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Schwalbach am Taunus, Hessen, 1971–2014

Manfred Seel

In der Garage eines Verstorbenen tauchen 2014 Leichenteile auf; die Polizei sucht weitere Opfer.

Lesezeit etwa 20 Minuten

Worum es geht

Nach dem Tod des 67-jährigen Manfred Seel aus Schwalbach am Taunus räumen seine Tochter und deren Verlobter 2014 das Familienhaus und eine von ihm gemietete Garage aus. Dort stoßen sie auf zwei verschlossene Fässer mit menschlichen Überresten, die sich der 2003 verschwundenen Britta Simone Diallo zuordnen lassen. Bei der Durchsuchung seines Besitzes finden die Ermittler Hinweise auf sadistische Neigungen und beginnen, ungeklärte Fälle aus Frankfurt und Umgebung neu aufzurollen. Bis zu zehn Frauen, darunter Fälle seit 1971, bringt die Polizei mit ihm in Verbindung. Da der Verdächtige verstorben ist, kann er nie angeklagt werden, und viele Fragen bleiben offen.

Alte Schule in Schwalbach am Taunus
Alte Schule in Schwalbach am Taunus. Foto: Tri@l, CC BY-SA 4.0, über Wikimedia Commons.

Intro

Die letzten Monate im Leben von Manfred Seel aus Schwalbach am Taunus verlaufen sehr turbulent. Bei ihm wurde im November 2013 Speiseröhrenkrebs diagnostiziert. 2014 verstirbt auch noch seine Ehefrau, ebenso wie sein Jugendfreund und Geschäftspartner. Sein eigener Gesundheitszustand verschlechtert sich auch immer weiter – und nur 9 Monate nach seiner Diagnose verstirbt er am 26. August 2014. Zum Zeitpunkt seines Todes ist Manfred Seel gerade einmal 67 Jahre alt. Doch all die Monate und Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte zuvor, hat er es geschafft, ein dunkles Geheimnis zu bewahren. Bis zum Abend des 10. September 2014.

Seine Tochter organisiert die Beerdigung ihres Vaters, danach steht die Entrümpelung ihres Elternhauses an. Ihr Verlobter hilft ihr dabei, die Habseligkeiten ihrer Eltern durchzusehen und zu sortieren. Manfred Seel war seit 2008 auch Mieter einer Garage in der Nordstraße 5. Sie befindet sich in Schwalbach, einem beschaulichen Ort im Taunus.

Darin findet sich allerlei Gerümpel – aber auch zwei sorgsam verschlossene Plastiktonnen. Der Verlobte von Manfred Seels Tochter öffnet eine von ihnen und findet darin zwei menschliche Beine und einen abgetrennten Arm.

Britta Diallo

Nach dem schockierenden Fund alarmieren die Hinterbliebenen von Manfred Seel sofort die Polizei. Diese öffnen auch das zweite der beiden blauen Fässer in der Garage.

Darin befinden sich ebenfalls Leichenteile. Sie stammen von derselben Person.

Die Identität der Frau aus den Fässern kann schnell aufgeklärt werden. Denn trotz der fortgeschrittenen Verwesung sind die Fingerabdrücke der Verstorbenen noch erkennbar. In der Polizeidatenbank stoßen die Ermittler auf einen Treffer: Es handelt sich um Britta Simone Diallo. Sie war erst 43 Jahre alt, als sie im Herbst 2003 verschwand – und mutmaßlich von Manfred Seel ermordet wurde.

Der inzwischen verstorbene Mann, in dessen Garage die Fässer gefunden wurden, gilt als Hauptverdächtiger. All die Jahre lang hatten seine Familie, Freunde und Nachbarn nach eigenen Angaben keinen blassen Schimmer von seiner mutmaßlichen Tat. Auch die Polizei kam ihm nie auf die Schliche. Das lag aber auch daran, dass die Ermordete nie als vermisst gemeldet wurde.

Zuletzt soll Britta Diallo wohnungslos und alkoholabhängig gewesen sein. Sie war im Polizeiregister, weil sie unter anderem gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen hatte. Nur so konnten die Beamten die Identität der Frau überhaupt feststellen. Als sie 2014 in Seels Garage gefunden wird, muss sie schon ungefähr 11 Jahre lang tot sein.

Ermittler vermuten, Seel könnte die Leiche von Britta Diallo vor der Anmietung der Garage an einem anderen Ort gelagert haben. Für einige Jahre stand ihm ein Gartengrundstück in Kronberg im Taunus zur Verfügung.

