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Minot, North Dakota, 2023

Ina Kenoyer und Steven Riley Jr.

Ein Bauarbeiter in North Dakota stirbt 2023 an einer Vergiftung, während ein Millionenerbe winkt.

Lesezeit etwa 9 Minuten

Worum es geht

Der Bauarbeiter Steven Riley aus North Dakota erhält eine E-Mail, die ihm ein Erbe von 30 Millionen US-Dollar in Aussicht stellt. Seine Lebensgefährtin Ina Kenoyer erfährt davon, doch in Stevens Plänen für das Geld kommt sie nicht vor, und die Beziehung ist längst belastet. Anfang September 2023 verschlechtert sich Stevens Zustand binnen weniger Tage dramatisch, am Ende stirbt er im Krankenhaus. Die Obduktion bringt ein verblüffendes Ergebnis, und der Verdacht der Polizei fällt schnell auf seine Lebensgefährtin. Dabei zeigt sich, dass auch hinter dem vermeintlichen Erbe mehr steckt als gedacht.

Ansicht von Minot, North Dakota
Ansicht von Minot, North Dakota. Foto: WeaponizingArchitecture, CC BY-SA 4.0, über Wikimedia Commons.

Intro

Neulich habe ich etwas erfahren, was mich echt überrascht hat: Erbstreitigkeiten sind wohl der zweithäufigste Grund für Rechtsstreitereien, gleich hinter Scheidungen und Trennungen. Wenn ein Familienmitglied stirbt und jemand im Testament nicht so großzügig bedacht wird wie erhofft, führt das wohl schnell zu einem riesigen Krach. Auch Ina Kenoyer hat Ärger wegen so einer Sache. Also nimmt sie das Ganze in ihre eigenen Hände. Damit sie ihren Teil vom Kuchen bekommt, muss jemand anderes sterben.

Das Millionenerbe

Als Steven Edward Riley Jr. eines Tages seine Mails checkt, traut er seinen Augen kaum. Wo sich sonst Spam-Messages und Werbenachrichten häufen, sticht eine Mail in seinem Postfach besonders hervor. Sie stammt von einem Anwalt. Er informiert Steven über den Tod eines entfernten Verwandten. Und darüber, dass er der alleinige Erbe des Nachlasses ist. Das Vermögen, das nun Steven Riley Jr. zufallen soll, beläuft sich auf satte 30 Millionen US-Dollar.

Steven arbeitet schon seit Jahrzehnten als Bauarbeiter. Ein harter Knochenjob, der nicht immer fair bezahlt wird. Und 30 Millionen US-Dollar würden Stevens Leben komplett verändern. Sofort fasst er einen Plan. Er wird sich von dem Geld ein paar Grundstücke kaufen, zur Absicherung. Und er will endlich eine eigene Firma gründen und nicht mehr nur für andere arbeiten. Eine eigene Autowerkstatt war schon immer Stevens Traum, der nun auf einmal zum Greifen nahe scheint. Den Rest des Vermögens wird er zwischen sich und seinen fünf Söhnen aus einer früheren Beziehung aufteilen.

Von diesen Plänen erzählt Steven auch seiner Freundin Ina Thea Kenoyer. Steven und Ina sind schon seit mehr als zehn Jahren fest zusammen. Also eigentlich so gut wie verheiratet – zumindest, wenn es nach Ina geht. Steven hingegen scheint seine Prioritäten anders zu setzen. Wann immer er über das anstehende Erbe redet, erwähnt er Ina mit keinem Wort.

Wohl auch aus gutem Grunde. Seinem Sohn Ryan vertraut Steven sich damals an. Er fühlt sich in der Beziehung mit Ina zunehmend unglücklich, geradezu genervt. Ina hat schon lange keinen festen Job mehr und hat anscheinend auch keine große Lust, an dieser Situation etwas zu ändern. Steven hat allmählich keine Kraft mehr, seine Freundin weiter durchzufüttern. Aber nach zehn Jahren fällt die Entscheidung, sich zu trennen, wohl irgendwie immer schwer, egal wie trostlos die Beziehung auch sein mag. Also wartet Steven erstmal ab. Zunächst steht ja erst mal das Einstreichen des Erbes auf seinem Plan. Aber noch bevor Steven nur einen einzigen Dollar sieht, wird er sterben.

