Intro
Bei einer Schwarzen Witwe denken die meisten von uns wahrscheinlich an die Spinne. Sie isst nach der Paarung das kleinere Männchen auf. So macht sie sich selbst zur Witwe und bekommt daher ihren Namen.
In den 2000er Jahren wird auch eine Frau aus Niedersachsen so genannt. Lydia L. erlangt als „Die Schwarze Witwe von Bodenfelde“ zweifelhafte Berühmtheit. Denn Lydia tut genau dasselbe wie die gefürchtete Spinne. Sie heiratet Männer, nur um sie kurz darauf zu töten. Doch wie wurde Lydia L. zu einer Serienmörderin – und wie konnte man sie überführen?
„Wenn ich hier fertig bin, klicken die Handschellen“
„Wenn ich hier fertig bin, klicken die Handschellen.“ Mit diesem Satz eröffnet Sigmund S. seine Zeugenaussage. Am 27. August 2007 hat der Mann, der von allen nur Siggi genannt wird, einen Termin auf der Polizeiwache in Bodenfelde. Dort wurde er zu einer Aussage geladen, bei der es um seine Vermieterin gehen soll. Denn Lydia L. ist schon seit langer Zeit in Nachbarschaftsstreitereien verwickelt.
Eigentlich geht es bei diesen Streits um ganz banale Themen. Zum Beispiel darum, wie hoch die Hecke der Nachbarn sein darf oder sollte. Allerdings ist der Konflikt zwischen Lydia L. und ihren Nachbarn nun schon so weit, dass eben auch die Polizei ermittelt. Diese hofft, sich von Siggi nun Informationen zur Sachlage einholen zu können. Siggi lebt gemeinsam mit Lydia L. auf einem Grundstück, das sie sich im niedersächsischen Bodenfelde gekauft hat. Das ist ein kleiner Ort in Niedersachsen und gehört zum Landkreis Northeim. Nur etwa 3.000 Menschen leben dort.
Als Siggi seine Befragung mit der merkwürdigen Andeutung, es würden nach seiner Aussage Handschellen klicken, eröffnet, nimmt die Polizei das vielleicht gar nicht so ernst. Laut späteren Gutachten hat Siggi einen IQ von 79, sein Wortschatz ist stark eingeschränkt. Im Leben hat er es oft nicht leicht gehabt. Er ist das jüngste von sieben Geschwisterkindern und wächst in problematischen Verhältnissen auf. Die Sonderschule schließt er nie ab, er wohnt zeitweise in einer Jugendeinrichtung und bei einer Pflegemutter.
Im Erwachsenenalter hat Siggi immer mal wieder Aushilfsjobs, so richtig ankommen kann er aber nirgends. In seinen 20ern beginnt Siggi, viel und regelmäßig Alkohol zu konsumieren. Das wenige Geld, das er durch seine Aushilfsjobs verdient, steckt er in Partnervermittlungsagenturen. Er hofft, so die große Liebe zu finden – allerdings vergeblich.
1986 lernt er allerdings eine gute Freundin kennen. Nämlich Lydia L., die Frau, die später seine Vermieterin wird und wegen der er 2007 eine Zeugenaussage machen soll. Siggi und Lydia treffen sich 1986 in Bollensen, einem kleinen Ort in der Nähe von Uslar, als beide dort wohnen. Sie verstehen sich auf Anhieb gut miteinander. Siggi hilft Lydia damals ab und an bei kleineren Besorgungen, und die zwei freunden sich an. Lydia ist alleinerziehende Mutter zweier Söhne und kann Unterstützung gut gebrauchen.
Die beiden sind zwar in keiner romantischen Beziehung, aber sie stehen sich nah. Das Verhältnis wird so eng, dass Siggi irgendwann quasi mit zur Familie dazugehört. Es ist wahrscheinlich das erste Mal, dass Siggi sich irgendwo geborgen und aufgenommen fühlt.
