Intro
Es ist Januar 2014. Nicht nur hat gerade ein neues Jahr begonnen – für die 33 Jahre alte Olga Tsvyk beginnt auch ein ganz neues Leben. Die Ukrainerin hat ihr altes Leben in Europa hinter sich gelassen. Der Job in einer Reiseagentur ist gekündigt, ebenso wie die Wohnung in Kyiv. Von ihrer Familie hat sie sich verabschiedet. Auch wenn das nicht leicht war. Aber Olga hat einen Traum, der sie nicht loslässt.
Einen Traum, den zumindest damals noch viele Europäer haben: Einmal in den USA leben. Am allerbesten in New York City. Es ist hart, sich in einem neuen Land einzugewöhnen. Auch Olga weiß sicherlich, dass auf amerikanischem Boden große Herausforderungen auf sie warten dürften. Doch was Olga in ihrer neuen Heimat erleben wird, geht weit hinaus über Probleme mit Visa, bei der Job- oder Wohnungssuche. Olga wird in das Fadenkreuz eines perfiden Mordkomplotts geraten. Die Tatwaffe: Ein Stück Käsekuchen.
Welcome to New York
Das erste Jahr in den USA ist für Olga Tsvyk alles andere als einfach. Für New York City reicht es erst einmal nicht. Aber immerhin landet sie schon mal im Bundesstaat New York. Dort möchte die 33-Jährige erst mal Stück für Stück Fuß fassen. Sie findet einen Job als Babysitterin, bei dem sie sich erst mal ein finanzielles Polster aufbauen kann. Wie bei so vielen Einwanderungsgeschichten geht auch bei Olga die rosarote Brille schnell verloren. Die Arbeit ist anstrengend, die triste Vorstadt in New York ist deutlich weniger aufregend als ihre alte Heimat Kyiv. Und noch dazu ist es genau so kalt und grau wie dort.
Ein bisschen Halt findet sie in einer Online-Gemeinschaft mit Gleichgesinnten. Olga hat sich über Social Media mit anderen Mitgliedern der osteuropäischen Community vernetzt, die in die USA emigriert sind. Für sie wird eine zufällige Facebook-Bekanntschaft ein richtiger Glücksgriff: Ihre Online-Freundin Marina kann ihr nämlich ein Zimmer zur Untermiete in New York City besorgen. Marinas Onkel Alik hat ein Zimmer in einem gemütlichen Townhouse frei. Durch diese Zufallsbekanntschaft kann Olga endlich den lang ersehnten Step nach New York City machen.
Als Immigrantin ist es echt hart, sich in der Stadt durchzuschlagen – aber Olga schafft es. Sie hält sich über Wasser, indem sie Wimpernextensions anbietet. Der Job als Kosmetikerin reicht, um sich das Zimmer in Queens zu finanzieren. Zudem ist sie im Big Apple viel besser mit der russischsprachigen Community vernetzt. Und das hilft Olga sehr, denn eine neue Sprache zu lernen ist gar nicht so leicht, wie wir alle wissen – und sie hat mit dem Englischen noch einige Probleme. Umso schöner, dass sie Freunde findet, mit denen sie sich auf Ukrainisch oder Russisch verständigen kann.
Auch wenn der Alltag hart ist, scheint sich spätestens 2016 alles langsam einzugrooven. Olga hat ein russischsprachiges Umfeld, einen Job, den sie gern macht, und ein Zimmer in einem der beliebtesten Stadtteile überhaupt. Dafür, dass sie erst seit zwei Jahren in den USA ist, läuft es eigentlich richtig gut. Zu einigen Kundinnen baut Olga sogar ein freundschaftliches Verhältnis auf.
Zum Beispiel zu Viktoria Nasyrova. Sie kommt ab März 2016 alle paar Wochen in den Salon, um sich von Olga die Wimpern machen zu lassen. Während der Beautybehandlung reden die beiden Frauen über Gott und die Welt. Sie teilen ihren neuen Wohnort, ihren kulturellen Hintergrund und einige Interessen. Witzigerweise sehen sich die beiden auch noch echt ähnlich. Und vor allem ist Viktoria selbst vor Kurzem aus Russland in die USA gezogen und kennt die Struggles rund um den Papierkram, Anträge und Behördengänge nur zu gut. Beide Frauen fiebern dem Tag entgegen, an dem sie endlich ihre Greencard erhalten, die ihnen den unbefristeten Aufenthalt in der neuen Heimat erlaubt.
