Intro
Vor inzwischen beinahe dreißig Jahren verschwinden in Bonn zwei Personen. Eigentlich soll es für Doris und Winfried Hagen in den Urlaub in die Niederlande gehen. Doch diesen Urlaub werden die beiden nie antreten. Inzwischen ist das vermisste Ehepaar für tot erklärt worden. Und das, obwohl ihre Leichen nie gefunden wurden. Aber sind Doris und Winfried Hagen wirklich tot? Und wenn ja – hat jemand hier das perfekte Verbrechen begangen?
Doris & Winfried
Es ist 1994. Doris ist 47 Jahre alt, Winfried 49 und das Ehepaar ist wohlhabend, sehr wohlhabend, sie haben Millionen auf dem Konto. In den 1970er Jahren haben sie sich mit Patenten für Kautschuk-Verarbeitung ein beträchtliches Vermögen aufgebaut. Sie wohnen in einer Villa im Stadtteil Heidebergen in Bonn. Direkt nebenan befindet sich ein Tennisclub mit eigenem Trainingsplatz, den die beiden regelmäßig besuchen.
Doris und Winfried haben einen erwachsenen, 28 Jahre alten Sohn namens Klaus, der BWL studiert. Er wohnt ebenfalls in der Villa in Bonn-Heidebergen. Klaus ist der leibliche Sohn von Doris und stammt aus einer ihrer früheren Beziehungen. Winfried hat Klaus allerdings adoptiert. Im weiteren Verlauf des Videos werde ich die beiden deshalb Vater und Sohn nennen. Außerdem hat das Ehepaar einen Hund, den Cockerspaniel Toby.
Am 13. Juli 1994 steht für das Ehepaar Hagen ein Urlaub an. Mit der familieneigenen Yacht soll es in die Niederlande gehen, für einen entspannten Bootsurlaub. Von Bonn soll es für Doris, Winfried und Familienhund Toby nach Workum an das IJsselmeer gehen. Am Vormittag erledigt Doris noch einige Einkäufe, Winfried hat einen Geschäftstermin.
Kurz vor ihrer Abreise bekommen Doris und Winfried noch Besuch. Ein Freund von Klaus, Alexander C., kommt vorbei und das Ehepaar trinkt gemeinsam mit seinem Sohn und dessen Freund Kaffee. Dann fahren Klaus und Alexander noch kurz in die Stadt, um ein paar Besorgungen zu machen. Als die beiden nach kurzer Zeit zurückkehren, sind Doris und Winfried laut der Aussage ihres Sohnes Klaus verschwunden. Ebenso wie Cockerspaniel Toby und ihr Gepäck, bestehend aus einer Reisetasche, einer Schminktasche, mehreren Kreditkarten und den Reisepässen des Paares.
Es sieht aus, als hätten die beiden sich auf ihre Reise in die Niederlande gemacht. Doch heute, 30 Jahre später, bezweifelt man, ob das Ehepaar Hagen sein Haus in Bonn überhaupt jemals verlassen hat.
Die Ermittlungen
Klaus meldet seine Eltern am 16. August 1994 vermisst, etwa einen Monat, nachdem Doris und Winfried aufgebrochen sind. Er gibt an, so lange gewartet zu haben, weil seine Eltern ja in den Urlaub wollten. Und da der Hund und das Gepäck verschwunden sind, sei er davon ausgegangen, dass die Hagens einfach in die Niederlande in den Urlaub gefahren seien, so wie geplant.
Klaus ist selbst am 14. Juli, also am Tag nach der vermeintlichen Abreise seiner Eltern, in den Urlaub gefahren. Er hat sich bis zum 8. August in Frankreich aufgehalten und ist erst dann nach Bonn zurückgekehrt. Das sei auch ein Grund dafür, warum er seine Eltern erst so spät als vermisst gemeldet hat, denn in der Zeit, wo er in Frankreich war, herrschte Funkstille zwischen ihnen.
Der Transparenz halber sei auch noch einmal darauf hingewiesen, dass der Fall sich im Jahr 1994 abspielt. Also weit vor der Zeit, zu der man gegebenenfalls täglich oder wenigstens wöchentlich via Handy in Kontakt ist.