Die Ermittler vermuten, dass Britta noch lebte, als ihr Mörder ihr mit einer Handsäge zunächst ihre Arme, dann ihre Beine abtrennte. Außerdem soll er ihr mehrere Schnitt- und Stichwunden zugefügt haben. Weiter habe er ihr acht Nägel in die Knie, die Brüste, das Becken und den Vaginalbereich geschlagen. Ähnliche Verletzungen finden die Ermittler bei einer Hausdurchsuchung in zahlreichen hardcore-pornografischen Filmen und Heften aus Manfred Seels Besitz.

Es ist nicht auszuschließen, dass diese Medien ihm als Inspiration für seine Taten dienten. Auch bei einer Durchsuchung des von Seel vormals angemieteten Gartengrundstücks finden die Polizisten einschlägige, von Gewalt durchzogene pornografische Hefte.

Die Polizei versucht, das Schicksal von Britta Diallo so gut es noch geht aufzuklären. Die wohnungslose Britta Simone Diallo soll sich oft am Frankfurter Bahnhof aufgehalten haben. Dort war sie in der Straßenprostitution tätig. Eine Kioskbesitzerin, bei der Britta oft vorbeigeschaut hat, beschreibt sie als „traurige Gestalt“. Die 43-jährige Frau sei immer in einem sichtlich schlechten Zustand gewesen, habe viel herumgeschrien und immerzu um Alkohol gebettelt.

Eine Zeugin, die mittlerweile nicht mehr im Frankfurter Bahnhofsviertel verkehrt, erinnert sich gut daran, Manfred Seel in der einschlägig bekannten Gegend gesehen zu haben. Ab Mitte der 1990er Jahre sei er regelmäßig auf dem berüchtigten Straßenstrich unterwegs gewesen. Er habe auch mehrmals für Sex mit Britta bezahlt. Irgendwann habe man sie dann nicht mehr in Frankfurt gesehen. Die Zeugin selbst gibt an, auch einmal in Seels Auto eingestiegen zu sein. Doch er habe begonnen, sie zu misshandeln, woraufhin sie wieder ausgestiegen sei.

Wann genau Manfred Seel Britta Diallo mutmaßlich ermordet und zerstückelt hat, kann nicht mehr ermittelt werden. Ein Arm von Britta Diallo konnte bis heute nicht gefunden werden.

Die Leiche der Frau weist so brutale Verstümmelungen auf, dass die Polizei schnell davon ausgeht, dass sie es mit einem Serientäter zu tun hat. Das Besondere in diesem Fall: Die Ermittler suchen nicht nach dem Mörder, sondern nach seinen Opfern.

Manfred Seel – Ein Serientäter?

Die Polizei arbeitet sich durch den gesamten Nachlass Manfred Seels. Spezialisten erstellen ein Täterprofil und Akten ungelöster Mordfälle werden wieder geöffnet. Bekannte, Freunde und Familie sind von dem Fund in Seels Garage schockiert. Er ist niemandem negativ aufgefallen. Er war gut in seinem Heimatort integriert und galt als ein freundlicher Nachbar. Auch sonst wirkt der Lebenslauf des mutmaßlichen Serienmörders zunächst sehr normal.

Manfred Seel wird 1946 in Kronberg im Taunus geboren und verbringt seine Kindheit in Oberursel. Er hat keine Geschwister. Im Alter von 15 Jahren wird er konfirmiert, in Frankfurt macht er seinen Schulabschluss. Danach folgt eine Ausbildung zum Klischeeätzer und ein zweijähriger Wehrdienst.

1973 heiratet er seine Ehefrau. Ab 1974 besucht er zunächst ein Abendgymnasium, dann beginnt er ein Studium in Kunst und Sozialgeschichte. Er macht jedoch nie einen Universitätsabschluss. Seel arbeitet in seinem Ausbildungsberuf und gründet später mit einem Jugendfreund Werner Lederer eine Firma. Sie organisieren gemeinsam Transporte und Wohnungsentrümpelungen.

1979 wird die Tochter von Manfred Seel und seiner Frau geboren. Zu dritt wohnt die Familie in einem Einfamilienhaus aus dem Familienbesitz von Seels Frau. Er baut den Keller aus und zieht sich oft dorthin zurück. Dazu sagt ein Nachbar gegenüber der BILD-Zeitung später in einem Interview: „Niemand durfte in seinen Keller, auch seine Frau nicht. Und manchmal hat er cholerisch rumgebrüllt.“

Weder seine Frau noch seine Tochter scheinen gewusst zu haben, womit genau ihr Ehemann und Vater sich dort unten beschäftigte. Manfred reist viel und nimmt oft auch seine Frau mit. Gemeinsam besuchen sie mehrere Länder in Europa und Afrika, aber auch die USA, Thailand und Vietnam. Er ist musikalisch begabt und spielt in seiner Freizeit mit Freunden in einer Band namens Overall Jazzgang .

