Zum Inhalt
InsolitoFallarchivAlle FälleKarteSpiele
Alle Fälle

Strongsville, Ohio, 2022

Mackenzie Shirilla

Zwei Männer sterben bei einem Crash in Ohio – die 17-jährige Fahrerin gerät unter Mordverdacht.

Lesezeit etwa 20 Minuten

Worum es geht

Im Juli 2022 entdeckt ein Motorradfahrer in Strongsville, Ohio, einen völlig zerstörten Toyota vor einer Betonwand. Der 20-jährige Dominic Russo und sein Freund Davion Flanagan (19) sind tot, nur Dominics Freundin Mackenzie Shirilla, die 17-jährige Fahrerin, überlebt. Die Polizei ermittelt bald nicht mehr wegen eines gewöhnlichen Unfalls, sondern wegen eines möglichen Doppelmords. Social-Media-Beiträge, Handyaufnahmen, Zeugenaussagen und Fahrzeugdaten sollen zeigen, was in den Sekunden vor dem Aufprall geschah und wie es um die Beziehung des Paares stand. Der Fall wirft die Frage auf, ob die Fahrerin die Kontrolle verlor oder bewusst handelte.

Uhrenturm in Strongsville, Ohio
Uhrenturm in Strongsville, Ohio. Foto: EthanolB, CC0, über Wikimedia Commons.

Intro

Es ist ein warmer Sonntagmorgen im Juli 2022. In der Stadt Strongsville in Ohio ist so gut wie niemand auf den Straßen. Immerhin sind Sonntage ja zum Ausschlafen da. Nicht so für einen Motorradfahrer, der sich schon gegen halb sieben auf sein Bike schwingt. So früh morgens hat er so gut wie freie Bahn auf den Straßen von Strongsville. Doch als er eine Straße herunterfährt, bleibt sein Blick an etwas hängen.

Mitten vor der Betonwand eines großen Gebäudes steht ein schwer demoliertes Auto. Der Motorradfahrer schaut sich um – außer ihm befindet sich niemand in der Nähe. Aus dem Wagen mit Totalschaden gibt es keine Geräusche, keine Bewegungen. Offenbar ist er der Erste, der hier an einer Unfallstelle angekommen ist. Der Motorradfahrer wählt den Notruf. Damit wird er wenigstens ein Leben retten können. Zwei weitere sind verloren. Und das Auto ist hier kein Unfallobjekt. Es ist eine Mordwaffe.

Das Traumpaar

Mackenzie Shirilla wird 2004 in Ohio geboren. 2022 ist sie siebzehn Jahre alt und fiebert wahrscheinlich, wie so viele Teenager, ihrem 18. entgegen. Grund zum Feiern hat sie aber auch so schon: Gerade hat sie ihren Highschool-Abschluss frisch in der Tasche. Mackenzie ist also noch echt jung und startet gerade erst ins Erwachsenenleben. In Sachen Liebe und Beziehung sieht es bei Mackenzie aber auf dem Papier schon erwachsener aus als bei so manchen älteren Leuten.

Mackenzie ist schon seit vier Jahren mit ihrem Freund Dominic Russo zusammen. Er ist 20 Jahre alt und hat seinen Abschluss schon längst hinter sich. Beruflich probiert er sich gerade ein wenig aus – sein großer Traum ist aber eine eigene Modelinie als Designer. Dominic und Mackenzie wohnen seit Anfang 2022 sogar zusammen. Dominics Familie besitzt mehrere Immobilien, und in einer davon wohnen er und seine Freundin allein, während Dominics Eltern und Bruder auf dem Nachbargrundstück wohnen.

Schon zu Schulzeiten hat Mackenzie damit angefangen, regelmäßig auf TikTok zu posten. Vor allem zu den Themen Fashion, Beauty und Lifestyle. Das macht sie auch mit Erfolg: Als sie den Highschool-Abschluss macht, hat sie schon eine beachtliche Followermenge. Ab und an schicken Firmen ihr sogar Produkte zum Ausprobieren und Vorstellen. Und heutzutage kann man aus so etwas ja durchaus eine Karriere machen. Mackenzie hat nach ihrem Schulabschluss also eigentlich beste Voraussetzungen für den Start ins Erwachsenenleben. Das ist zumindest wahrscheinlich in etwa der Stand der Dinge, wie Mackenzie ihn beschreiben würde. Würde man Dominic Russos Familie fragen, käme da wahrscheinlich eine andere Meinung zustande.