Gut zwanzig Jahre später, im Frühling 2007, sieht das aber wieder ganz anders aus. Denn Siggi ist nicht auf die Polizeiwache gekommen, um seine Vermieterin und gute Freundin Lydia L. zu entlasten.
Siggi hat im Frühling 2007 eine schwierige Zeit hinter sich. Erst ist seine geliebte Katze gestorben, dann sein Schäferhund. Es scheint, als habe Siggi nach diesen Verlusten das Gefühl, nichts mehr zu verlieren zu haben. Und genau deshalb entscheidet er sich dazu, gegenüber der Polizei auszupacken. Über seine Vermieterin Lydia L. und über ihre grausamsten Geheimnisse. Denn Siggi hat einiges über die ältere Frau zu berichten. Etwas, das, wie er selbst eingangs sagt, dafür sorgt, dass die Handschellen klicken werden. Denn Siggi hat Lydia dabei geholfen, Morde zu begehen.
Das Leben der Schwarzen Witwe
Lydia L. kommt im April 1939 im damaligen Oberschlesien zur Welt. Von dort aus flieht ihre Familie mit Kriegsbeginn aber nach Niedersachsen, genauer gesagt nach Hannover. Der Alltag der Familie L. ist durch körperliche Gewalt durch die Mutter geprägt. Dennoch ist Lydia als Kind unauffällig. Allerdings gerät ihr Leben schon aus den Fugen, als sie noch eine junge Frau ist.
Im Alter von 20 Jahren versucht Lydia erstmals, sich das Leben zu nehmen. Der Grund dafür ist eine toxische Beziehung. Es ist ihre erste ernsthafte Partnerschaft. Einige Jahre später lernt Lydia auf ihrer Arbeit dann einen 12 Jahre älteren Mann kennen. 1961 wird er ihr erster Ehemann, und Lydia erwartet schon bald ihr erstes Kind von ihm. Allerdings hält die Ehe der beiden nicht einmal bis zur Geburt des gemeinsamen Sohnes Bernd. Stattdessen muss sie sich als alleinerziehende Mutter durchschlagen.
1970 beginnt Lydia, eine Kneipe zu führen. 1971 lernt Lydia dort Hermann S. kennen. Nur wenige Monate nach ihrem Kennenlernen heiraten Lydia und Hermann. Lydia und Hermann bekommen einen gemeinsamen Sohn namens Carsten. Doch abermals ist die Familie nicht glücklich. Hermann S. ist gegenüber Lydia schwer gewalttätig. Erst 1979, nach acht Jahren Ehe, gelingt es Lydia, ihn zu verlassen.
Sie ist nun vierzig Jahre alt, zweifach geschieden und alleinerziehende Mutter zweier Söhne. 1981 eröffnet Lydia in Celle ein eigenes Lokal – die „Rubinbar“. Das ist allerdings nicht wirklich eine herkömmliche Bar. Denn dort laufen permanent pornografische Filme. In den folgenden zwei Jahren expandiert Lydia sogar und eröffnet zwei weitere Bars dieser Art in anderen Orten. Etwa in diesem Zeitraum beginnt Lydia auch, als Sexarbeiterin aktiv zu werden.
Finanziell geht es für Lydia und ihre beiden Söhne zu diesem Zeitpunkt langsam bergauf. Über die folgenden Jahre und Jahrzehnte erarbeitet Lydia L. sich einen gewissen Wohlstand. Obwohl „erarbeiten“ wohl nicht der richtige Begriff ist. Denn ein Großteil von Lydias späterem Vermögen kommt nicht etwa aus den Geschäften mit ihren Lokalen oder der Sexarbeit. Sondern aus den Taschen von Männern, mit denen sie Bekanntschaft macht – und die allesamt auf mysteriöse Art und Weise verschwinden. Und die Geschichte von vier dieser Männer erzählt Siggi S. im August 2007 in seinem Polizeiverhör.
Das Spinnennetz
Adolf B.
