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Alle Fälle

Manchester, England, 2003

Mark und John

Ein Messerangriff unter Freunden in Manchester 2003 und ein Geflecht erfundener Chat-Identitäten.

Lesezeit etwa 11 Minuten

Worum es geht

Im Sommer 2003 wird in einer Sackgasse in Manchester der 14-jährige John schwer verletzt, sein zwei Jahre älterer Freund Mark steht neben ihm. Die Namen der beiden Jugendlichen sind zu ihrem Schutz geändert. Mark berichtet zunächst von einem fremden Angreifer, doch Überwachungsaufnahmen und Johns wechselnde Aussagen lenken den Verdacht in eine andere Richtung. Die Vorgeschichte reicht in die Chatrooms der frühen 2000er-Jahre, in denen beide Jungen enorm viel Zeit verbrachten. Vor Gericht kommt ein Geflecht aus Täuschungen ans Licht, das selbst die Ermittler fassungslos macht.

Hochhäuser bei Knott Mill, Greater Manchester
Hochhäuser bei Knott Mill, Greater Manchester. Foto: David Dixon, CC BY-SA 2.0, über Wikimedia Commons.

Intro

In diesem Video geht es um die Geschichte von Mark und John. Das sind nicht die echten Namen der beiden Jugendlichen aus Manchester in England. Ihre wahren Namen bleiben ein Geheimnis, um die beiden zu schützen. Dementsprechend gibt es auch keine Bilder von ihnen, aber der Fall ist so unglaublich, dass ihr trotzdem eure Augen nicht vom Bildschirm abwenden könnt. So etwas wie den Fall heute habt ihr noch nie gehört.

Eines Tages sind die beiden Jungs gemeinsam in Manchester unterwegs. Für Außenstehende dürften Mark und John ausgesehen haben wie zwei ganz normale Freunde, die den Abend miteinander verbringen. Doch dieser Abend ist alles andere als normal. Denn einer der beiden Jungen zieht ein Messer. Er schaut dem anderen in die Augen und sagt: „Ich liebe dich, Bruder.“ Dann rammt er es seinem Freund mit voller Wucht in den Oberkörper. Wie konnte es so weit kommen und warum ist der Fall so unglaublich?

Der Chatroom

Wie so viele Jugendliche Anfang der 2000er verbringt der 14 Jahre alte John viel Zeit in Chatrooms. Allerdings ist sein Internetkonsum so exzessiv, dass er sogar seinen eigenen Schlaf und Mahlzeiten vernachlässigt, um länger online sein zu können. Er ist vor allem nachts online und chattet manchmal mit bis zu 20 oder 30 verschiedenen Personen gleichzeitig.

Darunter ist irgendwann auch ein zwei Jahre älterer Junge namens Mark. Mark und John verstehen sich sofort gut, sie haben ähnliche Interessen und beginnen, sich regelmäßig auszutauschen. Beide haben Webcams und können sich so zumindest virtuell sehen. Genau wie John ist auch Mark nahezu süchtig nach den Chatrooms. Er ist bis zu zwölf Stunden täglich online und schreibt mit seinen Internetbekanntschaften. Nicht nur mit John, auch mit vielen anderen virtuellen Freunden.

Am 28. Juni ist Mark wieder im MSN-Chatroom unterwegs. Er schreibt mit einer Internetbekanntschaft namens Janet Dobinson. Die beiden chatten schon seit Monaten miteinander, Janet ist 44 Jahre alt und arbeitet als Agentin. Und bittet den Teenager, einen Auftragsmord zu begehen.

Mark: Du willst, dass ich ihn umbringe??

Janet: Ja.

Mark: Und ihn einfach sterben lassen …. Was soll ich zu ihm sagen? Eine [Minute] dastehen, während ich ihn ersteche?

Janet: Du liebst ihn.

Mark: Ich liebe ihn. Aber das muss getan werden?

Janet: Bring ihn an einen ruhigen Ort. Kauf ein Messer… Handschuhe.

Mark: Wo kann man überhaupt Messer kaufen??

Janet: Bei Boots.

Wenn er den Mord begangen habe, würde sie ihn auf der Polizeiwache in Empfang nehmen, so Janet. Mark soll den Mord nicht an irgendwem begehen – sondern an seinem zwei Jahre jüngeren Online-Freund John.