Denn seitdem Mackenzie und Dominic zusammengezogen sind, scheint irgendetwas gekippt zu sein. Immer wieder kommt es zwischen den beiden zu Streitereien. Dabei soll vor allem Mackenzie als Aggressorin auftreten. Auch die Eltern von Davion, einem gemeinsamen Freund von Mackenzie und Dominic, haben kein gutes Bild von der 17-Jährigen. Sie berichten, Mackenzie sei eine Mobberin, „jemand, der daran interessiert wäre, Menschen zu erniedrigen und zu demütigen“. Oder, wie die Eltern des Freundes es kurzfassen: „eine narzisstische, unangenehme Person.“

Aber trotzdem hält die Beziehung zwischen Mackenzie und Dominic im Großen und Ganzen. Genau wie die Freundschaft zu Davion, dessen Eltern wenig von Mackenzie halten. Es liegt also nahe, dass die drei Freunde gemeinsam ihren Abschluss feiern. Davion war in Mackenzies Jahrgang und ist nun ebenfalls mit der Schule durch. Am letzten Juli-Wochenende 2022 suchen er, Mackenzie und Dominic also nach einem geeigneten Abendprogramm. Wir haben da jetzt wahrscheinlich alle typisch-amerikanische Bilder von fetten Hauspartys im Kopf, wie man das aus Filmen so kennt.

Aber am 30. Juli zieht es das Paar und ihren Freund zu eher ruhigen Veranstaltungen. An diesem Samstagabend besuchen die drei ab 22 Uhr zuerst Mackenzies gute Freundin Kellie. Dort haben sich ein paar Freunde versammelt, um am Lagerfeuer zu sitzen und ein paar Brettspiele zu spielen. Die drei bleiben aber nicht mal eine Stunde lang. Danach fahren Mackenzie, Dominic und Davion schon weiter. Die nächste Hausparty beim gemeinsamen Kumpel Paul Burlinghaus wartet schon auf sie.

Bei Paul ist die Stimmung entspannt – es läuft Musik im Hintergrund, es wird Gras geraucht. Gastgeber Paul raucht nicht mit, wird aber trotzdem früh müde. Schon um Mitternacht macht er auf seiner eigenen Party einen Rückzieher und legt sich ins Bett. Die Stimmung zwischen den anderen scheint ganz normal zu sein, dementsprechend hat er keinen Grund, ein schlechtes Gefühl dabei zu haben, seine Freunde allein zu lassen. Wie man aus Mackenzies Handydaten später ableiten kann, bleiben sie, ihr Freund Dominic und Kumpel Davion noch ziemlich lange.

Erst um 5:30 Uhr am Morgen verlassen sie das Haus von Paul, der nach wie vor schläft. Zehn Minuten später sind zwei von ihnen tot.

Der Crash

Am Morgen des 31. Juli 2022 treffen Notärzte und Polizei in der Vorstadt Strongsville ein. Sie wurden von einem Motorradfahrer alarmiert. Der Grund des Einsatzes: ein heftiger Autounfall. Vor Ort an der Kreuzung zwischen Progress Drive und Alameda Drive bietet sich den Rettungskräften ein heftiges Bild. Ein 2018er Toyota Camry ist direkt an die Wand eines Gebäudes gekracht. Der vordere Teil des Wagens ist komplett demoliert. Selbst erfahrene Rettungskräfte sind absolut geschockt von der Unfallstelle.

Einer von ihnen sagt sogar, es sei die schlimmste, die er jemals gesehen habe. Wahrscheinlich auch, weil sich gleich drei nicht ansprechbare Personen in dem Wagen befinden. Eine Frau sitzt am Steuer, auf dem Beifahrersitz ein Mann. Ein weiterer Mann befindet sich auf der Rückbank. Beide hatten ihre Sitzgurte nicht angelegt.

