Zum Inhalt
InsolitoFallarchivAlle FälleKarteSpiele
Alle Fälle

Port Elliot, South Australia, 2007

Carly Ryan

Eine 15-jährige Australierin verliebt sich online in einen Jungen, der nicht der ist, der er vorgibt.

Lesezeit etwa 21 Minuten

Worum es geht

Die Australierin Carly Ryan lernt 2005 auf MySpace einen angeblich 18-jährigen Jungen namens Brandon Kane kennen und verliebt sich in ihn, ohne ihm je begegnet zu sein. Bald meldet sich auch sein vermeintlicher Vater Shane, der sogar das Vertrauen ihrer Mutter Sonya gewinnt. Im Februar 2007 verabschiedet sich die 15-Jährige zu einer Übernachtung bei einer Freundin und wird am nächsten Morgen tot an einem Strand bei Port Elliot gefunden. Die Ermittler verfolgen Spuren aus dem Netz und von Überwachungskameras bis zu der Frage, wer wirklich hinter den Profilen steckte. Der Fall gilt als einer der ersten tödlichen Fälle von Online-Grooming in Australien und führte später zu einem eigenen Gesetz.

North Terrace in Adelaide
North Terrace in Adelaide. Foto: Adam.J.W.C., CC BY-SA 2.5, über Wikimedia Commons.

Intro

Die Australierin Carly Ryan ist fünfzehn Jahre alt – und zum ersten Mal so richtig verliebt. Stundenlang sitzt die Schülerin im Jahr 2006 vor dem Familiencomputer in der Küche, um mit ihrem Freund zu chatten. Schon seit Monaten ist sie hin und weg von ihm. Er heißt Brandon Kane – er kommt eigentlich aus Texas, wohnt nun aber im australischen Victoria. Er spielt Gitarre, bewegt sich in der Emo-Subkultur und scheint ein tiefgründiger, nachdenklicher Typ zu sein – es ist kein Wunder, dass es Carly so schwer erwischt hat.

Doch es gibt da eine Sache, die Carly nicht über ihren Freund weiß: Brandon Kane existiert überhaupt nicht. Hinter der Online-Identität steht jemand ganz anderes. Und diese Person hat einen besonderen Helfer…

Happy Birthday

2005 ist die Emo-Subkultur auf ihrem Höhepunkt. Nicht nur in Deutschland, den USA oder Großbritannien hat die Szene Einzug gehalten, sondern auch im weit entfernten Australien. Dort lebt die 15 Jahre alte Carly Ryan mit ihrer Mutter und einem jüngeren Bruder in einer Kleinstadt namens Stirling in Adelaide. Carly geht in der Emo-Szene voll auf – sie stylt ihr Äußeres entsprechend und entdeckt am laufenden Band neue Lieblingsmusik. Sie färbt ihre Haare, kombiniert dunkle Klamotten mit knallbunten Accessoires und sammelt T-Shirts von ihren Lieblingsbands. Sie ist einfach ein ganz normales Mädchen, das Mitte der 2000er versucht, sich selbst auszuprobieren – und sie wächst genau in die Generation Internet hinein.

Zu dieser Zeit kommen die ersten sozialen Netzwerke auf, und die mit Abstand größte von ihnen ist MySpace. Auch Carly ist dort unterwegs – hier kann sie sich mit Freunden vernetzen und ist in Sachen Emo- und Alternative-Kultur immer auf dem Laufenden. Und natürlich wird, wie es in den 2000ern so üblich ist, stundenlang gechattet. Oft einfach mit Freundinnen und Freunden – auch wenn man die schon tagsüber in der Schule gesehen hat; irgendetwas gibt es immer zu bequatschen. Aber auf MySpace ist es auch sehr einfach, mit neuen Leuten in Kontakt zu kommen.

Carlys Mutter Sonya weiß, dass ihre Tochter im Internet unterwegs ist, genau wie all ihre gleichaltrigen Freundinnen auch. Sonya hat auch ein einigermaßen gutes Auge auf die ganze Sache. Der Familiencomputer steht nämlich mitten in der Küche, viel mit heimlichem Surfen ist da also nicht drinnen. Und damals, 2005, ist eh noch niemandem so richtig klar, wie riesig das Internet eigentlich ist und was für Gefahren und Risiken damit einhergehen.