Doch das Bild der kleinen glücklichen Familie scheint nur eine Fassade zu sein.

Ein Freund von Seel erinnert sich später, dass er regelmäßig Sex mit anderen Frauen hatte. Dazu habe er eine von seinem Geschäftspartner Werner Lederer angemietete Wohnung genutzt. Er sei in den 1990er-Jahren auch als Stammkunde auf dem Frankfurter Straßenstrich bekannt gewesen. Einem Nachbarn bietet er einmal an, mitzufahren – zum „Frauen gucken“. Der Nachbar bleibt jedoch zuhause und Seel fährt allein los.

Meist war er samstagabends nach Einbruch der Dunkelheit dorthin gekommen. Aus Tagebucheinträgen von Manfreds Frau geht hervor, wie unglücklich sie in der Ehe ist. Seel trinkt viel Alkohol und ist deshalb sowohl 1994 als auch 1996 in Behandlung. Wenn er betrunken ist, erzählte er laut eines Freundes hin und wieder von dem, was er seine „perverse Seite“ nannte. Dabei dreht sich vieles um Gewalt- und Machtfantasien. Doch der Freund schiebt diese Aussagen Seels Alkoholspiegel zu.

In dem Kellerraum von Manfred Seel finden Polizisten nach seinem Tod Datenträger mit zehntausenden Bild- und Videoaufnahmen. Unter anderem von gewaltpornographischen, aber laut Medienberichten auch kannibalistischen und kinderpornographischen Szenen. Teilweise sollen die Verletzungen seiner Opfer, von denen ich euch gleich erzählen werde, „fast eins zu eins“ denen in den pornografischen Filmen entsprochen haben. Seel war auch in mindestens zwei Foren für Menschen mit nekrophilen und gewalttätigen Neigungen registriert. Doch seine Internetnutzung erfolgte größtenteils durch ein verschlüsseltes Programm. Somit dauert die Untersuchung seiner Computerdaten Jahre. Es wird auch eine Fotoentwicklungsmaschine gefunden, jedoch keine Bilder, die Seel damit produziert haben könnte. Möglicherweise war sie ein Relikt aus seinem Berufsleben.

Nach mehr als 20 Monaten Ermittlungsarbeit wendet sich die hessische Polizei im Mai 2016 an die Öffentlichkeit. Dadurch erhofft man sich vor allem Hinweise zu Manfred Seel und dessen Werdegang. Denn so könnte man besser nachvollziehen, ob er möglicherweise weitere Morde begangen hat.

Die Ermittler arbeiten sich nach dem Fund von Britta Diallos verstümmeltem Leichnam durch zahlreiche Cold Cases aus Frankfurt und der näheren Umgebung. Nicht nur Vermissten-, auch Mordfälle stehen dabei im Fokus der Untersuchungen. Dabei konzentrieren sich die Ermittler insbesondere auf Fälle mit sadistischen Attributen.

In einem Interview zum Fall Seel erklärt die Kriminalpsychologin Lydia Benecke: „Sadismus heißt, dass man sexuell besonders erregt wird durch Leid, Schmerz und Erniedrigung des Gegenübers.“ Weiterhin erläutert sie, vom Umfeld unbemerkt solche Taten zu begehen, sei bei „Tätern, die einerseits krasse Tötungsfantasien haben und andererseits im Stande sind, ein geordnetes Leben zu führen, eher typisch“

Insgesamt bringt man Manfred Seel mit bis zu zehn Morden in Verbindung. In den späten 1980er- und 1990er-Jahren gibt es laut der Polizei eine „Häufung“ von Leichenfunden in und um Frankfurt.

Von 1971 bis in die späten 1980er Jahre gibt es weniger passende Fälle, die die Polizei neu aufrollen kann. Die Ermittler ziehen in Erwägung, dass dies mit Seels Lebensumständen in diesem Zeitraum zusammenhängen könnte. Sollte der Verstorbene wirklich ein Serienmörder sein, wäre eine Lücke in den 70ern und frühen 80er-Jahren mit seiner geänderten Biografie zu erklären. In dieser Zeit ändert sich Seels Biografie durch die Hochzeit mit seiner Frau, sein Studium und die Geburt seiner Tochter.

