Intro
Chris Watts: „Das hier ist mein Fleisch und Blut. Ich wollte mein ganzes Leben lang Vater sein, einfach nur Kinder haben, weißt du? Sie lieben mich, sie… Du weißt schon, all das. Und dann einfach… nichts. Nichts machte Sinn.“
Außenstehende könnten den Eindruck haben, Chris Watts hätte alles . Er hat eine Frau, die ihn über alles liebt, zwei gesunde Töchter, ein schönes Haus in einer ruhigen Kleinstadt. Ein Eindruck, der im August 2018 schwindet.
Reporter: „Shanann Watts und ihre beiden Töchter, die dreijährige Celeste und die vierjährige Bella, sind am Montag verschwunden. Ihr überraschendes Verschwinden löste einen landesweiten Alarm aus, während die Polizei und das FBI sich auf ihr Haus außerhalb von Denver konzentrieren, wo sie zuletzt gesehen wurde.“
Chris Watts: „Als ich gestern Abend nach Hause kam, war es wie eine Geisterstadt. Wie… Sie war nicht hier, die Kinder waren nicht hier. Ich habe keine Ahnung, wo sie hingegangen sind.“
Das Leben der Familie Watts ändert sich in nur einer Nacht schlagartig. Mutter Shanann Watts und ihre beiden Töchter Celeste und Bella sind verschwunden . Chris sagt den Reportern vor seiner Haustür, er wisse nicht, wo die drei seien. Doch Chris Watts lügt. Und das nicht zum ersten Mal.
Familie Watts
Die Geschichte der Familie Watts beginnt 2010. Shanann und Chris Watts lernen sich über Facebook kennen. Zunächst sind sie nur befreundet. Doch Chris zeigt Shanann deutlich, dass er Interesse an mehr hat. Auch in schwierigen Situationen steht er ihr bei. Shanann leidet unter der Autoimmunkrankheit Lupus, dementsprechend hat sie mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen . Sie fühlt sich von Chris unterstützt, und mit der Zeit entsteht aus ihrer Freundschaft Liebe. Für den damals 25-Jährigen ist es die erste ernsthafte Beziehung.
Shanann: „Bei mir wurden einige gesundheitliche Probleme diagnostiziert. Und dann traf ich Chris. Ich habe Chris wegen dieser gesundheitlichen Probleme kennengelernt. Meine Freundin hat mir einen Freundschaftsvorschlag für ihn geschickt, das war tatsächlich die Frau seines Cousins. Und ich habe ihn gelöscht, ich dachte, ich bin nicht interessiert, ich will keinen Typen kennenlernen, tschüss. Also habe ich ihren Freundschaftsvorschlag für ihn gelöscht. Zwei Monate später erhielt ich die Diagnose und durchlebte eine der dunkelsten Zeiten meines Lebens, weil die Dinge immer beängstigender und schlimmer wurden. Ich dachte, mein Leben würde unter mir zusammenbrechen.“
Shanann: „Und ich bekam eine Freundschaftsanfrage von Chris. Ich war in einer wirklich, wirklich, wirklich schlechten Verfassung. Und ich bekam eine Freundschaftsanfrage von Chris auf Facebook, ich dachte: Ach, was soll’s, ich werde ihn nie treffen, ich nehme ihn an. Eins führte zum anderen und… acht Jahre später haben wir zwei Kinder, wir leben in Colorado und er ist das Beste, was mir je passiert ist.“
Shananns Familie schließt Chris sofort ins Herz. Auf der Seite von Chris’ Familie sieht das allerdings anders aus. Vor allem seine Mutter Cindy kommt mit Shanann nicht gut klar.
Chris' Mutter: „Shanann und ich kamen einfach nicht miteinander aus. Und ich mochte nicht, wie sie ihn behandelt hat.“
Journalist: „Was wissen Sie über ihre Ehe und ihre Probleme?“
Chris' Mutter: „Sehr wenig, sehr wenig. Man kann nur beobachten – ich kann nur beobachten, was ich gesehen habe, als ich um sie herum war. Christopher war – er schien immer ängstlich. Und er, wenn sie etwas brauchte, rannte er direkt los, er ging nicht, er rannte, um etwas für sie zu tun. Er schien einfach immer hinter ihr zu stehen.“
Trotz der anfänglichen Distanz von Chris’ Familie zu Shanann heiraten die beiden 2012 nach zwei Jahren Beziehung. Chris’ Eltern kommen nicht zur Hochzeit. Wohl auch wegen des schwierigen Verhältnisses zwischen ihnen und seiner Frau. Dennoch feiern Shanann und Chris an diesem Tag mit Freunden und Shananns Familie ausgelassen. Aufgrund von Shananns Krankheit gehen die beiden davon aus, dass sie nie Kinder bekommen würden. Als sie doch schwanger wird, ist Shanann überglücklich.
Das Paar bekommt zwei Töchter, 2013 kommt Bella zur Welt, 2015 Celeste . Shanann kümmert sich rührend um die beiden Kinder, auf Social Media lässt sie ihre Familie am Alltag der Kinder teilhaben. Als Vertrieblerin für eine Supplement-Firma ist Social Media auch Teil ihres Jobs. Das Familienleben der Watts ist dadurch gut dokumentiert.
Auch Chris scheint ein liebevoller Vater zu sein. Auf Bildern und Videos mit den beiden Töchtern wirkt er gelöst und glücklich. Die Familie lacht gemeinsam, macht viel Quatsch und scheint das Leben einer typischen amerikanischen Bilderbuchfamilie zu führen. Er arbeitet in einer lokalen Ölfirma, sie kümmert sich um die Kinder und arbeitet selbstständig im Home-Office. Chris und Shanann haben Jobs, die sie mögen, eine glückliche Familie und ein großzügiges Haus in der Kleinstadt Frederick in Colorado.
Doch wie so oft trügt der Schein. Denn neben der Ablehnung von Chris’ Familie gegenüber Shanann und Shananns gesundheitlichen Schwierigkeiten gibt es noch weitere Probleme. Im Juni 2015 reichen die Watts einen Insolvenzantrag ein. Nur einen Monat vor der Geburt ihrer zweiten Tochter Celeste. Zwar haben die beiden ein gutes Einkommen, doch sie stecken in Kreditkarten- und Studentenkreditschulden. Auch die Arztrechnungen sind nicht unerheblich. Monatlich fließen vom Konto der beiden umgerechnet etwa 2.800 Euro in die Abzahlung des Hauses. Die beiden ziehen sogar in Erwägung, ihr Eigenheim zu verkaufen und in eine günstigere Wohngegend umzuziehen. Im Sommer 2018 haben die beiden Schulden in Höhe von umgerechnet etwa 65.000 Euro.
Trotz der finanziellen Schwierigkeiten halten Chris und Shanann zusammen . Zwar sind die beiden unterschiedliche Personen – Shanann ist eher direkt, willensstark und der dominantere Typ. Chris ist eher still und etwas reserviert. Doch auf ihr Umfeld wirkt es, als wäre ihre Liebe größer als alle Unterschiede und Probleme. Nicht umsonst heißt es, Gegensätze würden sich anziehen. Inmitten all dieser nicht unbedeutenden, aber alltäglichen Schwierigkeiten wird Shanann im Frühjahr 2018 erneut schwanger. Sie und Chris haben sich bewusst dazu entschieden. Die Watts erwarten somit ihr drittes Kind.