Die beiden jungen Männer können nur noch tot aus dem Wagen geborgen werden. Eine dritte Person ist bewusstlos, aber am Leben. Zunächst konzentrieren sich alle darauf, wenigstens dieses Leben zu retten. Die 17 Jahre alte Fahrerin des Wagens ist eingeklemmt, kann aber von einer Spezialeinheit befreit werden. Erst, als Mackenzie endlich aus dem Wrack gezogen wird, beginnt sie zu schreien. Dann stellt sie eine einzige Frage: „Wie geht es Davion?“

So fürchterlich das für die Einsatzkräfte auch ist – ihre Schreie und ihre Frage bedeuten, dass die junge Frau bei Bewusstsein ist. Und das ist in diesem Moment die Hauptsache. Ein Rettungshubschrauber rückt an. Doch obwohl Davion, nach dem Mackenzie gefragt hat, noch leicht zu atmen scheint, verstirbt er, bevor der Helikopter eintreffen kann. Genau wie Mackenzies Freund Dominic hat er zu starke Kopfverletzungen. Nur Mackenzie selbst kann noch mit dem Hubschrauber in eine nahegelegene Klinik gebracht werden. Dort wird sie mehrfach notoperiert, ist aber außer Lebensgefahr.

Wie sich herausstellt, lagen zwischen dem Unfall und dem Notruf durch den Motorradfahrer etwa 45 Minuten. In der Zwischenzeit ist so früh am Sonntagmorgen einfach niemand an der Stelle vorbeigekommen, der das Autowrack hätte bemerken können.

Mackenzie hat ein gebrochenes Bein und mehrere gebrochene Rippen. Als sie im Krankenhaus wieder zu Bewusstsein kommt, muss ihr mitgeteilt werden, dass ihr Freund Dominic tot ist, genau wie Kumpel Davion – wegen des Unfalls, den sie gebaut hat.

Davion, der Freund von Dominic und Mackenzie, wurde nur neunzehn Jahre alt. Er hinterlässt zwei Schwestern. Die drei wurden gemeinsam vom Ehepaar Flanagan adoptiert und großgezogen. Davion war der Quarterback seiner Football-Mannschaft und hat gerade erst seinen Abschluss gemacht, gemeinsam mit Mackenzie. Eigentlich wollte er gern Haarstylist werden und sich in entsprechende Kurse einschreiben.

Während Mackenzie sich in der Klinik erholt, müssen die Familien von Davion und Dominic irgendwie mit diesem furchtbaren Verlust umgehen. In diesem Zuge wird für Dominic eine Online-Trauerseite eingerichtet. Das ist in den USA recht üblich und wird auch bei uns immer öfter genutzt – es handelt sich um eine Art digitales Kondolenzbuch. Und auch Mackenzie schreibt ihrem verstorbenen Freund einige Worte.

Zum Beispiel diese hier: „Ich vermisse dich, Schatz. Ich habe immer noch das Gefühl, dass du jeden Moment zur Tür hereinkommen wirst. Ich vermisse dein Lachen, dein perfektes Lächeln. Ich spüre deine Energie jeden Tag um mich herum, ich wünschte nur, sie wäre physisch greifbar. Gott, du bist der letzte Mensch, der das verdient hat, du hattest ein so perfektes Leben vor dir… Ich wünschte, ich hätte dir das alles öfter gesagt. Bitte warte auf mich.“

Am 8. August 2022 wird Dominic Russo im Kreise seiner Familie beigesetzt. Eine Woche nach der tödlichen Autofahrt. Auch an diesem Tag hinterlässt Mackenzie einen Eintrag: „Ich liebe dich, mein Schatz. Ich werde nie aufhören, an dich zu denken.“ Zu diesem Zeitpunkt ist Mackenzie mit der Familie von Dominic in Kontakt. Immerhin waren die zwei vier Jahre zusammen – laut den Russos war Mackenzie längst Teil der Familie. In einer SMS an Dominics Mutter schreibt Mackenzie Folgendes zum Crash:

„Ich erinnere mich, dass ich in die Straße eingebogen bin, und dann wurde alles schwarz vor meinen Augen. Es macht mich wirklich fertig, dass ich mich an nichts erinnern kann. Ich verspreche Ihnen, ich würde es Ihnen sagen. Ich habe meine Therapeutin gefragt, warum ich mich nicht erinnern kann, und sie sagte, es liege an einem Trauma. Ich werde versuchen, mich hypnotisieren zu lassen, um meine Erinnerungen zurückzuholen.“

Ob sich Mackenzie wirklich jemals hypnotisieren ließ, konnte ich nicht herausfinden. Klar ist aber: Niemand kauft Mackenzie ihre Reue ab. Niemand glaubt, dass sie einen Blackout hatte – sondern dass sie aus voller Absicht gehandelt hat.