Doch noch davor könnte Manfred Seel möglicherweise eines seiner ersten Opfer ermordet haben.

Leitender Ermittler: „Aufgrund des Verletzungsbildes des im Fall Diallo, des Leichnams aus den Tonnen in Schwalbach vom September 2014 und der Erkenntnis, dass es sich hier offensichtlich um das Ausleben von Fantasien des sexuellen Sadismus an diesem Leichnam, bzw. möglicherweise auch an dem noch lebenden Opfer handelt, müssen wir zwingend davon ausgehen, dass es sich hier nicht um eine einzelne, isolierte Tat handelt.“

Gudrun Ebel

Auf ihrer Suche nach älteren ungelösten Fällen, die zum Täterprofil von Manfred Seel passen, stößt die Polizei auf einen Fall aus dem Februar 1971. In der Nähe der Friedberger Landstraße im Norden Frankfurts wird damals in einer abgelegenen Holzhütte der Leichnam einer jungen Frau gefunden.

Die Tote heißt Gudrun Ebel und ist gerade einmal 19 Jahre alt.

Sie arbeitet als Reinigungskraft im Johanna-Kirchner-Pflegeheim in Frankfurt. Sie wird als freundlich, introvertiert und zuvorkommend beschrieben, außerdem sei sie sehr tierlieb. Gemeinsam mit ihren Eltern und ihren sieben Geschwistern lebt sie in einem besetzten Haus im Frankfurter Westend. Zumindest bis Gudrun irgendwann nicht mehr zurück nach Hause kommt.

Sie wurde erdrosselt und ihre Bauchdecke wurde ihr aufgeschnitten. Der Täter muss ihr den Dünndarm, die Gebärmutter sowie ihren rechten Eierstock entfernt haben. Eine Schwester von ihr sagt in einem 2022 ausgestrahlten Interview: „Sie hat ja Alkohol im Blut gehabt. Und da nehm ich an; sie kannte den. Und der hat sie abgefüllt und da dann irgendwie hingebracht. Weil anders kann ich es mir nicht vorstellen. Also Gudrun war kein Typ, der sich in eine Gartenlaube locken lässt.“

Unweit des Auffindeortes der Leiche von Gudrun hat sich zum Tatzeitpunkt eine Diskothek namens Red Horse befunden. Es ist nicht klar, ob sie oder Manfred an diesem Abend Gäste dort gewesen sind. Aber es ist eine naheliegende Theorie. Denn die Verletzungen von Gudrun passen in ihrer sadistischen Natur zu denen, die auch Britta Diallo zugefügt wurden. Während bei Brittas Leichnam ein Arm fehlt, fehlen bei Gudrun Organe.

Sollte Manfred Seel die Tat begangen haben, wäre er damals 24 Jahre alt gewesen.

Hatice Erülkeroğlu

Zwei Monate nach Gudrun Ebel wird 1971 der Leichnam der 23 Jahre alten Hatice Erülkeroglu gefunden. Nur wenige Monate zuvor war die zweifache Mutter aus der Türkei nach Deutschland gekommen, um eine neue Arbeit zu finden.

Sie beginnt eine Tätigkeit in einem Seniorenheim – es ist die gleiche Einrichtung, in der auch Gudrun Ebel arbeitet. Die beiden haben sich jedoch nicht gekannt.

Hatice hatte geplant, ihren Mann und ihre beiden kleinen Kinder bald nach Deutschland zu holen. Doch dazu kam es leider nicht mehr.

Als Hatices Leiche im Frankfurter Gutleutviertel gefunden wird, ist sie verstümmelt. Sie hat zahlreiche Stich- und Schnittverletzungen. Ihre Schamlippen und Teile ihrer linken Brust wurden ihr abgenommen. Darüber hinaus wurde, vermutlich mit einem Stein, kräftig auf ihren Kopf eingeschlagen.

Im Kampf rutschen sie und ihr Mörder vermutlich einen kleinen Hang in der Nähe der Camberger Brücke hinunter. Dabei wurde ihr Gesicht zertrümmert.

Manfred Seels Ausbildungsstätte befindet sich damals in der Nähe des Seniorenzentrums, in dem Hatice und Gudrun arbeiteten.