Viktoria wohnt mit ihrem Freund im Stadtteil Brooklyn. Sie lädt Olga öfter mal ein, sie könne die beiden mal besuchen oder mit ihnen feiern gehen. Aber Olga hat darauf nicht allzu große Lust. Nicht, weil Viktoria nicht sympathisch ist – aber sie hat einfach echt eine ganze Menge zu tun. Und manchmal kann Viktoria schon ein wenig überdreht sein und nerven. Sich alle paar Wochen ausführlich mit ihr im Salon zu unterhalten und zu updaten, ist schön – aber in ihrer Freizeit muss Olga das nicht auch unbedingt noch haben.
Als am 27. August 2016 ihr Handy klingelt, geht Olga sofort ran. Ihr Vermieter Alik meldet sich. Er erzählt, eine Freundin von Olga sei gerade in der Wohnung aufgetaucht. Als er das Handy weiterreicht, ist Viktoria dran. Sie erklärt, ihr Handyakku sei leer, deshalb sei sie auf einen Sprung schnell bei Olga zuhause vorbeigekommen. Viktoria sagt, sie habe einen kleinen Wimpernnotfall. Zwar hatte sie erst drei Tage vorher einen Termin bei Olga, aber irgendwas hat da mit den Extensions wohl nicht geklappt.
Und für ihren bevorstehenden Strandurlaub in Mexiko soll alles sitzen. Das ist aus Sicht der Kundin verständlich – Olga findet es trotzdem ein bisschen krass, dass Viktoria dafür direkt zu ihr nach Hause gekommen ist. Sie macht grundsätzlich keine Beautytreatments in der Wohnung: Zuhause ist zuhause, und ihr Arbeitsplatz ist ihr Arbeitsplatz. Eigentlich. Aber Viktoria ist ja so etwas wie eine Stammkundin, und irgendwo auch ihre Freundin – auch wenn sie manchmal übers Ziel hinausschießt.
Also verspricht Olga, sich am nächsten Tag Zeit für sie zu nehmen, um alles für den Urlaub aufzufrischen. Auch wenn sie an dem Tag nicht im Salon eingeteilt ist. Sie gibt ihr Okay, dass Viktoria am nächsten Tag einfach noch mal bei ihr zuhause vorbeikommen kann. Das Wimpernauffüllen können die beiden dann hoffentlich schnell dort erledigen. Viktoria bedankt sich und verspricht, am nächsten Tag vorbeizuschauen. Und ab da nimmt das Unheil seinen Lauf.
Der Wimpernnotfall
Am 28. August bereut Olga wahrscheinlich schon ein wenig, Viktoria überhaupt so kurzfristig einen Home-Termin gegeben zu haben. Denn ihre Kundin taucht einfach nicht auf. Erst zwei Stunden nach der verabredeten Uhrzeit steht sie bei Olga auf der Matte. Immerhin hat sie als kleines Dankeschön für den kurzfristigen Termin etwas mitgebracht: Eine kleine Box mit Käsekuchen. Welcher aus einer der vielen angesagten Bäckereien von New York City, wie sie erklärt. Eigentlich hat die Plastikbox Platz für vier Stücke. Aber Viktoria sagt, sie konnte sich einfach nicht zurückhalten. Der Kuchen sei so unglaublich, dass sie schon auf dem Weg ein Stück gegessen habe.
Viktoria bittet Olga, einen Tee für die beiden aufzusetzen. Offenbar hat Viktoria der Kuchen auf dem Weg schon so richtig gut geschmeckt. Denn während Olga Tee kocht, verputzt Viktoria noch zwei weitere Stücke des Käsekuchens. Aber wenigstens ein Stück von dem fancy Kuchen lässt sie für ihre Freundin übrig. Alles andere wäre ja auch schlechter Stil gewesen – oder ein noch schlechterer als ohnehin schon.
Na ja, und Olga greift natürlich zu. Hunger hat sie eigentlich nicht, aber irgendwie gebietet es dann doch der Höflichkeit, wenigstens mal zu probieren. Und eigentlich ist das Mitbringsel ja auch eine echt nette Geste. Aber während Viktoria nach ganzen drei Stücken bei bester Laune ist, scheint Olga der Käsekuchen irgendwie auf den Magen zu schlagen. Schon nach ein paar Minuten wird ihr übel. Es dauert nicht lange, bis sie sich heftig übergeben muss. Viktoria reagiert hilfsbereit. Sie verspricht, Olga zu helfen und ein paar Papiertücher zu holen, um das Ganze aufzuwischen. Und dann wird Viktoria schwarz vor Augen.
