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Leixlip, Leinster, 2018

Ana Kriegel

Im Mai 2018 verschwindet die 13-jährige Ana nach einem Treffen im Park bei Dublin.

Lesezeit etwa 23 Minuten

Worum es geht

Die 13-jährige Ana Kriegel, in Sibirien geboren und als Kleinkind von einem irischen Ehepaar adoptiert, wächst in Leixlip bei Dublin auf. Nach gesundheitlichen Problemen und Mobbing in der Schule und im Netz bekommt sie Unterstützung durch eine Jugendhilfeeinrichtung. Am 14. Mai 2018 holt ein Mitschüler sie zu Hause ab, und Ana kehrt von dem Treffen nicht zurück. Bei den Befragungen der beteiligten Jungen stößt die Polizei schnell auf Widersprüche. Der Fall wirft auch die Frage auf, wie die Justiz mit Kindern als Tatverdächtigen umgeht.

Coldblow Bridge in Lucan bei Dublin
Coldblow Bridge in Lucan bei Dublin. Foto: Ro55box, CC BY-SA 4.0, über Wikimedia Commons.

Intro

Bestimmt haben viele von euch die Netflix-Serie „Adolescence“ gesehen. In der Serie geht es um den Mord an einem Mädchen. Beschuldigt wird ein erst 13 Jahre alter Junge aus ihrer Schule. Er wird von der Polizei befragt und konfrontiert, aber er bestreitet, etwas mit der Sache zu tun zu haben. Die Serie ist rein fiktional. Aber die Thematik kommt nicht von ungefähr. Denn leider gibt es gleich mehrere Fälle, die „Adolescence“ inspiriert haben könnten. Einer von ihnen ist die Geschichte von Ana Kriegel.

Ana

Ana heißt eigentlich Anastasia. Sie wird 2004 in Nowokusnezk in Sibirien geboren. Dort verbringt sie allerdings nur ihre ersten zwei Lebensjahre. 2006 wird Anastasia vom irischen Ehepaar Geraldine und Patric Kriegel adoptiert und lebt von da an mit ihnen in Leixlip in der Nähe von Dublin. Seitdem wird sie von ihren Adoptiveltern und ihrem Umfeld meist Ana genannt.

Für Geraldine und Patric ist Ana das erste und auch einzige Kind. Die beiden kümmern sich intensiv um ihre Tochter und sind sich ihrer Pflichten und Verantwortungen bewusst. Aber manchmal gibt es im Leben eben auch Dinge, die man leider nicht vorhersehen kann. Als Ana noch in der Grundschule ist, wird in ihrem rechten Ohr ein Tumor gefunden. Der muss in einer mehrstündigen, komplizierten OP entfernt werden. Leider bleibt der Eingriff nicht ohne Folgen und Ana verliert auf diesem Ohr den Großteil ihres Hörvermögens. Zudem bleibt eine große Narbe an der Seite ihres Kopfes zurück.

Die Minderung ihres Hörvermögens erschwert auch ihren Sprachlernprozess. Ohnehin ist Ana ja erst als Kleinkind nach Irland gekommen. Klar, Kinder können Sprachen schneller spielerisch lernen als Erwachsene. Dennoch sind die gleichaltrigen Kinder Ana eben diese zwei entscheidenden Jahre voraus. Und eine Hörminderung macht das Ganze auch nicht einfacher.

Leider geht es mit den gesundheitlichen Problemen noch weiter. Als sie in die Pubertät kommt, entwickelt Ana eine chronische Krankheit. Ihre Knochen wachsen schneller als ihre Muskeln, wodurch im ganzen Körper Schmerzen auftreten. Und Ana wächst sehr schnell. Mit dreizehn ist sie schon größer als ihr Vater Patric.

Leider macht das Ana zur Zielscheibe von Gleichaltrigen, die es nicht gut mit ihr meinen. In den Sommerferien nach der sechsten Klasse beginnt das Mobbing. Online wird sie über Messenger mit anzüglichen Nachrichten bombardiert, in anderen wird sich über ihre Körpergröße oder ihre Narbe lustig gemacht. Auch der Umstand, dass Ana adoptiert wurde, wird benutzt, um sich über sie lustig zu machen.

Ana tut das einzig Richtige: Sie hält ihre Eltern über die Online-Übergriffe auf dem Laufenden. Geraldine und Patric wenden sich daraufhin an Anas Schule. Diese nimmt von der Situation zwar Kenntnis, aber es ändert sich leider nichts. Einmal wird Ana auf dem Heimweg sogar von vier Jungs verfolgt. Einer von ihnen bedrängt sie und macht anzügliche Bemerkungen und schlägt sie. Der Vorfall wird bei der Polizei gemeldet und der Junge bekommt eine Verwarnung.