Chris: „‘Oops, we did it again…?’ Ich mag das Shirt. Wirklich?“
Shanann: „Wirklich.“
Chris: „Das ist wundervoll. Also pink bedeutet…“
Shanann: „Das ist nur der Test.“
Chris: „Ich weiß. Aber pink… Wird es wieder ein Mädchen?“
Shanann: „Ich weiß es nicht. Ist nur der Test.“
Chris: „Das ist wundervoll. Wow.“
Das dritte Kind der Familie wird kein Mädchen, sondern ein Junge . Shanann und Chris wollen ihren Sohn Nico Lee nennen. Doch Nico Watts wird nie lebend zur Welt kommen. Nur wenige Wochen, nachdem Shanann das Video postet, wird das ungeborene Baby tot sein. Ebenso wie seine Schwestern und seine Mutter.
Shanann: „Er blieb immer bei mir. Und er blieb hier, weil er der Richtige für mich war. Und er ist wundervoll. Ich kann euch nicht sagen, wie wundervoll er ist.“
Veränderungen
Am 27. Juni 2018 macht Shanann sich auf den Weg in ihre Heimat North Carolina – allein, ohne Chris. Dafür mit den gemeinsamen Töchtern Bella und Celeste. Zu dritt besuchen sie für sechs Wochen ihre Familie. Chris bleibt in Frederick zurück. Er hat viel auf der Arbeit zu tun. Erst vor Kurzem war er zum Außendienstkoordinator befördert worden. Die Familie entscheidet, dass Chris Ende Juli für eine gemeinsame Urlaubswoche nach North Carolina nachkommen wird.
Vielleicht würde es der Familie ohnehin gut tun, einmal etwas Zeit getrennt voneinander zu verbringen. Die Veränderungen in Chris’ Job, die erneute Schwangerschaft und die finanziellen Probleme stellen die Familie auf die Probe. Dennoch ist zwischen Shanann und Chris alles okay – zumindest bis sie im Juni mit den Kindern nach North Carolina fliegt.
Während sie weg ist, verhält Chris sich gegenüber seiner Frau merkwürdig. Sofern Shanann das überhaupt beurteilen kann. Denn er meldet sich kaum bei ihr. Es vergehen immer wieder nicht nur Stunden, sondern ganze Tage zwischen SMS oder Anrufen von Chris. Auch wegen der Kinder ruft er nicht an, nicht mal um über FaceTime Gute Nacht zu sagen oder Bella und Celeste zu fragen, was sie im Urlaub erlebt haben.
Für Shanann muss das eine merkwürdige Situation sein. Immerhin ist sie mehr als 2.500 Kilometer von ihrem Mann und dem Vater ihrer Töchter entfernt. Sicherlich ist es normal, mal ein paar Stunden oder auch einen Tag nichts voneinander zu hören. Doch bei der tagelangen Funkstille ist es wahrscheinlich, dass Shanann ein schlechtes Gefühl beschlichen haben muss.
Zeitgleich ist Nichol Kessinger frisch verliebt. Sie ist eine 30-jährige Frau, die in Shananns und Chris’ Heimat Colorado bei derselben Ölfirma wie Chris arbeitet. Sie hat sich Hals über Kopf in einen ihrer Arbeitskollegen verguckt. Er ist zwar noch verheiratet, erzählt Nichol aber, er würde sich gerade scheiden lassen. Also geht sie eine Beziehung mit ihm ein.
Vielleicht könnt ihr schon ahnen, um wen es sich bei Nichols neuem Freund handelt: Um Chris Watts . Der sich, anders als er behauptet, nicht von seiner Frau Shanann scheiden lässt. Während Chris sie mit seiner Arbeitskollegin Nichol betrügt, ist Shanann mit den beiden gemeinsamen Kindern tausende Meilen von ihm entfernt in North Carolina und wundert sich über sein distanziertes Verhalten.
Die Affäre zwischen Chris und Nichol beginnt in genau dem Zeitraum, in dem Shanann mit Bella und Celeste in North Carolina ist. Vor seiner Beförderung war Chris vor allem auf den Ölplantagen der Firma unterwegs. Nun verbringt er mehr Zeit in den Büroräumen des Unternehmens. Dort läuft er Nichol oft über den Weg. Anfangs tauschen die beiden arbeitsbezogene Mails und SMS aus und flirten ein wenig miteinander. In einer von ihnen schreibt Nichol an Chris:
„Ich bin auf der Suche nach jemandem, mit dem ich mir ein schönes Leben aufbauen kann (klingt so einfach, ist aber manchmal so unrealistisch). Etwas Ähnliches aufbauen, wie du es mit deiner Frau und euren süßen kleinen Mädchen getan hast. Ich glaube an Karma, also denke ich, dass es aus Respekt vor mir, dir und deiner Familie das Beste ist, wenn wir diese Freundschaft bei der Arbeit lassen.“
Doch sehr schnell wird aus der Beziehung zwischen Chris und Nichol wesentlich mehr als eine Freundschaft unter Kollegen. Die beiden gehen auf ein Date in einem nahegelegenen Park – und sind ab diesem Tag unzertrennlich. Chris und Nichol verbringen viel Zeit miteinander und sehen sich bis zu fünfmal wöchentlich. Das Paar nutzt aus, dass Chris sturmfrei hat . Sie gehen gemeinsam auf Dates, machen Ausflüge und schreiben einander Liebesbriefe. In einem davon schreibt Chris an Nichol:
„Wow, wo soll ich nur anfangen? Am ersten Tag, als ich dich sah, hast du mir den Atem geraubt. Am ersten Tag, an dem ich den Mut hatte, mit dir zu reden, habe ich mich in diesen atemberaubenden grünen Augen verloren. Am ersten Tag, als wir zusammen im Park abhingen, wusste ich, dass ich süchtig bin. Als wir uns das erste Mal küssten, wusste ich, dass ich die erstaunlichste, einzigartigste und spannendste Frau aller Zeiten getroffen hatte!!!“
In einer weiteren Karte von Chris an Nichol heißt es:
„Dieses Jahr werden große Dinge geschehen, Träume werden wahr!“
Ein Satz, der nur wenige Wochen später einen mehr als bitteren Beigeschmack haben wird. Denn nur kurze Zeit später wird Chris Watts’ gesamte Familie tot sein.
Die Krise
Am 31. Juli 2018 fliegt auch Chris nach North Carolina und stößt zu seiner Familie hinzu. Als er in North Carolina ankommt, hat Shanann keine Ahnung, dass ihr Mann sie wochenlang betrogen hat. Doch nach wie vor scheint sie zu spüren, dass irgendetwas nicht stimmt. Gespräche mit Chris bestätigen sie in ihrer Ahnung. Auch wenn Chris andere Gründe als seine heimliche Affäre vorschiebt.
Einer Freundin schreibt Shanann :
„Chris hat mir gestern Nacht erzählt, dass er eine Sterbensangst wegen des neuen Babys hat. Und er sei glücklich nur mit Bella und Celeste, und dass er kein weiteres Baby will. […] Er hat sich verändert. Ich weiß nicht mehr, wer er ist.“
Tatsächlich hat Chris sich in letzter Zeit sehr verändert. Nicht nur emotional, auch äußerlich. Er hat angefangen, auf seine Ernährung zu achten, Sport zu treiben und mehr Wert auf seine äußere Erscheinung zu legen. All das ist für sich genommen natürlich kein Grund zur Sorge. Gepaart mit seinem distanzierten Verhalten überkommt Shanann trotzdem ein mulmiges Gefühl.