1994 lernt Lydia L. einen Mann namens Adolf B. kennen. Er lebt in der Nähe von Kassel. Damals ist sie 45, er 84 Jahre alt. Adolf ist ziemlich wohlhabend und leiht seiner jüngeren Freundin kurz nach ihrem Kennenlernen bereitwillig eine größere Geldsumme.
Kurz darauf heiraten Lydia und Adolf – und das, obwohl die beiden noch nicht einmal zusammen wohnen. Der 84 Jahre alte Adolf wünscht sich nichts sehnlicher, als mit seiner Frau zusammenzuziehen. Als sie ihn auch Wochen nach der Hochzeit noch vertröstet, droht Adolf, sich von Lydia scheiden zu lassen. So erzählt es Siggi S. im August 2007 während seines Polizeiverhörs.
Am 20. September 1994 fahren Lydia und Siggi gemeinsam zu Adolf, um die Meinungsverschiedenheit zwischen Lydia und ihrem Mann endgültig zu erledigen. Auf die wohl grausamste Art und Weise. Lydia und Siggi bringen für ihren Besuch eine Erbsensuppe mit, die sie dem 84-jährigen Adolf B. servieren. Der Rentner kann nicht wissen, dass die Suppe mit schweren Medikamenten präpariert ist. Er isst die mitgebrachte Mahlzeit arglos und verliert schon kurz darauf sein Bewusstsein.
Siggi S. trägt Adolf B. dann in dessen Bett – und erstickt ihn dort. Mutmaßlich im Auftrag seiner Freundin und Vermieterin Lydia. Adolf B. stirbt im Schlafzimmer seines eigenen Hauses. Dass er ermordet wurde, weiß niemand. Bei einem 84 Jahre alten Rentner, der leblos in seinem Bett gefunden wird, sieht niemand genauer hin.
Als Adolfs Ehefrau erbt Lydia nun sein Vermögen und das Haus, zudem kassiert sie Witwenrente. Und es war nicht das erste Mal, dass Lydia und Siggi nach diesem Muster gehandelt haben.
Günter S.
Noch während Lydia mit Adolf B. verheiratet ist, lernt sie im Sommer 1994 einen weiteren Mann kennen. Er heißt Günter S. und ist 74 Jahre alt. Lydia hat ihn – wie die meisten ihrer männlichen Bekannten – durch eine Kontaktanzeige in einer Zeitung kennengelernt. Lydia bietet in der Kontaktanzeige ihre Dienste als Pflegerin für ältere, alleinstehende Männer an. Günter meldet sich auf diese Anzeige und zieht kurz darauf in Lydias Haus in Bodenfelde ein.
Aber Günter S. wird Lydia gegenüber zu aufdringlich. Sie beschließt, dieses Problem für sich zu lösen – indem sie dem Rentner hohe Dosen Medikamente unterjubelt. Günter S. geht es immer schlechter. Eines Abends erwähnt er, dass er in den nächsten Tagen zum Arzt gehen würde. Er wolle seine Symptome einmal medizinisch abchecken lassen. Das will Lydia um jeden Preis verhindern. Zu groß ist die Angst, dass auffliegen könnte, dass sie dem 74-Jährigen zu hoch dosierte Medikamente verabreicht hat.
Lydias Sohn Carsten wird zu diesem Thema später ebenfalls eine interessante Aussage machen. Er berichtet, seine Mutter habe ihn oft in die Apotheke geschickt, um Großpackungen an Medikamenten zu kaufen und Rezepte für Psychopharmaka einzulösen. Mutmaßlich nutzte Lydia diese Medikamente, um ihre altersschwachen Opfer zu sedieren.
So auch Günter S. Siggi erzählt in seinem Verhör davon, wie Lydia ihn beauftragt hat, Günter umzubringen.
Die beiden sedieren ihn mit einem Medikament, dann schaffen sie den leblosen Körper von Günter in Lydias Wohnmobil. Im Auto erstickt Siggi Günter mit einer Plastiktüte – mitten auf der Autobahn, während der Fahrt. Siggi und Lydia fahren dann an einen Rastplatz. Im Schutz der Dunkelheit schleift Siggi den Leichnam von Günter aus dem Wohnmobil in einen Graben. Dort überschüttet Siggi ihn mit Benzin, der Leichnam wird bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.