Aber für Ana selbst ändert das wenig. Es ist kaum verwunderlich, dass sie beginnt, sich zurückzuziehen. In der Schule gerät Ana immer wieder in Streitereien. Manchmal sind die anderen der Auslöser, manchmal auch Ana selbst. Einmal kassiert sie sogar einen Schulverweis. Ein anderes Mal erwischt Geraldine sie dabei, wie sie sich vor der Schule selbst ein blaues Auge schminkt. Für ihre Eltern ist das ein Schrei nach Aufmerksamkeit. Ana habe sich ungesehen gefühlt, also habe sie sinnbildlich versucht, ihr Innerstes nach außen zu tragen. Aber vielleicht ist das auch ein Ausdruck für etwas anderes.

Wie herauskommt, wird Ana online nämlich nicht nur von Mitschülern gemobbt, sondern auch von sich selbst.

Sie hat mehrere Fake-Accounts erstellt, über die sie sich selbst fiese Nachrichten schickt. Auch das kann ein Hilferuf oder ein Bedürfnis nach Aufmerksamkeit sein. Es kann aber auch ein Ausdruck von einem richtigen Hass gegen sich selbst sein. Oder der Versuch, die Kontrolle zu behalten, indem Ana das Mobbing selbst inszeniert. Was auch immer der Auslöser sein mag: Das ist auf jeden Fall ein auffälliges und ernstzunehmendes Verhalten. Das begreifen auch Geraldine und Patric, als sie von den Fake-Accounts erfahren. Von da an muss Ana Geraldine die Passwörter für all ihre Online-Konten geben. Ansonsten wird Anas Handy einkassiert, so das Ultimatum.

Die Kriegels suchen auch nach weiterer Hilfe für Ana. Sie melden sich bei den Kildare Youth Services, einer Organisation, die sich um hilfsbedürftige Kinder und ihre Familien kümmert. Dort werden die Kriegels allerdings abgewiesen. Denn Ana hat sich zuvor bei einer Gelegenheit selbst verletzt. Damit ordnen die Kildare Youth Services den Fall als zu komplex ein und verweisen die Familie an Pieta House. Das ist eine weitere irische Wohltätigkeitsorganisation, die sich um genau solche Fälle kümmert.

Ana wird in das Programm aufgenommen und hat erst einmal sechs Sprechstunden-Termine. Dort macht Ana einen den Umständen entsprechend guten Eindruck. Eine Selbstgefährdung schließen die Experten aus. Deshalb darf Ana dann doch bei den Kildare Youth Services aufgenommen werden. Dort arbeiten Freiwillige mit Teenagern in emotional schwierigen Situationen zusammen und unterstützen die Kinder bei Konfliktbewältigungen. Ana besucht regelmäßig Sitzungen und Veranstaltungen, die Hilfe scheint ihr gut zu tun. Ana kann eigentlich sehr stolz auf sich sein.

Sie ist erst 13 Jahre alt, und trotzdem arbeitet sie schon an ihren Problemen und lässt sich helfen. Etwas, das oft einfacher gesagt als getan ist. Aber leider wird am 14. Mai 2018 all dieser Fortschritt mit einem Mal zerstört.

Das Verschwinden

Eigentlich startet der Tag ganz normal. Es ist ein Montag. Das vorangegangene Wochenende war schön: Geraldine und Ana haben zusammen Popcorn gemacht und Filme geschaut, am Sonntagabend gab es ein kleines Familientreffen, und Ana und ihre Cousine haben zusammen im Kinderzimmer ein paar YouTube-Videos gedreht. An diesem Montag hat Ana am Nachmittag einen Termin bei den Kildare Youth Services. Geraldine schreibt ihr morgens noch schnell eine Erlaubnis für die Schule, den Unterricht früher zu verlassen, damit sie zu dem Termin kann. Dann verabschieden sich die beiden.

Ana geht zur Schule und hat einige Stunden Unterricht. Vor ihrem Termin um 14:30 Uhr geht sie noch einmal kurz nach Hause, um dort etwas zu essen. Der Termin läuft wie geplant, danach kommt Ana wieder zurück nach Hause. Um 16:02 Uhr ruft sie bei Geraldine auf der Arbeit an. Das ist soweit nicht ungewöhnlich. Mutter und Tochter haben im Laufe des Tages immer mehrmals Kontakt, schreiben sich SMS oder telefonieren auch mal kurz. Geraldine kann da aber gerade nicht ans Handy.

