Zum Inhalt
InsolitoFallarchivAlle FälleKarteSpiele
Alle Fälle

Culcheth Linear Park, England, 2023–2024

Brianna Ghey

Eine 16-jährige Schülerin wird 2023 in einem Park in Culcheth bei Warrington getötet.

Lesezeit etwa 19 Minuten

Worum es geht

Im Februar 2023 wird die 16-jährige Brianna Ghey aus Birchwood bei Warrington in einem gut besuchten Park in Culcheth getötet. Brianna ist transgender, kämpft mit Autismus, ADHS und einer sozialen Angststörung und lernt in der Schule in einem Inklusionsraum mit Einzelbetreuung. Der Fall erschüttert das Vereinigte Königreich, weil die Hintergründe der Tat ebenso verstörend sind wie das Verbrechen selbst. Die Geschichte reicht von den Wochen vor der Tat über die Ermittlungen und den Prozess bis zur Debatte darüber, ob die Tat als Hassverbrechen hätte gewertet werden müssen.

Newchurch Parish Church in Culcheth
Newchurch Parish Church in Culcheth. Foto: David Dixon, CC BY-SA 2.0, über Wikimedia Commons.

Intro

2023 schockiert ein Mord das gesamte Vereinigte Königreich. Eine Jugendliche wird tot in einem gut besuchten Park aufgefunden – an einem entspannten Samstag, bei gutem Wetter, mitten am helllichten Tag.

Der Name der Toten, Brianna Ghey, wird monatelang durch die Presse gehen – denn genau so verstörend wie der Mord an ihr selbst sind die Hintergründe der Tat. Und dass die Verantwortlichen genau die sind, denen Brianna eigentlich vertraut hat: ihre eigenen Freunde.

Brianna Ghey

Brianna Ghey kommt am 7. November 2006 zur Welt. Mit ihrer Familie lebt sie im englischen Birchwood, einem Teil der Stadt Warrington. Warrington ist eine alte Industriestadt zwischen Liverpool und Manchester. Ungefähr 170.000 Personen leben dort. Birchwood ist ein etwas kleinerer Bezirk im Norden der Stadt. Trotzdem gibt es dort alles, was man zum Leben braucht – Supermärkte, ein kleines Einkaufszentrum, Cafés und die Birchwood Community High School, wo Brianna Ghey in die elfte Klasse geht.

Brianna ist eine ganz normale Teenagerin. In ihrer Freizeit dreht sie TikTok-Videos und hat sogar ein paar Zehntausend Follower. Im Internet gibt sie sich selbstbewusst, Social Media scheint so etwas wie ihr Safespace zu sein. Sie macht Videos übers Tanzen, Fashion und Make-up. Aber Brianna kämpft auch mit ihrer Unsicherheit, Angstproblemen und depressiven Verstimmungen. Bei Brianna werden Autismus und ADHS diagnostiziert. Dazu kommt noch eine soziale Angststörung – allesamt große Herausforderungen für eine Teenagerin, vor allem in dieser Kombination.

In der Schule hat Brianna dadurch Probleme damit, am Unterricht innerhalb der Klassengemeinschaft teilzunehmen. Aber nicht nur dadurch wird ihr Schulalltag erschwert.

Brianna ist transgender und lebt seit ihrem 14. Lebensjahr als Mädchen. Leider wird sie deshalb laut Freunden immer wieder von Mitschülern angefeindet. Die Schulleitung und Briannas Mutter werden später zwar dementieren, dass Anfeindungen bekannt waren – aber leider ist eben nicht auszuschließen, dass nicht alle Konflikte zu den Erwachsenen vorgedrungen sind.

Fest steht, dass Brianna bei der Schulleitung darum bittet, im Inklusionsraum lernen zu dürfen. Dort gibt es eine 1:1-Betreuung für Schüler, die aufgrund von Lernschwierigkeiten oder Angststörungen nicht uneingeschränkt am Unterricht in der Klasse teilnehmen können. Dort hat Brianna die Möglichkeit, ungestört zu lernen und sich auf den Stoff zu fokussieren.

