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Hannover, Niedersachsen, 2006–2012

Karen und Clara Gaucke

Eine Mutter und ihr Baby verschwinden 2006 aus einer Wohnung in Hannover; es bleiben Blutspuren.

Lesezeit etwa 17 Minuten

Worum es geht

Im Juni 2006 verschwinden die 37-jährige Karen Gaucke und ihre sieben Monate alte Tochter Clara aus ihrer Wohnung in Hannover. Karen wollte sich am Abend mit dem Vater des Kindes treffen, um über Unterhaltszahlungen zu sprechen. Erst bei einer gründlicheren Untersuchung entdeckt die Spurensicherung in der Küche große Mengen Blut, und die Ermittlungen gegen den Exfreund beginnen. Es folgen ein Indizienprozess, in dem der Angeklagte schweigt, und eine der größten Suchaktionen Niedersachsens. Bis heute wirft der Fall Fragen auf, vor allem zum Schicksal des Kindes.

Altes Rathaus in Hannover
Altes Rathaus in Hannover. Foto: Axel Hindemith, Public domain, über Wikimedia Commons.

Intro

Im Juni 2006 herrscht in Deutschland vor allem ein Thema: Endlich gibt es eine Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land. In zwölf Stadien von Hamburg bis nach München liegen sich in diesen Tagen mitfiebernde Fußballfans in den Armen. Auch in Hannover, der Heimatstadt von Karen Gaucke, finden einige WM-Spiele statt. Wer keines der heiß begehrten Stadiontickets ergattern konnte, verfolgt die Spiele beim Public Viewing oder gemeinsam mit Freunden und Familie.

Doch Karen Gaucke hat in diesem Sommer ganz andere Dinge im Kopf als den Fußball, denn seit etwa sieben Monaten ist sie die alleinerziehende Mutter einer kleinen Tochter. Mit ihr gemeinsam wohnt sie zur Miete in einer Wohnung im Volgersweg in der zentralen Oststadt von Hannover. Gerade erst hat sie nach der Elternzeit wieder ihre Arbeit bei einem großen in Hannover ansässigen Reisekonzern aufgenommen.

Am 15. Juni telefoniert Karen gegen 19:30 Uhr mit einer Freundin. Später am Abend hat sie eine Verabredung mit ihrem Exfreund Michael P., wie sie ihrer Freundin erzählt. Die beiden müssen sich dringend wegen der Unterhaltszahlungen für die gemeinsame Tochter Clara unterhalten. Er wird um etwa 20 Uhr bei ihr eintreffen, vorher möchte sie noch ihrer Tochter etwas zu essen geben und sie ins Bett bringen. Dieses Telefonat wird das letzte Lebenszeichen der jungen Mutter sein.

Der 15. Juni 2006

Vom Vater ihrer kleinen Tochter Clara lebt Karen Gaucke getrennt. Michael P. arbeitet, wie sie selbst, in dem großen, in Hannover ansässigen Unternehmen. Er ist dort Abteilungsleiter im Controlling. Im Dezember 2004 treffen Michael und Karen sich zufällig – allerdings nicht auf der Arbeit in Hannover, sondern im Ägypten-Urlaub. Die beiden beginnen eine kurze Affäre miteinander, die jedoch bereits im Februar 2005 endet.

Als sich herausstellt, dass Karen ein Kind von Michael erwartet, versuchen die beiden, eine Beziehung miteinander zu führen, doch sie sind einfach zu unterschiedlich. Stattdessen lernt Michael eine neue Frau kennen, die ebenfalls im selben Unternehmen arbeitet – und mit der er ebenfalls ungeplant ein Kind zeugt. Nur zwei Monate, nachdem im November 2005 Clara Gaucke, die gemeinsame Tochter von Karen und Michael, geboren wird, kommt im Januar 2006 der Sohn von Michael und seiner anderen Freundin auf die Welt. Zwar lebt Michael nun mit der Mutter seines Sohnes zusammen, hat aber parallel eine Affäre mit einer dritten Kollegin. Für Karen Gaucke dürfte diese besondere Situation, wie auch für die anderen Frauen, eine große Belastung darstellen.