Sie ist gerade im letzten Meeting des Tages und schreibt schnell, dass sie gleich zurückrufen würde. Sorgen muss sie sich keine machen. Ana ist ja nicht allein zuhause, ihr Vater Patric ist da.

Der öffnet um 16:55 Uhr die Haustür der Familie, als es klingelt. Vor der Tür steht ein Junge, den wir in diesem Video Ben nennen werden. Ben fragt, ob Ana da sei, also holt Patric seine Tochter nach unten. Ana ist überrascht, dass Ben bei ihr zuhause auftaucht. Befreundet sind die beiden nicht. Patric sieht, wie die beiden Kinder kurz miteinander reden. Danach rennt Ana nach oben und holt sich einen Pulli aus ihrem Kinderzimmer. Sie sagt Patric, sie würde kurz nach draußen gehen.

Patric findet das eigentlich keine gute Idee. In der kommenden Woche stehen bei Ana ziemlich viele Klassenarbeiten an, und wenn es nach ihm und Geraldine ginge, würde Ana ausgiebig dafür lernen. Aber Ana verspricht Patric, nicht lange wegzubleiben. Also gibt er nach. Eine halbe Stunde mehr oder weniger lernen, darauf kommt es letztendlich wahrscheinlich auch nicht an. Und wenn Ana nach all den Mobbing-Erfahrungen etwas mit einem gleichaltrigen Kind unternehmen möchte, ist das ja auf dem Papier erst mal eine sehr positive Sache. Und auch Ana scheint gute Laune zu haben und sich sehr über die unverhoffte Verabredung zu freuen.

Noch bevor Patric fragen kann, wo Ana und Ben denn hin wollen, sind die beiden schon aus dem Haus geschlüpft. Patric sieht die zwei aus dem Fenster noch in Richtung St. Catherine’s Park laufen. Es wird das letzte Mal sein, dass er seine Tochter sieht.

Etwa eine halbe Stunde später, gegen 17:30 Uhr, kommt Geraldine nach Hause. Ana ist noch nicht wieder da. Sie hat von unterwegs noch versucht, bei Ana anzurufen. Aber der Anruf um 17:10 Uhr ist direkt auf die Mailbox weitergeleitet worden. Da Geraldine eh fast schon zuhause war, hat sie es kein weiteres Mal versucht und auch keine Nachricht hinterlassen. Zuhause angekommen erzählt Patric ihr, dass Ana vor etwa einer halben Stunde von Ben abgeholt worden sei.

Und Geraldine hat sofort ein ungutes Gefühl. Das klingt vielleicht etwas gemein, aber Ana wurde noch nie zuvor einfach so von einem Klassenkameraden abgeholt. Ana hatte kaum Freunde. Die paar Mädchen, die mit Ana eng waren, kannten Geraldine und Patric selbst gut. Mit Ben hatte Ana aber noch nie etwas unternommen. Und genau das macht Geraldine so stutzig.

Sie schreibt Ana direkt eine SMS, dass sie jetzt zuhause ist. Als Ana nicht antwortet, schickt sie ein paar Minuten später eine zweite Nachricht hinterher. Sie schreibt: „Antworte mir sofort oder ich rufe die Polizei“ Das meint Geraldine nicht wörtlich. Eigentlich ist das nur ein Versuch von ihr, Anas Aufmerksamkeit zu bekommen. Denn sie macht sich schreckliche Sorgen um ihre Tochter. Gleichzeitig fühlt sie sich wie eine Helikoptermutter. Kaum ist das Kind einmal eine halbe Stunde aus dem Haus, gerät sie direkt in Panik. Aber leider liegt Geraldine mit ihren Instinkten nicht falsch.

Da Patric ja gesehen hat, wie Ana und Ben in Richtung des Parks gegangen sind, geht Geraldine selbst mal in die Richtung. Sie spaziert die Straße hinunter, dann durch den Park und hält vergeblich Ausschau nach ihrer Tochter. Dann startet sie eine zweite Suchrunde und setzt sich ins Auto, um auch in der erweiterten Umgebung nach Ana zu sehen. Das Problem ist aber auch, dass Geraldine und Patric Bens Nachnamen nicht kennen. Wieder zurück zuhause bekommen sie das erst über eine Facebook-Suche heraus. Die zwei telefonieren herum, um Bens Adresse und Nummer herauszufinden, aber auch das ohne Erfolg.