Deshalb hat Carly auch keine Skrupel, sich auf MySpace mit neuen Leuten anzufreunden. Und tatsächlich lernt sie genau dort ihre große Liebe kennen, als sie eine Nachricht von einem User namens KuruptKoala bekommt. Das Profil gehört zu einem 18 Jahre alten Jungen namens Brandon Kane. Und der ist ungefähr die Blaupause von dem, was Jugendliche wie Carly eben so richtig beeindruckt: Er hat immer ein offenes Ohr für ihre Sorgen und immer einen guten Ratschlag parat.

Er ist etwas älter als sie und interessiert sich ebenfalls für die Emo- und Alternative-Szene, spielt Gitarre und ist ein waschechter Amerikaner. Er wurde in Texas geboren und ist später mit seinem Adoptivvater nach Australien gezogen. Trotzdem ist er noch regelmäßig in den Staaten, um seine alte Heimat zu besuchen.

Ursprünglich war es eine Freundin von Carly, die mit Brandon geschrieben hatte. Aber nachdem die Freundin ein Foto von sich und Carly gepostet hat, hat Brandon gefragt, ob Carly nicht ihrem Chat beitreten könnte. Und als das passiert ist, hat es wohl von beiden Seiten sofort gefunkt. Im Laufe des Jahres 2005 und vor allem 2006 wird der Kontakt zwischen Carly und Brandon immer intensiver. Die beiden chatten, mailen und tauschen sogar Telefonnummern aus. Eine Webcam hat Brandon nicht – aber das ist damals auch einfach noch nicht so üblich. Stattdessen schickt er Carly Videos von sich vor dem Computer und die beiden senden einander immer wieder Fotos.

Eine Freundin von Carly ist gerade erst mit jemandem zusammengekommen, den sie bei MySpace kennengelernt hat. Diese Beziehung läuft total gut. Also ist Carly ermutigt, eine Fernbeziehung mit Brandon zu starten – auch, wenn sie ihn noch nie gesehen hat. Das tut ihrer Schwärmerei keinen Abbruch. Die 15-Jährige redet am laufenden Band von Brandon. Ihre Mutter, Freundinnen und ihre Cousine werden immer auf dem aktuellen Stand gehalten, und natürlich ist ihnen klar, dass Carly sich richtig verknallt hat.

Und die Teenagerin ist ziemlich sicher, dass Brandon ihre Gefühle erwidert. Die beiden schreiben sich andauernd – es geht um Gott und die Welt. Aber meistens wollen die beiden einfach nur wissen, was der jeweils andere gerade so treibt und wie es ihm geht. Brandon fragt regelmäßig nach: „Wie läuft’s mit deinen Hausaufgaben?“ „Wie geht’s deiner Mama?“ „Alles klar bei deiner Familie?“

Brandon stellt Carly sogar seinen Vater vor – digital, versteht sich. Brandons Vater Shane vernetzt sich auf MySpace ebenfalls mit der Teenagerin. Wohl um zu schauen, mit wem sein Sohn da die ganze Zeit schreibt, denkt sich Carly. Schließlich fragt ihre Mutter Sonya bei ihr ja auch andauernd nach, wie es mit ihrem Internet-Freund läuft, und macht sich etwas Sorgen. Für Carly wirkt das wohl einfach wie so ein Eltern-Ding.

Bloß, dass Shane richtig cool zu sein scheint. Er arbeitet als Security-Guard in der Musikbranche und sagt, er habe sogar mal bei einem Konzert von Marilyn Manson gearbeitet. Carly ist als großer Fan des Musikers natürlich total beeindruckt davon, und Shane hat direkt ein paar Pluspunkte bei ihr gesammelt. Sie scheint mit Brandon nicht nur einen tollen Freund gefunden zu haben, sondern mit Shane auch noch einen coolen Schwiegervater in spe.

Alles, was den beiden Verliebten fehlt, ist ein echtes Treffen, face-to-face. Nachdem Carly und Brandon anderthalb Jahre lang täglich gechattet haben, lädt sie ihn also zu ihrem 15. Geburtstag am 31. Januar nach Adelaide ein. Doch leider fällt der Geburtstag ausgerechnet mit einer von Brandons Reisen in die USA zusammen. Dafür hat er eine andere Idee: Sein Adoptivvater hätte nämlich Zeit, Shane. Der müsste in dem Zeitraum sowieso nach Adelaide reisen, um dort beruflich etwas zu erledigen. Also könnte doch Shane vorbeikommen und stellvertretend für Brandon ein paar Geburtstagsgeschenke vorbeibringen.

