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München, Bayern, 2019

Maria und Tatiana

Eine Frau und ihre 16-jährige Tochter verschwinden im Juli 2019 spurlos in München.

Lesezeit etwa 10 Minuten

Worum es geht

Am 13. Juli 2019 verschwinden die 41-jährige Maria und ihre 16-jährige Tochter Tatiana aus ihrer Wohnung im Münchner Stadtteil Ramersdorf. Marias Ehemann meldet sie als vermisst und erzählt, die beiden seien zum Einkaufen gefahren. Doch die Handys bleiben ausgeschaltet, beide Autos stehen noch vor dem Haus, und Pässe und Koffer sind in der Wohnung geblieben. Die Polizei geht schnell von einem Verbrechen aus und stößt auf Widersprüche und Blutspuren. Am Ende steht ein ungewöhnlicher Prozess, der ohne Leichen auskommen muss.

Ansicht von Neuperlach, München
Ansicht von Neuperlach, München. Foto: TobiWanKenobi at German Wikipedia, Public domain, über Wikimedia Commons.

Intro

Für die meisten Menschen in München ist der 13. Juli 2019 ein ganz normaler Tag. An diesem Samstag entspannen sich die Leute von einer anstrengenden Arbeitswoche, machen Unternehmungen oder gehen shoppen. Genau das haben auch Maria und Tatiana vor. Die 41 Jahre alte Maria und ihre 16 Jahre alte Tochter Tatiana planen, in den Stadtteil Perlach zu fahren. Dort wollen sie in ein Einkaufszentrum gehen. Doch ob sie dort jemals ankommen, ist ungewiss. Denn für Maria und Tatiana ist der 13. Juli 2019 kein normaler Tag. Es ist der Tag, an dem sie spurlos verschwinden.

„Seit mittlerweile zwei Wochen gibt es kein Lebenszeichen von Maria G. und ihrer Tochter Tatiana. Nun sucht die Polizei in einem Waldstück im Südosten Münchens nach den beiden. Rund 150 Einsatzkräfte, darunter Polizeitaucher und ein Hubschrauber sind unterwegs.“

Perlach

Es ist Marias Ehemann Roman, der die beiden bei der Polizei als vermisst meldet. Maria und Roman sind seit etwa einem Jahr verheiratet. Gemeinsam mit Marias Tochter Tatiana, also Romans Stieftochter, wohnen sie in einer Wohnung in München-Ramersdorf. Roman erzählt der Polizei, die Familie hätte ganz normal gemeinsam zu Mittag gegessen. Beim Essen hätten Maria und Tatiana vereinbart, in das Einkaufszentrum in Neuperlach zu fahren. Roman habe sich für einen Mittagsschlaf hingelegt. Als er aufwachte, seien die beiden schon weg gewesen. So weit, so normal. Allerdings sind Mutter und Tochter an diesem Tag nicht mehr nach Hause gekommen.

Sowohl Maria als auch ihre Tochter Tatiana gelten eigentlich als absolut zuverlässig. Dass die beiden sich über mehrere Tage weder bei Freunden noch bei Verwandten melden, kommt sonst nie vor. Noch um 12:02 Uhr am Tag ihres Verschwindens schrieb Tatiana einer Freundin: „Ich schreibe dir gleich zurück“. Doch dazu kam es nicht mehr. Die Handys von Tatiana und ihrer Mutter Maria sind seitdem ausgeschaltet.

Außerdem ist merkwürdig, dass beide Autos der Familie vor der Haustür stehen. Roman sagt, er würde annehmen, die beiden seien zu Fuß zum Einkaufszentrum gelaufen. Dieser Weg ist allerdings vier Kilometer weit, und am 13. Juli 2019 regnet es in München. Nicht gerade das passende Wetter für einen vier Kilometer langen Spaziergang.

Das Verschwinden von Mutter und Tochter kommt der Polizei schnell verdächtig vor. Die Polizei durchsucht das Haus, in dem Maria und Tatiana gemeinsam mit Roman leben. Auch das Überwachungsmaterial öffentlicher Verkehrsmittel wird ausgewertet, außerdem sind Spürhunde im Einsatz. In der bayerischen Landeshauptstadt wird fieberhaft nach den beiden gesucht. Doch leider vergeblich.

