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Farmville, Virginia, 2009

Die Farmville-Morde

Im September 2009 werden in Farmville, Virginia, vier Menschen tot in einem Haus aufgefunden.

Lesezeit etwa 16 Minuten

Worum es geht

Emma Niederbrock empfängt im September 2009 in Farmville, Virginia, ihren 20-jährigen Freund Richard McCroskey, der als Horrorcore-Rapper unter dem Namen Syko Sam auftritt, sowie ihre Freundin Melanie Wells. Die Jugendlichen haben sich über MySpace kennengelernt und teilen die Begeisterung für die düstere Rap-Spielart. Als Melanies Vater seine 18-jährige Tochter abholen will, öffnet niemand die Tür, und die Eltern schalten die Polizei ein. Die Beamten sind bereits mehrfach am Haus gewesen, als sie schließlich vier Tote finden. Der Fall löste eine breite Mediendebatte über den Einfluss von Horrorcore aus.

Lagekarte: Farmville, USA. Kartendaten: Natural Earth.

Intro

Nachrichtensprecher: „Die Polizei von Farmville, Virginia, glaubt, die Rap-Songs über die Lust am Mord dieses Mannes seien nun Realität geworden.“

„Du bist nicht der Erste, nur damit du es weißt. Ich habe viele Menschen getötet, und ich töte sie ganz langsam. Es ist das beste Gefühl, ihren letzten Atemzug zu sehen. Zustechen und zustechen, bis nichts mehr übrig ist.“

Diese Zeilen stammen aus einem Lied des Rappers Syko Sam. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich der 20 Jahre alte Richard McCroskey. In seinen Texten setzt er sich mit morbiden Themen auseinander. In dem Genre, in dem er unterwegs ist, ist das nicht unüblich. Aber Richard McCroskey wird es noch viel weiter treiben. Zu weit.

Emma

Emma Niederbrock ist 16 Jahre alt. Und eigentlich ist sie ein ganz gewöhnliches 16 Jahre altes Mädchen. Sie interessiert sich für Musik, spielt gern Fußball und begeistert sich für Mode. Sie denkt darüber nach, bald in einem lokalen Beauty-Shop auszuhelfen, um sich etwas dazuzuverdienen. Sie wächst im US-Bundesstaat Virginia in der Kleinstadt Farmville auf.

Ihre Mutter Debra ist Professorin an einer Universität. Sie beschäftigt sich in ihrem Feld vor allem mit systematischer Gewalt gegen Frauen.

Ihr Vater Mark ist Pastor einer Kirche. Eigentlich war Mark Grafikdesigner. Eines Tages hat er sich aber seinem Glauben zugewandt und begann zu predigen.

Emma wird zuhause unterrichtet, sie geht also nicht regulär in die Schule.

Es ist 2009, und Emma verbringt, wie die meisten Jugendlichen ihrer Generation, viel Zeit im Internet. Damals ist sie besonders auf der Social-Media-Plattform MySpace aktiv. Sie benutzt dabei den Nicknamen „Ragdoll“.

Online lernt Emma 2008 auch ihren festen Freund kennen – einen jungen Mann namens Richard McCroskey. Dieser wohnt allerdings in Kalifornien. Die beiden führen also eine Fernbeziehung. Emma und der vier Jahre ältere Richard halten vor allem über MySpace Kontakt und telefonieren beinahe täglich. Auf Emmas MySpace-Pinnwand hinterlässt Richard mehrere Einträge. In einem heißt es: „Du bist mein ganzes Ein und Alles“.

Im Gegenzug schreibt Emma vor einem gemeinsamen Treffen auf Richards Pinnwand: „Ich kann es kaum erwarten, dich zu sehen, Baby! Es ist 6:17 Uhr und ich bin schon seit 4 Uhr wach, voller Aufregung, ich kann es kaum erwarten, ich hole dich in fünf Stunden ab. (…) Mein Inneres fühlt sich ganz matschig an. Ich liebe dich sooo SO sehr Baby; für immer und ewig.“

Emma und Richard verbindet vor allem ihr gemeinsames Interesse an Musik. Beide sind große Fans des Subgenres Horrorcore. In dieser Art von Rap-Musik setzen sich die Lyrics explizit mit morbiden und makabren Themen auseinander.

Emma ist tief in der Szene verwurzelt. Wie viele andere Teenagerinnen und Teenager scheint sie das Zugehörigkeitsgefühl innerhalb einer Subkultur zu genießen. Sie färbt ihre Haare in knalligen Farben, trägt auffälliges Make-up und beschäftigt sich mit Verbrechen und weiteren düsteren Themen.