Da auch Chris’ Eltern in North Carolina wohnen, besuchen die vier seine Familie. Nachdem es zwischen Shanann und seinen Eltern schon zuvor zu Spannungen gekommen war, explodiert der Streit nun.
Denn Celeste, eine der beiden Töchter von Chris und Shanann, hat eine schwere Nuss-Allergie. Chris’ Mutter gibt ihr allerdings trotzdem ein Eis, das Nüsse enthält. Shanann ist natürlich sauer. Der Streit zwischen ihr und Chris’ Mutter ist so heftig, dass die Eltern von Chris nicht einmal Celestes Geburtstagsparty ein paar Tage später besuchen.
Zwar erklärt Chris sich bereit, die Wogen zu glätten. Doch auch er ist etwas verletzt von Shananns extremer Reaktion. Sie sagt, sie wolle seine Eltern nicht noch einmal besuchen, sollte so etwas noch einmal vorkommen.
Am 7. August kehrt die Familie zurück nach Colorado. Die Stimmung zwischen Chris und Shanann ist nach wie vor angespannt. Dennoch entscheidet Shanann sich dazu, einfach wieder den Alltag einkehren zu lassen und zu hoffen, dass die beiden ihre Krise überwinden können. Sie organisiert eine Gender-Reveal-Party für das ungeborene Baby. Die werdende Mutter plant das Fest und lädt Freundinnen und Nachbarn ein.
Doch während Shanann versucht, sich mit den Planungen für das Baby zu beschäftigen, bleibt Chris weiterhin distanziert. Er zeigt weder an Shanann noch an seinem ungeborenen Sohn ein großes Interesse. Shanann schreibt einer Freundin :
„Er hat mich nicht ein einziges Mal gefragt, wie es mir geht oder wie es dem Baby geht. Neulich musste ich mich so übergeben, und er hat nichts gemacht. Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Ich werde es aber in Ordnung bringen.“
Ihre Freundin antwortet ihr: „Ach, Schatz, das wird schon wieder. Gib ihm einfach Zeit. Er gewöhnt sich gerade an den Gedanken, noch ein Baby zu haben. Er hat Angst. Er sollte dir das nicht antun, aber er ist ein guter Kerl, er wird es in Ordnung bringen.“
Shanann belastet die Situation so sehr, dass sie die Babyparty doch absagt. Als eine Freundin via SMS nachfragt, antwortet Shanann ihr:
„Chris meinte, wir passen nicht mehr zueinander. Er hat sich geweigert, mich zu umarmen. Er sagte, er dachte, ein neues Baby könnte seine Gefühle reparieren. Er hat gesagt, er weigert sich, eine Paartherapie zu machen!“
In einer anderen Nachricht schreibt sie : „Ich habe mich jetzt über eine Woche lang in den Schlaf geweint.“
Wenige Tage später muss Shanann Colorado erneut verlassen. Für sie steht eine Geschäftsreise nach Arizona an. Gemeinsam mit ihrer Freundin und Arbeitskollegin Nicki fliegt sie dorthin. Doch trotz der Ablenkung sind ihre Gedanken bei ihrer Familie und ihren Eheproblemen. Sie schickt Chris aus Arizona sogar ein Selbsthilfebuch mit dem Titel „Hold Me Tight“, in dem es um die Stärkung von emotionalen Beziehungen geht. Chris wirft es in den Müll.
Shananns Sorge erreicht am Samstag vor ihrer Rückkehr nach Frederick einen Höhepunkt. Sie und Chris teilen sich ein Bankkonto. Auf ihrer Online-Abrechnung kann Shanann sehen, dass Chris an diesem Abend in der Lazy Dog Bar in Colorado gegessen haben muss. Die abgebuchte Summe ist aber so hoch, dass er unmöglich allein essen gewesen sein kann. Noch dazu hat Chris seiner Frau erzählt, er werde zu einem Sportevent gehen. Spätestens jetzt dürfte Shanann sicher gewesen sein, dass irgendetwas vor sich geht. Tatsächlich war Chris an diesem Abend gemeinsam mit seiner Affäre Nichol im Lazy Dog essen.
Shanann weiß zwar nicht, wer die Frau ist, mit der ihr Mann fremdgeht, doch ihre Ahnung nimmt mehr und mehr Form an. Es kommt Shanann vor, als sei ihre vermeintlich perfekte Ehe innerhalb weniger Wochen komplett aus dem Ruder gelaufen. Doch sie möchte nicht aufgeben. Sie plant für das Wochenende nach ihrer Geschäftsreise heimlich einen Wochenend-Trip mit Chris. Sie möchte ihn mit einem Kurzurlaub in Aspen überraschen und erkundigt sich sogar nach einem Babysitter für Bella und Celeste. Gegenüber Chris bemüht Shanann sich, offen auszusprechen, was sie bewegt.
Anfang August schreibt Shanann einen Brief an Chris.
“Mein liebster Chris!
Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll… Ich bin so sprachlos. Ich kann nicht einmal erklären, wie sehr dieser Schmerz weh tut. Die letzten 5 Wochen waren so schwer. Ich habe alles an dir vermisst. […] Ich weiß wirklich nicht, wie es dazu kommen konnte, dass ‘wir nicht mehr zueinander passen’. Die einzige große Sache, die passiert ist, war zwischen deiner Mutter und mir. Ich kann nicht ändern, was passiert ist, und ich werde mit dir und ihnen zusammenarbeiten, um die Dinge zu klären. Alle Parteien müssen sich gegenseitig respektieren. Eine persönliche Entschuldigung von deiner Mutter wäre nett.”
Ob Cindy Watts dazu bereit gewesen wäre, sich bei ihrer Schwiegertochter wegen des Streits in den Ferien zu entschuldigen, werden wir nicht mehr erfahren. Bevor es dazu kommen kann, wird ihr Sohn Chris zum Mörder seiner Ehefrau.
Das „Verschwinden“
Shanann kehrt am frühen Morgen des 13. August aus Arizona zurück. Es ist etwa 2 Uhr in der Nacht, als ihre Freundin Nicki sie direkt vor ihrer Haustür absetzt. Die Überwachungsanlage des Hauses der Watts filmt Shanann, während sie die Haustür aufschließt und ihr Zuhause betritt – wahrscheinlich zum letzten Mal.
Am Morgen des 13. August 2018 hat Shanann einen Termin beim Arzt. Doch sie erscheint dort nicht. Shanann und ihre Freundin und Kollegin Nicki sind normalerweise täglich in Kontakt. Doch an diesem Vormittag antwortet Shanann nicht auf Nickis SMS. Sie reagiert auch nicht auf Anrufe. Schon während des gemeinsamen Business-Trips am Wochenende ging es Shanann schlecht. Sie hat kaum etwas gegessen und getrunken.
Dementsprechend groß ist nun die Sorge von Nicki. Immerhin hat Shanann ja durch ihre Autoimmunkrankheit und auch durch immer häufiger auftretende Migräne-Episoden eine gesundheitliche Vorbelastung. Noch dazu ist sie in der 15. Woche schwanger. Nicki entscheidet sich, zu Shananns und Chris’ Haus zu fahren und nach dem Rechten zu sehen. Das Auto der zweifachen Mutter steht in der Einfahrt, ihre Schuhe vor der Haustür. Als Nicki klingelt, öffnet niemand die Tür. Sie schaut auch durch die Fenster, kann im Haus jedoch niemanden sehen.