In genau diesem Raum in der Birchwood Community High School trifft Brianna im Alter von 16 Jahren Scarlett Jenkinson. Scarlett ist ein Jahr jünger als Brianna und erst kürzlich an die Birchwood gekommen. Sie ist von ihrer alten Schule geflogen, weil die 15 Jahre alte Scarlett im September 2022 einem Mitschüler CBD-haltige Gummibärchen gegeben haben soll. Die Polizei hat sogar in dem Fall ermittelt – mit der Konsequenz, dass Scarlett ihre alte Schule verlassen musste und nun auf die Birchwood High geht.

Im Inklusionsraum der Birchwood High School bekommt Scarlett eine neue Chance und lernt Brianna kennen. Die beiden teilen ein gemeinsames Interesse für Make-up und freunden sich über dieses Hobby schnell an. Personen, die die beiden beobachtet haben, wären wohl kaum auf die Idee gekommen, dass eine der beiden zur Mörderin der anderen wird.

Scarletts Geheimnis

Scarlett Jenkinson ist 15 Jahre alt. Nachdem sie ihre alte Schule, die Culcheth High, im September 2022 verlassen muss, hält sie mit einem alten Schulfreund Kontakt: Dem ebenfalls fünfzehn Jahre alten Eddie Ratcliffe. Die beiden bleiben vor allem durch Social Media verbunden und schreiben sich regelmäßig über WhatsApp und Snapchat. Gelegentlich treffen die beiden sich auch noch persönlich miteinander.

Zwei Monate nachdem sie Brianna kennengelernt hat, schreibt Scarlett eine Nachricht an Eddie: „Ich bin besessen von jemandem, den ich kenne. Aber ich habe keine Gefühle für sie. Sie heißt Brianna. Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll. Außerdem hat sie einen Penis, lol.“

Eddie antwortet darauf:

„Ist es [sic] ein Femboy oder eine Transe [sic]? Wie fühlst du dich, wenn du damit [sic] interagierst?“

In einer anderen Nachricht schreibt er:

„Ich glaube nicht, dass du unbedingt verknallt bist, sondern eher neugierig und fasziniert von dieser widernatürlichen Natur“.

Nicht nur sind sowohl Scarlett als auch Eddie in ihren Nachrichten abfällig über Brianna – Eddie bezeichnet sie noch dazu als ‘es’. Eine Wortwahl, die Bände über seine Einstellung zu Transgender-Personen spricht – und die wahrscheinlich ein Faktor dafür ist, dass Brianna Ghey kurze Zeit später sterben wird.

Die Kill-List

Scarlett ist nicht nur, wie sie selbst schreibt, „besessen“ von Brianna. Sie ist auch besessen von allem, was mit schweren Verbrechen und Serienmördern zu tun hat. Schon im Dezember 2022 schickt Scarlett an Eddie eine Ad von einer Internetseite, auf der Snuff-Material diskutiert wird. Von Vergewaltigung über Folter bis hin zu Mord. Sie schreibt: „Ich liebe es, mir Folter-Videos anzuschauen. Echte, im Dark-Web“.

Dafür benutzt Scarlett einen Extra-Browser, der ihr den Zugang zum Darknet erlaubt. Die 15-Jährige interessiert sich schon seit längerem für Horrorfilme und True-Crime. Wie so viele von uns schaut sie gern Videos und Dokus zu dem Thema an, hört Podcasts und beschäftigt sich mit Serienmördern wie Jeffrey Dahmer oder John Wayne Gacy.

Allerdings geht Scarletts Interesse an wahren Verbrechen weit über die übliche Faszination mit dem Thema hinaus. Und mit Eddie scheint Scarlett einen Freund gefunden zu haben, der ihre Neugier teilt. Am 1. Januar 2023 schickt Eddie ihr ein Foto. Darauf ist ein Jagdmesser zu sehen. Er schreibt dazu:

„Hab mein Geld auf den Kopf gehauen. Ich habe ein Messer gekauft.“

Am 23. Januar schreibt Scarlett Eddie, sie habe Brianna mehrere Ibuprofen-Tabletten verabreicht – so viele, dass es sie eigentlich hätte töten sollen. Brianna wird danach tatsächlich sehr krank. Sie und ihre Mutter gehen aber davon aus, dass sie einfach eine Blinddarmentzündung hat. Nach ein paar Tagen ist Brianna wieder gesund.