Als Carly ihrer Mutter von dieser Alternative erzählt, weiß Sonya Ryan erst einmal nicht so recht, was sie damit anfangen soll. Sie äußert gegenüber Carly sogar die Sorge, dieser Shane könnte doch einfach irgendein Creep sein. Aber Carly rollt nur mit den Augen und versichert ihrer Mutter, dass der Vater von Brandon total in Ordnung sei. Sonya lässt sich von ihrer Tochter breitschlagen, aber nur unter der Bedingung, dass sie Shane erst einmal persönlich trifft, an einem öffentlichen Ort – um sich selbst einen Eindruck zu verschaffen. Für Shane ist das kein Problem.

Und so treffen sich Shane und Sonya ein paar Tage vor Carlys Geburtstag in der Einkaufsstraße von Stirling in Adelaide. Er stellt sich Sonya höflich vor und erzählt, dass er gerade der Arbeit wegen in der Stadt sei. Dabei deutet er auf sein Poloshirt, das das aufgestickte Logo der Security-Firma trägt, für die er arbeitet. Um ganz auf Nummer sicher zu gehen, lässt sich Sonya sogar Shanes Security-Pass von der Arbeit zeigen. Und alles stimmt: Name, Firma, Foto.

Shane lässt Sonyas kleinen Identity-Check, ohne zu jammern, über sich ergehen. Er sagt, er sei froh, endlich mal Carly und ihre Familie kennenzulernen, um zu sehen, mit wem sein Sohn da die ganze Zeit chattet und wer Brandon so den Kopf verdreht hat.

Nachdem sich die erste Anspannung gelegt hat, kommen die beiden gut ins Gespräch. Dabei stellt sich auch heraus, dass Shane sich noch gar keine Unterkunft in Adelaide gebucht hat. Also bietet Carlys Mutter Sonya ihm kurzerhand an, er könne im Haus der Familie übernachten. Dort angekommen versteht sich Shane mit allen gut – allen voran natürlich mit Carly. Vor ihrer Geburtstagsfeier gehen sie und Shane sogar noch zusammen shoppen, und der Vater ihres Internet-Freundes spendiert ihr ein paar neue Outfits. Es scheint also alles bei bester Ordnung zu sein.

Doch am Abend der Geburtstagsparty scheint die Stimmung irgendwie zu kippen: Als Carly mit ihrem Ex-Freund ins Gespräch kommt, der ebenfalls eingeladen wurde, reagiert ausgerechnet Brandons Vater Shane total eingeschnappt. Er beschwert sich, Carly sei „zu fucking beschäftigt“ zu reden und dann würde er eben erst mal gar nicht mehr mit Carly sprechen. Stattdessen, so droht er, werde er seinem Sohn Brandon erzählen, dass Carly hinter seinem Rücken ausgerechnet mit ihrem Ex redet. Und einer der Partygäste überhört noch etwas Merkwürdiges. Nämlich, wie Shane zu der frisch 15 Jahre alten Carly sagt: „Ich liebe dich. Ich würde niemals zulassen, dass dir etwas zustößt, du bist wunderschön.“

Kontaktverbot

Leider ist das noch nicht alles. Denn Carlys Mutter findet Shane und die 15-Jährige am Tag nach der Geburtstagsparty gemeinsam in Carlys Bett. Zwar sind beide vollständig bekleidet, aber wenn ein 48 Jahre alter Mann mit einer Minderjährigen gemeinsam in einem Bett geschlafen hat, ist dieses Detail hinfällig. Also wirft Carlys Mutter Sonya Shane hochkant aus dem Haus.

Nach der Geburtstagsparty vertraut sich Carly nämlich ihrer Mutter an. Sie berichtet, der Vater ihrer Internetbekanntschaft Brandon habe sie auf der Feier unsittlich berührt. Außerdem habe er versucht, sie zu überreden, intim zu werden. Als Carlys Mutter das hört, gibt sie Carly sofort ein Kontaktverbot und lässt auch Shane in einer E-Mail wissen, dass er von ihrer Tochter fernbleiben soll. Sollte er sich ihr noch einmal nähern, werde sie die Polizei einschalten.