Auf Rat eines befreundeten Polizisten schalten die beiden um 21 Uhr die Polizei ein. Die Ermittler haben natürlich andere Möglichkeiten als die Kriegels und bekommen Bens Adresse sehr schnell heraus. Dort kann Ben noch am selben Abend befragt werden. Er berichtet passend zu Patrics Erzählungen, dass er Ana um kurz vor fünf bei ihr zuhause abgeholt habe. Die beiden seien zusammen in den St. Catherine’s Park gegangen. Um 17:40 Uhr sei Ben aber nach Hause gegangen. Ana habe noch im Park bleiben wollen.

Spätestens jetzt machen sich nicht nur Geraldine und Patric große Sorgen, sondern auch die irische Polizei. Denn wenn Ana zuletzt allein im Park war, seitdem nicht nach Hause gekommen und nicht zu erreichen ist, ist das natürlich extrem besorgniserregend. Auch über Nacht kehrt Ana Kriegel nicht nach Hause zurück.

Die Suche nach Ana

Am Morgen des 15. Mai wird direkt weiter gesucht. Und weil Ben die letzte Person ist, die Ana vor ihrem Verschwinden gesehen hat, fährt die Polizei noch einmal zu ihm nach Hause und befragt ihn. Dieses Mal rückt Ben ein paar mehr Infos heraus. Ana am Vortag abzuholen, sei nicht seine eigene Idee gewesen. Ein anderer Junge, Alex, habe ihn geschickt. Jeder habe gewusst, dass Ana auf Alex gestanden habe. Alex hat diese Gefühle aber nicht erwidert. Alex habe Ben gebeten, ein Treffen zwischen ihm und Ana zu organisieren, damit Alex Ana eine persönliche Abfuhr erteilen kann.

So hart das klingen mag, die Polizei dürfte erst einmal gedacht haben, dass das Ganze eben typischer Kinderkram ist. Mit dem feinen Unterschied, dass Ana nach diesem arrangierten Treffen eben nicht wieder zurück nach Hause gekommen ist. Ben sagt, er habe Ana in den Park gebracht, wo Alex auf die beiden gewartet habe. Gegen 17:40 Uhr sei Ben wieder zurück nach Hause gegangen. Er habe Ana allein mit Alex im Park gelassen. Ben geht an diesem Morgen mit einem Polizisten in den Park. Dort soll er zeigen, wo er und Ana lang gelaufen sind. Der Polizist markiert alle wichtigen Punkte auf einer GPS-Karte.

Mit Bens neuer Aussage hat die Polizei nun einen weiteren Zeugen, der befragt werden muss. Am Nachmittag bittet die Polizei Ben und Alex, noch einmal gemeinsam in den St. Catherine’s Park zu kommen. Die Jungs sollen alles ganz genau erklären. Wo sie mit Ana lang gelaufen sind, wer sich wann wo verabschiedet und wer Ana zuletzt wo gesehen hat. Die Jungen gehen vor, die Polizisten folgen mit einigem Abstand. Schnell fällt auf, dass die Route, die Ben und Alex laufen, von dem Weg abweicht, den Ben dem Polizisten bei seiner Befragung am Morgen gezeigt hat.

In der Nähe der BMX-Rampe im Park bleiben die beiden stehen. Sie werfen sich verstohlene Blicke zu, sagen aber nichts weiter. Offensichtlich sind die beiden Jungs verunsichert. Ist ja auch erst einmal nicht verwunderlich. Schließlich wird man als 13-Jähriger nicht alle Tage in eine Vermisstensuche mit einbezogen. Aber Ben und Alex sind auch die letzten Spuren im Fall Ana Kriegel. Also geht es mit den Befragungen der beiden Jungs weiter. Getrennt voneinander, versteht sich. Und dabei stellt sich schnell heraus, dass hier mehrere Dinge nicht zusammenpassen.

Alex erzählt die Geschichte nämlich ein bisschen anders als Ben. Ben sei einer seiner besten Freunde und habe am Nachmittag des 14. Mai bei ihm angerufen. Alex sei eh langweilig gewesen, also hätten die Jungs beschlossen, sich im Park zu treffen. Als Alex dort angekommen sei, sei er überrascht gewesen, dass Ben nicht allein war. Er sagt, er habe Ana aus der Schule gekannt. Ana habe Alex gefragt, ob er mit ihr gehen wollen würde.

Alex sagt, das sei eher unangenehm gewesen. Ana habe ihn das schon mal gefragt. Alex erzählt, er habe Ana im Park höflich gesagt, dass es ihm leid tue, er aber kein Interesse habe. Daraufhin sei Ana eingeschnappt gewesen und weggegangen.

Das klingt ganz anders als die Story von Ben, der ja gesagt hat, Alex habe ihn dazu aufgefordert, Ana in den Park zu bestellen, damit Alex ihr eine Abfuhr geben kann. Die Story passt erst ab einem späteren Punkt wieder zusammen. Alex und Ben sind sich darin einig, dass Ben als erstes nach Hause gegangen sei. Alex sei dann noch ein bisschen allein durch den Park gelaufen. Dann hätten ihn auf einmal zwei Männer angegriffen und verprügelt.