Sie ruft bei Shananns Mann Chris an. Der gibt sich ahnungslos. Er habe seine Frau zuletzt am Morgen gesehen, kurz bevor er zur Arbeit gefahren war. Chris vertraut Nicki während des Telefonats an, dass er sich von Shanann trennen möchte. Davon würde sie jedoch noch nichts wissen. Die beiden hätten in der vorigen Nacht aber ein emotionales Gespräch gehabt. Shanann sei mit den Kindern zu einer Spielverabredung gefahren. Doch irgendetwas passt hier nicht zusammen. Shananns Auto parkt in der Garage.
Ihre Schuhe stehen vor der Haustür. Den ganzen Morgen lang ist die zweifache Mutter nicht erreichbar gewesen. Und Nicki kennt die Verhaltensmuster ihrer Freundin genau. Wenn Shanann mit Bella und Celeste zu einer Verabredung gewollt hätte, wäre sie sicherlich mit dem Auto dorthin gefahren. Nicki entscheidet sich dazu, die Polizei anzurufen.
Nicki: „Hallo Cece, mein Name ist Nickole und ich rufe an, weil ich mir Sorgen um eine Freundin von mir mache. Ich habe sie letzte Nacht um zwei Uhr morgens bei ihr abgesetzt, weil wir zusammen außerhalb der Stadt waren und auf dem Rückweg vom Flughafen waren, und, ähm… (…) und sie ist schwanger. Und ich habe sie heute Morgen noch nicht erreichen können. Und ich bin zu ihrem Haus gegangen und ihr Auto ist da und so, aber sie geht nicht an die Tür, sie antwortet nicht auf Anrufe, sie antwortet nicht auf SMS… Und ich bin einfach wirklich, wirklich besorgt.“
Die Notrufzentrale verspricht, einen Streifenwagen zum Haus der Watts zu schicken. Als die Beamten dort ankommen, treffen sie eine besorgte Nicki und ihren Freund an. Shananns Freundin ist aufgelöst, bewahrt aber dennoch einen kühlen Kopf und erzählt den Beamten, was los ist. Sie befürchtet, Shanann könnte sich in einer medizinischen Notlage befinden.
Polizist: „Hallo Ben. Sind Sie Nicole?“
Nicki: „Ja.“
Polizist: „Also, was ist hier los?“
Nicki: „Also, meine Freundin; wir waren dieses Wochenende auf einer Geschäftsreise außerhalb der Stadt. Und ich habe sie heute Morgen um zwei Uhr hier abgesetzt. Sie ist in der 15. Woche schwanger und ihr ging es nicht gut. Sie hatte heute Morgen um 9 Uhr einen Arzttermin, und ich sagte ihr, sie solle mir Bescheid sagen, wenn ich sie hinbringen sollte. Sie hat zwei kleine Mädchen.“
Auch Chris macht sich nach dem Telefonat mit Nicki auf den Weg zum Einfamilienhaus der Watts. Als er dort eintrifft, geht er zuerst in die Garage. Er bestätigt, dass das dort parkende Auto Shanann gehören würde. Es sei das einzige Fahrzeug, das seine Frau benutze. Von der Garage aus geht er kurz ins Haus, etwa eine Minute lang scheint er sich drinnen umzusehen. Dann öffnet er den Polizisten und Nicki von innen die Tür.
Er sagt, alle dürften sich gern im Haus umsehen, um nach Hinweisen zu schauen, wo Shanann, Bella und Celeste sich aufhalten könnten. Shananns Ehemann Chris, ihre Freundin Nicki und die Polizisten durchsuchen das Haus der Familie Watts nun gemeinsam. Routinemäßig überprüfen die Beamten zunächst die Schlafzimmer, die Räume hinter den Vorhängen und die Kleiderschränke im Haus. Doch weder Shanann noch die beiden kleinen Töchter Bella und Celeste sind zu sehen.
Nur der Familienhund begrüßt die Polizisten bellend. Die Betten der beiden Kinder sind ungemacht. Das ist sehr ungewöhnlich, normalerweise erledigt Shanann das morgens direkt nach dem Aufstehen.
Shananns Handy liegt im Haus, es ist ausgeschaltet. Auch das ist sehr untypisch für die 34-jährige Mutter. Sie ist als Vertrieblerin beruflich auf das Telefon angewiesen.
Chris: „Ihr Handy.“
Nicki: „Ihr Handy ist hier?“
Polizist: „Arbeitet sie?“
Chris: „Ja. Sie arbeitet von zuhause. Sie arbeitet, das hier (das Handy) ist ihr Leben.“
Chris findet im Haus auch Shananns Ehering. Neben ihrem Handy und dem Ring finden Nicki, Chris und die Beamten auch Shananns Medikamente und Celestes Epipen. Ohne diese würde sie das Haus normalerweise ebenso wenig verlassen.
Nicki: „Das ist ihre Tasche. Sind ihre Medikamente da drinnen? Sie nimmt die… Ihre Medikamente sind noch da drinnen.“
Auch die Nachbarn bekommen langsam mit, was im Haus der Watts vor sich geht. Einer der Anwohner hat ein Überwachungssystem, mit dem auch ein Teil der Einfahrt der Watts mitgefilmt wird. Er bietet den Polizisten an, dass sie sich die Aufnahmen ansehen könnten. Die Beamten und Chris gehen gemeinsam zu dem Nachbarn herüber und sehen sich die Aufnahmen an. Sie hoffen, darauf Shanann und die Töchter zu sehen, um zu erfahren, wann die drei das Haus verlassen haben.
Doch die einzige Person, die auf den Aufnahmen zu sehen ist, ist Chris Watts. Er wird gefilmt, als er um 5:17 Uhr mit dem Auto davonfährt. Man sieht allerdings vorher, wie er etwas in das Auto einlädt. Er geht mehrmals in die Garage hinter dem parkenden Wagen. In seiner Hand hält er eine Gaskartusche, mit der er einige Male um das Auto herumläuft. Während der Nachbar das Videomaterial zeigt, dreht Chris sich immer wieder vom Bildschirm weg.
Seine Bewegungen wirken fahrig, und er scheint total in sich versunken zu sein. Unaufgefordert fängt er an, den Beamten jede einzelne der gefilmten Bewegungen zu erklären. Als Chris das Haus der Nachbarn schon verlassen hat, bleiben die Polizisten noch einen Moment beim Zeugen. Er sagt ihnen ganz offen, dass er seinen Nachbarn in den letzten Minuten kaum wiedererkannt hat. Normalerweise würde er sich nicht so verhalten.
Nachbar: „Aber die Tatsache, dass er hier drin ist und es immer und immer wieder erklärt…“
Polizist: „Ein bisschen merkwürdig?“
Nachbar: „Er hat nicht… Er sieht nicht besorgt aus. Er sieht so aus, als würde er seine Spuren verwischen.“
Später wird Chris natürlich noch eingehender von der Polizei befragt. Er erzählt den Polizisten von dem „emotionalen Gespräch“ zwischen ihm und Shanann, das in der Nacht vor ihrem Verschwinden stattgefunden habe. Er leugnet aber, seine Frau betrogen zu haben. Den Beamten kommen die Angaben von Chris Watts in Teilen merkwürdig vor. Sie bitten ihn, einen Lügendetektortest zu machen. Chris willigt sofort ein. Als er zusagt, ist in seinem Gesicht nicht der Hauch eines Zweifels zu erkennen, dass der Test seine Geschichte ins Wanken bringen könnte. Doch das wird er, und nicht nur das.