Der Käsekuchen-Komplott
Am 29. August kommt Alik in seine Wohnung im New Yorker Stadtteil Queens zurück. Er war die Nacht über außerhalb und schaut aus Gewohnheit, ob Olga vielleicht zuhause ist. Die junge Ukrainerin wohnt zu diesem Zeitpunkt seit ein paar Monaten bei ihm zur Untermiete, und die zwei verstehen sich ganz gut. Alik geht zu Olgas Zimmer – und sieht sie reglos auf dem Bett liegen, in nichts als Spitzenunterwäsche. Im Zimmer ist es unfassbar warm. Obwohl es ein heißer Augusttag ist, läuft die Heizung auf voller Stufe. Ihre Haut ist blass – so blass, dass Alik nur ein Gedanke durch den Kopf schießt: Dass Olga tot sein muss.
Schnell trifft ein Notarzt ein. In der ruhigen Wohnstraße sorgt das Ganze natürlich für mächtig Aufregung. Ein Nachbar berichtet, er habe noch am Morgen eine andere Frau auf dem Grundstück gesehen. Sie habe ihm erzählt, dass sie Olga besuchen würde, weil sie krank sei. Die Frau hatte sogar Hühnersuppe für sie dabei. Olga selbst habe der Nachbar den ganzen Tag nicht gesehen. Wie sich herausstellt, aus dem einfachen Grund, dass sie in einem nahezu komatösen Zustand bewusstlos auf ihrem Bett lag.
Olga lebt. Sie reagiert zwar vage auf Geräusche und Berührungen, aber sie kann weder die Augen öffnen noch sprechen. Als sie gerade von den Sanitätern abtransportiert wird, klingelt ihr Handy. Alik hat in der Zwischenzeit auch seine Nichte Marina angerufen. Marina sieht den eingehenden Anruf auf Olgas Handy und nimmt ihn kurzerhand entgegen. Viktoria ist dran – und erfährt nun von der schwer verstörten Marina, was gerade geschehen ist. Viktoria ist natürlich total geschockt. Marina hält das Gespräch kurz – sie möchte direkt ins Krankenhaus hinterherfahren, um bei Olga zu sein.
Sie weiß gar nicht, dass Viktoria die letzte Person war, die Olga am Vortag gesehen hat. Sie weiß auch nicht, dass es Viktoria war, die der Nachbar am Morgen erneut auf dem Grundstück gesehen hat. Und noch weniger weiß sie, dass sie ihr gerade einen gewaltigen Vorsprung gegeben hat.
Im Krankenhaus sieht es erst einmal kritisch aus. Für eine kurze Zeit fällt Olga sogar ins Koma. Die Ärzte müssen um das Leben der 35-Jährigen kämpfen. Aber: Das tun sie mit Erfolg. Der Zustand der Ukrainerin kann sich tatsächlich stabilisieren. Sie ist total durch den Wind, aber körperlich ist soweit alles gut. Alle Tests und toxikologischen Gutachten sind unauffällig. Olga kann gar nicht begreifen, was genau eigentlich passiert ist. Ihre letzte Erinnerung ist, dass sie sich übergeben hat, nachdem sie den Käsekuchen gegessen hat. Und dass Viktoria da war, um ihr zu helfen, ihr Erbrochenes wegzuwischen. Und dann wurde für Olga alles schwarz.
Sie versteht nicht, wie sie überhaupt ins Bett gekommen ist, wo Alik sie gefunden hat. Geschweige denn, wie sie aus ihren Klamotten rausgekommen ist. Sie ist ganz sicher, dass sie zuletzt einen Jogginganzug getragen hat und sicherlich nicht ihre beste Unterwäsche, in der Alik sie gut 24 Stunden später aufgefunden hat. Hat Viktoria sie etwa aus- und umgezogen? Das will sie natürlich so schnell wie möglich klären – auch, um zu wissen, weshalb sie überhaupt so einen langen Blackout hatte.
Also ruft Freundin Marina noch mal bei Viktoria an – oder versucht es wenigstens. Viktoria hat Olgas Nummer inzwischen blockiert. Als Marina es mit ihrer eigenen Nummer versucht, kommt eine Fehlermeldung. Kein Anschluss unter dieser Nummer.