Michael kümmert sich um Clara und besucht sie, spielt mit dem Kind und würde sie gern öfter sehen. Doch als alleinerziehende Mutter steht Karen Gaucke vor Herausforderungen. Sie bittet Michael um eine Erhöhung der Unterhaltszahlungen und vertraut seinen Angaben bezüglich seiner monatlichen Einkünfte nicht. Nach der Konfrontation mit diesem Problem sollen auch Michaels Besuche bei seiner Tochter seltener geworden sein.

Genau um diese Unstimmigkeiten bezüglich des Unterhalts für Clara soll es auch bei dem Treffen am Abend des 15. Juni 2006 gehen, wie Karen ihrer Freundin am Telefon berichtet. Sie soll sogar in Erwägung ziehen, Michael zu verklagen, sollte dieser sich nicht endlich kooperativ zeigen.

Üblicherweise bringt Karen ihre kleine Tochter Clara, die gerade wenige Monate alt ist, um etwa 20 Uhr ins Bett. Danach ruft sie für gewöhnlich bei ihren Eltern an, die in Freiburg leben. Doch am 15. Juni bleibt ein Anruf bei Gabriele und Hans Gaucke aus. Eine Nachbarin wundert sich ebenfalls, eigentlich schreit das Baby gegen 19:45 Uhr meistens, an diesem Tag herrscht jedoch Stille. Auch in den darauffolgenden Tagen meldet sich Karen entgegen ihren Gewohnheiten nicht bei ihrer Familie. Zu Terminen erscheint die junge Frau nicht. Am 17. Juni ist Michael P.s Mutter mit Karen verabredet, um ihre Enkeltochter zu besuchen. Als sie klingelt, bleibt die Tür verschlossen, in der Wohnung regt sich nichts.

Als ihre Eltern mehrere Tage nichts von Karen hören, wissen sie, dass irgendetwas passiert sein muss. Ihre Tochter ist sonst gewissenhaft und zuverlässig, sich von heute auf morgen nicht mehr zu melden passt absolut nicht zu der 37-Jährigen. Am 18. Juni wird Karen Gaucke als vermisst gemeldet. Doch dort erhalten ihre Eltern eine ernüchternde Antwort: Sie sollten sich keine Sorgen um ihre Tochter machen, für eine junge Frau sei es ganz gewöhnlich, einmal für drei bis sieben Tage unterzutauchen und sich danach wieder zu melden.

Freundinnen und Freunde verteilen in Hannover Flugblätter mit einem Bild von Karen und ihrer kleinen Tochter Clara. Als die Mietwohnung, in der Karen und Clara leben, sowie der dazugehörige Hausflur dann doch mehrmals untersucht werden, findet die Polizei zunächst nichts.

Erst einige Tage später, am 25. Juni, folgt eine noch akribischere Untersuchung, während der die Spurensicherung die Küche in der Wohnung auseinanderbaut. Erst dadurch werden Blutspritzer sichtbar – und eine große Blutlache, die unter Küchengeräten verborgen war. Zwischen der Waschmaschine und dem Herd findet die Spurensicherung eine Wischkante. Sie zeigt: Jemand muss versucht haben, eine große Menge Blut aufzuwischen, als sie noch feucht war. Nun steht fest; in dieser Wohnung muss sich ein Verbrechen ereignet haben. Das Opfer: die zuvor von ihren Eltern als vermisst gemeldete Karen Gaucke.

Der Verdacht

Als Erstes gerät der Exfreund von Karen in Verdacht, mit dem sie sich am Abend des 15. Juni treffen wollte. Seine Wohnung wird durchsucht, und tatsächlich findet die Spurensicherung auf einem Schuh des Mannes einen Blutspritzer, der Karen Gaucke zugeordnet werden kann. Daraufhin wird Michael P. am 26. Juni 2006 festgenommen und sitzt von nun an in Untersuchungshaft. Doch für den Blutspritzer liefert er eine Erklärung: Bei ihrem letzten Treffen habe Karen Nasenbluten gehabt, dabei müsse etwas Blut auf seinen Schuh getropft sein. Auch darüber hinaus streitet er ab, etwas mit dem Verschwinden von Karen und ihrer Tochter Clara zu tun zu haben.