Dieser Punkt wirkt für die Ermittler total an den Haaren herbeigezogen. Alex schmückt seine Erzählungen so aus, dass das Ganze klingt wie eine Szene aus einem Hollywood-Film. Nicht sehr realistisch. Allerdings hat Alex tatsächlich Verletzungen. Ein Kratzer im Gesicht, ein paar blaue Flecken an seinem Arm und seinem Bein. Alex beharrt auf seiner Version der Ereignisse und erstellt mit den Ermittlern sogar Phantombilder der Angreifer. Die Polizei sichtet daraufhin Material der Überwachungskamera rund um den Park.

Niemand, der zu den Beschreibungen passt, hat den St. Catherine’s Park am 14. Mai betreten. Auch Zeuginnen und Zeugen, die im Park unterwegs waren, haben solche Männer nicht gesehen. Die Polizei behält Alex’ Kleidung und sein Handy da, um sie auf DNA-Spuren der vermeintlichen Täter zu untersuchen. Aber irgendetwas scheint da nicht zu stimmen.

Während die Polizei immer sicherer wird, dass Ben oder Alex oder alle beide nicht mit der ganzen Wahrheit herausrücken, ist eine Sache bald leider klar: Ana Kriegel ist tot.

Drei Tage nach ihrem Verschwinden, am 17. Mai 2018, wird der Leichnam des Mädchens gefunden. In der Nähe des St. Catherine’s Park, wo sich Anas Spur verliert, gibt es eine alte Ruine. Von den Bewohnern vor Ort wird sie Glenwood House genannt. (Sie befindet sich im Stadtteil Lucan.) Im 20. Jahrhundert war das Haus wohl mal ein stolzes Anwesen, mittlerweile ist es aber zu einer Art Lost Place geworden und zu einer Ruine verfallen. Viele Jugendliche kommen dorthin, um sich ein bisschen umzusehen, Fotos zu machen oder einfach Zeit dort zu verbringen.

In den letzten Tagen sind die Suchtrupps systematisch vom Park aus ausgeschwärmt. Am Morgen des 17. Mai steht unter anderem Glenwood House auf dem Durchsuchungsplan. Dort nimmt der Vermisstenfall sein wohl schlimmstmögliches Ende. In einem der Räume liegt der unbekleidete Leichnam von Ana. Um ihren Hals ist ein Stück Klebeband gewickelt, ein paar ihrer Finger sind darunter verhakt, als hätte sie noch versucht, es sich vom Hals zu reißen. Ihre Klamotten und ihr zertrümmertes iPhone sind um sie herum verstreut.

Ihre künstlichen Fingernägel wurden abgerissen und liegen ebenfalls am Boden. An den Wänden und am Boden klebt Blut, genau wie an einem herumliegenden Backstein und einem Stock. Damit ist der Fall Ana Kriegel nicht länger ein Vermissten-, sondern ein Mordfall.

Glenwood House

Ana wurde mit äußerst ausufernder Gewalt umgebracht. Sie hat mehr als fünfzig verschiedene Verletzungen, mehrere davon in ihrem Gesicht und am Hals. Als Todesursache wird letztendlich ein Schädel-Hirn-Trauma festgestellt, das durch mehrere der Verletzungen ausgelöst wurde. Leider gibt es auch eindeutige Spuren sexueller Gewalt. (Die Rechtsmedizin vermutet, dass ein Gegenstand in Anas Körper eingeführt wurde. Was genau und ob sie da noch bei Bewusstsein war, lässt sich nicht abschließend ermitteln.)

An ihrem Top befinden sich Spermaspuren. Allerdings befinden sich am Tatort keine Fingerabdrücke, die eindeutig einem Täter zuzuordnen wären. Vielleicht erinnert ihr euch noch daran, dass die Polizei Alex’ Kleidung für DNA-Untersuchungen wegen der angeblichen Prügelei behalten hat. Auf seinen Schuhen wurde tatsächlich Blut gefunden. Das stammt aber nicht von einem unbekannten Mann, sondern von Ana Kriegel.