Scarlett und Eddie tauschen sich in den folgenden Tagen weiter zum Thema Mord aus. Sie erstellen zusammen eine Liste von insgesamt fünf Personen, die sie zusammen umbringen wollen – auch der Name von Brianna steht auf dieser Liste. Außerdem ein Junge, den Eddie als „Kinderschänder“ bezeichnet, ein Junge, der Scarlett vor ihren Lehrkräften bloßgestellt haben soll. Und zwei Personen, von denen Scarlett sagt, sie seien gemein zu ihrem festen Freund gewesen.

Tatsächlich versucht Scarlett im Januar 2023, einen der Jungen von der Liste in den Culcheth Linear Park zu locken. Sie erstellt einen Fake-Account auf Instagram, um sich dem Jungen so anzunähern und ein Treffen mit ihm zu vereinbaren. Sie und Eddie tauschen sich konkret darüber aus, wie sie diesen Jungen umbringen wollen – wer mit dem Messer wie zustoßen soll, wohin man am besten stechen sollte. Doch glücklicherweise fällt der Junge nicht auf Scarletts Fake-Profil herein und blockiert sie auf Social Media.

Aber der Culcheth Linear Park bleibt dennoch ein Bestandteil der Pläne von Eddie und Scarlett. Am 27. Januar versucht Scarlett nun, Brianna dorthin zu locken – mit der Absicht, sie in dem Park zu ermorden. Eddie ist in die Pläne eingeweiht.

In einer SMS an Scarlett schreibt er:

„Ich will sehen, ob es [sic] dann wie ein Mädchen oder wie ein Junge schreit.“

Scarlett und Eddie vereinbaren, dass er sein Messer mitbringen würde. Die beiden machen sogar Codewörter aus – wenn Scarlett will, dass Eddie sein Messer bereithält, würde sie ihn anschauen und dabei husten. Wenn er auf Brianna einstechen soll, lautet das Codewort ‘gay’. Brianna schreibt Scarlett aber kurz darauf, dass sie am 27. Januar doch nicht kann. Sie hat schon eine andere Verabredung. Scarlett und Eddie treffen sich trotzdem im Linear Park und verbringen den Nachmittag miteinander. Von ihrem Plan, Brianna zu töten, lassen sie nicht ab. Die beiden suchen einen neuen Termin für das Vorhaben.

Während Scarlett den Mord unbedingt so schnell wie möglich vollbringen will, möchte Eddie sich nur am Wochenende treffen. In der Schule hat er gerade eine Prüfungsphase, unter der Woche wird es ihm zeitlich zu stressig. Scarlett schreibt:

„Ich will nicht warten. Ich will so dringend, dass sie stirbt. Ich will einfach die pure Panik in ihrem Gesicht sehen und hören, wie sie vor Schmerzen schreit.“

Am 3. Februar schickt Scarlett Eddie dann ein Foto einer handgeschriebenen Notiz. Darauf ist zu lesen: „Samstag, 11. Februar 2023. Opfer: Brianna Ghey.“

Darunter hat Scarlett handschriftlich den Mord an Brianna geplant, bis ins kleinste Detail. Um 1 Uhr mittags würden Eddie und sie sich treffen, um den Plan noch einmal miteinander durchzugehen. Sie würden Brianna zusammen an der Bushaltestelle abholen und mit ihr in den Linear Park gehen. Und dann würden sie Brianna mit Eddies Messer erstechen. Und genau so kommt es dann auch.

Der Mord an Brianna Ghey

Am 11. Februar 2023 steigt Brianna gegen Mittag in den Bus der Linie 28. Sie ist mit ihrer Schulfreundin Scarlett und deren Kumpel Eddie verabredet. Scarlett hat ihr genau geschrieben, welchen Bus sie nehmen und was für ein Ticket sie kaufen soll. Für Brianna, die nach wie vor an einer sozialen Angststörung leidet, ist es eine große Herausforderung, allein öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen.