Die Intrige

Vor der Beisetzung von Dominic im August ist Mackenzie schon längst wieder aus dem Krankenhaus raus.

Noch in der Klinik wurde ihr mitgeteilt, dass die Sache nicht als normaler Unfall ermittelt wird – sondern als möglicher Doppelmord. Mackenzie hat sich daraufhin erkundigt, ob man ihr nicht einfach den Führerschein für zehn Jahre entziehen könnte. Um es dann gut sein zu lassen, wie sie impliziert. Aber so einfach ist das natürlich nicht.

Die Polizei behält während ihrer Genesungszeit Mackenzies Social-Media-Profile im Auge. Einige Posts kommen den Ermittlern komisch vor. Zum Beispiel ein Video, das Mackenzie von sich selbst macht. Dazu schreibt sie: „Ich bin einfach eines dieser Mädchen, die eine Menge Drogen nehmen können, ohne zu sterben.“ Dass Mackenzie während ihrer Zeit im Krankenhaus weiterhin auf Social Media aktiv ist, rentiert sich für sie. Sie wird sogar von einer Modelagentur angeschrieben. Die Agentur sitzt in Los Angeles und Mackenzie bekundet direkt Interesse, in die Kartei aufgenommen zu werden.

Ihre Mutter klinkt sich in diese Verhandlungen ein und stellt in einer Nachricht an die Agentur klar, dass der Crash „ein tragischer Unfall war und sie das Leben ihrer Freunde nicht absichtlich beendet“ habe. Das beteuert Mackenzie selbst auch in SMS an die Familie von Davion Flanagan. Sie lässt seinen Eltern und Geschwistern auch Blumen schicken.

Allerdings macht das die Ermittler nicht gerade weniger misstrauisch. Nachdem ihre gebrochenen Knochen verheilt sind und sie aus der Klinik entlassen ist, geht die junge Frau viel feiern. Videos und Fotos davon lädt sie auf Social Media hoch. Vor allem ihre Halloween-Postings werden ihr negativ ausgelegt. Für die Ermittler sieht es nicht aus, als würde sie wirklich trauern. Der Crash ist zu diesem Zeitpunkt auf den Tag genau drei Monate her – die Polizisten glauben offenkundig nicht, dass das genug vergangene Zeit ist, um wieder feiern zu gehen.

Zumal sie auch auf ein Konzert geht, während sie noch mit ihrem gebrochenen Bein im Rollstuhl sitzt. Zu diesem Konzert wird sie übrigens laut Berichten unter anderem von Cousins ihres verstorbenen Freundes Dominic begleitet.

Mackenzie war zum Zeitpunkt des Unfalls nicht nüchtern. Vom Graskonsum auf der zweiten Hausparty bei Paul haben wir eingangs schon gehört. Noch dazu findet die Polizei bei ihr 7 Gramm des psychedelischen Pilzes Psilocybin. Allerdings wurden ihre Werte nach der Ankunft im Krankenhaus direkt gecheckt. Sie sind wohl nicht so hoch, als dass sie unter erheblichem Einfluss der Substanzen gewesen wäre. Aber anscheinend ist es nicht das erste Mal, dass Mackenzie unter Drogeneinfluss oder unkonzentriert fährt: Auf ihren Social-Media-Profilen gibt es mehr als 100 Fotos und Videos, auf denen sie beim Autofahren raucht oder Aufnahmen von sich selbst macht.

Und wie die Polizei zu glauben beginnt, hat Mackenzie noch weitaus mehr getan – und zwar ganz bewusst. Die Ermittler befragen verschiedene Zeuginnen und Zeugen, um sich ein Bild von Mackenzie und ihrer Beziehung zu Dominic zu machen. Vor allem die Aussage von ihrem Ex-Freund Tyler ist wichtig. Er sagt, die 17-Jährige sei „nicht ganz da“ – er glaubt, sie habe sich durch den vermeintlichen Unfall selbst das Leben nehmen wollen. Ohne Rücksicht auf weitere Verluste. Das ist eine ziemlich krasse Anschuldigung. Eine, der die Ermittler auf den Grund gehen müssen.