Auf Alex’ Handy befindet sich weiteres belastendes Material. Er hat einige Screenshots von einer YouTube-Playlist gemacht. Diese Videos hatten Titel wie „Die 15 grausamsten Folter-Methoden aller Zeiten“, „Horrorfilme, die dich fertig machen“, „verlassene Orte in Lucan“ und Ähnliches. Klar, das ist alles nicht verboten. Man kann sich so etwas ganz legal bei YouTube anschauen, sich dafür interessieren und so was abspeichern. Das muss ich euch als Zuschauer eines True-Crime-Channels ja nicht erzählen. Aber durch Alex’ sowieso schon verdächtiges Verhalten gerät das alles in ein ganz anderes Licht.

Wenn die Verdächtigen Kinder sind

In Deutschland ist man generell ab einem Alter von vierzehn Jahren strafmündig. Seit ein paar Jahren gibt es eine hitzige Debatte darum, ob man dieses Alter heruntersetzen sollte. Damit liegt Deutschland im europäischen Durchschnitt. Die Grenze der Strafmündigkeit liegt in den meisten Staaten bei 14 oder 15 Jahren. In einigen, wie Portugal oder Polen, ist die Grenze noch höher – in anderen Ländern ist sie aber eben auch niedriger. Zum Beispiel in Irland, wo sich der Fall Ana Kriegel abspielt.

Dort liegt das Alter der Strafmündigkeit bei 12 Jahren. Diese Grenze kann in Ausnahmefällen aber sogar noch weiter heruntergezogen werden: bei den besonders schweren Delikten Mord, Totschlag, Vergewaltigung oder schwerer sexueller Missbrauch rutscht die Strafmündigkeitsgrenze auf ein Alter von zehn Jahren herunter. Mit ihrem Alter von 13 Jahren sind Alex und Ben also in jedem Fall strafmündig.

Am 23. Mai werden die Eltern von Alex und Ben darüber informiert, dass ihre Söhne am nächsten Tag wegen Mordverdachts festgenommen werden. Am 24. Mai müssen die Eltern ihre Söhne also bei der lokalen Polizeistation absetzen. Dort werden die beiden weiter verhört – denn auch wenn es Indizien dafür gibt, dass sie Ana etwas angetan haben, leugnen beide ja bislang noch, sie nach dem Aufenthalt im Park überhaupt gesehen zu haben.

Alex wird damit konfrontiert, dass Anas Blut auf seinem Schuh gefunden wurde. Ein Polizist zeigt ihm ein Foto von dem Klebeband um Anas Hals. Zusätzlich wird Alex nach den Google-Anfragen auf seinem Handy gefragt. Er versucht, sich aus allem rauszureden. Meist sind seine Antworten „Kein Kommentar“ oder „Weiß ich nicht“.

Zeitgleich wird Ben auf einer anderen Polizeistation befragt. Er macht konkretere Angaben. Anders als Alex gibt er zu, am Tattag im Glenwood House gewesen zu sein. Ben erzählt, er, Alex und Ana seien in das verlassene Haus gegangen, um sich dort ein wenig umzuschauen. Ben habe sich umgesehen, als er aus einem anderen Raum plötzlich komische Geräusche gehört hat. Als er hingegangen ist, um nachzuschauen, habe Alex Ana gerade zu Boden geworfen. Alex habe begonnen, Ana ihre Klamotten herunterzureißen und sie zu würgen, während Ana ihn angefleht habe, aufzuhören. Daraufhin habe Ben Angst bekommen und sei weggerannt. Ben belastet Alex also ziemlich schwer.

Als die Polizei Alex genau das sagt, reagiert Alex aber noch immer abweisend. Ben würde eben lügen. Die Polizei glaubt auch nicht, dass Ben die ganze Wahrheit gesagt hat. Denn die Ermittler sind sicher, dass beide Jungs in der Sache mit drinnen hängen. Aber immerhin kann Alex durch Bens belastende Aussage schon einmal direkt am Tatort verortet werden. Außerdem hat die Polizei bei einer Hausdurchsuchung einen interessanten Fund in Alex’ Kinderzimmer gemacht: einen Rucksack mit Handschuhen, Knieschützern, Schienbeinschonern, einem Schlauchschal und einer selbstgebastelten Sturmhaube.

Sowohl auf der Innen- als auch auf der Außenseite der Maske wurde Blut von Ana gefunden. Genau so wie auf den Knie- und Schienbeinschonern. Die Handschuhe erklären, weshalb die Fingerabdrücke der Jungen nicht am Tatort gefunden wurden. Die Ermittler gehen davon aus, dass Alex sich diesen Rucksack als ‘Murder Kit’ zusammengestellt hat. Mit allem, wovon er glaubte, er würde es brauchen, um sich als Mörder zu maskieren und zu schützen. Inzwischen wurde auch die Spermaspur auf Anas Oberteil ausgewertet: Sie gehört zu Alex.