Brianna schreibt ihrer Mutter von unterwegs noch eine SMS (13:41 Uhr):

„Ich bin ganz allein im Bus, ich hab Angst.“

Ihre Mutter antwortet noch:

„Das ist in Ordnung, alles gut!“

Zwölf Minuten später, um 13:53 Uhr, steigt Brianna aus und trifft sich an der Bushaltestelle in Culcheth mit Scarlett und Eddie.

Die beiden haben sich schon früher, gegen 13 Uhr, getroffen. Eddies Mutter hat den 15-Jährigen vor der örtlichen Filiale des Supermarkts Sainsbury’s abgesetzt. Dort hat Scarlett auf ihn gewartet und die beiden sind zusammen zur Bushaltestelle gegangen, um Brianna abzuholen. (Unterwegs haben sie noch einen Stopp bei Sainsbury’s eingelegt, um Coca Cola und Dr. Pepper zu kaufen.) Zu dritt machen sich die Teenager auf den Weg zum Culcheth Linear Park. Es ist das erste Mal, dass Eddie und Brianna einander treffen.

Um 14:30 Uhr schickt Brianna eine SMS an eine Freundin und beschreibt das Verhalten von Scarlett darin als ‘weird’, also merkwürdig. Sie schreibt:

„Mädchen, Scarlett ist so weird. ich glaube, sie gibt vor, sie hätte einen [Drogen-]Dealer.“

Scarlett hat Brianna unter dem Vorwand, sie könnten zusammen Drogen ausprobieren, in den Park gelockt. Sie tut so, als würde sie mit einem Dealer chatten, der sie versorgen soll. Dazu benutzt sie sogar einen gefakten Snapchat-Account – wahrscheinlich, um Brianna den gefälschten Chatverlauf zeigen zu können. Um 14:31 Uhr schreibt Scarlett als der angebliche Dealer eine Nachricht an sich selbst:

„Sorry Kumpel, fast da. Fünf Minuten, maximal zehn.“

In Wahrheit hat Scarlett aber gar keine Drogen organisiert. Stattdessen hat sie einen viel schlimmeren Plan. Etwas mehr als eine halbe Stunde später, um 15:06 Uhr, wird eine Nachricht von Briannas Handy verschickt. Obwohl sie ja mit Eddie und Scarlett unterwegs ist, geht diese Nachricht an Scarlett. Darin steht:

„Mädchen, wo bist du?“

Aber diese Nachricht stammt in Wahrheit nicht von Brianna. Scarlett hat sie selbst von Briannas Handy an sich geschickt, um ein Alibi vorzutäuschen. Denn Brianna Ghey ist bereits tot. Sieben Minuten nach dem Versand der Nachricht wird sie gefunden.

Um 15:13 Uhr kommen zwei Spaziergänger am Tatort vorbei. Sie sehen etwas – oder vielmehr jemanden – auf dem Boden liegen. Daneben steht ein Mädchen und ein Junge hockt auf dem Boden. Als die Spaziergänger näher kommen, laufen die beiden weg. Erst jetzt können die beiden Zeugen erkennen, dass auf dem Boden ein schwer verletztes Mädchen liegt. Ihr Mantel und ihre Tasche sind blutdurchtränkt. Sie rufen zwar sofort Rettungskräfte, aber Brianna wird noch vor Ort für tot erklärt. Nach vierzig Minuten vergeblicher Wiederbelebungsversuche am Tatort müssen sich die Rettungskräfte geschlagen geben.

Die Täter haben ganze 28 Mal auf Brianna Ghey eingestochen. Zwölf Einstiche davon wurden ihr wahrscheinlich zugefügt, als sie mit dem Rücken zum Täter stand. Die tiefste der Stichwunden ist mehr als 12 Zentimeter in ihren Körper eingedrungen. Sie hatte keine Chance, die schweren Verletzungen zu überleben.

Die Lügen

Während die Einsatzkräfte alles versucht haben, um Brianna zu retten, sind Scarlett und Eddie weggerannt, haben sich aufgeteilt und auf ihrer Flucht Briannas Handy in einen Gully geworfen. Scarlett rennt zu sich nach Hause. Eddie steigt in einen Bus, der ihn in seinen Heimatort bringt.