Vielleicht könnte man denken, Emmas Eltern Mark und Debra, die eher konservative Berufe haben, würden das ablehnen – aber die beiden unterstützen ihre Tochter voll und ganz. Obwohl Debra als Kriminalistik-Expertin nicht begeistert von dem Musikgenre Horrorcore ist, darf Emma sich entfalten, wie es ihr gefällt. Debra und Mark sagen sich, dass es wohl nur eine Phase sein wird.

Emmas Freund Richard ist unter dem Namen Syko Sam selbst als Rapper in diesem Genre aktiv. Zu dem Namen soll Richard sich vom Serienmörder „Son of Sam“ inspiriert haben lassen, der in den USA mindestens sieben Menschen tötete.

Dazu, ob und wie oft Emma und Richard sich persönlich sehen, gibt es verschiedene Angaben. Mal heißt es, die beiden würden des Öfteren gemeinsam Konzerte und Festivals besuchen. In anderen Quellen heißt es, das erste Treffen der beiden stünde erst im September 2009 an, knapp ein Jahr nach ihrem Kennenlernen online. Fest steht aber: Richard kommt Emma Anfang September in Virginia besuchen.

Er steigt in Kalifornien in ein Flugzeug, um zu Emma nach Virginia zu fliegen. Vor dem Besuch schreibt er einer gemeinsamen Freundin von sich und Emma noch eine besorgte Nachricht. Er habe Angst, dass das Flugzeug, das ihn nach Virginia bringen soll, abstürzen würde. Aber das passiert nicht. Alles geht gut und er landet sicher in Richmond. Dort wird der 20-Jährige von Emma und ihrer Mutter Debra am 7. September abgeholt.

Richard bleibt für einige Tage bei seiner vier Jahre jüngeren Freundin und ihrer Mutter. Am Tag vor ihm ist schon Melanie Wells bei Emma angekommen. Sie ist eine weitere gemeinsame Freundin, die in West Virginia lebt. Die Teenager haben sich über MySpace kennengelernt. Für sie ist es der dritte Besuch bei Emma und ihrer Familie.

Am 12. September besuchen Emma und Richard gemeinsam mit Melanie ein Horrorcore-Festival namens „Strictly for the Wicked“. Es findet in Michigan statt, und Emmas Eltern fahren die drei Jugendlichen hin. Genau wie Emma und Richard ist Melanie ein großer Horrorcore-Fan. Auf der Veranstaltung treffen die drei weitere Freunde aus der Community. Viele der Teenager sehen sich an diesem Tag zum ersten Mal im echten Leben, nachdem sie zuvor engen Kontakt via MySpace hatten. Richard wird dabei von den meisten bei seinem Künstlernamen Sam genannt.

Die drei treffen unter anderem auf Jennifer Nelson. Sie kennen sich aus der Online-Community. Jennifer erfährt erst an diesem Abend, dass Emma und Richard einander daten – und ist davon sehr überrascht. Später wird sie sich daran erinnern, dass Richard, bzw. Syko Sam, am Abend des Festivals mit einem anderen Mädchen abgehangen habe:

„Ich hing die meiste Zeit des Abends mit Emma und Melanie ab, und dann sah ich Sam und sprach kurz mit ihm. Dann ging ich zurück zu Emma und Mel und fragte: “Wo ist Sam?„, und sie sagte: “Ich weiß es nicht„, und ich fragte: “Wow, was ist los?„, und sie sagte: “Wir haben uns getrennt„. Alle hatten Spaß, also wollte ich sie nicht drängen, zu fragen, was passiert ist… Sie schien nicht verärgert zu sein. Sie schien nicht traurig oder wütend darüber zu sein… Und es schien sie auch nicht zu stören, dass er mit dieser anderen Frau abhing“.

Was genau auf dem Festival zwischen Sam bzw. Richard und Emma passiert ist, weiß man bis heute nicht. Allerdings scheinen die Teenager eine gute Zeit gehabt zu haben. Nach dem Festival schreibt Melanie am 13. September um 22:43 Uhr auf ihrer MySpace-Seite: „SFTW war verdammt großartig! Sind jetzt zurück in Virginia, Mittwoch bin ich zurück in West Virginia. ICH VERMISSE ALLE!!!“

Es wird der letzte Ausflug sein, bevor einer der drei zum Mörder der anderen wird.