Inzwischen ist auch Olgas Schwester Iryna aus der Ukraine angereist. Sie hat sich sofort in den Flieger gesetzt, als sie gehört hat, dass ihre Schwester in ein Krankenhaus eingeliefert wurde. Für den Krankenhausaufenthalt braucht Olga ein paar Papiere. Ehrensache, dass Iryna in die Wohnung fährt und dort ein paar Dinge zusammenpackt. Obwohl Iryna noch nie zuvor dort gewesen ist, kommt ihr irgendetwas an dem Zimmer direkt komisch vor.
Es ist gar nicht die Wohnung selbst, aber rund um Olgas Bett liegen mehrere weiße Tabletten verstreut. Und so sehr Iryna auch sucht: Sie kann weder Olgas ukrainischen Pass noch ihre Papiere von den US-Behörden finden. Alle persönlichen Dokumente ihrer Schwester sind weg. Sie checkt das Ganze übers Telefon noch mal mit Olga gegen. Aber sie besteht darauf, dass alle Unterlagen in ihrem Zimmer sein müssen. Während des Gesprächs stellt sich heraus, dass noch mehr aus ihrem Zimmer verschwunden ist: ihre Handtasche, einiges an Kleidung, ein Ring aus Echtgold, selbst ihr Parfüm.
Und zusätzlich zu den Unterlagen fehlen auch noch 3000 US-Dollar Bargeld. Für Auswanderin Olga ist das ein Vermögen – zumal sie gerade im Krankenhaus liegt, was in den USA richtig schnell richtig teuer werden kann.
Und ihr ist klar, dass für den Diebstahl nur eine Person verantwortlich sein kann: Viktoria. Und so langsam dämmert es Olga, dass es Viktorias Käsekuchen ist, der dafür verantwortlich ist, dass sie im Krankenhaus gelandet ist. Was Olga aber nicht weiß, ist, was alles hinter Viktoria steckt. Denn auch wenn ihr vielleicht jetzt schon glaubt, die komplette Story erahnen zu können: Vertraut mir, es kommt noch krasser.
Olga und Iryna entscheiden sich für das einzig Richtige: Sie schalten am 2. September 2016 die Polizei ein. Erst mal vor allem, um den Diebstahl anzuzeigen. Aber sie erzählt natürlich auch von ihrer Verdächtigung gegenüber Viktoria. Und davon, dass sie vermutet, dass der Käsekuchen von ihr schuld daran war, dass sie fast gestorben wäre. Zu diesem Zeitpunkt ist die 35-Jährige gerade frisch aus dem Krankenhaus entlassen. Sie hat ein unfassbar traumatisches Erlebnis hinter sich – und wirkt dementsprechend noch immer etwas weggetreten.
Es hilft wahrscheinlich auch nicht, dass sie nicht akzent- und fehlerfrei Englisch spricht. Der Polizist, der ihre Anzeige aufnimmt, sieht zwar auch ganz klar, dass bei Olga irgendwas nicht stimmt – für ihn wirkt die ganze Story aber total wirr. Für ihn kommt es eher so rüber, als habe die Frau ein Drogenproblem. Natürlich ruft er in dem Krankenhaus an, in dem sie sich hat behandeln lassen, um ihre Geschichte zu überprüfen. Dort wird ihm jedoch die Auskunft verweigert.
Begründung: medizinisch sensible Daten könne man nicht einfach so rausgeben. Das klingt wie ein Formfehler in der Kommunikation, hat für Olga aber krasse Folgen. Denn die Ermittlungen wegen der vermeintlichen Vergiftung kommen erst einmal ins Stocken. Die Anzeige wegen Diebstahls wurde zwar aufgenommen – aber mehr passiert erstmal auch nicht.
Doch Olga lässt nicht locker und kann die Polizei letztlich überzeugen, die Plastikbox mitzunehmen, in der Viktoria den Käsekuchen vorbeigebracht hat. Olga ist sicher, dass man bei einer Untersuchung im Labor etwas in der Verpackung finden wird. Und sie wird richtig liegen.
Erst mal muss Olga aber wohl oder übel wieder anfangen zu arbeiten. Irgendwie muss sie ja jetzt das Geld für ihren Lebensunterhalt, die gestohlenen Sachen und den Krankenhausaufenthalt zusammenbekommen. Also steht sie schon ein paar Tage nach dem vermeintlichen Mordanschlag wieder im Salon. Die osteuropäische Community in Brooklyn ist gut miteinander vernetzt. Und eine von ihren Kundinnen erzählt der noch immer total verstörten Olga, dass einem guten Freund von ihr vor Kurzem etwas ganz Ähnliches passiert sei wie ihr.