Shane reagiert allerdings nicht gerade diplomatisch. In seiner Antwort beleidigt er Sonya nicht nur zweimal als Schlampe und bezeichnet die Anschuldigungen gegen ihn als Müll, sondern droht ihr auch noch mit einer Klage wegen Verleumdung. Kein Wunder, dass Sonya den Stecker zieht – nicht nur metaphorisch. Zeitweise sammelt sie Carlys Handy ein und stöpselt das Internet ab, damit dieser Shane sie nicht noch einmal kontaktieren kann.

Trotzdem fühlt sich Carly zerrissen. Sie hat Shane selbst als einen „alten, fetten, hässlichen Mann“ bezeichnet und will eigentlich nie wieder etwas mit ihm zu tun haben. Aber er ist eben auch immer noch der Vater von Brandon, in den sie nach wie vor unfassbar verliebt ist. Und Shane hat sogar erzählt, er würde planen, eine Immobilie in Adelaide zu kaufen. Damit sie und Brandon dort als richtiges Paar wohnen könnten. Sie hat Brandon zwar noch immer nicht getroffen – aber das tut ihren Gefühlen keinen Abbruch. Für die Jugendliche sind die ersten Februarwochen nach ihrem Geburtstag wahrscheinlich sehr schwierig.

Am 19. Februar 2007 verabschiedet sich Carly Ryan ein letztes Mal von ihrer Mutter. Sie erzählt Sonya, dass sie plant, für ein paar Nächte bei einer Freundin zu übernachten. Die 15-Jährige wirkt gut gelaunt und scheint sich auf den Sleepover zu freuen. Erst als Carly schon halb aus der Tür raus ist und sich noch mal zu Sonya umdreht, huscht ein merkwürdiger Ausdruck über ihr Gesicht. Sonya kann diesen Ausdruck in dem Moment nicht deuten – spürt aber, dass ihre Tochter dringend eine Umarmung braucht.

Also kommt Carly noch einmal zurückgelaufen, und die beiden umarmen sich zum Abschied gleich viermal. Erst danach und nach einem letzten „Hab dich lieb“ verlässt die 15-Jährige das Haus, um sich auf den Weg zu ihrer Freundin zu machen. Zumindest glaubt Sonya das. Stattdessen taucht Carly später an diesem Tag ganz woanders auf.

Horseshoe Bay

Am frühen Morgen des 20. Februar geht eine Frau entlang der Horseshoe Bay spazieren, einem hübschen Strandabschnitt in der kleinen Küstenstadt Port Elliot. Um diese Zeit sind noch nicht viele Leute unterwegs, und die Spaziergängerin hat den Sandstrand fast für sich allein. Vielleicht könnte sie sogar für eine morgendliche Schwimmeinheit kurz ins Meer springen, bevor später die Surfer anrücken, um das Wasser unsicher zu machen. Doch auf einmal sieht sie etwas – oder jemanden – in der Brandung des Meeres liegen.

Die Frau eilt sofort rüber, um zu schauen, ob da jemand Hilfe braucht. Doch jede Hilfe kommt bereits zu spät. Die Spaziergängerin hat gerade den Leichnam der 15 Jahre alten Carly Ryan gefunden.

Die hinzugerufene Polizei sieht schnell, dass das hier kein einfaches, tragisches Badeunglück ist, wie es sie an den Stränden Australiens immer wieder gibt. Denn der Körper des Mädchens weist verschiedene Verletzungen auf. Schon auf den ersten Blick sind blaue Flecken und Schrammen zu erkennen, später werden auch Prellungen festgestellt. Die Verletzungen befinden sich vor allem an ihrem Gesicht und Hals, aber auch an ihren Armen. Ihre Nase und das rechte Auge sind blutig und geschwollen.

Außerdem befindet sich Sand vom Strand in ihrer Speiseröhre. Ihre Kleidung wirkt, als wäre sie ihr hastig übergezogen worden, zumal ihre Unterhose aufgerissen zu sein scheint. Im knapp 80 Kilometer entfernten Stirling hatte Sonya Ryan ihre Tochter gerade erst als vermisst gemeldet, nachdem sie mitbekommen hat, dass Carly nicht bei ihrer Freundin aufgetaucht ist. Da steht wenig später schon die Polizei bei ihr vor der Haustür, um ihr die schreckliche Nachricht zu überbringen.