Dass die beiden geplant hatten, zu verschwinden, kommt nicht infrage. In der Wohnung befinden sich Reisepässe, Koffer, Unterlagen und alles, was man sonst für eine längere Reise bräuchte. Außerdem hatten die beiden in der nächsten Zeit Pläne. Für Tochter Tatiana stand ein Urlaub in Frankreich an, Mutter Maria wollte ihren kranken Vater in Russland besuchen. Niemals hätten die beiden ihre Pläne einfach so versanden lassen. Nicht freiwillig. Irgendetwas muss den beiden zugestoßen sein.

Der Verdacht

Der Sprecher des Münchner Polizeipräsidiums sagt schon bald, die Ermittler würden davon ausgehen, dass Maria und Tatiana nicht mehr leben würden. Nur eine Woche nach dem Verschwinden von Maria und Tatiana ermittelt nun also die Mordkommission. Die Sonderkommission „Duo“ arbeitet unter Hochdruck. Es gibt kaum Hinweise, nur Indizien, die Stück für Stück zusammengefügt werden müssen. Die Arbeit ist mühselig, führt aber schnell zu einem Ergebnis: Marias Ehemann Roman wird festgenommen. Der Mann, der als Stiefvater von Tatiana mit den beiden in einer Wohnung lebt und die beiden selbst als vermisst gemeldet hatte.

Er steht unter Verdacht, etwas mit dem Verschwinden von Mutter und Tochter zu tun zu haben. Es gebe in seinen Aussagen „Plausibilitätslücken“, so der Polizeisprecher. Es sei zum Beispiel unklar, ob Maria und Tatiana überhaupt jemals zum Einkaufen aufgebrochen sind. Um das zu überprüfen, bittet die Polizei auch die Bevölkerung um Hinweise. Es wird mit Plakaten nach Maria und Tatiana gefahndet. Die Polizei veröffentlicht sogar ein Foto von Roman. Auch Bilder der beiden Autos der Familie werden verbreitet. Auf diesem Wege erhofft sich die Polizei neue Angaben zum Tagesablauf des 13. Juli. Und Informationen dazu, ob Roman möglicherweise jemandem bei verdächtigen Aktivitäten aufgefallen ist.

Als es endlich eine neue Spur gibt, ist schon ein Monat seit dem Verschwinden von Maria und Tatiana vergangen. Und diese Spur lässt leider nichts Gutes vermuten.

In einem Waldstück finden Ermittler einen Teppich und eine Fußmatte. Der Truderinger Forst liegt im Osten Münchens, unweit des Viertels, in dem Maria und Tatiana mit Roman lebten. Zuvor hatte die Polizei herausgefunden, dass diese beiden Gegenstände aus der gemeinsamen Wohnung von Maria und Roman fehlten. Nun befinden sich der Teppich und die Matte im Unterholz des Stadtwaldes. Darauf sind Blutspuren zu sehen – sie können Maria und Tatiana zugeordnet werden. Und das Klebeband, mit dem die beiden Gegenstände zusammengeschnürt sind, passt haargenau zu dem Klebeband, das bei Roman zuhause gefunden wird.

Auch an weiteren Stellen konnten Blutspuren der beiden Vermissten sichergestellt werden: In der Tiefgarage des Hauses, im Auto, an der Waschmaschine, am Wäschetrockner und sogar an den Socken von Roman H. Die Indizien verdichten sich immer und immer mehr. Und leider spielen sie der These der Polizei zu: Es sieht nicht danach aus, als würden Mutter und Tochter noch lebend nach Hause zurückkehren können.

Tatsächlich will eine Zeugin am Tag des Verschwindens Schreie aus der Wohnung gehört haben. Es hätte nach einer Frau geklungen, die bedrängt wurde. Außerdem seien mehrere dumpfe Schläge zu hören gewesen.

In dem Waldstück sucht die Polizei nun auch nach den Leichen von Maria und Tatiana. Doch im Truderinger Forst findet sich kein Hinweis darauf, wo die beiden versteckt sein könnten. Die Leichen von der 41-jährigen Maria und der 16-jährigen Tatiana sind unauffindbar. Somit bleibt der Staatsanwaltschaft nichts anderes übrig, als einen juristisch schwierigen Schritt zu gehen: Roman H. wird angeklagt. In einem Mordfall ohne Leichen.