Am 7. Juli 2006 stoßen die Ermittler auf eine wichtige Spur, die den Verdacht gegen Karens Exfreund erhärtet: Ein Braunschweiger Autovermieter erhält eine Rundmail von einem Vermieterverband, in der nach einer bestimmten Person gefragt wird. Als der Autovermieter die Daten der Person in das System seiner Autovermietung eingibt, erzielt er einen Treffer: Tatsächlich hat die Person im betroffenen Zeitraum ein Auto gemietet. Es ist Michael P. Dieser mietete bei der Firma am 15. Juni 2006 einen Toyota – an dem Tag, an dem es das letzte Lebenszeichen von Karen Gaucke gab und sie abends mit ihm verabredet war.

Doch sein Verhalten bei der Übergabe des Mietwagens kommt dem Vermieter schon damals merkwürdig vor: Bei dem Unternehmen wird jedes verliehene Auto vor und nach der Übergabe mit seinem Mieter fotografiert, um den Zustand des Fahrzeugs festzuhalten. Als Karens Exfreund den Mietvertrag unterschreibt, weigert er sich zunächst aber partout, fotografiert zu werden. Erst als der Chef einschreitet und ihm erklärt, dass das Fotografieren Grundlage für eine Vermietung ist, lenkt er ein und lässt sich doch fotografieren.

Warum er den Wagen überhaupt gemietet hat, kann er den Ermittlern nicht erklären. Vor allem nicht, weshalb er eine Autovermietung in Braunschweig aufgesucht hatte, obwohl es in Hannover zahlreiche vergleichbare Anbieter mit ähnlichem Angebot gibt.

Später werden Ermittler rekonstruieren können, dass Michael P. am 15. Juni mit der Bahn von Hannover nach Braunschweig fuhr, um das Auto abzuholen. Doch die Beamten finden noch mehr heraus. Im Mai versuchte er, via eBay ein Bolzenschussgerät zu ersteigern, wurde jedoch überboten. Anfang Juni soll er nach dem Unterschied zwischen Mord und Totschlag gegoogelt haben. Er habe die Browserdaten gelöscht, doch die Ermittler können die Suchhistorie wiederherstellen.

Michael gibt bereitwillig zu, am Abend des Verschwindens von Karen und Clara vor der Wohnung der Mutter seiner Tochter gestanden zu haben. Er habe zum vereinbarten Zeitpunkt geklingelt, sie habe jedoch nicht geöffnet. Er habe bis um etwa 21 Uhr gewartet, sei zwischendurch zu einem nahegelegenen Elektromarkt gegangen – dies kann man später widerlegen – und sei dann weitergezogen. Denn er ist am Abend des 15. Juni auch mit Arbeitskollegen verabredet, um Fußball zu schauen. Bezüglich der nächsten Stunden im Tagesablauf von Michael P. gibt es in verschiedenen Quellen unterschiedliche Versionen.

Laut einer Quelle sei er verabredet gewesen, um das WM-Spiel England gegen Trinidad und Tobago gemeinsam im Biergarten anzusehen. Um 20:31 wurde von Michaels Handy eine SMS an einen dieser Kollegen verschickt: „Hi Roland, bei mir wird es wohl etwas später, ich komme aber in jedem Fall.“ Und Michael kommt tatsächlich am Biergarten an, laut Quellen ist er zur 2. Halbzeit da. Das Spiel wurde allerdings um 18 Uhr angepfiffen, die zweite Halbzeit muss um 20:31 Uhr, als Michael die SMS versendete, also eigentlich schon beinahe vorbei gewesen sein.

Laut der anderen Quelle habe Michael die SMS an seinen Kollegen verschickt und sei gegen 21:10 Uhr nach über einer Stunde erfolglosen Wartens auf Karen Gaucke mit dem Rad losgefahren. Unterwegs habe er bemerkt, dass der Reifen platt war, und sei noch einmal nach Hause gefahren, um stattdessen seinen Firmenwagen zu nehmen. Er sei dann um ungefähr 22 Uhr im Biergarten eingetroffen.