Schon früh verfolgt die Polizei den Ansatz, dass der Mörder im Internet zu finden sein könnte. Ermittler setzen sich vor den Computer und durchforsten den MySpace-Account von Carly, in der Hoffnung, dort Hinweise zu finden. Und damit sind sie auf genau der richtigen Spur. Auch vor Ort an der Küste kommt die Polizei der Sache näher. Man findet Material von Überwachungskameras, das Carly in Begleitung von zwei Männern zeigt; einer ist etwas jünger, der andere etwas älter.

Die Aufnahmen stammen aus Port Elliot, und genau dort findet man auch Schmuckstücke von Carly – und Blutspuren. Zeugen wollen außerdem gesehen haben, wie die beiden Männer und Carly durch die Stadt gezogen sind. Dabei hätten die beiden Männer verschiedene Leute angesprochen und gefragt, wo man ungestört etwas Gras rauchen könnte. Andere Zeugen wollen Carly und die beiden Männer in einem Halbkreis sitzend dabei beobachtet haben, wie sie sich einen Joint hin und her reichten.

In Port Elliot findet man direkt bei Carlys Schmuck noch ein besonders wichtiges Beweismittel: die Spitze eines Latexhandschuhs. Und daran kann man sogar eine männliche DNA feststellen. Weiterhin erhält man einen Hinweis auf ein Fahrzeug, das am Tag von Carly Ryans Verschwinden entlang der Küste aufgefallen ist. Auf dem Armaturenbrett hatte der Ausweis einer Security-Firma gelegen. Und genau dieses Fahrzeug führt die Polizei letztlich zu ihrem Täter. Denn zu dem Fahrzeugbesitzer gehört auch die DNA-Spur vom Latexhandschuh.

Brandon Kane

Als die Polizei den 48 Jahre alten Garry Newman in seinem Haus in Victoria verhaftet, sitzt er gerade vor dem Computer. Er chattet mit einem 14 Jahre alten Mädchen aus Perth, als Beamte ihn vom Rechner loseisen und ihm Handschellen anlegen. Auch sein 17-jähriger Sohn ist da. Er wird ebenfalls in Gewahrsam genommen. Sie sind es, die hinter dem Profil von Carlys angeblichem Internet-Freund Brandon Kane stecken. Brandon selbst existiert nicht.

Ebenso wenig wie dessen Vater Shane, als der Garry sich ausgegeben hat. Er hat für die perfekte Täuschung an alles gedacht: der Fake-Security-Ausweis, das Fake-Security-Shirt, das über anderthalb Jahre gepflegte Fake-Profil von Brandon, die Fake-Fotos und Videos von Brandon, die er an Carly geschickt hat. Unter der falschen Identität von Brandon Kane hat er es geschafft, sich das Vertrauen von Carly zu erschleichen, unter der Identität von dessen Vater Shane auch das ihrer Mutter.

Vater und Sohn sind höchst akribisch vorgegangen. Laut Medienberichten soll jeder der beiden ein eigenes Handy nur für ihre Fake-Identitäten und den Kontakt mit Carly gehabt haben.

Zuvor soll er sie auf der Website vampirefreaks.com entdeckt und daraufhin beschlossen haben, das Mädchen über MySpace zu groomen.

Garry Newman und sein Sohn sind auch die beiden Männer, mit denen Carly vor ihrem Verschwinden in Port Elliot unterwegs war. Neben den Kameraaufnahmen beweist das auch Sand aus Port Elliot, der an den Schuhen von Vater und Sohn nachgewiesen werden konnte. Garry ist auch derjenige, zu dem die DNA an der Spitze des Latexhandschuhs gefunden wird, der neben Carlys Schmuck lag. Dieser Latexhandschuh ist ein wichtiges Indiz dafür, dass er an diesem Tag geplant hatte, Carly umzubringen – sonst hat man mitten im australischen Sommer wohl kaum so etwas dabei.

Carly selbst soll geglaubt haben, sie werde an diesem Tag zum ersten Mal Brandon treffen. Darum hat Garry seinen 17 Jahre alten Sohn mitgenommen, der sich als Brandon ausgeben sollte.

Sowohl Vater als auch Sohn müssen sich vor Gericht wegen des Mordes an Carly Ryan verantworten. Vor Gericht hören die Geschworenen noch einmal die ganzen Ausmaße des Groomings. Sie hören natürlich auch von dem Besuch, den Garry Newman alias Shane dem späteren Mordopfer zum Geburtstag abgestattet hat. Und wie er dem Mädchen bei einem Shoppingtag Unterwäsche, Cocktailkleider, Taschen und Shirts spendiert hat. Eine Angestellte eines Ladens kann sich daran erinnern, dass Garry Newman die Teenagerin in die Umkleidekabine begleitet hat.