Nur ein Bahnübergang und ein paar Häuser liegen zwischen ihnen. Zwischen dem Mord an Gudrun und dem Mord an Hatice kündigt Seel jedoch seinen Job dort. Laut einem Bekannten von Seel habe der später mit seiner Entrümpelungsfirma auch für das entsprechende Seniorenheim gearbeitet. Auch eine Partylocation soll sich unweit des Auffindeortes der Leiche von Hatice befunden haben.

Die Verletzungen von Hatice passen wieder zur sadistischen Natur des mutmaßlichen Mörders. Wie auch Britta Diallo und Gudrun Ebel fehlen ihrem Leichnam Körperteile, die nie gefunden werden.

Gisela Singh

Einer der ersten Fälle, die den Ermittlern auffallen, ist der ungeklärte Mord an Gisela Singh. Er spielt sich etwa zwanzig Jahre nach dem Fund der Leichen von Gudrun und Hatice ab.

Im Juni 1991 wird der Leichnam der damals 36 Jahre alten Frau im Hofheimer Wald entdeckt. Gisela wurde zu diesem Zeitpunkt zwei Wochen lang nicht mehr gesehen. Sie kam eigentlich aus einem soliden Elternhaus und war Mutter einer kleinen Tochter. Das Kind wurde ab seinem 2. Lebensjahr jedoch bei einer Pflegefamilie untergebracht.

Wie auch Britta Diallo ist Gisela zuletzt ohne festen Wohnsitz und über 16 Jahre hinweg regelmäßig auf dem Frankfurter Straßenstrich unterwegs. Sie ist heroinabhängig und mit dem HIV-Virus infiziert, was ihr in ihren letzten Monaten starke gesundheitliche Probleme bereitet.

Gisela ist damals oft im Café Fix, einer Frankfurter Hilfseinrichtung für Drogensüchtige. Oft ist ihr Zustand so schlecht, dass sie von Rettungskräften in ein nahegelegenes Krankenhaus gebracht wird.

Bei einer Vernehmung erinnert sich eine ehemalige Kollegin, dass Gisela oft auch mit sehr zwielichtigen Männern mitgegangen ist. Ihre Verzweiflung und ihre Sucht seien zu stark gewesen, um möglicherweise gefährliche Angebote auszuschlagen. Denn zuletzt habe ihr Tagesbedarf an Heroin einen Wert von etwa 150 D-Mark gehabt. Eine Zeugin will auch gesehen haben, wie Gisela mit Manfred Seel in dessen Auto weggefahren sei.

Als Pilzsammler Giselas Leichnam finden, ist dieser mit Ästen und Laub zugedeckt. Sie wurde erdrosselt. Ihre Kleidung und ihre Schuhe sind ordentlich neben ihrem Kopf abgelegt worden. Gisela Singhs Bauchraum war aufgeschnitten und ihr Dünndarm entfernt worden. Dieser wurde nie gefunden. Auch Teile ihrer Haut fehlen.

Damals taucht Manfred Seel nicht auf dem Radar der Ermittler auf. Nur einen Tag nach dem Fund der Leiche flog er für einen Florida-Urlaub in die USA. Sollte Seel den Mord an Gisela begangen haben, wäre er zum Tatzeitpunkt etwa 45 Jahre alt gewesen. Dieser Umstand lässt eine Schuld Seels für die Morde an Gudrun Ebel und Hatice Erülkeroglu noch wahrscheinlicher wirken. Denn dass es sich bei einem so brutalen Mord wie dem an Gisela Singh um eine Ersttat gehandelt hat, ist fragwürdig. Die Ermittler gehen vielmehr davon aus, dass der Täter zuvor schon ähnliche Verbrechen begangen hat.

Dominique Monrose

Zwei Jahre nach Gisela Singh taucht im Dezember 1993 eine zweite weibliche Leiche auf. In der Nähe einer Straßenüberführung an der A661 nahe Frankfurt finden Straßenreiniger blaue Müllsäcke. Darin befindet sich der Torso von der 31 Jahre alten Dominique Monrose. Die Frau wurde mit einem Stich ins Herz getötet. Sie wurde am 3. Dezember 1993 zuletzt von Zeugen gesehen, vermutlich wurde sie kurz danach ermordet.

Denn bei der Obduktion lassen sich noch Rückstände von Methadon finden. Also muss Dominique die Substanz noch recht kurz vor ihrem Tod eingenommen haben. Der Verwesungszustand des Oberkörpers lässt vermuten, dass der Täter Dominiques Leichnam für einige Tage aufbewahrt hat. Erst danach hat er den Torso in einen Müllsack gesteckt und in der Böschung platziert.