Ob die beiden abweichenden Versionen auch auf abweichenden Aussagen des Verdächtigen basieren, ließ sich bei der Recherche nicht feststellen. Fest steht, dass Michael und die Kollegen sich an diesem Abend noch im Biergarten treffen. Die Gruppe habe den Biergarten dann um etwa halb zwölf gemeinsam verlassen. Seinen Kollegen sei an Michaels Verhalten nichts aufgefallen, er habe wie immer gewirkt.

Seine Wohnung teilt Michael inzwischen mit der Frau, mit der er zwei Monate nach Clara seinen Sohn bekommen hat. Sie kann sich daran erinnern, dass das Baby zwischen halb zwei und zwei wach geworden sei, Michael sei zu diesem Zeitpunkt definitiv schon zu Hause gewesen. Auch ihr sei nichts an ihm aufgefallen, am nächsten Morgen im Büro habe er sich laut Kollegen wie an jedem anderen Tag auch verhalten.

Eine weitere SMS ist auf Michaels Handy gespeichert, die um etwa 20 Uhr versendet wurde, als die Eltern der kleinen Clara verabredet waren. Die Empfängerin ist Karen Gaucke. Die Mitteilung lautet: „Wo bist du, wir waren verabredet! Ich warte noch, melde dich!“ Doch die Polizei geht davon aus, dass diese SMS eine falsche Fährte darstellen soll – und Karen Gaucke vielleicht schon tot war, als sie verfasst wurde.

Ein wackeliger Prozess

Sachverständige können berechnen, dass Karen Gaucke in ihrer Wohnung im Volgersweg ungefähr 2 Liter Blut verloren haben muss. Bei Erwachsenen besteht schon beim Verlust von einem Liter Lebensgefahr. Dass die 37 Jahre alte Mutter den Abend des 15. Juni 2006 überlebt hat, kann traurigerweise ausgeschlossen werden.

Der Prozess gegen Michael P. am Landgericht von Hannover beginnt im Januar 2007 und zieht sich über sechzehn Verhandlungstage. Ihm wird der Mord an Karen und Clara Gaucke vorgeworfen. Es gibt keine Leichen, keine Tatwaffe, keine Zeugen und keine handfesten Beweise. Die Anwältin des Angeklagten setzt auf eine Taktik, die dafür sorgen wird, dass der Kriminalfall Gaucke bis heute viele Fragen aufwirft: Ihr Mandant schweigt.

Die These der Anklage ist, dass Michael Karen in der Wohnung im Volgersweg getötet hat. Dann sei er zum Biergarten gefahren und habe mit seinen Kollegen das Fußballspiel angeschaut und sei anschließend wieder zurück in Karens Wohnung gefahren. Denn einer der Arbeitskollegen will Michaels Auto, einen Firmenwagen, an einer roten Ampel gesehen haben. Er habe sich noch gewundert, da Michael eigentlich in die ganz andere Richtung gemusst hätte. Die Anklage stellt weiterhin die These auf, Michael sei im Volgersweg wieder in den Leihwagen gestiegen und habe zuvor die Leichen von Karen und Clara Gaucke in das Auto geladen. Dann habe er sie an einen bis heute unbekannten Ort gefahren und die leblosen Körper von Mutter und Tochter versteckt. Dies wird dadurch gestützt, dass im Kofferraum des von Michael P. gemieteten Toyota winzige Blutspuren gefunden wurden, deren DNA-Profil auf das von Karen Gaucke passt.

Ein Gefängnisinsasse, mit dem Michael P. während der Untersuchungshaft Zeit verbringt, gibt an, der Angeklagte habe den Doppelmord ihm gegenüber gestanden. Er habe erzählt, er sei nach dem Besuch im Biergarten zu Karen Gaucke gefahren, habe sie in der Küche von hinten gepackt und mit einem Messer in den Hals gestochen. Dann habe er die Leiche in Müllsäcke verpackt und in den Kofferraum des Mietwagens verfrachtet, ehe er in die Wohnung zurückgekehrt sei und das Baby mit einem Kissen erstickt habe.