In den Augen der Staatsanwaltschaft zeigt dieser Moment eindeutig, dass der 48-Jährige sexuelles Interesse an dem Mädchen gehabt hat. Dazu kommt ja auch noch sein aggressives Verhalten, nachdem Carly auf der Party mit ihrem Ex-Freund gesprochen hat, sowie die Tatsache, dass Carly selbst ihrer Mutter den versuchten Übergriff durch Garry Newman anvertraut hat – den sie zu diesem Zeitpunkt noch für den Vater ihres Freundes hielt.

Ein weiterer Zeuge aus dem Familienumfeld von Garry Newman und seinem Sohn sagt aus, Newman habe im Februar angekündigt, zurück nach Adelaide zu fahren und Carly „fertigmachen“ zu wollen. Sowieso scheinen Vater und Sohn vor der Familie richtig ausgepackt zu haben. Am 20. Februar, dem Tag nach Carlys Verschwinden, sind die beiden nach Victoria zurückgekehrt und haben dort jemanden aus der Familie besucht. Dabei hat der Vater ein Familienmitglied darum gebeten, seine Hand zu untersuchen und zu schauen, ob sich darauf blaue Flecken erkennen lassen. Er hat auch erwähnt, dass er Carly Ryan ins Gesicht geschlagen und in Adelaide ins Wasser geworfen habe.

Der ältere Sohn von Garry Newman sagt ebenfalls gegen seinen Vater und seinen jüngeren Bruder aus. Er bestätigt, dass Newman nach seiner Rückkehr aus Adelaide mit dem Mord an Carly Ryan geprahlt habe. Er berichtet: „Er erzählte mir, dass er Carly Ryan ins Gesicht geschlagen habe, dass er sie umgebracht habe, dass er ‘die Sache erledigt’ habe. Er erzählte, er habe ihr ins Gesicht geschlagen, ihr Gesicht in den Sand gedrückt und sie danach ins Wasser geworfen.“

Garry Newman hat also gar nicht versucht, seine Taten oder Absichten zu verschleiern. Der ältere Sohn scheint sogar gewusst zu haben, warum sein Vater so sehr an der 15-jährigen Carly interessiert war. Er sagt nämlich, er habe ihn eindringlich angefleht, am Tag von Carlys Mord nicht nach Adelaide zu fahren, oder wenigstens den kleinen Bruder nicht mit in die Sache reinzuziehen. Der jüngere der beiden Söhne war wohl gerade erst wieder bei Garry Newman eingezogen, nachdem er zuvor jahrelang im australischen Foster-Care-System war.

Auch nach seiner Verhaftung war Garry Newman übrigens nicht diskreter geworden. Einen Zellengenossen soll er einmal gefragt haben, ob „Salzwasser DNA zerstören würde“, oder ob der Zellengenosse jemals „versucht habe, jemandem Kleidung anzuziehen, der sich tot stellt.“ Außerdem habe er Briefe an Familienmitglieder geschrieben, in denen er sie bat, ihm dabei zu helfen, ein Alibi zu konstruieren. In anderen Briefen beschwerte er sich darüber, dass ein paar Leute aus der Familie zur Polizei gegangen sind und gegen ihn ausgesagt haben.

Bei einer Hausdurchsuchung bei Garry Newman wurden tausende intime Aufnahmen von Kindern gefunden. Und einige handgeschriebene Notizen. Auf einem stand „Adel-slut“, darunter Carlys Kontaktdaten. Auf einem anderen stand „RIP Carly Ryan“. Außerdem taucht ein Notizbuch auf, das akribisch geführt wurde – dokumentiert sind darin mehr als 200 Online-Identitäten, unter denen Garry Newman versucht hat, sich im Internet Kindern anzunähern – immer in der mutmaßlichen Absicht, mit ihnen intim zu werden. Zweimal war es schon zu ähnlich intensiven Kontakten wie mit Carly Ryan gekommen, einmal mit einem Mädchen aus den USA und mit einem aus Singapur.