Die Familie von Dominic sagt, im letzten halben Jahr sei die Beziehung alles andere als harmonisch gelaufen. Beim vermeintlichen Traumpaar sei so einiges schiefgelaufen – und zwar aufgrund von Mackenzies Verhalten. Dominics Mutter berichtet, im Laufe des Jahres 2022 sei Mackenzie immer besitzergreifender geworden, was Dominic betraf. Sie berichtet von „Drohungen, Streitereien, Trennungen [und] Meinungsverschiedenheiten“.

Besonders wertvoll sind die digitalen Spuren – also die Nachrichtenverläufe, Fotos und Videos auf den Handys der verunfallten Leute. Auf Dominics Handy werden die Polizisten schnell fündig. Er hat mehrere Streit-Situationen mit Mackenzie aufgezeichnet. Darauf ist zu hören, wie sie ihn teilweise ziemlich übel beleidigt. Auf einem Video ist eine Auseinandersetzung zu hören, in der es wohl darum geht, dass sich die beiden kürzlich mal getrennt haben. Mackenzie sagt auf der Aufnahme, sie würde so lange vor dem Haus stehen bleiben, bis Dominic sie wieder reinlässt. Würde er die Tür nicht aufmachen, würde sie den Lack an seinem Auto zerkratzen.

Ein paar Wochen vor seinem Tod soll Dominic seine Mutter einmal aus dem Auto angerufen haben. Er saß auf dem Beifahrersitz, Mackenzie am Steuer. Er soll diesen Anruf aus purer Angst abgesetzt haben. Laut seiner Mutter habe er gesagt, Mackenzie würde gerade viel zu schnell fahren. Sie würde ihn bedrohen und er käme nicht aus dem Auto raus. Die Mutter will gehört haben, wie Mackenzie im Hintergrund sagte: „Dominic, ich werde dieses Auto crashen. Ich schwöre, ich werde dieses Auto crashen.“

Dominics Mutter hat dann einen Freund der Familie angerufen, der ihren Sohn abholen sollte. Am Ort des Geschehens angekommen will der Freund gesehen haben, wie Mackenzie Dominic im Auto mutmaßlich geschlagen hat. Dann sei Dominic ausgestiegen und sichtlich erleichtert gewesen, als er im Wagen des Familienfreundes war. Für die Polizei ergibt sich so ein neues Bild von Mackenzie Shirilla. Nicht das einer Jugendlichen, die einen furchtbaren Unfall gebaut hat. Sondern das einer toxischen Person, die bis zum Äußersten gegangen ist. Am 4. November 2022 wird Mackenzie als mutmaßliche Doppelmörderin festgenommen.

Zunächst geht es vors Jugendgericht. Denn zum Zeitpunkt des Unfalls war Mackenzie erst 17 Jahre alt. Selbst wenn man sie nach Jugendstrafrecht in allen Punkten schuldig gesprochen hätte, wäre maximal eine Haftstrafe bis zu ihrem 21. Geburtstag dabei rumgekommen. Das halten die Anwälte der Opferfamilien für zu wenig. In einer dreitägigen Verhandlung gilt es für sie nun, den Richter davon zu überzeugen, Mackenzie als Erwachsene weiter strafrechtlich zu verfolgen. Und das gelingt. Das Jugendgericht bewilligt, Mackenzie juristisch als Erwachsene anklagen zu lassen. Damit ist der Weg zu einem Doppelmord-Prozess geebnet. Die Angeklagte behauptet aber noch immer, sich an absolut nichts erinnern zu können.

Anatomie eines Unfalls

Im August 2023 kommt es schließlich zum Prozess gegen Mackenzie Shirilla. Vorgeworfen werden ihr Mord und schwere Körperverletzung, schwere fahrlässige Tötung im Straßenverkehr und Drogenbesitz. Wie ihr euch sicherlich denken könnt, sind das Dinge, für die man schnell mal lebenslänglich hinter Gitter kommen kann. Umso wichtiger ist es, dass die Staatsanwaltschaft ihre Vorwürfe gut begründen kann. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Hinterbliebenen von Dominic und Davion betonen immer wieder, dass sich niemand gewünscht hat, dass das Ganze ein Doppelmord ist. Aber die Indizien seien einfach zu deutlich. Und genau die schauen wir uns jetzt mal an.