Doch weder nach der Anhörung von Zeuginnen und Zeugen noch nach der Präsentation der Indizien nimmt Michael P. Stellung. Selbst dem psychiatrischen Sachverständigen gegenüber schweigt er. Dieser vermutet bei ihm eine narzisstische Persönlichkeit, deren manipulative Taktiken Karen Gaucke durchschaut hat. Eine Freundin Karens erinnert sich vor Gericht, dass sie Michael tatsächlich einmal als „moralisch desorientierten, wankelmütigen und skrupellosen, ja gewissenlosen Menschen“ bezeichnet hatte. Eine Affekttat schließt der Sachverständige aus, ebenso wie eine Bewusstseinsstörung oder eine außerordentliche Belastung, die den Doppelmord an Karen und Clara Gaucke irgendwie erklären könnte.

Der Oberstaatsanwalt resümiert, die Tat sei „konkret geplant und eiskalt ausgeführt“ worden. Während Michael P. bis zuletzt davon auszugehen scheint, nicht verurteilt zu werden, solange er keine Stellung beziehen würde, wird er als voll schuldfähig eingeordnet. Somit lautet das Urteil des Indizienprozesses gegen Michael P.: Lebenslänglich.

Mit Revisionen vor dem Bundesgerichtshof und dem Bundesverfassungsgericht scheitert der Angeklagte. Das Urteil gegen Michael P. bleibt rechtskräftig.

Doppelmord ohne Leichen?

Im Fall des Doppelmordes an Karen und Clara Gaucke gibt es also ein rechtskräftiges Urteil und damit einen verurteilten Täter – doch was bis heute fehlt, sind die Leichen der beiden Opfer.

Auch wie Karen und Clara Gaucke verstorben sein sollen, konnte das Gericht nicht klären. Der Spiegel zitiert im März 2007: „Wir wissen auch nicht, ob das viele Blut in der Küche schon bei der Tötung floss oder erst später bei der Beseitigung der Leiche Gauckes. Die Blutspuren im Abfluss der Badewanne lassen dies vermuten.“

Die Ermittler starten die größte Suchaktion, die es in Niedersachsen bis zum Zeitpunkt des Verschwindens von Karen und Clara jemals gegeben hat. Doch ein Ergebnis können sie nicht erzielen. Spürhunde, Taucher und Sonarboote sind im Einsatz, für einige Monate ist der Fall Karen und Clara Gaucke überall in den deutschen Medien. Doch Mutter und Tochter sind wie vom Erdboden verschluckt.

Schon im Juli 2006, wenige Wochen nach dem Verschwinden von Karen und Clara, wird ein See im nahe Hannover gelegenen Ort Burgdorf abgesucht. Ein Zeuge will Michael P. sowie das Mietauto dort gesehen haben. Doch auch im Gewässer finden die Beamten weder die Mutter noch die Tochter. Ende August durchsuchen Ermittler einen anderen See bei Steinwedel, ebenfalls in der Region Hannover gelegen. Doch anstelle von Karen und Clara Gaucke finden sie die Leiche eines Mannes sowie dessen Auto, der seit 1992 vermisst wurde und sich selbst das Leben genommen hat. Einen weiteren männlichen Leichnam finden Ermittler im September beim Absuchen des Mittellandkanals in der Region.

Auch große Waldgebiete und die nähere Umgebung werden großflächig nach Karen und Clara abgesucht. Doch man findet nichts – keinen Körper, keine persönlichen Gegenstände, keine Kleidungsstücke. Doch kann die Polizei die Leichen von Karen und Clara Gaucke überhaupt finden?

Denn Jahre nach der Tat rückt eine neue Theorie in die Öffentlichkeit: Müssen die Ermittler gar nicht nach zwei Leichen suchen – sondern nach einer?