Dominique wurde auf der Karibikinsel Martinique geboren. Leider ist nicht bekannt, wann und weshalb sie nach Deutschland kam. Wie Britta Diallo und Gisela Singh hatte auch sie keinen festen Wohnsitz, war drogenabhängig und ging regelmäßig auf den Frankfurter Straßenstrich.

Anfang 1994 werden an der Bundesstraße 40a unweit des Flughafens Dominiques Arme und ihr linkes Bein in einem Müllsack gefunden. Die Rechtsmedizin geht davon aus, dass der Täter diese Körperteile, ähnlich wie zuvor den Torso, länger aufbewahrt hat. In zwei anderen Müllsäcken unweit des Fundortes befinden sich Tierabfälle sowie eine sandige Substanz. Mit großer Wahrscheinlichkeit stammen diese beiden Müllsäcke ebenfalls vom Täter. Der Fundort befindet sich auch in der Nähe der Stelle, an der 1971 die Leiche von Gudrun Ebel gefunden wurde. Auch das ist ein Faktor für eine Verdächtigung Manfred Seels.

Auch von Dominique Monrose sind einige Körperteile nie aufgetaucht. Ihr Kopf und ihr rechtes Bein fehlen bis heute.

Verbindungen zu anderen Fällen

Wie eingangs erwähnt, werden Seel bis zu zehn Tatbeteiligungen nachgesagt. Dass Mordopfern Organe oder Körperteile ent- oder abgenommen werden, ist in Deutschland extrem selten. Vor allem in solch einem kleinen Radius. Das Täterprofil zu den Mordfällen ist so spezifisch, dass die Ermittler davon ausgehen können, dass sie zusammenhängen – und dass Manfred Seel der Täter ist.

Dennoch unterscheiden sich die Morde an Gudrun Ebel und Hatice Erülkeroglu von den späteren Morden an Gisela Singh, Dominique Monrose und Britta Simone Diallo. Die drei letztgenannten Frauen waren aus Sicht eines Täters leichter zugänglich. Durch ihre Wohnungslosigkeit, ihre Abhängigkeit und ihre Tätigkeit als Prostituierte waren sie vulnerabler. Gudrun und Hatice hingegen scheinen aus einem eher geregelten Alltag gerissen worden zu sein. Dennoch liegen andere Übereinstimmungen vor.

Und das lässt vermuten, dass Manfred Seel sich bei seinen mutmaßlichen Verbrechen nicht nur auf eine potenzielle Opfergruppe konzentrierte.

Tristan Brübach

Zu den Fällen, bei denen eine Tatbeteiligung Manfred Seels ebenfalls geprüft wird, gehört auch der ungeklärte Mord an Tristan Brübach.

Der damals dreizehn Jahre alte Junge wurde im März 1998 in Frankfurt brutal ermordet. Es gibt einige Parallelen zum Tathergang.

Tristans Leichnam wurde nur sieben Kilometer von Seels Wohnort gefunden. Manfred Seel hatte in der Nähe des Liederbachtunnels, wo der Leichnam des 13-Jährigen lag, oft geschäftlich zu tun. Auch der Fundort von Gisela Singh und Dominique ist in der Nähe. .

Bei einem seiner Opfer stellte Seel die Schuhe neben dem Kopf der Leiche ab. Im Fall Tristan wurden seine Schuhe auf seinen Körper gestellt. Daraus könnte man ein sadistisches Motiv ableiten. Es gibt auf einem Schulheft Tristans einen Fingerabdruck des Täters. Doch dieser stimmt nicht mit den Fingerabdrücken von Manfred Seel überein. Es ist offiziell von polizeilicher Seite ausgeschlossen, dass Manfred Seel der Mörder von Tristan ist. Wenn ihr mehr über den Fall Tristan erfahren möchtet, verlinke ich euch meine Dokumentation dazu oben in der Infocard.

Pia Heym

1996 wird in Frankfurt ein menschlicher Schädel von einem Spaziergänger gefunden. Er war in eine Plastiktüte gewickelt am Wegesrand abgelegt worden.

Der Kopf gehört zu einer vermissten Frau namens Pia Heym. Auch hier sehen die Ermittler einige Parallelen zu mutmaßlichen Opfern Manfred Seels.

Pia Heym war Bankangestellte und verschwindet am 24. Juli 1996 auf dem Heimweg von der Arbeit. Sie ist zum Zeitpunkt ihres Verschwindens psychisch instabil und auf das Medikament Leponex angewiesen. Dieses wird Personen verschrieben, die unter therapieresistenten Psychosen leiden. Laut Aussagen von Ermittlern habe dieses Medikament auch Einflüsse auf Pias Sexualität und ihre Libido gehabt, sodass sie unter anderem mit fremden Männern geschlafen habe.