Die Vergiftung

Am 3. September 2023 ist es so weit: Steven hat einen Termin mit dem Anwalt ausgemacht, um die Formalitäten rund um das ausstehende Millionenerbe zu klären. Der Anwalt soll am Vormittag am Flughafen von Minot eintreffen. Steven macht sich auf den Weg dorthin, um den Anwalt dort direkt in Empfang zu nehmen. Aber schon an diesem Tag bemerkt Steven, dass irgendwas nicht stimmt. Ihm geht es richtig, richtig schlecht. Als der Anwalt nicht auftaucht, fährt Steven mit leeren Händen zurück nach Hause. Er kann nicht länger warten, er muss sich ausruhen.

Am 5. September, zwei Tage später, geht es Steven sogar noch schlechter. Seine Freundin Ina entscheidet sich dazu, einen Rettungswagen zu rufen. Steven wird in ein nahegelegenes Krankenhaus gebracht, verstirbt aber noch am selben Tag im Alter von 51 Jahren. Zunächst kann man sich nicht wirklich einen Reim auf seine Todesursache machen. Ina hat den Sanitätern etwas von einem angeblichen Hitzschlag erzählt, aber so richtig passt Stevens Krankheitsverlauf nicht dazu.

Also wird sofort eine Obduktion anberaumt. Und die liefert ein verblüffendes Ergebnis. Steven Riley Jr. wurde vergiftet. Und zwar mit Gefrierschutzmittel. Das wird sonst für Kühlsysteme oder Scheibenwaschanlagen von Autos benutzt. In Gefrierschutzmitteln ist Ethylenglykol enthalten. Das allein ist zwar noch nicht giftig, beim Abbau davon im Körper entstehen aber extreme Schäden.

Das Blut wird übersäuert und die Organe, insbesondere die Nieren, können nicht mehr richtig weiterarbeiten. Weil das Ganze aber einen recht süßlichen Eigengeschmack hat, merkt man gar nicht unbedingt, dass man da gerade etwas Lebensgefährliches zu sich nimmt. Die Polizei geht schnell davon aus, dass jemand Steven dieses Frostschutzmittel heimlich untergejubelt hat. Und die erste Verdächtige ist seine Freundin Ina Kenoyer. Es ist nicht unbedingt vorteilhaft für sie, dass sie weniger mit Trauer, sondern mehr mit Stevens Millionenerbe beschäftigt ist.

Denn nun, wo Steven tot ist, müssten die 30 Millionen ja eigentlich ihr zukommen, so Inas Vorstellung. Immerhin sei sie ja Stevens „common law-wife“. Falls ihr euch jetzt fragt, was das sein soll, keine Sorge, das haben sich einige der ermittelnden Polizisten wahrscheinlich auch ratlos gefragt. Das Konzept der „Common law-marriage“ existiert nämlich nur in neun US-Bundesstaaten. Eine „Common-law-Ehefrau“ wäre eine Frau, die in einer rechtlich anerkannten Beziehung zu ihrem Partner steht, ohne formell geheiratet zu haben.

Unter bestimmten Bedingungen wird so eine Art von Beziehungen dann als im Grunde ‘ehe-ähnlich’ anerkannt. Zum Beispiel, wenn man über einen bestimmten, langen Zeitraum zusammenlebt, sich gegenüber anderen als Ehepaar präsentiert und die Finanzen eines Paars gemeinschaftlich geregelt werden. Na ja, und als so eine ‘Common-Law-Wife’ sieht sich eben auch Ina Kenoyer. Und als Stevens Quasi-Ehefrau wäre sie ja nun die nächste in der Erbreihenfolge. Schade nur, dass dieses Konzept im juristischen Sinne in ihrem Heimatstaat North Dakota gar nicht existiert. Und noch ärgerlicher, dass es auch das vermeintliche Millionenerbe überhaupt nicht gibt.