Ihr Bekannter, Ruben Borukhov, hatte auf einer russischen Datingwebsite eine Frau kennengelernt. Sie lebte genau wie er in New York, hatte in ihrem Profil stehen, dass sie gern kocht, und sah super aus. Dementsprechend hat Ruben sich sehr über ein Match gefreut. Nach einem ersten gemeinsamen Abendessen auf Rubens Kosten wollte sich seine neue Datingbekanntschaft dann revanchieren und hat ein Fischgericht für ihn zubereitet. Nach nur einem Bissen wurde er direkt bewusstlos.
Es ging total schnell, genau wie bei Olga und dem Käsekuchen. Als Ruben wieder zu sich kam, fehlte Bargeld und seine Kreditkarten waren belastet – mit Einkäufen, die er selbst nicht getätigt hat. Das Delirium von Ruben hielt ganze zwei Tage an. Erst dann hat sein Date ihn zu seinem Geschäft gebracht, das er in Brooklyn führt. Die Angestellten dort haben sofort einen Notarzt gerufen, als sie ihren Chef gesehen haben. Als dieser eintraf, war die Frau aber schon über alle Berge. Ruben hat sie nie wieder gesehen. Der Name dieser Frau: Viktoria Nasyrova.
Genau wie bei Olga war Rubens Zustand zwar kritisch, die toxikologischen Gutachten aber total sauber. Man hat nie herausgefunden, was zu seinem Blackout geführt hat. Dem kommt die Polizei erst auf die Schliche, als endlich die Untersuchungsergebnisse der Kuchenpackung vorliegen. Denn darin befindet sich etwas, auf das Olga und Ruben im Krankenhaus gar nicht getestet werden konnten – weil es die Substanz in den USA eigentlich gar nicht gibt. In der Plastikbox findet man Rückstände von Phenazepam.
Das ist ein starkes Benzodiazepin, das in Russland entwickelt und vertrieben wird. Es hat angstlösende, krampflösende, muskelrelaxierende und schlaffördernde Eigenschaften. Hier in Deutschland ist es als kontrollierte Substanz eingestuft, weil es nicht nur zu schwerer Abhängigkeit, sondern auch zum Tod führen kann. Vor allem in Kombi mit anderen Medikamenten oder Alkohol ist das richtig gefährlich. Und: in Kombination mit Hitze. Und die Heizung in Olgas Zimmer lief ja auf Hochtouren, trotz der ohnehin heißen Temperaturen des New Yorker Sommers. Jetzt stellt sich heraus: Das Zeug war nicht nur in dem Käsekuchen, sondern auch in den Tabletten, die Iryna in Olgas Schlafzimmer gefunden hat.
Als dem zuständigen Chefermittler klar wird, was wirklich hinter der Geschichte von Olga steckt, entschuldigt er sich aufrichtig bei ihr. Sie hat die ganze Zeit die Wahrheit gesagt und hat richtig gelegen: Viktoria hat sie wirklich vergiftet. Bei Ruben hat sie es zuvor offensichtlich auch schon versucht. Und da Viktoria noch immer auf freiem Fuß ist, bedeutet das: Es könnte weitere Opfer geben.
Interpol vs. Herman
Davon, dass die Polizei in New York City gerade auf der Jagd nach einer Giftattentäterin ist, ahnt Herman Weisberg nichts. Er ist schon länger aus dem Polizeidienst ausgeschieden und hat sich stattdessen als Privatdetektiv im Big Apple selbstständig gemacht. Und seit Ende 2016 arbeitet er an einem besonders tückischen Fall. Genauer: An einem Mordfall.
Seine Klientin Nadeschda kommt aber eigentlich aus Russland, wo ihre Mama noch lebt – oder lebte. Denn obwohl die beiden eigentlich täglich Kontakt hatten, konnte Nadeschda ihre Mutter von einem Tag auf den anderen nicht mehr erreichen. Das muss eine absolute Horrorsituation sein: Man ist quasi am anderen Ende der Welt und verliert mit einem Mal den Kontakt zur wichtigsten Bezugsperson. Als Nadeschda ihre Mutter Alla Alekseenko nicht mehr erreichen kann, weiß sie sofort, dass etwas ganz und gar nicht stimmt.
Seit ihrer Auswanderung haben Mutter und Tochter acht Jahre lang jeden einzelnen Tag miteinander telefoniert. Alla war in Russland immer für ihre Tochter in Amerika erreichbar, rund um die Uhr.