Jeweils zuhause angekommen scheinen die beiden kein Problem damit zu haben, den gerade begangenen Mord zu verarbeiten. Sie denken sogar daran, falsche Fährten für die Ermittler zu legen. Um sich selbst weniger verdächtig zu machen, tun die beiden so, als hätten sie von dem Mord an Brianna Ghey keine Ahnung.

Scarlett schickt an Eddie Presseberichte über den Mord. Dazu schreibt sie: „Mein Bruder hat mir gerade gesagt, ich solle nicht mehr in den Linear Park gehen, weil dort eine Frau abgestochen wurde.“

Eddie antwortet:

„Jesus, echt? Heilige Scheiße.“

Scarlett schickt sogar Nachrichten an Brianna – obwohl sie genau weiß, dass Brianna tot im Park liegt und sie ihr Handy im Gully entsorgt hat. Scarlett gibt sich als besorgte Freundin.

„Mädel, ist alles in Ordnung?“

„Im Linear Park wurde ein jugendliches Mädchen gekillt.“

„Ist überall in den Nachrichten“

„Warum hast du uns dort für irgendeinen random Typen aus Manchester sitzen lassen?“

„Wirklich, wtf? Das ist so abgefucked“

Scarlett denkt also sogar daran, einen angeblichen Verdächtigen zu erschaffen. Den „random Typen aus Manchester“ gibt es natürlich gar nicht. Scarlett erzählt diese Geschichte auch ihrer Mutter. Sie berichtet, Brianna habe sich mit einem fremden, 17 Jahre alten Kerl aus Manchester in dem Park treffen wollen.

Sie glaubt ihrer Tochter – warum auch nicht – und ruft sogar die Polizei an, um diesen potenziell wichtigen Hinweis weiterzugeben.

Während des Gesprächs gibt die Mutter Scarlett das Telefon, damit sie bei dieser Gelegenheit ihre ganze Geschichte erzählen kann.

Scarlett sagt, sie, Eddie und Brianna hätten im Park auf einer Bank gesessen. Dann habe Brianna auf ihr Handy geschaut und plötzlich gesagt, sie müsse sofort los, um sich mit einem Jungen zu treffen. Sie habe nur erzählt, dass er aus Manchester komme und 17 Jahre alt sei. Einen Namen oder andere genaue Informationen habe Scarlett nicht. Scarlett schreibt Eddie auch, um ihn in die Version der Geschichte einzuweihen. Sie gibt ihm genaue Anweisungen, was er sagen soll, falls die Polizei ihn befragt. So will sie sichergehen, dass ihre Angaben sich nicht widersprechen und dass sie keinen Verdacht erwecken.

Scarlett postet sogar eine Art Nachruf auf Brianna auf Social Media. Sie schreibt, Brianna sei „eine der besten Personen, die ich je getroffen habe“ und „eine wundervolle Freundin“.

Die Polizei stößt relativ schnell auf Material von Überwachungskameras, das Briannas letzte Schritte zeigt. Sie ist im Bus zu sehen, wie sie sich während der Fahrt sichtlich unwohl fühlt. Und es gibt Material, das zeigt, wie sie in Begleitung von einem Jungen und einem Mädchen in Richtung Linear Park läuft. Zu dieser Sichtung kommt noch die Geschichte, die Scarlett der Polizei über ein angebliches Treffen mit einem Jungen aus Manchester erzählt hat.

Trotz ihrer kreativen Geschichte und ihren Täuschungsversuchen scheinen die 15-Jährigen für die Polizei Verdächtige zu sein, denn sie werden kurze Zeit später wegen Mordverdachts festgenommen.

Der Prozess

Während Eddie beinahe ruhig wird und sagt, er könne „alles erklären“, beginnt Scarlett bei ihrer Festnahme zu weinen. Sie fragt, weshalb sie verdächtigt werden würde – ob es daran liege, dass sie die letzte Person ist, die Brianna lebend gesehen hat. Sie scheint vollkommen geschockt darüber zu sein, dass sie verhaftet wurde und ihr Plan nicht funktioniert hat.