Die Morde

Wie Melanie auf ihrer MySpace-Seite schreibt, soll sie eigentlich am Mittwoch, den 16. September, nach Hause zurückkehren. Nach ein paar Tagen bei Emma soll ihr Vater sie an diesem Nachmittag wieder abholen. Thomas Wells fährt auch wie vereinbart vor dem Haus von Emmas Familie vor. Er klingelt, er klopft – aber niemand öffnet ihm. Also wartet er. Er wartet sieben Stunden lang. Aber niemand kommt. Im Haus ist es still. Die Tür ist verschlossen.

Melanie geht nicht an ihr Handy. Thomas bleibt nichts anderes übrig, als ohne seine 18-jährige Tochter zurück nach West Virginia zu fahren. Er und Melanies Mutter versuchen weiterhin, die Teenagerin zu erreichen. Sie probieren es auch bei Emma und bei Emmas Mutter – aber niemand meldet sich. Deshalb geben die besorgten Eltern eine Vermisstenanzeige auf.

Allerdings wohnen die beiden in einem anderen US-Bundesstaat. Also ruft Melanies Mutter Kathleen am 17. September bei der Polizei in Virginia an.

Sie schildert die Situation und bittet die Ermittler, zum Haus von Emma und ihrer Familie zu fahren. Denn die ganze Sache ist noch etwas merkwürdiger geworden. Kathleen konnte Emmas Vater Mark endlich erreichen. Er war gerade nicht zuhause. Er versprach aber, sofort loszufahren und nachzusehen, ob es Melanie, Emma, Emmas Mutter Debra und Richard gut gehe. Aber seitdem Mark Niederbrocker losgefahren ist, um in Farmville nach dem Rechten zu schauen, ist auch er für Kathleen und Thomas Wells nicht mehr zu erreichen. Melanies Eltern wissen sich also nicht anders zu helfen, als die Polizei einzuschalten.

Vor Ort treffen die Polizisten allerdings weder Emma und Melanie noch Emmas Eltern Debra und Mark an. Stattdessen ist ein junger Mann auf dem Grundstück. Es ist Richard, Emmas Freund, der gerade ebenfalls zu Besuch ist. Er erzählt der Polizei, Emma und Melanie seien ausgegangen. Sie hätten ins Kino gewollt. Richard unterhält sich sogar am Telefon mit Melanies Mutter und erzählt auch ihr, die Mädchen seien im Kino, alles sei in Ordnung. Die Polizei fährt unverrichteter Dinge wieder davon.

Später an diesem Abend ruft Richard sogar selbst noch einmal die Polizei an. Er sagt, er habe im Keller des Hauses Geräusche gehört und habe Angst. Zwei Polizisten kommen vorbei und checken den Keller, können aber nichts Auffälliges finden. Die beiden Polizisten betreten den Keller durch einen separaten Eingang – deshalb können sie nicht ahnen, welches Grauen in den Stockwerken über ihnen lauert. Deshalb fahren sie wieder weg. Sie können nicht ahnen, dass sie gerade unwissentlich einen Tatort betreten und wieder verlassen haben.

Melanies Mutter macht sich weiterhin große Sorgen und ruft die Polizei am darauffolgenden Tag noch einmal an. Mittlerweile ist es Freitag, der 18. September.

Eigentlich hätte Melanie schon seit zwei Tagen wieder zuhause sein sollen. Kathleen Wells bittet die Polizei eindringlich, nachzusehen, ob bei der Familie wirklich alles in Ordnung ist. Also rückt noch einmal eine Streife zum Haus von Emmas Familie aus.

Bei ihrem zweiten Besuch lässt die Polizei dann nicht mehr so schnell locker. Auch, weil den Ermittlern dieses Mal ein strenger Geruch im Hausflur auffällt. Die Polizisten betreten an diesem Freitagnachmittag um 15:10 Uhr den Wohnraum der Familie Niederbrocker – und finden im Inneren des Hauses vier Leichen.

Syko Sam

Sowohl Emma und Melanie als auch Mark und Debra wurden brutal zu Tode geschlagen. Zunächst kann nur Vater Mark Niederbrocker identifiziert werden. Die Feststellung der Identität der anderen drei Toten kann erst bei der Autopsie erfolgen. Das könnte ein Hinweis auf die besondere Schwere der Verletzungsbilder von Emma, Melanie und Debra sein. Die Tatwaffe soll laut Medienberichten ein Holzspalthammer gewesen sein.