So wird der Leichnam zwar gefunden, aber dass es sich bei dem Toten um Günter S. handelt, weiß damals niemand. Erst Siggis Aussage 2007 wird zeigen, dass Lydia L. offenbar einen ganz bestimmten Plan hat, wenn es um ältere Männer geht. Und Günter S. wird nicht ihr letztes Opfer sein.
Paul G.
Ihren nächsten Partner lernt Lydia Anfang 1995 kennen. Paul G. ist 81 Jahre alt. Lydia ist auf eine Kontaktanzeige von ihm gestoßen. In einem Magazin sucht Paul nach einem Ort zum Urlaubmachen. Allerdings macht Paul G. bei Lydia in Bodenfelde keinen Urlaub, sondern zieht direkt bei ihr ein. Am 22. April 1995 bekommt auch Paul eine Erbsensuppe von Lydia – genau wie zuvor schon Adolf B. Wieder ist die Mahlzeit mit schweren Medikamenten versetzt.
Als Paul G. sediert ist, zieht Siggi ihm eine Plastiktüte über den Kopf und tötet ihn so. Den Leichnam von Paul verstecken Siggi und Lydia gemeinsam in Thüringen und zünden ihn dort an. Abermals ist die Leiche bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.
Lydia streut danach das Gerücht, Paul G. habe sich für seinen Lebensabend ins Ausland abgesetzt – obwohl er in Wahrheit von ihr ermordet wurde. Mittels gefälschter Unterschriften sorgt Lydia dafür, dass die Rente von Paul weiterhin ausgezahlt wird – und zwar direkt auf ihr Konto. Auf diesem Wege bekommt sie auch eine sechsstellige Summe von einem Konto von Paul G. ausgezahlt. Abermals ist Lydia L. mit ihrer perfiden Masche durchgekommen.
Gerhard G.
Auch nach der Jahrtausendwende nehmen die Morde noch kein Ende. Im Frühjahr 2001 lernt Lydia den 71 Jahre alten Gerhard G. kennen. Er lebt in Völksen bei Hannover, gut 100 Kilometer von Lydias und Siggis Heimat in Bodenfelde entfernt. Als Siggi und Lydia ihn eines Tages dort besuchen, verabreicht Lydia Gerhard abermals eine Überdosis Medikamente. Siggi erstickt ihn dann mit einer Plastiktüte. Siggi vergräbt den Leichnam von Gerhard G. in dessen Garten in Völksen.
Lydias Söhne sind inzwischen erwachsen, und ihr Sohn Carsten ist selbst Vater einer kleinen Tochter. Lydia und Carsten streiten sich um das Sorgerecht für das kleine Mädchen. Lydia möchte, dass das Kind bei ihr aufwächst. Der Streit eskaliert, aber Carsten hat etwas gegen seine Mutter in der Hand. Denn Lydia hat ihm einmal erzählt, dass sie und Siggi einmal einen Menschen getötet haben. Dieses Wissen hat Carsten immer für sich behalten.
Als Lydia ihm aber droht, seine Tochter wegzunehmen, geht Carsten doch zur Polizei. 2001 erzählt er in einer Aussage von dem Geheimnis seiner Mutter. Die Polizei leitet Ermittlungen ein und hört zeitweise auch Lydias Telefon ab. Aber man kann keine Hinweise finden, die belegen würden, dass Lydia tatsächlich jemanden ermordet hat. Nach drei Jahren werden die Ermittlungen 2004 ergebnislos eingestellt. So wird es noch drei Jahre dauern, ehe durch Siggis Aussage 2007 alles zum Ende kommt. Und wie sich dann herausstellen wird, hat Lydia sich schon länger ältere Männer zum Ziel gemacht – immer mit einer ganz bestimmten Absicht.