Clara Gaucke

Im Juni 2016 führt Anwalt Matthias Waldraff, der im Fall Karen und Clara Gaucke als Nebenkläger im Prozess auftrat, ein Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Mittlerweile sind zehn Jahre vergangen, seitdem Familie und Freunde zum letzten Mal von Karen Gaucke gehört haben. Matthias Waldraff trifft im Gespräch mit der HAZ eine Aussage, die hellhörig werden lässt: „Ich gehe inzwischen davon aus, dass Clara noch am Leben ist.“

Er möchte sich im Interview jedoch nicht dazu äußern, wo und bei wem Clara Gaucke sich seiner Einschätzung nach aufhalten könnte. Der Schritt in die Öffentlichkeit sei jedoch ein Signal an die „Betroffenen“. In einem neuen Interview, das Ende 2021 ausgestrahlt wurde, sagt er:

„Die Beweislage, wenn man sie in der ganzen Breite sieht, hatte die Möglichkeit zugelassen, dass dieses Kind zu dem Zeitpunkt (der Tat, Anm.) bei Menschen war, die dem Kind emotional sehr nahestanden. Es ging also nicht um die Frage ‘Hat Michael P. das Kind irgendwo mit- weg- oder sonst wohin gebracht?'. Das haben wir auch bis zu einem ganz bestimmten Punkt nachrecherchiert. Und dann kam das dazu, die sehr glaubhafte Schilderung, auch zum gesamten Verlauf, von Michael P., aus der Haft heraus. Abgebrochen dann durch sein Versterben, dass er dieses Kind nicht getötet hat. Und zusammen mit den anderen Indizien, unbeantworteten Fragen, die von Anfang an in der Akte waren, hat das dann bei mir einen sehr, sehr starken Zweifel, ich will es jetzt mal so verhärten, hinterlassen. Auch Dinge, die wir nachermittelt und recherchiert haben. Auch in einem bestimmten Teil Europas. Ich habe dann zu einem bestimmten Tag, nach Rücksprache mit, in diesem Fall engsten Vertrauten und Begleitern, die ich seit fünfzehn Jahren habe, gesagt: Jetzt ist Schluss. Und da jeder, alle Beteiligten, in irgendeiner Form mit diesem Zustand leben müssen, bis hin, wenn das Kind lebt, auch ein (damals, Anm.) fünfzehnjähriges Kind, das in einem anderen Kulturkreis aufwächst oder aufgewachsen ist, überhaupt nicht meine Aufgabe ist. Die Staatsanwaltschaft hat auch gesagt, ‘wir halten uns da raus, da irgendwelche Beweise zu bringen oder zu führen’. Weil das kann auch offen bleiben. Die Möglichkeit besteht. Ich glaube, dass es so ist. Das ist meine Überzeugung.“

Zum Zeitpunkt der Tat war Clara Gaucke erst wenige Monate alt. Tatsächlich wurden nie Spuren am Tatort gefunden, die darauf schließen lassen könnten, dass Clara Gaucke, wie ihre Mutter Karen, ermordet wurde. Schon zu Beginn der Ermittlungen sei der Verdacht aufgekommen, das Baby habe sich zum Tatzeitpunkt eventuell gar nicht in der Wohnung im Volgersweg aufgehalten. Und auch gegenüber einem Mithäftling soll Michael P. geäußert haben, Clara sei am Tag der Tat nicht in der Wohnung gewesen. Mit dieser Information habe er sich damals bedeckt gehalten, da er davon ausgegangen sei, ohnehin nicht verurteilt zu werden. Das widerspricht allerdings der angeblichen Aussage gegenüber einem anderen Mitinsassen, laut der er Clara erstickt haben soll.

Weiterhin fehlen bis heute wichtige Gegenstände für Clara: Sowohl ein Maxi-Cosi als auch eine Wickeltasche sowie ein eigens für Clara angefertigter Ernährungsplan sind mit den Gauckes aus der Wohnung im Volgersweg verschwunden. Ist es wirklich möglich, dass Michael P. oder eine dritte Person Clara vor dem Mord an Karen Gaucke an einen anderen Ort brachte? Doch wenn ja, was könnte mit dem Kind geschehen sein?

Obwohl der Fall aus juristischer Sicht gelöst ist, bleibt er ein Puzzle, in dem noch viele Teile fehlen.

Das Geheimnis

Auch nach dem Ende des Prozesses schreibt Karens Vater beharrlich Postkarten an den inhaftierten Michael P. Auf sie schreibt er stets den Satz: „Sagen Sie uns bitte, wo Karen und Clara sind, damit wir zur Ruhe kommen können.“ Doch der verurteilte Doppelmörder schweigt weiter. Und seit einigen Jahren ist klar, dass Michael P. diese Fragen nie beantworten können wird.