Vor Gericht ist vor allem die Aussage eines Mannes wichtig: Mark Sargent ist Kfz-Forensiker und soll die letzten Momente vor dem Crash analysieren. Klingt erst mal unmöglich – aber heutzutage geht dank der verbauten Technik und Bordcomputern so einiges. Experte Sargent hat sich alle vorliegenden Daten genau angesehen. Er ist sicher: Das Gaspedal war in den Sekunden vor dem Crash bis zum Aufprall komplett durchgedrückt. Und zwar ohne dass die Bremse auch nur ansatzweise betätigt war.

Das ist besonders wichtig, weil das nur eine Minute vor dem Aufprall noch ganz anders aussah. Die Gegend, in der das alles passiert ist, ist gut mit Überwachungskameras ausgestattet. Deshalb kann man den Weg des Toyota bis zu dem Moment der Kollision komplett anhand der Aufnahmen aus der Nachbarschaft nachverfolgen. Es ist zu sehen, dass Mackenzie nur eine Minute vor dem Crash um eine Kurve fährt. Dabei entschleunigt sie auch ganz vorbildlich und hält sich an das Tempolimit.

Aber dann wird das Gaspedal auf einmal komplett durchgedrückt. Die Aufnahmen zeigen, wie schnell das Auto mit einem Mal über die Straße rast. Und man hört es auf den Videos sogar. Denn der Wagen erzielt zu diesem Zeitpunkt eine Geschwindigkeit von mehr als 160 km/h.

Und wenn das Gaspedal durchgedrückt war, bedeutet das logischerweise, dass es Mackenzies Fuß war, der Gas gegeben hat – sie saß schließlich am Steuer. Hier versucht die Verteidigung einzuhaken. Mackenzie hat nämlich keine normalen Schuhe getragen – sondern flauschige Hausschuhe. Das versucht die Verteidigung für sich zu nutzen. Sie argumentiert, der Hausschuh könnte die Beschleunigung versehentlich ausgelöst haben. Denn der Schuh war zwischen dem Gaspedal und der Fußmatte eingeklemmt. Aber Sargent weist diese Möglichkeit zurück.

Dass sich so ein leichter Schuh genau so einklemmt, dass eine derart hohe Beschleunigung erreicht wird, hält er für undenkbar. Der Experte sagt, er könne sich an keinen anderen von ihm untersuchten Fall erinnern, bei dem für die gesamte Dauer des Unfallvorgangs beschleunigt wurde, ohne einmal zu bremsen. Das Gaspedal war bis zum Zeitpunkt des Aufpralls komplett am Anschlag. Die Bremse hingegen wurde nicht mal ein winziges bisschen getreten. Und da das Auto durch Mechaniker untersucht und als fehlerfrei befunden wurde, ist das eindeutig menschliches Versagen.

Experte Mark Sargent räumt aber auch ein, wenn er etwas nicht definitiv ausschließen oder bestätigen kann. Zum Beispiel die Daten rund ums Lenkrad. Das wurde nämlich Sekunden vor dem Crash nach rechts rumgerissen. Mackenzies Anwälte sagen natürlich, das ist ein klarer Beweis dafür, dass sie das Steuer herumreißen und den Aufprall doch noch verhindern wollte. Andererseits kann es ja auch sein, dass Dominic auf dem Beifahrersitz gecheckt hat, was passiert, und ins Lenkrad gegriffen hat, um es noch in letzter Sekunde rumzureißen. Diesen Umstand kann man einfach nicht mehr klären.

Eine Sache kann Mark Sargent aber kategorisch ausschließen. Ich habe es ja eben schon angedeutet: Er stellt fest, dass es „keine Anzeichen für einen mechanischen oder elektrischen Defekt vor dem Unfall gab, der zu einem Verlust der Kontrolle über das Gaspedal, einen Verlust der Bremsfähigkeit oder einen Verlust der Lenkfähigkeit des Fahrzeugs geführt haben könnte“. Also: Die Maschine hat hier nicht versagt. Sondern der Mensch am Steuer. Und mit den neuen Erkenntnissen aus dem Gutachten sieht es für das Gericht schwer danach aus, als habe dieser Mensch das mit Absicht getan.