Für ein längerfristiges freiwilliges Verschwinden des Ehepaars gibt es allerdings keine Erklärung. Die beiden haben einen festen sozialen Kreis, keine Feinde und sind unternehmungslustig. Weder Doris noch Winfried haben einen Brief an Freunde oder Verwandte hinterlassen oder angedeutet, dass ihre Reise übermäßig lang dauern würde.
In den Niederlanden wurden Doris und Winfried nie gesehen. Auch auf dem Weg dorthin nicht. Ein Ferienhaus im Allgäu, in dem die Hagens regelmäßig Urlaub machen, steht ebenfalls leer. Ein Nachbar hat die beiden dort zuletzt um die Osterzeit herum gesehen.
Es werden rund 500 Flugblätter verteilt, doch es gehen keine zielführenden Hinweise ein.
Als die Polizei das Haus der Hagens nach der Vermisstenanzeige durch ihren Sohn Klaus durchsucht, werden die Ermittler allerdings stutzig. Denn das Auto von Doris und Winfried befindet sich auf dem Grundstück. In der Villa findet die Polizei das Gepäck für den Niederlande-Urlaub. Das Gepäck, das laut Klaus eigentlich nicht mehr da war und der Grund dafür war, dass er davon ausgegangen ist, dass seine Eltern die Reise angetreten sind. Darunter sind auch zwei Taschen, die Doris extra für die anstehende Reise neu gekauft haben soll. Und das Haus von Doris und Winfried ist beinahe klinisch sauber.
Außerdem fehlt eine Badematte aus dem Haus, wie eine Reinigungskraft der Hagens gegenüber der Polizei bestätigt.
Schnell entsteht die Hypothese, der vermeintliche Urlaub könnte nur eine falsche Spur gewesen sein, die Klaus bewusst gelegt hatte. Warum sonst hätte er lügen sollen?
Eine andere Theorie entsteht auf Basis der Geschäftsbeziehungen, die Winfried Hagen pflegte. Er soll in Polen einige Immobilien- und Autogeschäfte gemacht haben. In den Medien ist von einer möglichen Beteiligung eines – Zitat – „Osteuropa-Clans“ die Rede. Am 2. September 1994 ruft eine Frau mit einem osteuropäischen Akzent bei Klaus Hagen an. Der Anrufbeantworter geht ran, und die unbekannte Frau hinterlässt eine Nachricht. Darin spricht sie vage von einer Abmachung, die angeblich nicht eingehalten worden sei.
Es gehe um eine russische Firma, die in Warschau vergeblich auf das Einhalten eines Termins gewartet habe. Ein paar Tage später wird ein Auto von Klaus in einer Leverkusener Werkstatt angezündet und brennt aus. Ob diese beiden Geschehnisse im Zusammenhang stehen und wer dafür verantwortlich ist, kann nie geklärt werden.
Auch eine mögliche Entführung, die schiefgelaufen ist, wird in Betracht gezogen. Angesichts des Vermögens der Familie Hagen erscheint Habgier als ein naheliegendes Tatmotiv. Gleichzeitig kann ein Raubmord eigentlich ausgeschlossen werden, denn aus dem Haus von Doris und Winfried fehlen keinerlei Wertgegenstände.
Am Abend des 13. Juli 1994 will ein Jogger zwei Fahrzeuge vor der Villa der Hagens gesehen haben. Einen roten Golf und einen Jeep. Wem diese Fahrzeuge gehören und ob sie mit dem Verschwinden der Eheleute in Verbindung stehen, ist bis heute unklar.
Die Familie von Winfried und Doris Hagen lobt eine Belohnung in Höhe von einer Million Mark aus. Es ist die höchste Belohnungssumme der deutschen Kriminalgeschichte. Dagegen geht Klaus Hagen gerichtlich vor. Er ist gegen diese außergewöhnlich hohe Belohnungssumme. Das hinterlässt natürlich einen faden Beigeschmack und dazu kommt noch, dass Klaus sich der Polizei gegenüber nicht gerade kooperativ gezeigt haben soll. Deswegen bricht die restliche Familie den Kontakt zu ihm ab, weil sie die gleiche Vermutung wie die Polizei haben, nämlich dass er eventuell etwas mit dem Verschwinden seiner Eltern zu tun hat.