Eine Intrige entspinnt sich
Wie ihr eingangs gehört habt, war Lydia L. nach ihrer zweiten Scheidung 1979 in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation. Dennoch hat sie über die Jahre einiges geschafft: Drei eigene Lokale in drei verschiedenen Orten, dazu ein großes eigenes Grundstück in Bodenfelde. Vielleicht habt ihr euch schon gefragt, wie Lydia es überhaupt so weit geschafft hat. Und vielleicht habt ihr auch schon eine Vermutung.
Ludwig G.
Wenige Jahre nach ihrer Scheidung lernt Lydia einen neuen Mann kennen. Noch Jahre vor den Morden an Adolf, Günter, Paul und Gerhard, die sie später mit Siggi begehen wird. Es ist 1984, und Lydias neuer Partner zieht in ihre Wohnung ein. Er heißt Ludwig G. und ist damals 82 Jahre alt, Lydia ist da gerade 44. Monatlich überweist Ludwig ihr mehrere Hundert D-Mark für die Miete. Das Ganze geht zwei Jahre so. Die Beziehung zwischen Ludwig und Lydia ist offenbar so eng, dass Ludwig Lydia als seine Alleinerbin deklariert. Zudem überschreibt Ludwig seiner beinahe vierzig Jahre jüngeren Freundin ganze elf Grundstücke. Anfang 1986 stirbt Ludwig G. Seine Todesursache ist nicht ganz eindeutig.
Sein Gesundheitszustand hat sich in den letzten Monaten rapide verschlechtert. Die Polizei eröffnet sogar ein Todesermittlungsverfahren. Das ist so Routine, wenn eine Todesursache nicht offensichtlich ist, oder natürlich, wenn Anzeichen auf Fremdverschulden vorliegen. Das Todesermittlungsverfahren zum Fall Ludwig G. wird allerdings schon bald ergebnislos eingestellt. Und somit erhält Lydia als Alleinerbin den gesamten Besitz ihres verstorbenen Partners. Und dazu gehören nicht nur ganze elf Grundstücke, sondern auch ein Geldbetrag im sechsstelligen Bereich. Ein Muster, das Lydia L. von nun an wiederholen wird.
Wilhelm S.
Nach Ludwigs Tod lernt sie via Kontaktanzeige einen neuen Freund kennen. Wilhelm S. ist 76 Jahre alt und Maurermeister im Ruhestand. Weil Wilhelm aus dem Sauerland kommt, zieht Lydia im Frühling 1988 dorthin, um mit ihren Söhnen bei Wilhelm zu wohnen. Wilhelm zeigt Lydia seine Liebe vor allem durch materielle Zuwendungen. Er ermöglicht ihr Urlaube, kauft ihr ein neues Auto und macht ihr Geldgeschenke. Im Laufe der Beziehung – die, so viel sei vorweggenommen, nicht länger als zwei Jahre halten wird – gibt Wilhelm so mehrere 100.000 Mark für Lydia aus.
Lydias guter Freund Siggi S. zieht in diesem Zeitraum ebenfalls ins Sauerland. Über Wilhelm bekommt er dort einen Job und freut sich, dass er bei Lydia und ihrer Familie in der Nähe bleiben kann. Allerdings verschlägt es Lydia L. schon bald wieder nach Niedersachsen. Sie kauft sich ein großes Grundstück, auf dem gleich zwei Häuser stehen. 1989 ziehen sie und Wilhelm S. dort ein. Das zweite Haus auf dem Grundstück vermietet Lydia an das Sozialamt. In dem großen Haus gibt es 15 Unterkünfte für wohnungslose und asylsuchende Personen – für Lydia ist das eine sehr ertragreiche Angelegenheit.
Ihr Partner Wilhelm verlässt für Lydia also seine Heimat im Sauerland. Allerdings geht es ihm in Bodenfelde zunehmend schlechter. Und ein paar Monate nach dem Umzug ist Wilhelm S. tot. Kurze Zeit nach seinem Umzug soll Wilhelm seine Familie im Sauerland aufgesucht haben. Er habe hilflos gewirkt und erzählt, dass ihm das Geld ausgegangen sei.