Mit dem Mädchen aus Singapur war wohl sogar ein Treffen verabredet. Allerdings hat das Mädchen glücklicherweise spontan abgesagt. Das könnte ihr das Leben gerettet haben – denn Garry Newman war über die Absage so wütend, dass er Freunden gesagt haben soll, er werde „einen jungen Typen organisieren“. Der solle das Mädchen von zuhause weglocken, und wenn er mit ihr fertig sei, würde sie „aussehen wie abgepacktes Fleisch, das man im Supermarkt kaufen kann“. Das ist nicht nur mehr als ekelhaft, sondern im Nachhinein auch ein unheilvoller Vorbote für das, was Carly Ryan angetan wurde.

Die Beweise gegen Garry Newman sind also mehr als erdrückend. Im Jugendarrest soll sich der ebenfalls inhaftierte Sohn einem Sozialarbeiter anvertraut haben. Laut seiner Version hätten er und sein Vater sich mit Carly Ryan getroffen und die drei hätten sich zum Reden an den Strand gesetzt. Als der Sohn sich weggedreht habe, sei Garry Newman auf einmal von hinten auf Carly Ryan gesprungen und habe sie in den Sand gedrückt, während er ihr immer wieder gegen den Kopf schlug. Er habe seinem Vater danach geholfen, diese ganze Sache zu vertuschen, Garry sei aber der Haupttäter gewesen.

Trotz all der Beweise gegen ihn pocht Garry Newman zu Beginn des Prozesses auf seine Unschuld. Erst im Laufe der Verhandlungen knickt er schließlich ein und legt ein verspätetes Geständnis ab. Hinsichtlich des Motivs wird vermutet, dass er sich in seinem Wahn gekränkt gefühlt hat, nachdem die 15 Jahre alte Carly sich an ihrem Geburtstag gegen ihn gewehrt und später ihre Mutter informiert hat. Garry Newman wird zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Einen Antrag auf Bewährung wird er frühestens 29 Jahre nach dem Urteil stellen können, das wäre 2039.

Sein inzwischen 19 Jahre alter Sohn hingegen wird freigesprochen. Anders als seinem Vater konnte man ihm eine direkte Täterschaft nie nachweisen. Seine Identität wurde deshalb auch nie veröffentlicht. Allerdings will das australische Medium The Advertiser Hinweise darauf bekommen haben, wer der Sohn ist – und dass er nach seinem Freispruch möglicherweise straffällig geworden ist. In dem Artikel ist die Rede von einer „Serie grotesker sexueller Übergriffe an einem Ort“, die Fälle sollen dem Grooming von Carly geähnelt haben.

Das bleibt aber ausdrücklich nur ein Gerücht und es ist zu hoffen, dass an der Sache nichts dran ist. Das letzte Update der Verteidiger des jungen Mannes war damals, dass er eine Ausbildung beginnen und mit seiner neuen Freundin umziehen wollte, um in ein neues Leben zu starten und zu heilen.

Nach der Verurteilung von Garry Newman wendet sich seine Ex-Frau an die Öffentlichkeit, wenn auch anonym. Dass sie ihre Identität geheim hält, hat gute Gründe. Sie berichtet nämlich von einer jahrelangen, gewaltvollen Ehe. Nicht nur habe Newman sie missbraucht, sie gezwungen, in einem Stripclub zu arbeiten, ihr verboten, einen Führerschein zu machen, ihr den Zugang zu ihrem eigenen Geld verweigert und sie mehrfach verprügelt. Er soll auch versucht haben, seine eigene Tochter mit Alkohol gefügig zu machen und zu missbrauchen, als sie 13 war.

Nachdem es der Ex-Frau dann doch gelang, zu fliehen und sich von Garry zu trennen, haben sie und ihre Tochter den Kontakt abgebrochen. Über die Verurteilung von Newman ist die Ex-Frau mehr als erleichtert. Dennoch ist sie wütend darüber, dass das System versagt habe. Sie berichtet, dass die Gefahr in ihrer Ehe jahrelang von niemandem ernst genommen worden sei – weder von Familienmitgliedern, noch von der Polizei, Ärzten oder weiterem Krankenhauspersonal. Für sie scheint Garry Newman eine Art tickende Zeitbombe gewesen zu sein. Vor den Warnzeichen haben zu viele Leute die Augen verschlossen.

Vielleicht auch vor den Gefahren des Internets, könnte man meinen. Heute haben viele von uns schließlich ein ganz anderes Bewusstsein für Online-Sicherheit. Das Ding ist aber: Carly Ryan war die erste Person in Australien, die jemals online in eine tödliche Falle gelockt wurde. Man vermutet sogar, dass sie weltweit eine der ersten war. Das Bewusstsein für die Gefahren im Netz war Anfang und Mitte der 2000er einfach bei weitem noch nicht so gefestigt wie heute.