Chris: „Shanann, Bella, Celeste… Wenn ihr da draußen seid, kommt einfach zurück. Wenn jemand sie hat, dann bringt sie bitte zurück. Ich muss alle sehen. Ich muss alle wiedersehen. Dieses Haus ist nicht vollständig, wenn niemand hier ist. Bitte kommt zurück.“
Der Lügendetektor
Bei polizeilichen Ermittlungen ist es normal, dass zuerst das nahe Umfeld der Geschädigten durchleuchtet wird. Im Fall der verschwundenen Shanann und ihrer beiden Töchter Bella und Celeste ist das Ehemann und Vater Chris Watts. Nicht nur seinem Nachbarn kommt er auf den Videoaufnahmen vor der Garage merkwürdig vor. Bei den mehrmaligen Befragungen verhält Chris sich auffällig. Für die Ermittler erscheint er sofort verdächtig.
Ermittlerin: „Die Befragung kann über Erfolg oder Misserfolg eines Falles entscheiden. Wir können Jahre damit verbringen, an einem Fall zu arbeiten, und dann bekommen wir unseren Verdächtigen. Wenn wir uns dann nicht die Zeit nehmen, um herauszufinden, wer diese Person ist und versuchen, sie zu einem Geständnis zu bringen oder es ihr zu erleichtern, uns die Wahrheit zu sagen, könnte der ganze Fall verloren sein. Ich meine, wir könnten tonnenweise physische Beweise haben, aber die Geschworenen wollen wissen, dass diese Person es auch zugegeben hat. Es gab ein sofortiges Gefühl der Dringlichkeit, Chris zum Police Department zu bringen.“
Der Lügendetektortest wird am 15. August 2018 durchgeführt. Von Shanann, Bella und Celeste fehlt seit drei Tagen jede Spur. Die Spezialistin Tammy Lee ist eine Expertin auf dem Gebiet und wurde extra für die Durchführung des Tests mit Chris Watts herbeigerufen. Die Ergebnisse von Lügendetektortests sind im US-Bundesstaat Colorado, in dem Chris lebt, vor Gericht nicht als Beweismittel zulässig. Mit anderen Worten; wenn Chris den Test macht und ihn nicht besteht, hat das erst einmal keine rechtlichen Konsequenzen für ihn.
Vielleicht hat er dem Test deshalb so schnell zugestimmt. Theoretisch hat er dabei nichts zu verlieren. Chris wird erklärt, dass der Lügendetektortest bei der Befragung wichtiger Zeugen ein Standardprozedere sei. Würde er den Test bestehen, könnte das immerhin dabei helfen, den Ermittlern zu verdeutlichen, dass er nichts mit dem Verschwinden seiner Familie zu tun habe. So könnte sich die Polizei dann auf andere Spuren konzentrieren.
Ermittlerin: “Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten, wie man bei einem Lügendetektor durchfallen kann, okay? Die erste Möglichkeit wäre, wenn Sie meine Anweisungen nicht befolgen. Ich werde Ihnen heute eine Menge Anweisungen geben, wie Sie still sitzen sollen, wie Sie Fragen beantworten sollen und solche Dinge. Wenn Sie diese Anweisungen also nicht befolgen, werden Sie den heutigen Test nicht bestehen, okay? Die zweite Möglichkeit wäre, wenn Sie sich entscheiden, mich heute anzulügen.
Wissen Sie, wenn Sie etwas mit dem Verschwinden zu tun hätten, wäre es wirklich dumm, wenn Sie sich heute einem Lügendetektortest unterziehen würden. Richtig? Das wäre wirklich dämlich. Sie sollten nicht hier auf diesem Stuhl sitzen, wenn Sie irgendetwas mit Shanann und dem Verschwinden dieser kleinen Mädchen zu tun haben würden, nicht wahr?”
Die Ermittlerin baut in dieser Situation ganz bewusst Druck auf. Ohne auszusprechen, dass sie Chris für absolut verdächtig hält, treibt sie ihn psychologisch in eine Ecke. Neben den Rahmenbedingungen für den Test erzählt sie ihm auch von ihren Qualifikationen und den Lehrgängen, die sie abgeschlossen hat. Sie weiß, dass die Ergebnisse des Tests vor Gericht keine Aussagekraft haben. Würde Chris aber mehrmals lügen, wäre das extrem verdächtig.
Von Beginn an positioniert die Expertin sich Chris gegenüber als eine unschlagbare Analystin.
Ermittlerin: „Das hast du toll gemacht! Du hast daran gedacht zu lügen und alles, das war super!“
Chris: „Oh.“
Ermittlerin: „Also, Sie sind offensichtlich ein wirklich schlechter Lügner. Hat man Ihnen das schon mal gesagt? Zum Beispiel, dass man Ihnen sofort ansieht, wenn Sie eine Lüge erzählen?“
Ermittlerin: "Sie haben tatsächlich eine signifikante Reaktion, wenn Sie lügen, das ist großartig, also danke, dass Sie ein schlechter Lügner sind. Nein, das ist eine gute Sache, das ist eine gute Sache. Wir wollen keine guten Lügner sein, also danke, dass Sie ein schrecklicher Lügner sind. Es zeigt mir nur, dass bei dem Test, wenn wir wichtige Fragen über Ihre Frau stellen, Ihre Lügen 10-mal mehr verstärkt auffallen werden. Also, ich weiß das zu schätzen, ich weiß das sehr zu schätzen. Mehr als Sie wissen.
Ermittlerin: „Lügen Sie über das letzte Mal, als Sie Shanann gesehen haben?“
Chris: „Nein.“
Ermittlerin: „Befinden Sie sich gerade im Bundesstaat Colorado?“
Chris: „Ja.“
Ermittlerin: „Wollten Sie vor 2018 schon einmal jemandem wehtun, um mit ihm quitt zu sein?“
Chris: „Nein.“
Ermittlerin: „Wissen Sie, wo Shanann jetzt ist?“
Chris: „Nein.“
Chris Watts besteht den Lügendetektortest nicht.
Ermittlerin: „Sie haben den Lügendetektortest nicht bestanden. Also müssen wir jetzt darüber reden, was wirklich passiert ist. Ich habe das Gefühl, dass Sie dazu bereit sind.“
Chris: „Ich habe Sie beim Lügendetektortest nicht angelogen, das verspreche ich.“
Ermittler: „Chris.“
Chris: „Ich…, ich…“
Ermittler: „Chris, hören Sie auf. Holen Sie tief Luft. Ich möchte, dass Sie jetzt tief einatmen.“
Auch nach dem Test beharrt er zunächst darauf, nicht zu wissen, was mit Shanann und den beiden Töchtern Bella und Celeste passiert ist.
Chris: „Ich weiß nicht, wo sie sind. Wenn ich meine Babies jetzt nach Hause bringen könnte, würde ich das tun. Ich will sie zurück, ich will alle zurück. Das ist die gottgegebene Wahrheit.“
Er bittet darum, mit seinem Vater Ronnie zu reden. Der ist extra von North Carolina nach Colorado geflogen, um seinem Sohn beizustehen. Das Gespräch wird ihm gestattet. Denn die Ermittler haben nicht nur damit gerechnet, dass Chris mit Ronnie reden möchte, sondern sogar darauf gehofft. Chris scheint in seinem Vater ein großes Vorbild zu sehen. Dementsprechend hoffen die Polizisten, dass er ihm gegenüber ehrlich sein würde.