Am darauffolgenden Tag, den 29. Juni 2003, ist es in Manchester brütend heiß. Der Sommer hat Einzug gehalten, und die Leute genießen an diesem Sonntag das gute Wetter. In einer kleinen Sackgasse namens Goose Gren ist jedoch alles ruhig. Kaum jemand verirrt sich dorthin. Vermutlich ist es dort gespenstisch still – bis man die Schreie eines Teenagers hört.

Der Mordversuch

Als die Rettungskräfte eintreffen, finden sie John und Mark in der kleinen Gasse vor. Mark steht sichtlich erschüttert neben seinem schwer verletzten Freund. John ist in einem sehr schlechten Zustand. Eine Stichwunde in der Brust ist glücklicherweise nur oberflächlich. Eine weitere Wunde im Bauchraum ist allerdings ganze 15 Zentimeter tief. Durch den Messerstich wurden auch die Leber und die Niere des Jugendlichen verletzt. Er hat schwere innere Blutungen, die lebensgefährlich sind.

Johns Freund Mark gibt an, ein junger Mann sei auf die beiden zugekommen und habe unvermittelt begonnen, auf John einzustechen. Er kann auch noch eine Täterbeschreibung abgeben: Der Mann sei etwa Mitte 20 gewesen und habe einen schwarzen Hoodie sowie eine schwarze Jeans getragen.

Nach einigen Tagen in einem Krankenhaus in Manchester stabilisiert sich sein Zustand. Seine Eltern bemühen sich darum, dass John mit einem Psychologen über den Messerangriff sprechen kann. Aber es ist kein Psychologe frei. John wird auf eine Warteliste gesetzt – frühestens in vier Monaten könnte ein Termin für ihn frei werden, wie den Eltern mitgeteilt wird. Anstelle einer psychologisch geschulten Person versuchen nun also Johns Eltern und die Polizei, etwas aus dem 14-Jährigen herauszubekommen.

Als John nach vier Tagen auf der Intensivstation wieder sprechen kann, beginnt er langsam, über die Geschehnisse zu reden. Allerdings ändert er seine Aussagen mehrmals.

Doch schließlich ändert John seine Aussage ein letztes Mal. Und nun belastet er seinen zwei Jahre älteren Freund Mark schwer. John schildert den Angriff wie folgt: Mark habe neben ihm gestanden und ihm dann das Messer in den Bauch gestoßen. Dabei habe er John festgehalten und habe noch einmal zugestochen. Als John zu Boden gegangen sei, habe Mark sich neben ihn gekniet und ihm gesagt, er solle ihm vertrauen. John habe darum gebeten, einen Krankenwagen zu rufen, er würde sterben.

Mark habe daraufhin gesagt: „Pst, andere Leute werden dich hören, bitte sei still.“ John habe zu schreien begonnen: „Du hast mich getötet.“ Mark habe entgegnet: „Sag das nicht. Lass das nicht das Letzte sein, was du sagen wirst.“

John gibt an, er habe etwa 20 Minuten lang um sein Leben gekämpft, während Mark neben ihm gestanden habe. Dann habe Mark doch noch die Polizei angerufen und den Beamten nach ihrem Eintreffen die Beschreibung des angeblichen Täters gegeben. Die Beschreibung eines Täters, der laut Johns neuer Aussage gar nicht existiert. Es sei allein sein Freund Mark gewesen, der ihn angegriffen habe.

Zu diesem Schluss kommt auch die Polizei. Denn auf die Goose Gren ist eine Überwachungskamera gerichtet. Sie filmt jeden, der die Sackgasse betritt. Und am 29. Juni 2003 wird die Goose Gren von nur zwei Personen betreten: von Mark und John. Von dem angeblichen Fremden in einem schwarzen Hoodie ist auf den Kameraaufnahmen nichts zu sehen. Also wird Mark festgenommen – wegen des versuchten Mordes an seinem Freund John.

Nach einigen Tagen kann John aus dem Krankenhaus entlassen werden. Seine Verletzungen werden ihm noch eine Weile Probleme bereiten, aber er ist auf einem guten Weg der Besserung und kann sich zuhause weiter erholen. Die Überwachungskamera an der Goose Gren bleibt natürlich auch nach dem Angriff auf John intakt. Die Polizei schaut sich die Tapes gelegentlich an – und entdeckt etwas Merkwürdiges. Denn der 14-Jährige John kehrt immer wieder an den Ort des Verbrechens zurück. Irgendetwas stimmt hier nicht.