Der Prozess

Der Verdächtige wird wegen Totschlags und Mordes angeklagt. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass er zunächst seine Frau Maria im Streit umgebracht habe. Dann habe er auch ihre Tochter Tatiana getötet. Die Tat gegen Tatiana würde als Mord gewertet werden, weil er sie zum Verdecken des Totschlags an Maria ermordet habe. Um die Tat weiter zu verschleiern, habe er den Teppich und die Fußmatte mit den Blutspuren der beiden aus der Wohnung entfernt. Er habe die beiden Gegenstände in das Waldstück gebracht, wo die Polizei sie später fand. Dann sei er in einen Baumarkt gefahren, habe Wandfarbe gekauft und damit weitere Blutspuren im Haus beseitigt.

In der Farbe, mit der die Wohnung frisch gestrichen war, befanden sich Rückstände von Blut. Die Staatsanwaltschaft möchte für Roman H. auch die besondere Schwere der Schuld prüfen lassen. Das würde eine Freilassung nach der Haftzeit von mindestens 15 Jahren erschweren.

Roman wehrt sich gegen diese Vorwürfe. Er habe mit dem Verschwinden seiner Frau und seiner Stieftochter nichts zu tun. Weiter kritisiert er, dass er in der Anklageschrift als „verwitwet“ bezeichnet wird. Denn Roman gehe fest davon aus, dass zumindest seine Frau noch lebe.

Für die Blutspuren auf Teppich und Fußmatte liefert er eine ganz eigene Erklärung ab. Am Tag ihres Verschwindens hätten Maria und Tatiana sich heftig gestritten. Die Auseinandersetzung sei zu einer Handgreiflichkeit eskaliert, Mutter und Tochter hätten aufeinander eingeschlagen. Dabei hätten sie sich gegenseitig Beulen und blutige Wunden zugefügt. Er behauptet sogar, Tatiana habe ihre eigene Mutter gewürgt, beide seien nach der Auseinandersetzung vollkommen durcheinander gewesen. Einen Beleg für diesen handgreiflichen Streit gibt es nicht.

Diese neuen Angaben passen auch überhaupt nicht zur ersten Aussage von Roman. Als er die Anzeige machte, hatte er erzählt, Tatiana und Maria seien guter Laune gewesen und hätten einen Shopping-Ausflug geplant. Nun behauptet er, die beiden hätten einander im Streit blutig geschlagen.

Laut Roman hätten Maria und Tatiana die Wohnung nach den Streitigkeiten gemeinsam verlassen. Dieses Mal erzählt er, er habe vermutet, sie seien zu Marias Ex-Mann, also Tatianas Vater, gefahren. Der sitzt als Nebenkläger im Gerichtssaal und muss sich die Geschichte fassungslos anhören. Nachdem Tatiana und Maria aufgebrochen seien, habe Roman die blutigen Spuren ihres angeblichen Streits beseitigt. Den Teppich und die Fußmatte habe er im Wald weggeschmissen, weil er sich wegen der Mülltrennung unsicher gewesen sei – also er hätte nicht gewusst, in welche Mülltonne man blutige Sachen werfen sollte…

Als Roman nach einer Erklärung für das Verschwinden von Tatiana und Maria gefragt wird, will er dazu nichts sagen. Er behauptet, die beiden Frauen würden noch leben. Mit einer Aussage würde er die beiden aber in Gefahr bringen, weshalb er lieber schweigen würde.

Sein Verteidiger pflichtet ihm vor Gericht bei. Es sei nicht einmal bewiesen, dass die Frauen tot seien. Theoretisch könnten sie sich auch in Russland, der Heimat von Marias Familie, aufhalten. Sein Mandant Roman H. habe kein Motiv, es gebe keine Leichen und viele Zweifel. Roman H. und seine Anwälte fordern einen Freispruch. Höchstens einen Totschlag in einem Fall. Denn laut der Schilderung von Roman könne es ja sein, dass eine der beiden Frauen die andere während ihrer Auseinandersetzung getötet habe. Damit könnte Roman H. nur die Überlebende getötet haben. Das passt allerdings nicht zu der Erklärung von Roman, nach der Maria und Tatiana ja zusammen die Wohnung verlassen haben.

Dennoch hat der Verteidiger in einem Aspekt unweigerlich recht: Es gibt kaum handfeste Beweise. Für Außenstehende und die Staatsanwaltschaft mag klar erscheinen, dass Roman H. Maria und Tatiana vorsätzlich getötet hat. Aus juristischer Sicht gibt es zwar jede Menge Indizien, aber durch sie kann man die Tat nicht genau rekonstruieren – der Tathergang kann nur spekuliert werden. Den müsste man aber kennen, bzw. wissen, um zwischen einem Mord und einem Totschlag zu entscheiden.