Weiterhin wurden in Alex’ Zimmer zwei weitere Handys gefunden. Insgesamt befanden sich darauf mehr als 12.500 pornografische Bilder, einige davon masochistischer Natur. Zudem hat sich Alex pornografische Videos angesehen, in denen russische Teenagerinnen und eine junge Frau namens Anastasia vorkamen. (Zudem gab es Suchanfragen wie: „Kinderporno“, ‚Pferdeporno‘ und „Toter Junge Prank in verlassener Geisterschule“.)

Alex wird also nicht mehr nur des Mordes verdächtigt, sondern auch schweren sexuellen Missbrauchs. Allmählich kommt die Polizei auch bei der Befragung von Ben weiter. Er gibt zu, dass Alex ihn etwa einen Monat vor dem Mord gefragt haben soll, ob die beiden nicht zusammen jemanden umbringen wollten. Schon da habe Alex explizit Ana als Mordopfer vorgeschlagen. Ben sagt, er habe Alex angeblich sofort klar gemacht, dass dieser Plan totaler Irrsinn sei.

Kurzzeitig muss Ben zweimal aus Mangel an Beweisen wieder freigelassen werden. Bei seiner dritten Festnahme wird jedoch auch er des Mordes an Ana angeklagt. Im August 2018 werden beide Jungen auf Kaution wieder freigelassen, stehen allerdings bis zu ihrem Prozess unter polizeilicher Beobachtung.

Prozess

Bei dem Prozess gegen Alex und Ben liegen einige juristische Besonderheiten vor. So werden Alex und Ben nicht getrennt voneinander angeklagt, sondern gemeinsam. Eigentlich ist es so, dass die Aussagen eines Angeklagten gegen den anderen in solchen Fällen nicht als Beweis verwendet werden dürfen. Und Ben hat ja umfassend gegen Alex ausgesagt. Die Staatsanwaltschaft sieht allerdings genügend unabhängige forensische Beweise, die Alex des Mordes überführen können. Die Blut- und Spermaspuren, das ‘Murder Kit’, die Google-Suchanfragen, Überwachungskameraaufnahmen aus dem Park und so weiter. Bei Ben sieht das schon anders aus. Denn von ihm gibt es keine forensischen Spuren am Tatort.

Er ist vor allem wegen seiner eigenen Aussagen zu dem Fall verdächtig. Nicht nur hat er sich selbst am Tatort verortet, er hat ja auch vorher immer wieder gelogen oder Halbwahrheiten erzählt. Selbst als er schon weiß, dass er angeklagt wird, erzählt er gegenüber einem Psychologen Details zu Ana und Alex, die er der Polizei nicht erzählt hat. Und auch das kann man Ben vor Gericht anlasten. Zudem hat er sich mit einigen Bemerkungen über Ana nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Er hat Ana als „Außenseiterin“ beschrieben, die sich angezogen habe wie eine „Schlampe“. Sie sei niemand gewesen, mit dem man sich hätte sehen lassen wollen.

Zudem soll Ben einen satanischen Club gegründet haben. Eines der anderen Mitglieder sei Alex gewesen. Bei einer Hausdurchsuchung bei Ben findet die Polizei eine Liste mit folgenden Clubregeln:

„Nur Gelobte können Gelobnis geben. Spricht nicht drüber. Verhalte dich normal, als ob nichts passiert wäre. Rede nicht über Jesus oder Gott, nur über Satan.“

In einem satanischen Kalender, den ein Ermittler bei Recherchen online gefunden hat, wurde das Ende der Welt für den 14. Mai 2018 vorhergesagt. Also für genau den Tag, an dem Ana ermordet wurde. Ben bestreitet aber, von diesem Kalender gewusst zu haben. Ohnehin sei der vermeintliche satanistische Club nur eine Hausaufgabengruppe gewesen. Die Regeln und den Namen hätten die Jungs als Scherz ausgesucht, um einfach ihre Ruhe vor Mitschülern zu haben.

Letztendlich reichen diese Indizien auch nicht dafür aus, um irgendein satanistisches Motiv für den Mord an Ana zu bestimmen. Damit bleibt die Indizienlage gegen Ben schwächer als die gegen Alex. Der entscheidende Punkt bei Ben ist, dass Alex ihm ja schon im April erzählt haben soll, dass er Ana töten wollen würde. Dass er das gesagt hat, hat Ben selbst zugegeben. Er hat aber auch zugegeben, dass er arrangiert hat, dass sich Ana und Alex am 14. Mai treffen. Wenn er aber gewusst hat, dass Alex beabsichtigt, Ana zu ermorden, reicht das dann, um ihn auch wegen Mordes zu verurteilen?