Der Riesen-Scam

Denn am 3. September hat Steven Riley Jr. es noch zum Flughafen geschafft. Dort hat er allerdings vergeblich gewartet. Der angebliche Anwalt, der ihm 30 Millionen Dollar aus einem Erbe überschreiben wollte, ist nie aufgetaucht – weil er gar nicht existiert. Offenbar ist Steven einem Online-Scam aufgesessen. Er hat sich aber verzweifelt daran festgeklammert, dass die Geschichte um einen weit entfernten verstorbenen Verwandten und das Millionenerbe wahr sein muss. Und das, obwohl der Anwalt ihm nie die Personalien des vermeintlichen Verwandten oder einen Nachweis über das Vermögen zugestellt hat. Leider konnte die Person, die für diesen Scam verantwortlich ist, nie ausfindig gemacht werden.

Aber nicht nur Steven ist auf diesen Scam reingefallen, sondern eben auch seine Freundin Ina. Und weil sie auch gern etwas von diesem Vermögen abhaben wollte, Steven aber alles für sich und seine Söhne ausgeben wollte, hat sie sich einen Plan einfallen lassen.

Während es Steven an diesem 3. September also wahrscheinlich stündlich schlechter geht, wartet er trotzdem die ganze Zeit umsonst am Flughafen auf diesen Anwalt. Und zurück zuhause verschlechtert sich sein Zustand rapide. Auch Freunde bekommen davon mit und drängen Ina, Steven ins Krankenhaus zu bringen. Sie winkt ab, Steven habe einfach ein bisschen zu tief ins Glas geschaut und habe noch dazu einen Hitzschlag. Er müsse sich einfach ausruhen. Am Morgen des 5. September fragt ein besorgter Freund noch mal bei Ina nach, wie es um Steven steht. Ina antwortet, sie habe Steven an diesem Morgen in die Notaufnahme gebracht. Das stimmt aber überhaupt nicht. Ina bringt ihn erst Stunden später am Nachmittag in die Notaufnahme. Da ist er schon gar nicht mehr bei Bewusstsein. Er wird zwar noch mit einem Helikopter in eine Spezialklinik geflogen, aber die Ärzte können nichts mehr für ihn tun.

Wer dafür verantwortlich ist, ist für die Polizei sofort glasklar: In der Garage von Steven und Ina findet man eine gut geleerte Flasche Frostschutzmittel. Im Haus befinden sich außerdem ein Becher und eine Bierflasche, an denen Rückstände davon gefunden werden.

Das sind aber noch nicht alle belastenden Beweise. Denn auch wenn sich Ina als Stevens 'Common-Law-Wife' präsentiert hat, scheint sie ihn eigentlich gar nicht so toll zu finden. Schon 2021 hat sie auf Facebook ein Bild von Steven gepostet, zu dem sie schreibt: „Ich hoffe, du bekommst alles, was du verdienst, du F***“. Zu einem anderen Foto ihres Freundes schreibt sie: „Nehmt euch vor diesem Mann in Acht, der lässt euch ausbluten und spuckt euch dann aus.“

Was genau Ina damit gemeint hat und was sie so wütend gemacht hat, wissen wir nicht. Nun, da sie des Mordes an ihrem Freund verdächtigt wird, lassen sie diese Posts aber nicht gerade in einem guten Licht dastehen. Noch dazu erzählt sie den ermittelnden Polizisten sogar von der vermeintlichen Erbschaft. Sie erzählt, dass sie alles rund ums Geld schnell erledigen will, damit sie die 30 Millionen zwischen sich selbst und Stevens jüngstem Sohn aufteilen kann.

Als die Polizei ihr erklärt, dass sie nach staatlichem Recht gar keinen Anspruch auf das Geld hätte, selbst wenn diese Summe wirklich existieren würde, wird sie sauer. Und die Polizei ist sich zunehmend sicher, dass Ina ihrem Freund das Leben genommen hat.