Wie andere mutmaßliche Geschädigte von Manfred Seel, soll Pia sich oft am Frankfurter Bahnhof aufgehalten haben. Insbesondere bei Pizza Hut sowie bei den McDonald’s-Filialen am Hauptbahnhof und an der Friedberger Straße. Pias abgetrennter Kopf wurde fünf Monate nach ihrem Verschwinden in der Nähe der Straßenbahnhaltestelle Am Mühlberg/Offenbacher Landstraße gefunden.

Dieser wurde sauber mit einem Messer abgetrennt und laut der Gerichtsmedizin möglicherweise gekühlt, ehe er am Wegesrand abgelegt wurde. Das passt zum Muster der anderen Taten, die mutmaßlich Manfred Seel zuzuschreiben sind. Leider fehlt der Rest von Pia Heyms Leichnam weiterhin. Nur ihr Kopf konnte gefunden werden.

Julia Schröder & Gabriele De Haas

Die Liste der Fälle, die noch einmal neu begutachtet werden, geht noch weiter. Die Polizei widmet sich noch einmal zwei Vermisstenfällen aus 1998 und 1999. Beide vermissten Frauen waren zuletzt in Frankfurt – und nur kurz nach ihrem Verschwinden soll Manfred Seel USA-Reisen unternommen haben. Auch kurz nach dem Mord an Gisela Singh reiste Seel in die USA. Womöglich waren diese Reisen für ihn eine Art temporäre Flucht.

Beide Frauen waren zuletzt auf dem Frankfurter Straßenstrich tätig. Über Julia Schröder und Gabriele De Haas ist leider noch weniger bekannt als über die anderen Frauen, die mutmaßlich von Seel ermordet worden sein könnten. Über Julia weiß man, dass sie sich auch für SM-Praktiken hergab. Das könnte sie für einen sadistisch motivierten Täter zu einem potenziellen Opfer gemacht haben.

Ein 2004 gefundener weiblicher Kopf konnte nie identifiziert werden. Er wird, in Alufolie eingewickelt, an einer Staustufe entdeckt. Die Frau soll aus Osteuropa stammen und etwa 40 bis 50 Jahre alt gewesen sein. Auch dieser Fall ist für die Ermittler in Hinblick auf Manfred Seel interessant – doch da die Identität der Frau bis heute nicht bekannt ist, sind Ermittlungen kaum möglich. Von der unbekannten Frau bleibt nur ihr verwester Schädel.

Ein toter Mörder?

Der große Konflikt im Fall Manfred Seel ist ja, dass er zum Zeitpunkt der Anschuldigungen bereits verstorben ist. Erst einen Monat nach seinem Tod findet sein Schwiegersohn das blaue Fass mit der Leiche von Britta Diallo in Seels Garage. Und erst so kommen die Ermittlungen überhaupt ins Rollen.

LKA-Präsidentin: „Gegen den verstorbenen Herrn Seel kann weder Anklage erhoben werden, noch kann er jemals rechtskräftig als Mörder verurteilt werden. Insoweit bleibt es hier für immer bei dem bereits genannten Tatverdacht. Unschuldsvermutung gilt hier über den Tod hinaus.“

Die Polizei untersucht allerdings, ob er Mittäter oder Komplizen gehabt haben könnte. Auf diesem Weg können die Ermittlungen am Laufen gehalten werden. Einige der beteiligten Ermittler denken, dass Seel nicht allein gehandelt hat. Möglicherweise könnte er einen Komplizen gehabt haben. Einige Medienberichte bringen dabei Seels ebenfalls verstorbenen Geschäftspartner Werner Lederer ins Spiel.

So soll der Besitzer der Garage, die Seel und sein Geschäftspartner angemietet haben, gesagt haben, er habe beide zusammen in der Garage „herumwerkeln“ gesehen. Nach dem Tod von Lederer Anfang 2014 sei Seel dann nicht mehr oft zur Garage gekommen. Nur an Samstagen sei er noch ab und an kurz dort gewesen.