Nachdem Wilhelm dann überraschend verstirbt, vermuten seine Kinder, ihr Vater könnte in seiner neuen Heimat Bodenfelde vergiftet worden sein. Die Kinder bemühen sich um eine Anzeige bei der Polizei, doch bei den Ermittlungen kommt nichts raus. Woran genau Wilhelm S. gestorben ist, konnte nie eindeutig geklärt werden.
Paul P.
Im Sommer 1990 schaltet Lydia abermals eine Kontaktanzeige. Seit dem Tod ihres vorigen Partners Wilhelm S. ist kaum Zeit vergangen. Der 83 Jahre alte Paul P. meldet sich auf die Anzeige. Er möchte Lydia gern kennenlernen. Die beiden beginnen eine Beziehung und heiraten wenige Wochen nach ihrem Kennenlernen. Für Lydia L. ist es damals die dritte Ehe. Allerdings hält die noch weniger lang als die beiden vorangegangenen: Paul möchte sich schon nach einer Woche von Lydia scheiden lassen. Lydia willigt ein, besteht aber darauf, im Gegenzug eine finanzielle Leistung zu erhalten – und zwar in Form eines Sparbuches, auf dem mehrere zehntausend Mark liegen.
Im Februar 1991 wird Paul P. ermordet. Er ist inzwischen zurück in seine Heimat in Rheinland-Pfalz gezogen und lebt dort in einer Wohnung. Eines Nachts wird der 83-Jährige von zwei unbekannten Tätern überfallen und erschlagen. Alles sieht nach einem Raubüberfall aus. Die Täter können nie überführt werden. Als Paul getötet wird, ist die Scheidung von Lydia noch nicht finalisiert. Sie wäre einen Tag nach seiner Ermordung rechtskräftig gewesen. Aber da es dazu nicht mehr kam, gilt Lydia natürlich nach wie vor als Pauls Ehefrau. Deshalb hat sie auch einen Anspruch auf Witwenrente. Von wem Paul P. ermordet wurde, weiß man bis heute nicht.
Heinz S.
Nach Paul P. hat Lydia mal wieder einen gleichaltrigen Freund, den 50 Jahre alten Heinz S. Mit Heinz S. geht Lydia anders um als mit ihren älteren Freunden. Sie erzählt ihm sogar davon, dass sie deutschlandweit nach älteren Männern sucht. Nicht immer mit den besten Absichten. Einmal soll Lydia sogar gesagt haben, sie müsse sich auf den Weg machen, um „mal wieder einen Opa zu beerben“. Als Heinz und Lydia sich trennen, geht er sogar zur Polizei und berichtet von diesen komischen Äußerungen. Aber da die Polizei Lydia L. damals nichts nachweisen kann, wird das Verfahren gegen sie ergebnislos eingestellt.
Alois S.
Nach dieser Beziehung lernt Lydia abermals einen Mann kennen, den sie heiraten wird. Alois S. ist 87 Jahre alt und lebt in Köln. Seit dem Tod seiner ersten Ehefrau ist er allein. Er pendelt zwischen Köln und Spanien hin und her. Mit der Beziehung zu Lydia beginnt aber ein neues Kapitel in seinem Leben. Er verlagert seinen Hauptwohnsitz ins niedersächsische Bodenfelde und zieht bei Lydia ein. Alois besitzt ein eigenes Haus an der Costa Brava. Auch ihn heiratet Lydia.
Wieder wird Lydia mit Geschenken überhäuft. Aber 1993, nach achtzehn Monaten, trennt Alois sich. Er verlässt Bodenfelde wieder. Gegenüber Verwandten berichtet er, Lydia habe ihn manchmal im Haus eingesperrt. Und sie habe versucht, ihn zu vergiften. Für Alois’ Verwandtschaft ist das natürlich Grund genug, zur Polizei zu gehen und Anzeige gegen Lydia L. zu erstatten. Das Verfahren gegen sie wird abermals eingestellt.
