahre Mörder gefunden wird. Daraus könnte man schließen, dass sie vielleicht doch etwas mit der Tat zu tun hat.

Eine andere Theorie besagt, dass Jennifer von ihren Schwestern ermordet wurde. Dies könnte die weibliche DNA am Tatort erklären, und auch die blonden Haare könnten zu ihren Schwestern passen. Eine ihrer Schwestern hat vor Gericht behauptet, dass Noura ihr erzählt habe, dass sie sich ihre Schnittverletzung beim Kochen zugezogen habe. Noura bestreitet das und ist sich sicher, dass ihre Tante das nur behauptet hat, um ihr zu schaden. Möglicherweise wollten die Schwestern Jennifers Erbe haben. Die Hinweise, die auf eine persönliche Beziehung zwischen Jennifer und ihrem Mörder hindeuten, würden so auch passen.

Eine weitere Theorie besagt, dass der Mörder von Nouras Vater auch ihre Mutter getötet haben könnte. Diese Annahme ist meiner Meinung nach aber recht unwahrscheinlich. Nouras Vater wurde bei einem Raubüberfall durch einen Kopfschuss getötet, eine Tat, die sich stark von dem Mord an Jennifer unterscheidet. Es gibt auch kein offensichtliches Motiv, warum jemand zunächst Nouras Vater und anderthalb Jahre später ihre Mutter töten sollte. Einige Personen verdächtigen weiterhin den Pastor. Auch er hatte eine persönliche Beziehung zu Jennifer, kannte das Haus gut und konnte sein Alibi nicht von anderen bestätigen lassen. Allerdings konnte am Tatort keine männliche DNA gefunden werden, und die Frage nach den langen blonden Haaren in Jennifers Hand bleibt auch bei dieser Theorie unbeantwortet. Leider ist mittlerweile viel Zeit verstrichen, und es wird nicht mehr aktiv im Fall Jennifer Jackson ermittelt.

Epilog

Damit sind wir am Ende des heutigen Videos angelangt. Jennifers Tod und der Prozess rund um ihre Tochter Noura sind sehr komplex. Ich bin gespannt, was ihr von dem Fall haltet und was ihr denkt, wer für Jennifers Tod verantwortlich ist. Schreibt mir gerne einen Kommentar. Damit unterstützt ihr auch diesen Kanal. Wenn ihr mich noch mehr unterstützen möchtet, hinterlasst gerne einen Daumen nach oben und ein Abo. Vielen Dank schon einmal im Voraus. Einzig und allein durch eure Unterstützung kann ich der Arbeit nachgehen, die ich liebe, und euch regelmäßig mit Videos versorgen. Das bedeutet mir wirklich viel. Wenn ihr möchtet, könnt ihr mir bei Instagram folgen oder meinem Discord beitreten. Die Links dazu findet ihr in der Videobeschreibung. Und wenn ihr meine Videos zukünftig unzensiert und ohne Werbung anschauen möchtet, könnt ihr das machen, indem ihr mich bei Patreon unterstützt. Der Link dazu ist auch in der Videobeschreibung. Ansonsten gibt es nicht mehr viel zu sagen. Ich bedanke mich fürs Zuschauen und wünsche euch noch einen schönen Morgen, Mittag oder Abend, je nachdem, wann ihr das Video schaut. Wir sehen uns beim nächsten Video wieder. Bis dahin. Ciao, Leute.

Quellen

  1. Noura Jackson Murderpedia
  2. She Was Convicted of Killing Her Mother. Prosecutors Withheld the Evidence That Would Have Freed Her. The New York Times, 2017
  3. Noura Jackson: Where is Jennifer Jackson's Daughter Now? The Cinemaholic, 2024
Fallakte
Orte
Memphis, Tennessee, New Haven Avenue, Jackson, Nashville, Kentucky
Region
Tennessee
Land
USA
Jahr
2005–2016
Status
Teilweise geklärt
Fallart
Tötungsdelikt, Familie & Partnerschaft, Justiz & Fehlurteil
Personen
Noura Jackson, Jennifer Jackson, Nazmi Hassanieh, Valerie Corder, Chris Craft, Ansley Larsson, Mark Miller, Kirby McDonald
Lagekarte
Kartendaten: Natural Earth