Ermittlerin: „Nachdem wir beschlossen hatten, Ronnie in den Raum zu lassen, gingen Special Agent Coder und ich los, um mit Ronnie vorher unter sechs Augen zu sprechen. Wir besprachen mit ihm, dass Chris bereit war, ihm die Wahrheit über alles zu sagen, und wir ermutigten Ronnie einfach, ein guter Zuhörer zu sein und Chris zu ermutigen, die Wahrheit zu sagen. Und er war sehr, sehr empfänglich dafür.“
Ronnie: „Was ist passiert?“
Chris: „Sie hat sie verletzt.“
Ronnie: „Hm?“
Chris: „Sie hat ihnen wehgetan.“
Ronnie: „Sie hat ihnen wehgetan?“
Chris: „Ja. Und dann habe ich…“
Ronnie: „Was jetzt?“
Chris: „Dann bin ich ausgeflippt und habe ihr wehgetan.“
Ronnie: „Du hast ihr wehgetan.“
Chris: „Sie hat sie erstickt.“
Ronnie: „Was?“
Chris: „Sie hat sie erstickt.“
Ronnie: „Sie hat sie erstickt? Oder sie erwürgt?“
Chris: „Ich habe oben so etwas wie einen kleinen Tumult gehört, aber mir nicht viel dabei gedacht.“
Ronnie: „Hm, und dann bist du nach oben gegangen und sie hat…“
Chris: „Und sie waren so… Ich konnte sehen, dass sie auf Cece drauf war.“
Ronnie: „Was, und hat sie gewürgt, oder…? Hat sie sie umgebracht?“
Chris: „Sie waren blau.“
Ronnie: „Alle beide?“
Chris: „Ja.“
Ronnie: „Sie hat sie beide erwürgt?“
Chris: „Ich bin ausgeflippt und habe das ver***** nochmal Gleiche mit ihr gemacht.“
Erst nach diesem Gespräch redet Chris mit der Polizei. Er gesteht den Mord an seiner Frau Shanann Watts. Die Morde an seinen Töchtern Bella und Celeste leugnet er. Es sei Shanann gewesen, die die beiden Mädchen erstickt habe. Zwar glaubt die Polizei noch nicht, dass das die ganze Wahrheit ist, doch eines ist traurige Gewissheit: Shanann, Bella und Celeste Watts sind tot.
Die Polizei hat in der Zwischenzeit die GPS-Daten von Chris’ Auto gesichert. Anhand dessen konnten die Ermittler feststellen, dass er sich auf einem Firmengelände des Öl-Unternehmens, für das er arbeitet, aufgehalten haben muss. Die Polizisten zählen schnell 1 und 1 zusammen. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat Chris irgendwo auf diesem Gelände die Leichen seiner Frau und seiner Töchter abgelegt. Als er mit einem Bild des Geländes konfrontiert wird, bricht Chris Watts zusammen. Auf einer Karte zeichnet er ein, wo er die Leichen abgelegt hat. Bella und Celeste liegen jeweils in einem großen Öltank. Shanann liegt etwas abseits begraben.
Forensiker: „Wissen Sie, eines der Dinge, die mir auffielen, war, dass Shanann in einem flachen Grab begraben wurde und die Kinder getrennt und in Tanks entsorgt wurden. Ich bin mir nicht sicher, warum er sie nicht alle zusammen lassen wollte. Aber ich denke, psychologisch gesehen sagt das wahrscheinlich etwas über die Trennung von allen dreien aus.“
Um die Kinder aus den Öltanks zu bergen, müssen diese abgepumpt werden. Der ganze Prozess dauert insgesamt vierzehn Stunden lang. Die Einsatzkräfte können aufgrund der schädlichen Dämpfe im Inneren des Tanks nur wenige Minuten lang dort drinnen arbeiten, ehe sie wieder an die Luft müssen. Nach der Bergung müssen die Leichen der beiden Kinder mit besonderer Vorsicht behandelt werden. Da die leblosen Körper so lang im Öl lagen, sind sie leichter entzündlich, was die Polizei beim Transport der toten Kinder vor eine große Herausforderung stellt. Allen beteiligten Ermittlern geht der Einsatz sehr nah.
Das Bettlaken, in dem Shananns Leichnam eingewickelt wurde, ist beim Auffinden durch die Polizei blutverschmiert . Das Blut stammt wahrscheinlich von einer sogenannten Sarggeburt. Weil sich in einem Leichnam nach dem Tod Druck aufbaut, wird das ungeborene Baby durch den Geburtskanal herausgepresst. Chris Watts hat nicht nur seine Ehefrau Shanann, sondern mit ihr auch ihren ungeborenen Sohn Nico ermordet.
Sandy Rzucek: „Ich bekam einen Anruf, sie hatten Shananns Leiche gefunden. Ich sagte: 'Soll ich sie am Telefon identifizieren?' Er sagte: 'Ja, das können Sie tun'. Ich fragte: 'Ist sie schön?' Er sagte: 'Ja.'. Ich fragte: “Hat sie schwarze Haare?„ Er sagte: “Ja.„. Ich sagte: 'Dann haben Sie meine Tochter.'“
Am 15. August 2018 wird Chris Watts spät abends auf dem Polizeirevier verhaftet. Die Vorwürfe lauten Mord ersten Grades sowie Manipulation eines Leichnams in drei Fällen und rechtswidriger Abbruch einer Schwangerschaft. Chris besteht weiter darauf, er sei lediglich für den Mord an Shanann verantwortlich. Sie sei es gewesen, die Bella und Celeste erstickt habe. Für die Polizei enden die Ermittlungen hier allerdings noch lange nicht. Denn die Ermittler sind sich sicher, dass Chris auch Bella und Celeste ermordet hat.
Die Affäre
Noch an diesem Tag erschließen sich den Beamten immer mehr Zusammenhänge. Denn Chris’ Affäre, Nichol Kessinger, kommt zur Polizei – freiwillig. Sie hat inzwischen auch von dem großen Medienrummel um das Verschwinden der Frau und der Kinder von Chris mitbekommen. Sie gibt sich vom Narrativ der Medien irritiert. Immerhin habe Chris ihr die ganze Zeit erzählt, er und Shanann würden sich scheiden lassen. Nichol gibt an, absolut nichts von der Schwangerschaft von Shanann gewusst zu haben.
Nichol: „Er hat mich angelogen. Es tat einfach weh. Ich hatte noch nie das Gefühl, dass er mich anlügen würde. Und es war eine große Lüge. Ich meine, jemandem zu erzählen, dass man mitten in einer Scheidung steckt und dann eine Frau hat, die ein 15 Wochen altes Baby erwartet, ist eine sehr, sehr große Sache. Ich war sehr überrascht, und es tat einfach weh.“
Chris habe am Montag, dem Tag des Verschwindens von Shanann, Bella und Celeste, sogar noch mit ihr telefoniert. Dabei habe er sich allerdings merkwürdig verhalten.
Nichol: „Ich habe über den Montag einige Dinge vergessen, die ich euch noch nicht erzählt habe. Also, am Montag, als wir am Telefon waren, sagte er irgendwann zu mir (ich kann nicht einmal glauben, dass ich das aussprechen muss…) ‘Sie hat ihren Ehering hier gelassen’. Und ich sagte etwas in der Art von ‘Bedeutet das, dass es aus ist zwischen euch beiden?’ Und er sagte… Er sagte: ‘Was glaubst du, wie viel er wert ist?’ Und ich sagte so… Ich weiß noch, wie ich ihn das sagen hörte und dachte, was soll’s. Und ich weiß noch, wie ich dachte, dass ich gar nicht weiß, was ich darauf antworten soll. Also sagte ich: ‘Ich weiß nicht, verpfände ihn doch’ Und ich sagte: ‘Ich verpfände ständig Schmuck, ich habe schon ein paar Mal Schmuck verpfändet, der ist aber nichts wert. Und ich meinte: ‘Also, ich weiß nicht, ob du das wirklich machen willst’ und er sagte: “Nein, nein… Ich denke, ich werde ihn schätzen lassen, es ist ein schöner Stein. Und ich nur so: ‘Okay…’ Und es war wirklich unangenehm.