Alois S., man kann es wohl so ausdrücken, „überlebt“ die Beziehung mit Lydia. Andere Männer vor oder nach ihm allerdings nicht.
In seiner Aussage bei der Polizei erzählt Siggi detailreich davon, wie er im Auftrag von Lydia Adolf, Günter, Paul G. und Gerhard umgebracht hat. Was genau Ludwig, Wilhelm und Paul P. passiert ist, weiß er nicht. Aber vor dem Hintergrund von Siggis Aussagen wirken auch ihre Todesfälle natürlich zumindest merkwürdig. Zur damaligen Zeit fällt der Polizei aber nichts auf. Die Männer sind allesamt in einem hohen Alter, in dem Todesfälle zwar nicht weniger traurig, wohl aber weniger selten sind. Ob Lydia auch diesen drei Männern etwas angetan hat, darüber kann man nur spekulieren. Aber dass sie gemeinsam mit Siggi ihre letzten vier Partner getötet hat, da ist sich die Staatsanwaltschaft sicher.
Und so beginnt etwa ein halbes Jahr nach Siggis Aussage der Prozess gegen ihn und gegen die Frau, die von der Presse den Namen der „Schwarzen Witwe von Bodenfelde“ bekommen hat.
Das Nachspiel
Am 19. Februar 2008 beginnt vor dem Landgericht in Göttingen der Prozess gegen Lydia und Siggi. Lydias Verteidigungsstrategie zielt voll und ganz auf Siggi ab. Die inzwischen 68-Jährige behauptet, Siggi habe die Morde allein begangen. Sein Motiv sei Eifersucht gewesen. Siggi habe selbst etwas von Lydia gewollt und habe ihre jeweiligen Partner deshalb aus Eifersucht umgebracht.
Lydia L. wird wegen der vier Morde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Darüber hinaus stellt das Gericht die besondere Schwere der Schuld fest. Siggi wird zu einer Freiheitsstrafe von zwölf Jahren verurteilt. Aufgrund seines umfangreichen Geständnisses fällt seine Haftstrafe geringer aus. Zudem ist sich das Gericht sicher, dass Lydia L. die treibende Kraft hinter den Morden gewesen ist. Immerhin waren es ja ihre Männer, die getötet wurden, und schon vor den Morden mit Siggi schien der Tod ihren Männern zu folgen.
Lydia behauptet auch nach ihrer Verurteilung felsenfest, Siggi habe sich all die Details um die Morde lediglich ausgedacht. Sie selbst sei unschuldig. Siggi hat seine Freiheitsstrafe inzwischen abgesessen und führt wieder ein Leben abseits des Gefängnisses. Lydia L. hingegen sitzt nach wie vor in der Justizvollzugsanstalt in Vechta ein – und wird diese wohl auch nicht so bald verlassen.
Outro
Damit sind wir am Ende des heutigen Videos angelangt. Mal wieder ein Fall aus Deutschland – wenn ihr gern mehr Videos dieser Art sehen möchtet, zeigt mir das gern mit einem Like. Natürlich könnt ihr mir auch sehr gern in die Kommentare schreiben, welcher Fall euch interessieren würde. Vielleicht kann ich dann ja bald ein Video zu eurem Fall-Vorschlag machen. Um das nicht zu verpassen, abonniert den Channel gern. Vielen Dank im Voraus für eure Unterstützung und bis zum nächsten Mal. Ciao.
Quellen
- Verbrechen: Die Schwarze Witwe Der Spiegel, 2008
- Tote säumen ihren Lebensweg Süddeutsche Zeitung, 2010
- Lebenslänglich für Schwarze Witwe Frankfurter Rundschau, 2008
- "Schwarze Witwe" kassiert bis heute Rente der Opfer Berliner Morgenpost, 2008
- Teilgeständnis im Prozess gegen «Schwarze Witwe» Mitteldeutsche Zeitung