Die Polizei muss schnell realisiert haben, dass nur eine Person als Täter infrage kommen kann – der junge Mann, der der Polizei zwei Mal die Tür geöffnet hat. Sofort wird nach Richard McCroskey gefahndet. Er ist dringend tatverdächtig, die vier Morde von Farmville begangen zu haben.

Einen Tag nach dem Fund der vier Leichen wird der 20-Jährige verhaftet . Richard wird am Flughafen von Richmond festgenommen, kurz bevor er wieder zu sich nach Hause nach Kalifornien fliegen kann. Die Polizei greift ihn auf, als er kurz vor der Gepäckkontrolle in einem Wartebereich schläft.

Als ein Reporter Richard fragt, weshalb er den Vierfachmord begangen habe, antwortet er nur: „Jesus sagte mir, ich sollte es tun.“ Richard soll den Flughafen von Richmond mit einem Taxi erreicht haben. Zuvor hat er sich noch mehrere Tage mit den Leichen der Toten im Haus der Niederbrockers aufgehalten. Die Polizei kann den Taxifahrer, der Richard nach Richmond gefahren hat, ausfindig machen. Der erzählt der Polizei, sein junger Fahrgast habe berichtet, er habe sich kurz vor seiner

Abfahrt mit seiner Freundin gestritten. Es habe wohl etwas mit einer SMS von einem anderen Jungen zu tun gehabt. Richard habe diese SMS gelesen und sei deshalb mit seiner Freundin aneinandergeraten. Deshalb habe er spontan früher nach Hause fliegen und sicher zum Flughafen bringen lassen wollen.

Zuvor soll Richard versucht haben, mit dem Auto von Mark Niederbrocker zu flüchten. Am 18. September landet er mit dem Fahrzeug in der Poor House Road in Prince Edward County im Graben. Also an dem Tag, an dem gegen Abend auch die Leichen gefunden werden. Ein LKW-Fahrer kommt gegen 4 Uhr am Morgen an Richard vorbei und hält an, um dem jungen Mann zu helfen. Auch zwei Sheriffs auf Streife sind vor Ort.

Von ihnen erhält der 20-Jährige einen Strafzettel wegen Fahrens ohne Führerschein. Richard erklärt, der Vater seiner Freundin habe ihm das Auto ausgeliehen. Weil das Auto nicht als gestohlen gemeldet ist und die Leichen zu diesem Zeitpunkt noch nicht gefunden sind, hat die Polizei keinen Anlass, ihm nicht zu glauben. Nach der Ausstellung des Strafzettels fährt die Polizei weiter.

Der LKW-Fahrer erinnert sich daran, dass ihm der Körpergeruch von Richard extrem negativ aufgefallen sei. Richard habe ihm erzählt, er sei aus Kalifornien bei seiner Freundin zu Besuch.

Nachdem der LKW-Fahrer ihm geholfen hat, hat er ihn bis zu einer nahegelegenen Tankstelle mitgenommen.

In einem Café nahe der Tankstelle hat Richard dann etwas gegessen. Ein Kellner, der gegen 6 Uhr seine Schicht antritt, erinnert sich, dass Richard im „Huddle House“ bei Sheetz an einem Tresen gesessen und Energy-Drinks getrunken habe. Richard habe ein BBQ-Sandwich bestellt und die beiden Männer seien ins Gespräch gekommen. Richard habe ganz ruhig von seiner Musik erzählt und dem Kellner nahegelegt, mal seine MySpace-Seite auszuchecken. Auf die Frage, was ihn nach Farmville getrieben habe, soll Richard nur vage geantwortet haben: „Ich musste mich um einige Angelegenheiten kümmern“.

Der Kellner gibt außerdem an, ihm seien die tiefen Augenringe des jungen Mannes ausgefallen. Auf seine Erschöpfung angesprochen, habe Richard dann gesagt, er habe seit Tagen nicht mehr geschlafen.

Um 8:20 Uhr wurde dann das Taxi zum Huddle House bestellt, um Richard abzuholen. Genau wie der LKW-Fahrer erinnert der Taxifahrer Curtis Gibson sich später an den extremen Körpergeruch von Richard McCroskey. Auch dem Taxifahrer erzählt Richard auf der Fahrt von seiner Musikkarriere, dem Besuch in Farmville und davon, dass er auf dem Handy seiner Freundin SMS von einem anderen Mann gefunden habe.