Dafür, dass er Ana selbst verletzt hat, gibt es ja, wie gesagt, keine forensischen Beweise. Das Urteil gegen Ben und Alex fällt am 18. Juni. Alex wird des Mordes und der schweren sexuellen Nötigung von Anastasia Kriegel für schuldig befunden, Ben wird des Mordes an ihr schuldig gesprochen. Während alle anderen das Urteil schweigend hinnehmen, rastet Bens Vater aus. Er schreit herum und beschimpft die Geschworenen als Arschlöcher und Drecksäcke.

Ben sei unschuldig. Tatsächlich ist das Urteil gegen Ben in Anbetracht der Beweislage hart. Aber es ist eben auch rechtens. Beide werden zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt. Dabei wird Ben nach frühestens 12 Jahren einen Antrag auf Freilassung stellen können, Alex nach 15 Jahren. Wenn man vom Zeitpunkt der Urteile ausgeht, wäre das in 2031 für Ben respektive 2034 für Alex. Die beiden werden dann auch einen Antrag auf neue Identitäten stellen können.

Die Eltern von Ana, Geraldine und Patric, haben keine einzige Minute der Gerichtsverhandlungen verpasst. Sie sind über das Urteil einfach nur erleichtert, wenn man das unter diesen Umständen sagen kann. Auch wenn ihnen die Haftdauer zu kurz dafür vorkommt, dass die beiden Jungen das Leben ihrer Tochter ausgelöscht haben – ohne einen erkennbaren Grund. Nur vier Jahre nach Ana verstirbt 2022 auch ihr Vater Patric Kriegel. Er hat den Tod seiner Tochter nie verarbeiten können.

Er und Geraldine waren bis zu seinem Tod für 36 Jahre verheiratet. Der Fall Ana Kriegel hat in Irland nicht nur für eine große Anteilnahme, sondern auch für Diskussionen gesorgt. Immerhin ging es während des Prozesses auch um das Online-Verhalten von Alex. Das hat eine Debatte darüber losgetreten, inwiefern der frühe Kontakt mit pornografischen Medien Auswirkungen auf beeinflussbare Jugendliche haben könnte. Dementsprechend wurden moralische Fragen über die Verantwortung von Eltern, Erziehern und politischen Entscheidungsträgern gestellt, um die Online-Erfahrungen von Kindern zu überwachen. Es wurde zwar umfangreich debattiert, effektiv geändert hat sich bislang aber nichts.

Outro

Ben und Alex sind nicht die echten Namen der beiden Jungen. In den britischen und irischen Medien wurden sie nur Boy B und Boy A genannt. Bei uns eben Ben und Alex. Sollte es Übereinstimmungen mit den echten Namen der beiden geben, sind sie rein zufällig. In Irland und UK gibt es nämlich ein Gesetz, das besagt, dass minderjährige Straftäter nicht bei ihrem Klarnamen genannt werden dürfen.

Schreibt gern eure Gedanken zu diesem Fall in die Kommentare. Ich fand vor allem die Regelung zur Strafmündigkeit in Irland spannend, eben weil hier in Deutschland seit ein paar Jahren ja auch immer mehr dazu diskutiert wird. Glaubt ihr, dass die irische Regelung zeitgemäßer ist als die deutsche? Ich bin gespannt auf eure Kommentare. Zusätzlich hilft ein Kommentar sehr, den Channel zu supporten, genau wie ein Like. Vielen Dank im Voraus für eure Unterstützung und bis zum nächsten Mal. Ciao.

Quellen

  1. Adolescence (2025) letterboxd.com
  2. Ana Kriegal murder convicts are the youngest in Ireland history Documentary YouTube, 2020
  3. Ana Kriégel murder trial: The complete story The Irish Times
  4. Ana Kriégel murder: Two teenage boys sentenced BBC, 2019
  5. Patrick Kriegel 'couldn't bear pain' of losing Ana, wife tells funeral Dublin Live, 2022
  6. Teen killers of Ana Kriegel to be offered new identities upon release from jail Irish Mirror, 2019
  7. Ana Kriegel's teen killers 'are not evil' says former Mountjoy prison governor Irish Examiner, 2019
Fallakte
Orte
Leixlip, Dublin, St. Catherine’s Park, Glenwood House, Lucan, Nowokusnezk
Region
Leinster
Land
Irland
Jahr
2018
Status
Gelöst
Fallart
Tötungsdelikt, Kinder & Jugendliche, Vermisstenfall, Internet & Social Media
Personen
Ana Kriegel, Geraldine Kriegel, Patric Kriegel, Alex, Ben
Lagekarte
Kartendaten: Natural Earth