Nichol bleibt zwar dabei, nicht gewusst zu haben, dass Chris und Shanann noch zusammen sind. Ihr Google-Verlauf sagt jedoch etwas anderes; schon am 24. Juli googelte sie „Der Mann, mit dem ich eine Affäre habe sagt, er würde seine Frau verlassen“, wenige Tage später „seine Affäre heiraten“. Außerdem soll sie mehrfach Shananns Namen gegoogelt und ihre Social-Media-Profile durchsucht haben. Auf ihren Profilen war es sehr offensichtlich, dass Shanann und Chris nicht voneinander getrennt sind. Auch ihre Schwangerschaft hatte Shanann offen auf Social Media thematisiert.
Nach den Morden googlet sie „Können Polizisten Textnachrichten zurückverfolgen“. Am 19. August 2018, vier Tage nach Chris’ Festnahme, googlet sie „Haben Leute Amber Frey gehasst?“ Sie informiert sich auch über Amber Freys Vermögen und einen Buchvertrag. Amber Frey war eine Frau, die eine Affäre mit einem Mann namens Scott Peterson hatte. Der brachte seine betrogene Ehefrau Laci sowie ihr ungeborenes Kind um. Nicht nur Nichol selbst erkennt Parallelen zwischen ihrer eigenen Affäre mit Chris Watts und dem Verhältnis zwischen Amber Frey und dem verurteilten Mörder seiner Frau.
Auch Chris’ Handydaten, die von der Polizei sichergestellt werden konnten, werfen kein gutes Licht auf ihn. Noch am Morgen des 13. August, nachdem er gerade die Leichen von Shanann, Bella und Celeste entsorgt haben muss, ruft er bei der Vorschule an, die die Kinder bald besuchen sollen. Er meldet seine beiden Töchter von dort ab. Mutmaßlich wollte er so vermeiden, dass die Schule die Kinder in den nächsten Tagen vermisst melden könnte.
Außerdem tauscht er am 13. August einige Textnachrichten mit einer Maklerin aus. Mit ihr hatten Shanann und Chris zuletzt versucht, einen möglichen Umzug der Familie Watts in eine preiswertere Wohngegend zu koordinieren. Der Maklerin fällt im Laufe des Tages sogar auf, dass Shanann sich, anders als Chris, nicht auf ihre SMS zurückgemeldet hat. Als sie fragt, ob bei Shanann alles in Ordnung sei, antwortet Chris mit :
„Sie war den ganzen Tag nicht da. Echt merkwürdig.“
In einer weiteren Nachricht schreibt er: „Die Polizei kümmert sich jetzt darum. Bitte sende Gebete.“
Chris googelt nach der Tat unter anderem die Lyrics zum Song „Battery“ von Metallica. Die Zeiten, in denen wir den Medienkonsum von späteren Tätern für ihre Verbrechen verantwortlich machen, dürften vorbei sein. Dennoch erscheint der Songtext von „Battery“ vor dem Hintergrund des Dreifachmordes makaber. In den Lyrics heißt es:
„Schmettere durch die Grenzen, Irrsinn hat mich gefunden, kann die Gewalt nicht aufhalten Aggression herauszuschlagen ist zur Sucht geworden Kann die Gewalt nicht zerstören Kann die Familie nicht umbringen, Gewalt findet sich in mir“
Chris sagt, er habe den Text irgendwann im Laufe des 13. August gegoogelt, weil Nichol ihn während des Telefonats nach der Bedeutung des Songs gefragt habe. Ob das wirklich stimmt oder was wirklich durch Chris’ Kopf ging, als er diese Zeilen wenige Stunden, nachdem er zum Mörder seiner Familie geworden war, las, werden wir nie erfahren. Es ist nur eine von vielen Fragen in dem Fall, die unbeantwortet bleiben. Denn als es zum Prozess kommt, schweigt Chris Watts.
Die Anklage
Noch im selben Jahr wird Chris Watts verurteilt. Die letzte Anhörung seines Prozesses findet am 19. November 2018 statt. Bis dahin hatte Chris nach wie vor bestritten, neben Shanann und seinem ungeborenen Sohn auch Bella und Celeste ermordet zu haben. Die Staatsanwaltschaft ist sich allerdings sicher, dass er seine Töchter ebenfalls umgebracht hat. Dadurch, dass er Shanann die Schuld am Tod der Kinder zuschiebe, habe er sich von dem Verbrechen distanzieren wollen. Es gibt aber auch Menschen, die Chris Watts’ Version der Ereignisse glauben. Zum Beispiel seine Mutter Cindy Watts. Wie eingangs schon beschrieben, hatte sie kein gutes Verhältnis zur ermordeten Shanann. Shanann gelegen.
Als Shanann und die Kinder verschwanden, dachte Cindy Watts sogar, Shanann habe Chris „bestrafen“ wollen und sei mit ihnen abgehauen, um Chris eins auszuwischen. Cindy Watts glaubt zunächst nicht, dass Chris wirklich der Mörder seiner eigenen Töchter sein könnte. Zwar könne sie sich vorstellen, dass er Shanann umgebracht habe. Dass er auch Bella und Celeste ermordet habe, hält sie jedoch für ausgeschlossen. Dementsprechend überrascht ist sie, als ihr Sohn den Mord an seiner gesamten Familie vor Gericht doch eingesteht.
Journalist: „Was glauben Sie, wie Shanann, Bella und Celeste wirklich gestorben sind?“
Chris' Mutter: "Oh Gott, ich weiß es nicht mehr. Ganz ehrlich. Ich weiß nicht, in welcher geistigen Verfassung er ist. Warum sollte er sich für etwas schuldig bekennen, das er nicht getan hat? Das ist alles, was ich wissen will. Warum solltest du dich schuldig bekennen, wenn du es nicht getan hast? Wenn du deinem Vater gesagt hast, dass du es nicht getan hast? Das ist alles, was ich wissen will.
Journalist: „Haben Sie sich mit dem Gedanken abgefunden, dass er das alles getan haben könnte?“
Chris' Mutter: „Ja. Und das erschreckt mich zu Tode. Der Gedanke, dass er all das getan haben könnte, erschreckt mich zu Tode. Und das möchte ich nicht. Ich will das jetzt nicht. Aber ich verstehe nicht, warum er sich schuldig bekennt. Das würde ich nicht. Ich würde kämpfen. Ich würde bis zum Ende kämpfen. Aber dann fragt man sich: Würde ein normaler Mensch die Leichen so entsorgen, wie er es getan hat? Ich hätte den Notruf gewählt, wenn es so passiert wäre.“
Bezüglich seines Motivs findet der Verteidiger am letzten Tag des Prozesses klare Worte.
Verteidiger: „Sein Motiv war simpel, Euer Ehren. Er hatte den Wunsch nach einem Neuanfang. Er wollte eine Beziehung mit einer neuen Liebe beginnen, die jeden Anstand und alle Gefühle für seine Frau, seine Töchter und seinen ungeborenen Sohn überwand.“
Bevor das Urteil gesprochen wird, ergreift Shananns Mutter Sandy Rzucek das Wort. Sie wendet sich dabei direkt an Chris, den Mörder ihrer Tochter und ihrer Enkelinnen. Die Staatsanwaltschaft sieht im Fall von Chris Watts von der Todesstrafe ab – auf Wunsch von Shananns Familie.