Vor ihrem Verschwinden hat Alla ihrer Tochter oft am Telefon von Viktoria erzählt. Viktoria Nasyrova. Sie hat sich sehr über die ungleiche Freundschaft zwischen ihrer Mutter und dieser Viktoria gewundert. Alla war wohl sehr leichtgläubig, sagt Nadeschda. Aber sie hat in den höchsten Tönen von Viktoria gesprochen und sie ihre beste Freundin genannt. Und was blieb der Tochter in tausenden Kilometern Entfernung anderes übrig, als auf das Urteilsvermögen ihrer Mutter zu vertrauen?
Im Herbst 2014 hat Alla ihrer Tochter erzählt, dass ihre beste Freundin Viktoria bald in die USA fliegen würde. Alla selbst kann nicht über den großen Ozean reisen. Aber sie verspricht Nadeschda, dass Viktoria sie in New York treffen und ein paar Geschenke übergeben wird, die Alla für ihre Tochter ausgesucht hat: Darunter zwei hochwertige Echtpelzmäntel. Zudem soll Viktoria Nadeschda umgerechnet 6000 Dollar Bargeld mitbringen.
Ich muss wahrscheinlich nicht erwähnen, dass Viktoria nie bei Nadeschda aufgetaucht ist. Sie hat weder ihre Pelzmäntel noch die 6000 Dollar jemals gesehen. Und vor allem hat sie nach dem 4. Oktober 2014 nie wieder etwas von ihrer Mutter gehört.
Nadeschda ist daraufhin selbst nach Russland gereist und hat dort ihre eigenen Ermittlungen angestellt. Sie wusste, wo ihre Mutter im Haus immer Bargeld und andere Wertgegenstände versteckt hielt – und dieses Versteck war komplett leergeräumt. Vor dem Haus ihrer Mutter ist sie auf Viktoria getroffen. Viktoria habe sie sofort in den Arm genommen und immer wieder gesagt: „Sie lebt, sie lebt.“
- Bevor Nadeschda überhaupt ihre Vermutung geäußert hat, Alla könnte etwas zugestoßen sein. Nicht gerade die Art, sich weniger verdächtig zu machen.
Weil die Polizei ihr nicht schnell genug war, stellte Nadeschda selbst Ermittlungen an.
Mit ein paar Bestechungstricks besorgte sie sich Aufnahmen von Verkehrskameras in der Nähe des Hauses ihrer Mutter. Sie ist all diese Aufnahmen ganz allein durchgegangen und hat somit im Alleingang den Job einer kompletten Mordkommission gemacht. Und das auch noch richtig gut. Denn auf einem Foto fiel etwas auf, das ihr das Blut in den Adern hat gefrieren lassen. Die Bilder sind vom 5. Oktober – von dem Tag, ab dem Nadeschda Alla nicht mehr erreichen konnte. Das Bild zeigt ein Auto, das Viktoria an genau dem Tag von einem Verleih gemietet hat.
Auf dem Beifahrersitz des Wagens ist eine Person zu sehen. Die Aufnahme ist pixelig, aber sieht nicht gut aus – irgendwie, als wäre die Beifahrerin zusammengesackt. Als wäre sie gar nicht mehr am Leben. Nadeschda hat keinen Zweifel daran, dass die Frau am Steuer Viktoria Nasyrova und das auf dem Beifahrersitz ihre Mutter Alla ist.
Sie konnte die Polizei davon überzeugen, dass Viktoria ihrer Mutter etwas angetan haben muss. Und dass sie sich mit ihrem Vermögen aus dem Staub gemacht hat. Die russische Polizei hat daraufhin die Handydaten von Viktoria geprüft und mit denen von Alla abgeglichen. Die Daten führten die Ermittler zu einem Dorf, in dessen Nähe Viktoria aufgewachsen ist. Und dort wurden die sterblichen Überreste von Alla Alekseenko gefunden. Ihr Leichnam war nicht vollständig, Bein- und Armknochen fehlen. Zudem wurde sie verbrannt. Und nun besteht kaum ein Zweifel mehr daran, wer dafür verantwortlich sein könnte.
Viktoria wurde zu einem Verhör vorgeladen. Sie erklärte der Polizei, das sei alles ein Irrtum. Sie sei allein in dem Auto gewesen. Dass man ganz eindeutig eine Person auf dem Beifahrersitz sehen kann, hat sie geflissentlich ignoriert. Viktoria hat sich dazu einverstanden erklärt, einen Lügendetektortest zu machen. Aber sie kam nicht in Untersuchungshaft. Während der Test ausgewertet wurde, durfte sie gehen. Und diese Chance hat Viktoria genutzt. Als die russische Polizei einen Haftbefehl wegen Mordes erlassen hat, hatte Viktoria das Land schon verlassen.