Als die beiden auf dem Polizeirevier verhört bleiben, erzählt Scarlett weiterhin die Lüge mit dem Jungen aus Manchester. Eddie hingegen berichtet etwas anderes – obwohl Scarlett ihm ja kurz zuvor noch eingebläut hat, unbedingt an dieser Story festzuhalten.

Eddie behauptet, er habe Brianna und Scarlett kurz allein gelassen, um sich hinter einem Baum zu erleichtern. Als er zurückgekommen sei, habe Scarlett mit einem Messer in der Hand vor Brianna gestanden und immer wieder auf sie eingestochen. Eddie sei in Panik geraten und weggerannt, als er gesehen habe, wie heftig Brianna blutete.

Dass auch Eddies Version der Ereignisse nicht stimmt, stellt sich recht schnell heraus. Zuhause bei Eddie wird das Jagdmesser gefunden, das er im Winter im Bulgarien-Urlaub gekauft hatte. Auf der Klinge findet man Blutspuren der ermordeten Brianna Ghey.

Bei Scarlett findet man die handgeschriebenen Mordpläne. Als die beiden mit den vielen Indizien gegen sie konfrontiert werden, entscheiden sie sich dazu, von ihrem Schweigerecht Gebrauch zu machen.

Beide sind unauffällige Jugendliche – Eddie ist ein Musterschüler mit Top-Noten. Er gilt als ein stiller, zurückhaltender Typ. Er hat eine jüngere Schwester und einen älteren Bruder – von dem Bruder wird er aufgrund seiner autistischen Züge immer wieder aufgezogen. Auch lange, bevor er seine Autismus-Diagnose überhaupt erhält. Die bekommt er nämlich erst nach dem Mord an Brianna. Seine Eltern arbeiten als Grafikdesignerin und Manager. Eddie hat sogar schon einmal an einem internationalen Boxwettbewerb teilgenommen. Im Laufe seiner Zeit in Untersuchungshaft entwickelt Eddie im Zusammenhang mit seinem Autismus einen selektiven Mutismus. Er kommuniziert mit niemandem, außer seiner Mutter.

Scarlett ist die Tochter einer Lehrerin und eines Bauarbeiters. Sie hat drei ältere Brüder. Allerdings sagt Scarlett später, im Alter von etwa 11 Jahren starke Angstprobleme entwickelt zu haben. In diesem Alter habe sie auch begonnen, sich regelmäßig selbst zu verletzen. Vor dem Prozess wird bei ihr ebenfalls eine milde Form von Autismus diagnostiziert, ebenso wie ADHS und eine Angststörung. Damit hat sie ein ganz ähnliches Krankheitsbild wie die von ihr ermordete Brianna.

Eddie sagt über Scarlett einmal „sie ist kein normaler Mensch“. Er bezieht sich darauf, dass Scarlett sich von den meisten Leuten fernhält und bewusst für sich bleibt. Sie macht auch oft grenzwertige Witze – darüber, andere Menschen zu töten oder Tieren wehzutun.

Insgesamt läuft der Prozess gegen Scarlett und Eddie 18 Verhandlungstage. Er startet am 27. November 2023. Die beiden Angeklagten werden gefragt, ob sie schuldig oder nicht schuldig seien. Da Eddie aufgrund seines selektiven Mutismus vor Gericht nicht sprechen kann, hält er bei Beginn der Verhandlungen ein Stück Papier hoch. Darauf steht „nicht schuldig“. Auch Scarlett gibt an, nicht schuldig zu sein. Die beiden geben dem jeweils anderen die Schuld am Mord an Brianna Ghey.

Als Eddie während der Verhandlungen befragt werden muss, sitzt er in einem separaten Raum. Er darf seine Antworten auf die Fragen in einen Computer eintippen, eine Vermittlerin liest sie dann in seinem Namen vor.