Richard habe Curtis erzählt, seine Freundin sei wütend geworden und habe ihn beschuldigt, in ihre Privatsphäre eingedrungen zu sein, nachdem er sie mit der SMS konfrontiert hatte.

Er habe keine Lust auf einen Streit gehabt und sei dann abgehauen, um irgendwie zum Flughafen und von dort zurück nach Kalifornien zu kommen.

Unterwegs werden die beiden sogar abermals von der Polizei angehalten, weil Curtis etwas zu schnell fährt. Zum zweiten Mal an diesem Morgen gerät Richard, der gerade vier Personen umgebracht hat, in eine Polizeikontrolle. Und zum zweiten Mal kommt er davon. Richard habe Curtis für die Fahrt 130 Dollar bezahlt, dann habe er den 20-Jährigen um etwa 9:30 Uhr am Flughafen abgesetzt.

Am Flughafen soll Richard noch versucht haben, seinen Flug umzubuchen, um früher nach Kalifornien zurückzukommen. Er habe aber nicht genug Geld für die Umbuchungsgebühr dabei gehabt. Also sei ihm nichts anderes übrig geblieben, als am Flughafen zu warten. Und dort wurde er dann von der Polizei aufgegriffen.

Als Bekannte und Nachbarn von Richard nach dem Bekanntwerden des Verbrechens nach dem mutmaßlichen Täter ausgefragt werden, haben sie nicht viel zu erzählen. Richard McCroskey sei unauffällig gewesen, wenn auch eher ein Einzelgänger. Er sei immer in einem schwarzen Hoodie herumgelaufen, das sei sein Markenzeichen gewesen. In der Schule sei er oft ausgeschlossen und auch gemobbt worden.

Richard hat ein Talent für Webdesign und hat erst Anfang 2009 die Internetpräsenz für ein Horrorcore-Label designt. Darüber hinaus verbrachte er viel Zeit mit Videospielen und Musikproduktion. Er hat eine ein Jahr ältere Schwester namens Sarah und lebt mit ihr gemeinsam beim Vater. Seine Eltern sollen sich kurz vor den Vierfach-Morden voneinander getrennt haben.

Richard hatte keinerlei Vorstrafen – für sein Umfeld kommt der bestialische Vierfachmord überraschend. Kaum jemand hätte dem ruhigen 20-Jährigen so etwas zugetraut – trotz seiner Affinität zum Morbiden.

Als es zum Prozess gegen Richard kommt, steht auch die Todesstrafe im Raum. Neben den ermittelnden Polizisten sind auch Angehörige seiner vier Opfer anwesend. Als Motiv für den Vierfachmord kristallisiert sich Richards Wut gegenüber Emma heraus. Wie er gegenüber dem LKW-Fahrer erzählt hatte, habe es tatsächlich einige Textnachrichten gegeben, die ihn wütend und eifersüchtig gemacht haben.

Das Gericht stellt fest, dass Richard drei seiner Opfer innerhalb eines kurzen Zeitraums gegen 3 Uhr am frühen Morgen des 15. September getötet haben muss. Keine der toten Personen hatte Abwehrverletzungen – wahrscheinlich hat Richard sie also unvermittelt im Schlaf angegriffen. Zuerst soll er Melanie getötet haben, die im 1. Stock des Hauses auf einem Schlafsofa übernachtete. Dann habe er Emmas Mutter und schließlich seine 16-jährige Freundin getötet. Emmas Vater Mark war in der Nacht dieser drei Morde nicht zuhause.

Debra und Mark sollen zum Zeitpunkt der Tat eine Beziehungspause gehabt haben. Er sei am 17. September gegen 17 Uhr nachmittags wieder nach Hause gekommen. Bei dieser Gelegenheit habe Richard auch ihn mit einem Hammer getötet.

Zuvor muss Richard also zweieinhalb Tage mit den Leichen von Melanie, Emma und Debra im Haus gelebt haben. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag soll er einen Freund angerufen und gesagt haben, er habe „alle umgebracht“. Auch seiner Schwester sprach er eine Nachricht auf die Mailbox. Darin sagte Richard, dass er sie lieben würde und verabschiedet sich direkt wieder.