Das Lügennetz

Ende 2003 steht nicht nur Mark wegen des versuchten Mordes an seinem Freund John vor Gericht. Auch John selbst ist wegen der gleichen Vorwürfe angeklagt. Es ist das erste Mal in der britischen Rechtsgeschichte, dass jemand wegen eines versuchten Mordes an sich selbst angeklagt wird. Und die Geschichte des Falles von Mark und John ist unglaublich.

Während des Prozesses wird offengelegt, dass John sich ein vorher nie dagewesenes Konstrukt aus Lügen aufgebaut hat: John ist der Junge, der erstochen wurde, er hat Dutzende Fake-Personas erfunden, unter deren Identität er in den Chatrooms mit Mark geschrieben hat. Für jeden einzelnen Charakter hatte er einen eigenen Idiolekt, eine umfangreiche Hintergrundgeschichte, Marotten und Eigenarten. Eine Datenspezialistin der Polizei sagt aus, Johns verschiedene Online-Personas seien so subtil ausgearbeitet gewesen, dass selbst sie als Fachfrau nicht hätte erkennen können, dass all diese Personas aus demselben Gehirn entsprungen sind.

Als John Mark erstmals kontaktiert, gibt er vor, eine junge Frau namens Rachel zu sein. Er sorgt dafür, dass Mark Gefühle für Rachel entwickelt. Dann stößt er selbst in den Chatroom hinzu und stellt sich selbst als Rachels Bruder vor. Obwohl Rachel ja gar nicht existiert. Für John ist es der perfekte Vorwand, engeren Kontakt zu Mark aufzubauen und ein Vertrauensverhältnis zu entwickeln. Als Mark Rachel nach einem Treffen fragt, sitzt John in der Zwickmühle.

Denn Rachel existiert ja gar nicht. Also behauptet John, er und seine angebliche Schwester Rachel würden von einem Stalker bedroht werden. Dieser Stalker wolle die beiden umbringen und sich an ihnen vergehen. Obwohl Mark John und Rachel natürlich noch nie in seinem Leben gesehen hat, sind ihm diese Internetbekanntschaften so wichtig, dass er alles dafür tun möchte, um ihnen zu helfen. John gibt vor, der Stalker würde von ihm Masturbationsvideos fordern.

Mark bietet an, diese Videos an Johns Stelle aufzunehmen und den Stalker so zufriedenzustellen. Tatsächlich tut er das dann auch. Doch John erklärt Mark, der Stalker habe Rachel gefunden und umgebracht. Marks Hilfsversuch sei zu spät gekommen. John schreibt ihm: „Der hat ihr in den Bauch getreten, ihren Kopf unter Wasser getaucht. Dann raus. Eiskalt…. Sie hat meine Laken durchgeblutet! Du warst nicht für sie da. Wie sehr sie auch nach dir geschrien hat.“

Was rückblickend geschildert hanebüchen und nach einem offensichtlichen Fake klingt, ist für Mark damals vermeintliche Realität. Man darf nicht vergessen, dass der Fall sich im Jahr 2003 abspielt, als es noch kaum Aufklärung über die Gefahren im Internet gibt. Mark glaubt, dass alles, was John sich ausdenkt, wirklich existieren würde. Und damit auch, dass Rachel, das Mädchen, in das er sich im Chatroom verliebt hat, ermordet wurde. Dass Rachel nie existiert hat und nur von John erfunden wurde, ahnt er nicht.

Im Laufe der nächsten Wochen und Monate erfindet John immer neue Personas, die er in den Chatroom einführt und auf Mark loslässt: Lyndsey East, Rachel East, Kevin McGregory, Dave McNeil und schließlich die angebliche Agentin Janet Dobinson. Keine dieser Personen existiert wirklich, sie alle wurden von John erfunden. Aber sie sind so überzeugend, dass der 16 Jahre alte Mark zu keiner Sekunde an ihrer Existenz zweifelt. Mehr noch, er fühlt sich zu ihnen hingezogen. Und als die vermeintliche Geheimagentin Janet Dobinson Marks Potenzial als Agent attestiert, fühlt er sich geschmeichelt. Er könne schon im nächsten Jahr als Agent zum Millionär werden, schreibt John ihm unter seiner Online-Identität.

Parallel dazu beginnen Mark und John, sich im echten Leben zu treffen. John gibt immer noch vor, der Bruder der frei erfundenen, angeblich kaltblütig ermordeten Rachel zu sein. Vor Gericht sagt John aus, er sei selbst überrascht gewesen, dass Mark ihm sein erfundenes Universum geglaubt hat. John bewundert Mark. Der ältere Junge sieht gut aus, und John fühlt sich zu ihm hingezogen, gleichzeitig empfindet er sich selbst aber als nicht gut genug für ihn. Einmal übernachtet Mark bei John, die beiden kommen sich bei diesem Besuch auch körperlich nahe.