Beide werden wegen des Mordes an Brianna Ghey schuldig gesprochen. Am Tag des Schuldspruchs wird bekannt, dass Scarlett erstmals zugegeben hat, auf Brianna eingestochen zu haben. Sie hat gegenüber einer Gefängnispsychologin erzählt, Eddie habe zuerst auf Brianna eingestochen. Er sei dann in Panik geraten, also habe sie übernommen und mehrmals mit dem Messer auf Brianna eingestochen. Sie erzählt sogar, dass sie einen Teil von Briannas Fleisch als Trophäe mitnehmen wollte.

Scarlett Jenkinson wird mindestens 22 Jahre lang im Gefängnis bleiben. Sie kann ab Januar 2044 einen Antrag auf Bewährung stellen. Eddie Ratcliffe erhält eine Freiheitsstrafe von 20 Jahren. Er könnte ab Januar 2042 auf Bewährung entlassen werden.

Die zuständige Richterin sagt, die Morde seien starker sadistischer Natur. Wahrscheinlich töteten Eddie und Scarlett vor allem um des Tötens willen – das geht aus ihren zahlreichen Textnachrichten hervor, die sie im Vorfeld der Tat miteinander austauschten. Im Fall von Eddie wird Transfeindlichkeit als sekundäres Motiv gewertet – das geht ebenfalls aus seinen Textnachrichten und den Worten, die er für Brianna gefunden hat, hervor. Trotzdem wird der Mord an Brianna Ghey nicht als Hassverbrechen gewertet. Vor dem Hintergrund der Nachrichten, die vor allem von Eddie ausgingen, eine diskutable Entscheidung, die nach wie vor auf viel Gegenwind stößt.

Das Nachspiel

Der Mord an Brianna Ghey löst im gesamten Vereinigten Königreich große Erschütterung aus. In vielen Großstädten finden nach dem Mord an der Teenagerin Mahnwachen und Gedenkveranstaltungen für Brianna Ghey statt.

Zu einigen dieser Veranstaltungen kommen nicht nur hunderte, sondern tausende Leute. Auch vor der Niederlassung des Bildungsministeriums in London findet eine große Kundgebung statt.

Durch einen Spendenaufruf kommen mehr als 100.000 Pfund für Briannas Familie zusammen. Das Geld wird für die Beerdigung und Trauerfeier genutzt, um Briannas viel zu kurzes Leben zum Abschied noch einmal würdig zelebrieren zu können.

Weiterhin richtet die Familie in Briannas altem Kinderzimmer eine Art Trauerraum für sich ein. Außerdem spenden die Gheys an das Mindfulness in Schools Project. Die Organisation bietet Kurse für Lehrkräfte an, bei denen sie für die mentale Gesundheit ihrer Schülerinnen und Schüler sensibilisiert werden.

In vielen Newsartikeln wird zunächst nicht erwähnt, dass Brianna transgender war. In anderen wird ihr Deadname verwendet – also der Name, den sie im Rahmen ihrer Transition abgelegt hat. Beide Umstände werden rückblickend gleichermaßen kritisiert. Denn die Nachrichten von Eddie zeigen, dass mindestens eine Abfälligkeit gegenüber Transpersonen gegeben war. Und sie lassen zumindest Deutungsspielraum dafür zu, dass Briannas Identität ein Teilgrund dafür war, weshalb sie ermordet wurde.

Anfang 2024 wird der Fall sogar auf Regierungsebene besprochen. Der damalige britische Premierminister, Rishi Sunak, wirft seinem späteren Nachfolger Keir Starmer im Rahmen einer öffentlichen Fragerunde vor, „Schwierigkeiten damit zu haben, eine Frau richtig zu definieren“.