Trotzdem kommt es nach 24 Verhandlungstagen zu einem Urteil.

Roman H. wird wegen Totschlags in zwei Fällen verurteilt. Das Mordmotiv der Verdeckung konnte ihm nicht hinreichend nachgewiesen werden. Er muss nur für 14 Jahre und 6 Monate in Haft. Die Antworten auf viele Fragen der Ermittler könnte nur der Angeklagte selbst liefern. Und solang er schweigt und die Leichen von Maria und Tatiana nicht auftauchen, wird man ihm kaum einen Mord nachweisen können.

Damit ist zwar nun belegt, dass Roman H. Tatiana und Maria getötet hat. Doch es gibt noch immer zu viele Fragen, die offen sind. Z. B. was das Motiv war, was genau passiert ist und wo der Täter Mutter und Tochter abgelegt und versteckt hat.

Bei der Urteilsverkündung wendet sich der Staatsanwalt an Roman und sagt: „Machen Sie sich Gedanken, ob Sie den Angehörigen nach Rechtskraft des Urteils nicht doch den Fundort der Leichen verraten. Dann könnten diese Abschied nehmen. Das ist das einzig Positive, was Sie noch tun können.“

Auf diesen Appell soll Roman mit einem Lachen reagiert haben.

Outro

Dass ein Täter in einem Tötungsdelikt ohne Leichen verurteilt wird, ist selten. Einerseits ist es beruhigend zu wissen, dass der Täter überführt wurde und eine Strafe bekommen hat. Gleichzeitig lassen diese Fälle einen besonders ratlos und traurig zurück.

Denn obwohl es ein Urteil gibt, wird es für Angehörige besonders schwer sein, mit der Sache abzuschließen. Tatianas Vater weiß bis heute nicht, was seiner Tochter und seiner Ex-Frau zugestoßen ist. Er hat keinen Ort zum Trauern und keine Antworten auf viele brennende Fragen. Genauso wie die weiteren Angehörigen und Freunde von Maria und Tatiana. Wenn ihr euch ein Video zu einem Fall mit ähnlicher Thematik ansehen möchtet, verlinke ich euch die Dokumentation zu Karen und Clara Gaucke. Auch in diesem Fall gab es ein Urteil, aber dennoch viele, viele offene Fragen.

Es bleibt zu hoffen, dass die Polizei die Leichen von Tatiana und Maria irgendwann finden kann. Oder dass Roman H. sich irgendwann doch noch dazu entschließt, sein Schweigen zu brechen. Es kommt auch vor, dass Täter sich nach solchen Verbrechen anderen Personen anvertrauen. Wenn es Mitwisser gibt, ist es auch für sie nie zu spät, sich noch an die Polizei zu wenden. Denn wie hinter allen anderen Geschädigten stehen auch hinter Maria und Tatiana Menschen, die die beiden geliebt haben. Und damit auch Menschen, die sich heute noch Gewissheit wünschen. Ich hoffe sehr, dass es diese Gewissheit irgendwann geben wird.

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Quellen

  1. Mutter und Tochter aus München vermisst – Blutspuren gefunden t-online, 2019
  2. "Es ist die Hölle": Mordprozess um vermisste Mutter und Tochter Augsburger Allgemeine, 2020
  3. Mutter und Tochter vermisst: Mord-Verdächtiger hat Bezug zu Augsburg Augsburger Allgemeine, 2019
  4. Urteil im Prozess um vermisste Tatiana (16) und Maria (41) aus München: So lässig reagiert der Angeklagte RTL, 2021
  5. München: Urteil im Mordprozess ohne Leichen Süddeutsche Zeitung, 2021
  6. München Juli 2019 historische Wetterdaten (Bayern, Deutschland) Weather Spark
  7. München: Plädoyer im Prozess um verschwundene Frauen Süddeutsche Zeitung, 2021
  8. München: Totschlag ohne Leichen – BGH verwirft Revisionen Süddeutsche Zeitung, 2022
Fallakte
Orte
München, Ramersdorf, Perlach, Neuperlach, Truderinger Forst
Region
Bayern
Land
Deutschland
Jahr
2019
Status
Teilweise geklärt
Fallart
Tötungsdelikt, Vermisstenfall, Familie & Partnerschaft
Personen
Maria G., Tatiana, Roman H.
Lagekarte
Kartendaten: Natural Earth