Wie immer ist eine wesentliche Frage das Motiv hinter der Sache. Zumal Mackenzie sich mit dem Crash ja selbst in Lebensgefahr gebracht hat. Allerdings argumentiert die Staatsanwaltschaft in genau dieses Muster hinein: Mackenzie und Dominic hätten eine toxische Beziehung gehabt. Und Mackenzie habe genau gewusst, dass Dominic diese Beziehung irgendwann endgültig beenden würde – also hätte sie beschlossen, dass er sterben soll, wenn sie ihn schon nicht haben kann. Ihre Mutter jedenfalls bestätigt vor Gericht, dass Mackenzie ihr gegenüber niemals selbstgefährdende Gedanken geäußert hat. Sie berichtet auch, dass Mackenzie unter POTS leidet.

Das ist eine Abkürzung für das Posturale Orthostatische Tachykardiesyndrom. Das gängigste Symptom ist dabei eine stark ansteigende Herzfrequenz, ohne dass der Blutdruck nachzieht – zum Beispiel, wenn man zu schnell aufsteht. Das klingt vielleicht nicht so spektakulär, kann die Lebensqualität von Betroffenen aber stark einschränken. Zumal POTS oft auch mit Symptomen wie Kurzatmigkeit, Sehstörungen oder Schwindel einhergehen kann. Mackenzies Mutter erzählt, nur kurz vor dem tödlichen Crash habe Mackenzie eine besonders schwierige Phase ihrer Symptome erlebt. Im Zeugenstand deutet sie an, vielleicht könnte Mackenzies Krankheit den Crash bedingt haben. Aber diese Argumentation wird sofort abgeschmettert. Die Indizien zu Mackenzies Verhalten gegenüber Dominic und die Videos vom Unfall wiegen deutlich stärker.

Wichtig ist weiterhin, dass die Route, die Mackenzie genommen hat, nicht die naheliegendste oder kürzeste ist. Sie soll diese Route erst wenige Tage zuvor genau so gefahren sein, allerdings zum ersten Mal. Die Staatsanwaltschaft leitet ab, dass sie sich die Route so ausgeguckt und ihren Plan ausgeheckt habe, genau dort den Wagen zu crashen. Dass Davion ebenfalls im Auto saß, sei nicht geplant gewesen. Aber Mackenzie habe seinen Tod billigend in Kauf genommen.

Für sie sei der 19-Jährige nicht mehr gewesen als ein „Gepäckstück auf der Rückbank“ – das soll wohl auch als Erklärungsansatz dafür dienen, dass Mackenzie nach dem Unfall nach Davion gefragt hat, nicht aber nach ihrem Freund Dominic. Denn dessen Tod war ja in den Augen der Staatsanwaltschaft das oberste Ziel der Sache.

Auch die zuständige Richterin kommt zu diesem Schluss. Sie bezeichnet die bei der Urteilsverkündung inzwischen 19 Jahre alte Mackenzie als „Hölle auf Rädern“. Und dementsprechend wird sie auch bestraft. Mackenzie Shirilla erhält gleich zwei Mal eine lebenslange Freiheitsstrafe. Eine für den Mord an Dominic, eine für den Mord an Davion. Die Haftstrafen sollen mindestens fünfzehn Jahre laufen, werden aber parallel vollstreckt – sie muss also nicht insgesamt mindestens dreißig Jahre drinnen bleiben.

Die Eltern von Mackenzie halten auch nach dem Urteil zu ihr. Sie halten es für vollkommen fahrlässig, dass nur aufgrund der technischen Daten ein Mordurteil gefallen ist. Was wirklich in dem Auto vor sich gegangen ist, weiß keiner. Auch der Bordcomputer und die Fahrzeugdaten zeigen das nicht, wie die beiden argumentieren. Es gebe schlicht keine Beweise dafür, dass Mackenzie den Wagen mit Absicht gecrasht hat.

Mackenzie und ihre Anwälte versuchen daher, das Urteil anzufechten. Allerdings vergebens. Es bleibt bei der doppelten lebenslangen Freiheitsstrafe. Nach der Bestätigung des Urteils hat Mackenzie die Anwälte gewechselt. Auch heute sitzt sie noch in Haft – und auch heute versucht sie noch, Wege zu finden, wieder aus dem Gefängnis herauszukommen. Bisher wurden aber alle Anträge abgelehnt.