Einige Zeit später setzt John – unter der Identität der Top-Agentin Janet Dobinson – Mark auf sich selbst an. John hätte einen Hirntumor und würde bald sterben.

Er würde mehrere Milliarden britische Pfund hinterlassen, und der britische Geheimdienst sei deshalb in höchster Alarmbereitschaft. Sein angebliches Milliarden-Erbe würde in einem Safe auf dem Grund des Atlantischen Ozeans liegen, der nur durch einen Zahlencode zugänglich sei. John sei die einzige Person auf der Welt, die diesen Zahlencode kennen würde. Wenn Mark John umbringen und die Safe-Kombi entlocken würde, würde Mark 80 Millionen Pfund und eine Anstellung beim britischen Geheimdienst bekommen. Der damalige Premierminister Tony Blair würde sich sicherlich dankbar für seinen Dienst gegenüber dem Land zeigen. Um diese Geschichte zu stützen, schreibt der echte John Mark ebenfalls, er habe einen tödlichen Hirntumor, es stünde nicht gut um ihn.

Als die Polizei all das über Wochen hinweg in mühevoller Kleinarbeit aufdeckt, sind die Ermittler fassungslos. Einen Fall wie diesen hat es noch nie gegeben. Denn weil Janet Dobinson, die angebliche Agentin, nur eine Erfindung von John ist, hat er quasi selbst seinen eigenen Mord in Auftrag gegeben. Oder hat Mark vielmehr dazu angestiftet. Mark erfährt erst vor Gericht, dass all die Personen, mit denen er über Monate hinweg gechattet hat, nicht existieren.

Dass sie alle nur Erfindungen von John waren. Seine Internetliebe Rachel, die angebliche Agentin Janet und zahlreiche andere Personen, denen er teilweise seine intimsten Geheimnisse anvertraut hat. So sehr man Mark seine Naivität vorhalten kann, in diesem Moment der Enthüllung muss eine Welt für ihn zusammengebrochen sein.

All diese Personen hat John nur erfunden, damit sie alle gemeinsam Mark davon überzeugen können, John zu ermorden. Weil John selbst nicht mehr leben wollte. Seit seiner Kindheit hat er schwere Depressionen und schon als Jugendlicher Probleme, seinen Alltag zu bewältigen. Er sah für sich keinen Ausweg mehr und wollte deshalb Mark davon überzeugen, ihn zu ermorden – damit sein Leben ein Ende haben würde.

Vor Gericht werden sowohl Mark als auch John schuldig gesprochen. Da beide minderjährig sind, kommen beide mit einer Menge Auflagen, aber einer Bewährungsstrafe davon. Keiner der beiden darf mehr unbeaufsichtigt das Internet benutzen. Außerdem dürfen beide keinen Kontakt zueinander aufnehmen.

Outro

Dieser Fall ist wohl einer der bizarrsten Kriminalfälle, die wir bislang auf dem Kanal hatten. Dass der Mordversuch, den John an sich selbst inszeniert hat, gescheitert ist, war ein großes Glück. Er hat nicht nur nahezu sein eigenes Leben zerstört, sondern auch das von Mark. Mich würden eure Gedanken zu dem Fall sehr interessieren. Hinterlasst also gern einen Kommentar. Ganz nebenbei unterstützt ihr so den Kanal. Denn jegliche Aktivität regt den Algorithmus an und sorgt dafür, dass dieses Video neuen Zuschauern vorgeschlagen wird. Und darüber würde ich mich natürlich sehr freuen. Vielen Dank für eure Unterstützung und bis zum nächsten Mal. Ciao.

Quellen

  1. How a 14-Year-Old Planned His Own Execution in MSN Chatrooms—and Made His Friend Do It Vanity Fair, 2006
  2. Internet 'murder' boys told: Never see each other again Manchester Evening News, 2007
  3. The boy who incited his own murder Crime+Investigation
Fallakte
Ort
Manchester
Region
England
Land
Großbritannien
Jahr
2003
Status
Gelöst
Fallart
Internet & Social Media, Kinder & Jugendliche, Betrug & Täuschung, Tötungsdelikt
Personen
Mark, John
Lagekarte
Kartendaten: Natural Earth