Erst kurz vor diesem Kommentar wurde Sunak von Starmer darauf hingewiesen, dass die Mutter der ermordeten Brianna Ghey im Besucherraum war. Der Kommentar von Rishi Sunak in diesem Kontext löst große Empörung aus. Nicht nur in den Medien, sondern auch in der Politik selbst. Sowohl in der Opposition als auch in konservativen Flügeln. Auch die Familie der ermordeten Brianna bittet Rishi Sunak um eine Entschuldigung. Aber Sunak weigert sich. Er sagt damals kurz nach dem Vorfall:

„Wie alle anderen war auch ich von Briannas Fall völlig schockiert. […] Dass Briannas Mutter mit so viel Einfühlungsvermögen und Mitgefühl darüber sprach, fand ich inspirierend und es zeigte das Beste an Menschlichkeit. Ich habe nur das allerherzlichste Mitgefühl für ihre gesamte Familie und ihre Freunde. Aber diese Tragödie zu benutzen, um von dem sehr separaten und klaren Punkt abzulenken, den ich über Keir Starmers nachgewiesene Erfolgsbilanz von mehrfachen Kehrtwendungen in wichtigen Politikbereichen gemacht habe, weil er keinen Plan hat, halte ich sowohl für traurig als auch für falsch, und es zeigt das Schlimmste in der Politik.“

Sunak bezeichnet seinen Kommentar als „absolut legitim“ und erkennt nicht an, sich insbesondere vor Briannas Mutter unpassend geäußert zu haben. Briannas Mutter wünscht sich vor allem, dass die Aufmerksamkeit für den Fall ihrer Tochter zu Veränderungen führt – und dazu, dass sich etwas wie der Mord an Brianna Ghey nie wieder ereignen kann.

Outro

Im Frühjahr 2024 hat Esther Ghey sich mit der Mutter der Mörderin ihrer Tochter getroffen. Briannas Mutter Esther betont immer wieder, dass sie keinen Groll gegen Scarletts und Eddies Familien hegt. Sie sagt, sie habe Scarletts Mutter während ihres Gesprächs als eine vernünftige Frau wahrgenommen. Es habe ihr geholfen, mit der Mutter von Briannas Mörderin zu sprechen. Sie versucht, das furchtbare Schicksal ihrer Tochter in etwas Positives umzuwandeln. Nach wie vor ist Esther Ghey Aktivistin und setzt sich für mehr Achtsamkeit an Schulen ein. Außerdem fordert sie in schulischen Einrichtungen ein Handyverbot für unter 16-Jährige, um Cybermobbing einzudämmen.

Mich würden eure Gedanken dazu interessieren, gerade dann, wenn ihr vielleicht selbst noch in die Schule geht oder aber mit Schulkindern zusammenarbeitet. Glaubt ihr, dass so etwas eine sinnvolle Maßnahme sein könnte? Kennt ihr aus eurer Schulzeit vielleicht andere Maßnahmen, die dabei geholfen haben, euren Schulalltag friedlicher zu gestalten? Wenn ja, teilt das gern in den Kommentaren. Ich würde mich darüber freuen, von euch zu lesen. Vielen Dank fürs Zuschauen und für eure Unterstützung. Bis zum nächsten Mal. Ciao.

Quellen

  1. Timeline of events leading up to Brianna Ghey’s murder Evening Standard, 2023
  2. ‘Killer kids’ intent on murder - Brianna Ghey: Teen Murderers Unmasked YouTube, 2024
  3. Scarlett Jenkinson was moved to Brianna Ghey's school after spiking younger girl BBC, 2024
  4. Brianna Ghey: How the vulnerable teen was lured to her death Sky News
  5. Brianna Ghey: Family's thanks as fundraising appeal tops £100k Manchester Evening News, 2023
  6. Thousands mourn trans teen Brianna Ghey at candle-lit vigil outside Department for Education i, 2023
  7. Esther Ghey trifft Mutter der Mörderin ihrer Tochter: „Wir beide sind Mütter“ RTL, 2024
  8. Sunak refuses to apologise to Brianna Ghey’s father over PMQs trans jibe The Guardian, 2024
  9. Brianna Ghey's murder was not investigated as a hate crime – this is why i, 2023
Fallakte
Orte
Culcheth Linear Park, Culcheth, Birchwood, Warrington, London
Region
England
Land
Großbritannien
Jahr
2023–2024
Status
Gelöst
Fallart
Tötungsdelikt, Kinder & Jugendliche, Internet & Social Media
Personen
Brianna Ghey, Scarlett Jenkinson, Eddie Ratcliffe, Esther Ghey, Rishi Sunak
Lagekarte
Kartendaten: Natural Earth