Nadeschda blieb nichts anderes übrig, als zurück in die USA zu fliegen und einfach zu hoffen, dass Interpol das Ganze regeln kann. Bis sie auf Facebook aus reinem Zufall ein Profil vorgeschlagen bekommen hat. Und zwar das von Viktoria. Nadeschda konnte sehen, dass Viktoria doch noch in die USA, nach New York City gekommen ist. Ob Viktoria gar nicht weiß, dass sie wegen Mordes gesucht wird oder ob es ihr einfach egal ist, ist unklar. Jedenfalls postet sie fröhlich Bilder von Urlauben, Partys und ihrem Leben im Big Apple. Daraufhin kontaktierte Nadeschda dann den Privatdetektiv Herman, um ihr dabei zu helfen, Viktoria ausfindig zu machen.
Mit der Social-Media-Präsenz von Viktoria hat Herman einen guten Stock an Ausgangsmaterial, das er durchforsten kann. Obwohl sie international wegen Mordes gesucht wird, versteckt sie sich nicht. Im Gegenteil, sie postet regelmäßig auf Facebook und lässt auf ihrem öffentlichen Profil alle an ihrem extravaganten Lebensstil teilhaben.
Vor allem ein Selfie von Viktoria hilft dem Privatdetektiv immens weiter. Eigentlich ist es eine ganz harmlose Aufnahme, die Viktoria in einem Auto zeigt. Allerdings trägt sie darauf eine Sonnenbrille. Und darin spiegelt sich die Konsole des Autos. Es gelingt Herman in mühevoller Kleinarbeit, nur anhand dieses Fotos herauszufinden, was für einen Wagen Viktoria fährt. Außerdem kann er anhand ihrer Facebook-Likes abgrenzen, in welchen Restaurants und Geschäften sich die gesuchte Mörderin herumtreibt. Nachdem die Infos ausgewertet sind und er eingegrenzt hat, wo nach Viktoria gesucht werden kann und mit welchem Auto sie unterwegs ist, dauert es nicht lange, bis er sie tatsächlich findet.
Auch wenn ihr selbst hoffentlich nicht von Interpol wegen Mordes gesucht werdet, ist das Ganze vielleicht ein guter Reminder, vorsichtig mit dem zu sein, was ihr postet. Wie Hermans hervorragende Detektivarbeit zeigt, gibt man auch mit simplen Selfies vielleicht mehr über sich preis, als man sich bewusst ist. In diesem Fall zum Glück.
Denn dank des Einsatzes von Nadeschda und Herman kann Viktoria am 20. März 2017 in Brooklyn festgenommen werden. Da sie von Interpol gesucht wird, nimmt man sie sofort mit aufs Revier. Und da stellt sich heraus, dass Viktoria auch noch wegen eines anderen Delikts gesucht wird – wegen des Diebstahls bei Olga Tsvyk.
In Viktorias Wohnung findet man nicht nur Olgas Papiere, sondern auch ihren gestohlenen Goldring und ihre Handtasche. Die Ermittler, die sich darum gekümmert haben, bekommen natürlich sofort Bescheid. Und vor dem Hintergrund des Mordes an Alla ergibt auch die Käsekuchen-Vergiftung nun natürlich Sinn. In ihrer Heimat hat Viktoria mutmaßlich schon einmal gemordet, um sich das Eigentum einer anderen Person unter den Nagel zu reißen. In New York wollte sie das offenbar noch einmal tun – wobei die Polizei glaubt, dass sie es in diesem Fall auf mehr als nur Geld abgesehen hatte: auf Olgas Identität. Deshalb hat Viktoria auch Olgas Papiere mitgenommen – und die beiden Frauen sehen sich wirklich verblüffend ähnlich. Vor allem auf dem Passfoto.
Und Viktoria hat, anders als sie gegenüber Olga behauptet hat, nie eine Greencard bekommen. Ihr US-Visum war dabei, auszulaufen – dann hätte sie zurück nach Russland gemusst. Und da wurde sie ja wegen des Mordes an Alla gesucht und wäre wahrscheinlich noch am Flughafen festgenommen worden. Um das zu vermeiden, wollte sie offenbar Olga umbringen und unter ihrer Identität weiterleben.