Auch ein gemeinsamer Bekannter der beiden, Harry Mayer, berichtet von einem sonderbaren Verhältnis zwischen Seel und Lederer. Beide seien alkoholsüchtig und „symbiotisch miteinander verbunden“ gewesen. Werner Lederer sei dabei der Entscheider gewesen: „Der Seel hat gemacht, was der ihm auftrug.“

Natürlich kann Werner Lederer nicht mehr befragt werden. So bleibt eine mögliche Beteiligung seinerseits an Morden eine reine Spekulation. Denn da er, wie auch Seel, verstorben ist, kann nicht mehr gegen ihn ermittelt werden. Bei Werner Lederer gibt es, von den Aussagen des Freundes und seiner Nähe zu Manfred Seel, auch keine wirklichen Anhaltspunkte dafür, dass er überhaupt von Seels mutmaßlichen Taten geahnt haben könnte.

Und wie die LKA-Präsidentin es während der Pressekonferenz 2016 treffend formuliert hat, wird man auch bei Manfred Seel nie über den gut begründeten Tatverdacht hinauskommen.

Sollte Seel und gegebenenfalls ein Komplize die Morde, für die er verdächtigt wird, wirklich begangen haben – und davon geht man aus – fällt vor allem eines auf: Von allen Leichen fehlen Körperteile. Ein Beamter sagt während eines Pressetermins: „wenn Sie das zusammenrechnen, könnten Sie sich tatsächlich dadurch einen neuen Körper herstellen“.

Der Profiler Axel Petermann ordnet Manfred Seel als einen mutmaßlichen „Lustmörder“ ein, der während seiner Taten sexuelle Fantasien ausgelebt habe. Diese hätten sich anscheinend um Sadismus und Nekrophilie, eventuell auch Kannibalismus, gedreht. Durch die Aufbewahrung der Leichenteile sei ihm laut Axel Petermann „immer präsent gewesen, dass er derjenige war, der getötet hat, dass er die Macht hat“

Es gibt Theorien, Seel könnte kannibalistische Neigungen gehabt haben. Auch ein Hang zur Pädophilie wird nicht ausgeschlossen. Doch man wird nie eine vollständige Gewissheit haben. In einer Dokumentation aus dem Jahr 2021 heißt es:

„Die Arbeitsgruppe wurde mittlerweile aufgelöst. Doch die Mordkommission ermittelt weiterhin. Und auch die Kriminalakte Manfred Seel ist noch nicht geschlossen.“

Outro

Von der Presse wird Manfred Seel nach den Ermittlungen der Polizei als „Hessen-Ripper“ oder „Jack the Ripper von Schwalbach“ bezeichnet. Juristisch wird man ihn für seine mutmaßlichen Taten nie belangen können. Obwohl er sein anscheinend sorgsam gehütetes Geheimnis mit ins Grab genommen hat, konnten durch das Auftauchen der blauen Fässer in seiner Garage neue Ermittlungen beginnen. Ermittlungen in grausamen Mord- und Vermisstenfällen, die in der Öffentlichkeit leider schon lang keine Rolle mehr gespielt haben.

Wenn ihr die Dokumentation interessant gefunden habt, würde ich mich sehr über eure Unterstützung freuen. Das geht ganz einfach mit einem Like oder einem Kommentar. Ich verlinke euch auch noch einmal die im Video angesprochene Doku über den Mord an Tristan Brübach. Schaut dort gern vorbei, wenn ihr mögt.

Wie immer danke ich euch fürs Zusehen und wünsche euch einen schönen Tag. Bis bald.

Quellen

  1. Manfred Seel ist nicht Tristans Mörder mordfall-tristan.de
  2. prostitutionmurders:de:britta_simone_diallo [] sexindustry-kills.de
  3. (S+) Manfred Seel: Der Serienmörder von Frankfurt Der Spiegel, 2022
  4. Die Opfer der mutmaßlichen Mordserie Frankfurter Neue Presse, 2018
  5. Tristan Brübach - Einer der mysteriösesten Fälle Deutschlands YouTube, 2021
  6. prostituiertenmoerder:manfred_seel [] sexindustry-kills.de
  7. RTL+: Sport, Filme, Serien, Podcasts, Hörbücher, Live-TV RTL+
Fallakte
Orte
Schwalbach am Taunus, Frankfurt am Main, Kronberg im Taunus, Oberursel, Hofheimer Wald, Gutleutviertel
Region
Hessen
Land
Deutschland
Jahr
1971–2014
Status
Teilweise geklärt
Fallart
Serientäter, Tötungsdelikt, Vermisstenfall
Personen
Manfred Seel, Britta Simone Diallo, Gudrun Ebel, Hatice Erülkeroğlu, Gisela Singh, Dominique Monrose, Pia Heym
Lagekarte
Kartendaten: Natural Earth