Das hat sich zwar bis zu einem gewissen Maß geändert – aber Online-Grooming, Catfishing und so weiter sind noch immer auf dem Vormarsch. Und mit der Entwicklung von KI ist zu befürchten, dass das Ganze nicht besser wird.

Deshalb setzt sich Carlys Mutter Sonya auch heute noch für Online-Sicherheit ein. Sie hat als Mutter nie richtig verkraften können, dass sie ihre Tochter nicht retten konnte. Aber sie hat sich geschworen, so viele andere Kinder wie möglich vor Carlys Schicksal zu bewahren und entsprechende Aufklärungsarbeit zu leisten. Seit 2010 führt sie die Stiftung Carly Ryan Foundation. 2017 wird dank Sonya Ryan sogar ein neues Gesetz in Australien verabschiedet. Sie hat es selbst verfasst und sich für seine Rechtsgültigkeit eingesetzt. Nach ‘Carly’s Law’ ist es in Australien nun dezidiert strafbar, online gegenüber Minderjährigen unter 16 Jahren eine falsche Identität zu verwenden.

Outro

Dass dieses Gesetz sinnvoll und bitter nötig ist, zeigt sich schon kurz, nachdem es in Kraft getreten ist. Denn nur wenige Wochen später wird bereits ein vorbestrafter Mann unter diesem Gesetz angeklagt, in gleich vierzehn Fällen. Aber damit ist für Sonya Ryan die Arbeit noch nicht getan: Als politische Aktivistin ist Sonya Ryan heute auch international unterwegs. Sie pflegt unter anderem Kontakte zu Politikern in den USA, um Carly’s Law auch dort auf den Weg zu bringen.

Ich finde es immer wieder beeindruckend zu sehen, wie Hinterbliebene es schaffen, ihr Trauma umzuwandeln und sich aktivistisch zu betätigen – oder wie Sonya sogar direkt politisch. Jede jugendliche Person, die besser über die Gefahren des Internets Bescheid weiß, ist ein Erfolg – das hat sich auch fast 20 Jahre nach dem Mord an Carly Ryan nicht geändert. Wenn ihr eure Gedanken zu diesem Fall und diesem sensiblen Thema teilen mögt, würde ich mich sehr freuen, von euch zu lesen. Auch sonst freue ich mich natürlich sehr über Feedback – gern auch einfach in Form eines Likes. Und wie immer dürft ihr Insolito sehr gern kostenlos abonnieren, solltet ihr das noch nicht getan haben. Bis zum nächsten Mal, tschüss. :)

Quellen

  1. Court unmasks Carly Ryan’s killer The Australian
  2. Carly Ryan was loving and trusting. A predator used that. Mamamia
  3. Sex predator jailed for life The Sydney Morning Herald, 2010
  4. Blood stains found where teen was killed ABC News (Australien), 2009
  5. Inside story on the evidence trail that led to Carly’s killer The Age, 2025
  6. Teen acquitted of Carly Ryan murder 'deserves second chance', court hears The Advertiser
  7. Graphic website clue to Carly's death The Sydney Morning Herald, 2007
  8. Father And Son Charged In Death Of ‘emo’ Culture Girl medindia.net
  9. Man charged under 'Carly’s Law' just weeks after legislation for murdered schoolgirl Carly Ryan Nine, 2017
  10. Carly Ryan in bed with murder accused: mum ABC News (Australien), 2009
  11. Adelaide mum found paedophile with daughter before murder Daily Mail, 2017
  12. Court told dead teen's underwear torn ABC News (Australien), 2009
  13. Father guilty of Carly Ryan murder | news.com.au — Australia’s leading news site for latest headlines news.com.au
  14. Dad killed teen after she rejected him: son Nine, 2009
  15. Former wife of Garry Francis Newman speaks out The Advertiser
Fallakte
Orte
Port Elliot, Horseshoe Bay, Stirling, Adelaide, Victoria
Region
South Australia
Land
Australien
Jahr
2007
Status
Gelöst
Fallart
Tötungsdelikt, Internet & Social Media, Kinder & Jugendliche, Betrug & Täuschung
Personen
Carly Ryan, Sonya Ryan, Garry Newman, Brandon Kane
Lagekarte
Kartendaten: Natural Earth