Dadurch wird vor Gericht erwirkt, dass Klaus Hagen zwar weiterhin im Haus seiner vermissten Eltern wohnen darf, fortan aber Miete bezahlen muss. Außerdem werden ihm sämtliche Kontovollmachten entzogen.
1999 wird die Fallakte zum Verschwinden des Ehepaars Hagen geschlossen. Gegen Klaus Hagen und seinen Freund Alexander C. gibt es keinen hinreichenden Tatverdacht. Man kann keinem der beiden eine Beteiligung an einem Verbrechen an Doris und Winfried Hagen beweisen. Der Fall bleibt ungeklärt.
Der Cold Case
In Deutschland können verschwundene Personen nach einer gewissen Zeit für tot erklärt werden. Klaus macht davon 2004 Gebrauch und lässt Doris und Winfried Hagen offiziell für tot erklären. Somit erhält er das Recht, über die diversen Bankkonten des Ehepaars zu verfügen. In den zehn Jahren zuvor waren diese durch einen Anwalt betreut worden. Klaus Hagen wäre nun Alleinerbe des Vermögens seiner Eltern.
2014 wird der Fall Doris und Winfried Hagen in der Sendung „Aktenzeichen XY – Ungelöst“ vorgestellt. So erhält der Cold Case zwanzig Jahre nach seinem Zutragen noch einmal eine große mediale Aufmerksamkeit. Der Aufruf in der ZDF-Sendung bringt zwanzig neue Hinweise, eine vergleichsweise niedrige Resonanz.
Im selben Jahr wird ein Grundstück der Familie im Ort Meckenheim durchsucht. In den Medien heißt es, die Polizei würde die Leichen von Doris und Winfried auf einem Gewerbegrundstück in Meckenheim vermuten. Das Grundstück wurde ergebnislos abgesucht. Auf welchen Ermittlungsschritten diese Annahme basiert, wurde nicht öffentlich bekannt gemacht. Allerdings sollen auch nach der „Aktenzeichen XY“-Sendung einige Hinweise mit Bezug auf dieses Gewerbegebiet eingegangen sein. Aber auch mit Ultraschalltechnik und Spürhunden lässt sich in Meckenheim keine Spur der Leichen von Doris und Winfried finden.
Auch eine Wohnung von Klaus Hagen in Aachen wird durchsucht, ebenso wie die Wohnung seines Freundes in Beuel. Allerdings ohne weitere Ergebnisse. Danach wird es wieder still um den Fall.
2018 taucht er noch einmal in den Regionalmedien auf, als der Kölner Express einen Artikel über einen zwielichtigen Hinweisgeber veröffentlicht. Bei der Zeitung meldet sich ein 68 Jahre alter Mann, der sich selbst als Privatdetektiv vorstellt. Er gibt an, er sei mit Personen in Russland in Kontakt gekommen, die wiederum eine unmittelbare Verbindung zu den Ermittlungen im Fall Hagen in den 90ern hätten.
Von diesen Personen sei ihm ein Teppich, der aus dem Haus der Hagens stammen würde, zum Verkauf angeboten worden – möglicherweise ein Beweisstück im Vermisstenfall um Doris und Winfried. Gegenüber einer anderen Zeitung erwähnte die Polizei, der vermeintliche Hinweisgeber sei seit Jahrzehnten polizeibekannt, unter anderem wegen Gewalt- und Betrugsdelikten. Insgesamt sei er für mehr als 20 Jahre in Haft gewesen. Der 68-Jährige hatte gegenüber dem Express gesagt, er habe sich den Teppich aus Russland besorgt und wolle ihn nun der Bonner Polizei vorlegen.