Auf der Verpackung des Käsekuchens wurde auch die DNA von Viktoria gefunden. Damit ist endgültig bewiesen, dass sie es war, die das Kuchenstück für Olga vergiftet hat. Sie hat sogar daran gedacht, selbst zwei unpräparierte Stücke direkt vor Olga zu essen, damit alles ganz normal wirkt. Am Morgen nach dem Giftanschlag kam sie noch mal mit Hühnersuppe zurück, wie der Nachbar ja beobachtet hatte – vermutlich, um Olga weiteres Phenazepam in Form der Tabletten zu geben. Um sicherzugehen, dass die Dosis fatal ist.
Wegen der internationalen Verstrickungen und dann wegen der Pandemie dauert es viele Jahre, bis Viktoria endlich vor Gericht steht. Erst im Februar 2023 ist es so weit: Viktoria Nasyrova wird wegen versuchten Mordes an Olga Tsvyk angeklagt. Sie streitet diese Vorwürfe ab. Auch mit dem Mord an Alla, der ihr in ihrer russischen Heimat vorgeworfen wird, habe sie nichts zu tun. Übrigens wurde wohl auch der Hund von Viktorias New Yorker Freund vergiftet – aber auch damit will sie natürlich nichts zu tun haben.
Der russische Mordfall kann nicht in den USA verhandelt werden. Die Aussagen von Nadeschda dürfen auch nur begrenzt als Indizien aufgeführt werden. Aber die Beweise dazu, was Viktoria Olga angetan hat, reichen schon für eine Verurteilung aus.
Viktoria wird zu einer Freiheitsstrafe von 21 Jahren verurteilt. Nach ihrer Entlassung wird sie zudem weitere fünf Jahre unter behördlicher Beobachtung stehen. Das Gericht ordnet Viktoria als eine „gefährliche“ Frau ein, die einen „diabolischen“ Plan ausgeheckt hat. Zu der behördlichen Beobachtung wird es wahrscheinlich trotzdem nicht mehr kommen. Denn sobald Viktoria ihre Haftstrafe in den USA abgesessen hat, wartet auf sie die Abschiebung nach Russland – und dort noch immer ein Mordprozess wegen Alla.
Als sie nach dem Urteil aus dem Gerichtssaal abgeführt wird, flüstert sie Olga und Nadeschda auf der Zeugenbank noch ein „Fickt euch“ zu. Die beiden saßen während des gesamten Prozesses nebeneinander. Auch wenn der Mord an Nadeschdas Mutter nicht vor einem US-Gericht geklärt werden kann, war sie die ganze Zeit da. Sie und Olga sind inzwischen beste Freundinnen. Olga sagt, als sie Nadeschda kennengelernt habe, habe es sich angefühlt, als hätten sie sich eigentlich schon ihr Leben lang gekannt. Beide Frauen haben also in den USA trotz ihrer schrecklichen Erlebnisse doch einen Neuanfang gefunden – und einander.
Outro
Olga lebt auch heute noch in den USA. Auch wenn ihr mehr Steine in den Weg gelegt wurden, als man sich vorstellen kann, hat sie es geschafft, sich in ihrer neuen Heimat zu behaupten. Inzwischen lebt sie in West Palm Beach in Florida. Sie arbeitet noch immer als Kosmetikerin – allerdings in ihrem eigenen, selbst gegründeten Studio. Es sieht aus, als habe sie sich nach all dem Trauma endlich das Leben aufgebaut, von dem sie geträumt hat. Was für ein heftiger Fall, oder?
Auch wenn Viktoria noch nicht wegen des Mordes an Alla angeklagt werden konnte, ist Nadeschda froh darüber, wie die Dinge gelaufen sind. Die Gewissheit, dass Viktoria für die nächsten Jahre im Gefängnis sein wird und niemandem mehr weh tun kann, reicht ihr. Schreibt mir eure Gedanken zu diesem Fall gern mal in die Kommentare. Ganz nebenbei unterstützt ihr so auch noch den Kanal. Genau wie mit einem Like oder einem Abo. Danke. <3
Quellen
- New York woman sentenced for cheesecake murder plot BBC, 2023
- A woman is poisoned with a piece of cheesecake. Her lookalike is convicted of attempted murder. CBS News, 2024
- The Case of the Poison Cheesecake YouTube, 2023
- The Case of the Poisoned Cheesecake ELLE, 2025
- Olga Tsvyk (@tsvyk.olga) • Instagram photos and videos Instagram
- Woman Wanted for Murder in Russia Tries to Poison NYC Stylist with Cheesecake: "Pathological Liar" Oxygen, 2024