Außerdem hat Richard im Haus folgendes Video aufgenommen:

Richard: “Okay, also wenn das jemand findet… Ähm, ich weiß nicht, was ich versuche, hier zu sagen. Was ich getan habe, raubt mir den Atem. Und ich entschuldige mich. Ich weiß, ich werde für meine Konsequenzen bezahlen. Wisst ihr, ich wünschte, ich hätte das nicht getan, aber ich habe den Verstand verloren. Ich bin ausgerastet und habe getan, was ich getan habe, und ich werde dafür bezahlen. Meine Konsequenzen… Ich zittere und alles. Wenn

das jemand findet, sagt meinen Eltern, dass ich sie liebe. Und es tut mir sehr leid, dass ich das getan habe und ähm… Mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen, außer, dass mich wahrscheinlich alle hierfür hassen werden. Es tut mir leid, und, ähm… Ich musste es tun. Ich bin einfach ausgerastet und konnte es nicht mehr kontrollieren. Das ist alles. Fick dich, an die große Welt. Fick jeden in dieser Welt, ich kann diesen Ort nicht leiden.”

Neben den Morden wird Richard auch wegen Diebstahls angeklagt. Er soll Geld aus dem Portemonnaie von Mark Niederbrocker geklaut haben, ebenso wie sein Auto, das er in den Straßengraben gefahren hat. Richard McCroskey bekennt sich der ihm angelasteten Morde schuldig. Somit erhält er nicht die Todesstrafe, sondern muss den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen. Er erhält viermal lebenslänglich – einmal für jeden begangenen Mord. Auch die Hinterbliebenen haben sich für eine lebenslange Freiheits- und gegen eine

Todesstrafe eingesetzt. Als ihm angeboten wird, ein paar Worte an die Angehörigen und Ermittler zu richten, entscheidet er sich dagegen. Lediglich der Pflichtverteidiger von Richard sagte, seinem Mandanten täte leid, was er getan habe, und Richard sei „nicht stolz“ auf sein Verbrechen.

Outro

Die Farmville-Morde beschäftigten viele Personen in Virginia bis heute. Die schiere Brutalität der Morde ist unbegreiflich. Und noch unbegreiflicher ist das Motiv. Die bloße Eifersucht auf seine Freundin Emma trieb Richard dazu, vier Menschen zu töten. Er hätte zu jedem Zeitpunkt zur Besinnung kommen und sich kontrollieren können – doch das tat er nicht. Stattdessen ließ er seiner Gewalt freien Lauf.

Mit den Morden flammte damals auch eine große mediale Debatte über die Einflüsse von Horrorcore auf. Die Diskussion ist vermutlich genau so alt wie die Online-Medien selbst. Auch hierzulande wird ja immer wieder diskutiert, ob und wie Musik mit expliziten Texten oder bestimmter Content in Filmen und Videospielen gewaltbereite Personen beeinflussen kann. Wenn ihr mögt, teilt eure Meinung zu dem Thema gern hier in den Kommentaren. Eure Gedanken dazu würden mich sehr interessieren. Ganz nebenbei unterstützt ihr so den Channel – auch ein Like oder ein Abo sind eine große Hilfe. Vielen Dank für euren Support und fürs Zusehen. Bis zum nächsten Mal.

Quellen

  1. Horrorcore "Syko Sam" CBS News, 2009
  2. Slain girl on Bay Area rapper's MySpace SFGate, 2009
  3. 'Horrorcore' singer suspected in Virginia killings CNN
  4. gat20-ar-515180/#selection-1337.0-1341.50
  5. _other/article/FARM23S1_20090922-223002/294842
  6. R_News_NiederbrockFuneral
  7. son-concert,0,1880278.story
  8. What Happens When You DON'T SNITCH? YouTube, 2019
  9. robe_horrorcore_music_in_farmville_-ar-374138/
  10. crime/article/FARM27_20090926-221606/295789
  11. article/father_made_futile_trip_to_farmville_in_search_for_slain_daughter/19928/
  12. Murder Music - A Mini Documentary YouTube, 2010
  13. scdnc&index=12
  14. Castro Valley's “Syko Sam” Obsessed with “Son of Sam” nbcbayarea.com, 2009
  15. core-rapper/
Fallakte
Orte
Farmville, Prince Edward County, Richmond, Michigan, Kalifornien, West Virginia
Region
Virginia
Land
USA
Jahr
2009
Status
Gelöst
Fallart
Mehrfachmord & Amok, Tötungsdelikt, Familie & Partnerschaft, Kinder & Jugendliche
Personen
Richard McCroskey, Emma Niederbrock, Melanie Wells, Debra Niederbrock, Mark Niederbrocker, Thomas Wells, Kathleen Wells, Curtis Gibson