Schon 2010 hat er gesundheitliche Probleme und kämpft mit einer Hodenkrebserkrankung. Im Februar 2012 klagt er eines Abends über Atembeschwerden und wird mit einem Rettungswagen in das Göttinger Uni-Klinikum gefahren. Dort erliegt er im Alter von 43 Jahren seiner Krankheit und verstirbt an einem Lungenödem.

Über die Reaktion der Eltern von Karen Gaucke sagt deren Anwalt Matthias Waldraff: „Sie empfinden keine Genugtuung, auch wenn sie von nun an mit dem Umstand leben müssen, dass es jetzt wahrscheinlich keine endgültige Gewissheit über den Verbleib der Leichen ihrer Tochter und ihrer Enkelin geben wird“. Bis zuletzt hatte Waldraff selbst mit Michael P. bezüglich eines Treffens verhandelt. Bei diesem wollte er den Täter endlich dazu bringen, auszupacken, und Waldraff war nach eigenen Angaben sogar zuversichtlich, dass P. einem Treffen vor dem Hintergrund seines kritischen Gesundheitszustandes zustimmen würde. Doch dazu kam es nicht mehr.

Outro

Leider schließen wir diesen Fall heute auf eine ungewöhnliche, aber nicht weniger traurige Weise. Es gibt einen Täter, doch keine Leichen seiner Opfer. Aufgrund der forensischen Spuren gilt es als sehr sicher, dass Karen Gaucke leider nicht mehr am Leben ist. Was aber ist mit ihrer kleinen Tochter Clara geschehen? Das damals sieben Monate alte Mädchen wäre zum Zeitpunkt der Aufnahme dieses Videos etwa 18 Jahre alt. Dass die Angehörigen von Karen und Clara nie eine Gewissheit über das Schicksal der beiden bekommen konnten, obwohl die Schuld des Ex-Freundes juristisch doch schon bewiesen war, erscheint unglaublich und grausam. Insbesondere, da der Täter dieses Wissen mit ins Grab genommen haben muss.

Auch wenn wir von Karens Exfreund selbst nichts mehr zu den Hintergründen der Tat erfahren können, gibt es theoretisch noch ein wenig Hoffnung. Würde man Karen oder Clara Gaucke endlich finden, könnte man mittels forensischer Untersuchungen vielleicht noch neue Erkenntnisse zur Tat gewinnen – oder wenigstens einen Abschluss finden. Der Anwalt der Familie, Matthias Waldraff, glaubt allerdings nicht mehr daran, dass man den Leichnam Karen Gauckes noch finden wird.

Ich würde mir für die Hinterbliebenen von Karen und Clara Gaucke sehr wünschen, dass irgendwie doch noch einmal Bewegung in diesen Fall kommen kann.

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Quellen

  1. Gaucke-Mörder Michael P. stirbt in Haft Hannoversche Allgemeine
  2. Lebt Karen Gauckes Tochter Clara noch? Hannoversche Allgemeine
  3. England - Trinidad und Tobago, 15.06.2006 - Weltmeisterschaft - Spielbericht transfermarkt.de
  4. Der Fall Karen und Clara Gaucke Süddeutsche Zeitung, 2010
  5. »Da muss mehr gewesen sein« Der Spiegel, 2007
  6. Urteil im Doppelmordprozess: "Sie ging ihm auf den Wecker" Der Spiegel, 2007
  7. Der Fall Gaucke - Mord ohne Leichen? YouTube, 2014
  8. Angeklagter gesteht Mord gegenüber Mithäftling Nordwest-Zeitung, 2022
Fallakte
Orte
Hannover, Volgersweg, Braunschweig, Burgdorf, Steinwedel, Freiburg
Region
Niedersachsen
Land
Deutschland
Jahr
2006–2012
Status
Teilweise geklärt
Fallart
Tötungsdelikt, Vermisstenfall, Familie & Partnerschaft, Kinder & Jugendliche
Personen
Karen Gaucke, Clara Gaucke, Michael P., Matthias Waldraff, Gabriele Gaucke, Hans Gaucke
Lagekarte
Kartendaten: Natural Earth