Theoretisch hat Mackenzie die Möglichkeit, nach 15 Jahren auf Bewährung rauszukommen. Vorausgesetzt, sie verhält sich im Gefängnis vorbildlich und lässt sich dort nichts weiter zuschulden kommen. Wenn Gefangene an Resozialisierungsmaßnahmen teilnehmen, studieren oder eine Arbeit aufnehmen, kann sich das positiv auswirken. Da Mackenzie noch jung ist, dürften ihre Chancen auf eine vorzeitige Entlassung nicht schlecht stehen. Sie ist heute erst Anfang 20 und hat noch die Chance, ihr Leben wieder herumzureißen und etwas aus sich zu machen. Eine Chance, die Dominic Russo und Davion Flanagan nicht mehr haben.

Outro

Innerhalb der Familien der Verstorbenen schaut man mit gemischten Gefühlen auf das Strafmaß. Dominics Schwester etwa hofft, dass Mackenzie nicht schon nach 15 Jahren wieder frei kommt. Das sei unfair, sagt sie – und man kann ihre Argumentation gut verstehen. Denn, wie sie sagt: „Das Leben meines Bruders und das Leben von Davion wurden ihnen komplett gestohlen. Die beiden kommen in 15 Jahren nicht frei. Sie kommen in 15 Jahren nicht zurück. Sie bekommen keine Chance, ein Leben zu führen.“

Der Vater von Dominic sieht das Ganze etwas anders als seine Tochter – vielleicht gerade aufgrund seiner väterlichen Perspektive. Er sagt, er wolle nicht, dass der Rest von Mackenzies Leben ruiniert werde – das würde für ihn nichts besser machen. Zumal er sieht, dass auch Mackenzies Familie nach der Verurteilung zerstört ist. Für ihn ist Mackenzie in erster Linie ein Kind, das dringend Hilfe und Betreuung braucht, nachdem es etwas unfassbar Schlimmes getan hat.

Die Eltern von Davion sehen das eher wie Dominics Schwester. Für sie ist es unverständlich, dass Mackenzie beide Haftstrafen quasi parallel absitzen kann und in ihrem best case nur 15 Jahre Haft vor sich hat. Immerhin hat sie ja zwei Menschen getötet – dann sollte sie auch zweimal mindestens 15 Jahre absitzen, finden die Eltern. Auch diese Perspektive kann man wohl verstehen. Wir stecken alle eh nicht drinnen und wissen nicht, wie wir in so einer Situation denken und handeln würden.

Aber was sind eure Gedanken zu der Sache? Was haltet ihr von dem Urteil generell – und glaubt ihr, in Deutschland wäre Mackenzie auch wegen Doppelmordes verurteilt worden? Ich bin gespannt darauf, von euch zu lesen. Falls ihr zur Abwechslung etwas von mir lesen wollt, findet ihr in der Infobox den Link zu meinem Buch, genau wie zu allen Social-Media-Kanälen und Patreon, wo ihr die Videos ohne Werbung sehen könnt. Vielen Dank fürs Zuschauen und bis zum nächsten Mal. Ciao.

Quellen

  1. Where Is Mackenzie Shirilla Now? Inside Her Life After Fatal 2022 Car Crash People
  2. Mackenzie Shirilla leaves twisted tribute on beau's obituary after killing him in crash New York Post, 2023
  3. A teenager killed her boyfriend and his friend in a 'hell on wheels' crash. She will serve 15 years to life The Independent, 2023
  4. Killer Cases - Series 5: Episode 12 Channel 4
  5. Cite as State v. Shirilla, 2024-Ohio-4674. supremecourt.ohio.gov
  6. Davion Flanagan 'murdered' by Mackenzie Shirilla, parents say New York Post, 2023
  7. Teen who murdered boyfriend in 100 mph crash had toxic relationship with him, prosecutors said NBC News, 2023
  8. "Did a teen plan a killer car crash? Mackenzie Shirilla was found gulty of murdering her boyfriend and his friend". Crime Monthly. March 1, 2025. via wikipedia PressReader
  9. POTS – Long COVID-Plattform Long COVID-Plattform, 2025
Fallakte
Orte
Strongsville, Ohio, Progress Drive, Alameda Drive, Los Angeles
Region
Ohio
Land
USA
Jahr
2022
Status
Gelöst
Fallart
Tötungsdelikt, Mehrfachmord & Amok, Familie & Partnerschaft, Kinder & Jugendliche
Personen
Mackenzie Shirilla, Dominic Russo, Davion Flanagan, Mark Sargent
Lagekarte
Kartendaten: Natural Earth