Ina Kenoyer versucht trotzdem weiter, sich rauszureden. Sie bleibt dabei, dass Steven an einem Hitzschlag gestorben sei. Als man sie mit den Ergebnissen des toxikologischen Gutachtens konfrontiert, sagt sie, Steven habe dann wohl eine Zigarette geraucht, die ihm in das Frostschutzmittel gefallen sei. Das ist natürlich nicht nur eine ziemlich verzweifelte Lüge, sondern auch Blödsinn. Noch dazu hat Ina sich in einem Verhör verplappert und zugegeben, Steven am 3. September einen Eistee zubereitet zu haben. Und wie gesagt, schmeckt Frostschutzmittel tatsächlich erst mal süß. In einen Eistee gemischt hätte Steven wahrscheinlich nie merken können, dass seine Freundin versucht, ihn zu vergiften.

Eine Freundin von Ina erzählt der Polizei zudem, Ina habe viele von Stevens Sachen schon am 3. September vor dem gemeinsamen Haus abgestellt. So, als habe sie sie entsorgen wollen. Und Ina soll mehrfach gesagt haben, dass Steven sie sicherlich verlassen würde, sobald er das Erbe in der Tasche habe.

Ina Kenoyer wird wegen des Mordes an ihrem Freund Steven Riley Jr. festgenommen und schließlich auch angeklagt. Als ihr klar wird, dass sie aus der Nummer nicht mehr rauskommen wird, räumt Ina dann doch noch ihre Schuld ein. Ina Kenoyer wird der Vergiftung von Steven Riley Jr. schuldig gesprochen. Sie erhält eine Freiheitsstrafe von 25 Jahren. Sie hat das Leben des Mannes beendet, mit dem sie mehr als zehn Jahre lang fest zusammen war. Und das alles für eine Summe von 30 Millionen US-Dollar, die nie existiert hat.

Vor Gericht gibt Stevens Schwester Stephanie noch ein Statement ab. Sie richtet folgende Worte an die Freundin ihres Bruders, die ihm zugleich das Leben genommen hat: „Unabhängig davon, wie deine endgültige Strafe ausfallen wird, wird sie zu milde für dich sein. Wie die Familien von wahrscheinlich allen Opfern meinen, sollte die Strafe dem Verbrechen entsprechen. Glück für dich, dass die Strafvollzugsbehörde kein Frostschutzmittel in Eistees mischt.“

Outro

Der Fall von Steven Riley Jr. ist wirklich kurios und vor allem richtig traurig. Immerhin hat Ina eine Verurteilung und eine Strafe bekommen. Aber Steven hinterlässt eine große Familie – seine eigenen Eltern, seine Geschwister, seine fünf Söhne, zwölf Nichten und Neffen. Sie müssen nun alle auf Steven verzichten. Schreibt mir eure Gedanken zu dem Fall gern in die Kommentare, ich bin gespannt darauf, von euch zu lesen. Nebenbei könnt ihr Insolito so ganz einfach unterstützen.

Wenn ihr mögt, schaut auch mal auf meinen anderen Kanälen vorbei. Auf Insolito Crime News gibt es jede Woche Neuigkeiten zu aktuellen Kriminalfällen oder spannende Coldcases, und bei Insta nehme ich euch immer mal wieder hinter die Kulissen mit. Alle Links findet ihr in der Infobox. Schaut gern mal rein, dankeee.

Quellen

  1. North Dakota woman poisons boyfriend hours after he inherits $30M New York Post, 2023
  2. Exclusive | Steven Edward Riley Jr. was poisoned over 'inheritence scam' New York Post, 2023
  3. Woman pleads guilty to poisoning boyfriend with antifreeze on false belief that she would get inheritance kcbd.com, 2024
  4. Ethylenglykol DocCheck Flexikon, 2017
  5. Information Streitlotse advocard.de
  6. Ina Kenoyer sentenced to 25 years for poisoning boyfriend when thinking she inherited $30 million New York Post, 2024
Fallakte
Orte
Minot, North Dakota
Region
North Dakota
Land
USA
Jahr
2023
Status
Gelöst
Fallart
Vergiftung, Tötungsdelikt, Familie & Partnerschaft, Betrug & Täuschung
Personen
Ina Kenoyer, Steven Riley Jr.
Lagekarte
Kartendaten: Natural Earth