Ob das jemals passiert ist, ist unklar. Und unabhängig davon kann man wohl leider davon ausgehen, dass dieser Hinweis absolut nicht zielführend war, denn es gibt keine nachfolgenden Berichte zu dem angeblichen Hinweisgeber oder dem Teppich.
2019 gibt es übrigens ein Gerichtsverfahren um weitere Erbschaftsstreitigkeiten der Familie Hagen. Klaus fordert von seinem Onkel, dem Bruder seiner Mutter Doris, insgesamt 107.000 Euro. Er hat vor Jahrzehnten eine Immobilie geerbt und sich damals notariell dazu verpflichtet, ab 1992 – zwei Jahre vor Doris’ Verschwinden – monatlich 10.000 Mark an sie zu zahlen. Und zwar für eine Dauer von zehn Jahren – als Ausgleich für sein Immobilienerbe. Diese Regelung wäre im Falle von Doris’ Tod auf ihre Erben übergegangen.
Und der alleinige Erbe ist Klaus Hagen. Dieser gibt aber an, das Geld von seinem Onkel nie erhalten zu haben. Der Bruder von Doris Hagen besteht aber darauf, er habe den Dauerauftrag nach dem Verschwinden des Ehepaars Hagen geändert und bis zum Jahr 2002 monatlich den Betrag an Klaus überwiesen. 2019 urteilt das Oberlandesgericht, die Zahlung sei ohnehin verjährt. Ob der Onkel von Klaus Hagen das Geld an ihn nun überwiesen habe oder nicht, sei insofern irrelevant.
Sowohl Klaus als auch sein Freund Alexander C., der bei dem letzten Besuch bei Doris und Winfried dabei gewesen sein soll, gelten zwischenzeitlich als tatverdächtig. Klaus Hagen lebt inzwischen auf Malta. Weder ihm noch Alexander C. konnte ein Verbrechen an Doris und Winfried Hagen jemals zur Last gelegt werden. Der Fall bleibt bis heute ungelöst. Auch die Identität der Frau, die Klaus Hagen im September 1994 angerufen hat, ist nach wie vor unbekannt. Die Ermittler gehen davon aus, dass Doris und Winfried Hagen ermordet worden sind – und dass sie wahrscheinlich nie zu ihrem angeblichen Segelurlaub aufgebrochen sind.
Outro
Leider muss ich euch heute also mal wieder ohne eine Lösung aus dem Video entlassen. Ich hoffe für alle Hinterbliebenen von Doris und Winfried sehr, dass der Fall doch noch gelöst werden kann – und vielleicht kann ich mit diesem Video ein wenig dazu beitragen, dass das Verschwinden der beiden nicht vergessen wird. Um den Algorithmus ein wenig anzuregen, könnt ihr das Video gern liken oder auch einen Kommentar hinterlassen. Das hilft dem Kanal sehr weiter.
Und sollte vielleicht doch noch einmal Bewegung in den Fall kommen, berichte ich euch auf jeden Fall davon. Schaut dazu gern mal beim Zweitkanal Insolito Crime News vorbei. Wann immer es zu Fällen, die ihr hier vom Hauptkanal kennt, Updates gibt, lade ich euch auf Crime News Videos mit den neuesten Entwicklungen hoch. Außerdem geht es dort öfter mal um weniger umfangreiche Fälle oder weitere Cold Cases. Checkt den Zweitkanal also gern einmal aus. Ansonsten vielen Dank für eure Unterstützung und fürs Zusehen. Bis zum nächsten Mal. Ciao.
Quellen
- Kriminalität : „Cold Case“-Experte soll „Mord ohne Leichen“ klären Welt
- Millionärssohn will Erbe der vermissten Eltern Aachener Zeitung, 2005
- Akte Rheinland: Spurlos Verschwunden YouTube, 2022
- Vermisstes Ehepaar Hagen: Ermittler gruben Garten um Rundschau Online, 2014
- Vermisstenfall Ehepaar Hagen WDR, 2014
- Teppich soll verkauft worden sein: Neue Spur im Fall des verschwundenen Ehepaars Hagen? General-Anzeiger, 2018