Sandy: „Wir haben dich geliebt wie einen Sohn. Wir haben dir vertraut. Deine treue Frau vertraute dir. Deine Kinder bewunderten dich. Und auch sie vertrauten dir. Deine Tochter Bella Marie sang voller Stolz ein Lied. Ich weiß nicht, ob du es sehen konntest, aber es hieß “Daddy, you’re my hero„. Ich habe keine Ahnung, wer dir das Recht gegeben hat, ihnen das Leben zu nehmen. Aber ich weiß, dass Gott und seine mächtigen Engel in diesem Moment da waren, um sie heim ins Paradies zu holen.“
Sandy: „Ich wollte nicht, dass du stirbst, denn das ist nicht mein Recht. Dein Leben ist jetzt eine Sache zwischen dir und Gott, und ich bete, dass er Gnade für dich hat. Von Shananns Mutter, Bella Maries, Celeste Catherines und Nico Lees Großmutter.“
Richter: „Ich könnte objektiv sagen, dass dies wohl das unmenschlichste und bösartigste Verbrechen von den tausenden Fällen ist, die ich bearbeitet habe. Und nichts Geringeres als die Höchststrafe wäre angemessen, und alles, was unter der Höchststrafe liegt, würde die Schwere dieses Verbrechens nicht unterstreichen.“
Chris Watts bekennt sich nun der Morde an Shanann, Bella und Celeste schuldig. Das ist Teil eines Deals mit der Staatsanwaltschaft. Durch das Geständnis entgeht er der Todesstrafe, so wie es sich auch die Familie von Shanann gewünscht hatte. Sie wollen keinen weiteren Tod. Auch dann nicht, wenn es der Tod des Mörders ihrer Tochter, Schwester und Freundin wäre. Chris wird zu fünfmal lebenslanger Haft sowie einer 48-jährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Er hat keine Möglichkeit, auf Bewährung früher rauszukommen. Mit anderen Worten: Nach den Morden an seiner Frau Shanann, seinem ungeborenen Sohn Nico und seinen Töchtern Celeste und Bella wird Chris Watts das Gefängnis nie mehr verlassen.
Bella: „Mein Daddy ist ein Held, er hilft mir, groß und stark zu werden, er hilft mir auch beim Kuscheln, er liest mir Bücher vor, er bindet mir die Schuhe zu, du bist ein Held, durch und durch. Mein Daddy, Daddy, ich hab dich lieb“
Die ganze Wahrheit
Nach dem Prozess wird Chris Watts in ein Gefängnis in Wisconsin gebracht. Doch die Geschichte des Familienmordes endet hier noch nicht. Zwar hat Chris nun die Morde an seinen Familienmitgliedern gestanden. Doch noch immer fehlen den Polizisten einige wertvolle Informationen zum Tatablauf. Und vor allem zu Chris Watts’ Motiv.
Zwei CBI-Agenten reden im Gefängnis mehrere Stunden lang mit Chris Watts. Sie befragen ihn noch einmal zu den Geschehnissen vom 13. August. Erst jetzt, nachdem er schon verurteilt wurde und vor Gericht keine weiteren Konsequenzen zu befürchten hat, gibt Chris Watts weitere Details zu den Morden preis.
Chris erzählt, wie Shanann nachts nach Hause gekommen sei. Er habe gemerkt, wie sie sich zu ihm ins Bett gelegt habe. Die beiden hätten ein letztes Mal miteinander geschlafen. Chris habe gespürt, dass Shanann irgendetwas über seine Affäre mit Nichol weiß. Also habe er ihr noch einmal gesagt, dass er nicht länger mit ihr zusammen sein wolle.
Chris sagt, er habe daraufhin das Gefühl gehabt, Shanann würde sich nun mit den beiden Kindern aus dem Staub machen. Im Laufe des Gesprächs habe er sich über Shanann gebeugt und auf sie gesetzt. Dann habe er begonnen, seine Hände an ihren Hals zu legen und zuzudrücken. Der Gerichtsmediziner hat beim Prozess ausgesagt, dieser Vorgang müsste etwa zwei bis vier Minuten lang gedauert haben, bis Shanann starb.
CBI-Ermittlerin: „War das lang, zwei bis vier Minuten? Wie lang kam es dir vor?“
Chris: „Ich hab irgendwie das Gefühl, dass es länger gedauert hat. Es war irgendwie, als würde die Zeit stillstehen. Ich habe mein Leben gesehen, wie es direkt vor meinen Augen verschwand. Aber ich konnte nicht loslassen, als ob ich jemanden um mich gehabt hätte, der meine Hände festgehalten und verhindert hätte, dass ich loslasse.“
Chris sagt, Shanann habe sich nicht gewehrt, als er sie erwürgte. Während der Tat sei ihre vier Jahre alte Tochter Bella ins Zimmer gekommen.
CBI: „Was hat sie gesagt?“ Chris: „'Was ist mit Mami los?'. Und ich sagte: 'Mami fühlt sich nicht gut'.“
Chris: „Ich habe versucht… versucht, sie (Shanann) hochzuheben und runterzubringen, aber ich habe den Halt verloren. Nach einer Weile musste ich einfach… ziehen…“
CBI: „Hat Bella gesehen, wie du das gemacht hast? Was hat Bella gesagt?“
Chris: „Sie fing an… ein bisschen zu weinen. Sie sagte: 'Was ist los mit Mami?'“
CBI: „Und was hast du dann gesagt?“
Chris: „'Sie fühlt sich nicht gut'. Sie ist ein kluges Mädchen, sie wusste, was da los war.“
Chris Watts berichtet, wie er den Leichnam seiner Frau in seinen Truck gebracht habe. Danach habe er seine beiden Töchter Bella und Celeste auf die Rückbank des Autos gesetzt. Die Fahrt zum Firmengelände hat zwischen 45 und 60 Minuten gedauert. Dort angekommen, ließ er die drei und vier Jahre alten Kinder im Auto sitzen. Währenddessen grub er die flache Kuhle aus, in die er Shananns Leichnam legte. Was die beiden kleinen Mädchen in diesen Minuten durchgemacht haben müssen, ist unvorstellbar.
Er beschreibt in dem Gespräch auch, wie er seine eigenen Töchter umbringt. Das Ganze sei im Auto passiert. Bella und Celeste seien in ihren Kindersitzen angeschnallt gewesen. Zuerst habe er der 3-jährigen Celeste eine Decke über den Kopf gelegt. Dann habe Chris seine Hand auf den Mund seiner Tochter gepresst und sie fest in den Sitz gedrückt. Er erzählt auch, dass die 4-jährige Bella mit angesehen habe, wie Chris ihre Schwester tötete.
Chris: „Sie fragte: ‘Was ist mit Cece passiert?’ Oder sie fragte, ob dasselbe, ‘Passiert mir dasselbe was Cece passiert ist?’“
Interviewer: „Hat sie dich das gefragt? Okay, Bella ist also ziemlich schlau. Wie hat sie sich angehört, als du sie das gefragt hast, Chris?“
Chris: „Sie sagte das mit dieser sanften Stimme, die sie immer hatte.“
Interviewer: „Und was genau hat sie gesagt?“
Chris: „Sie sagte: ‘Passiert mir das Gleiche wie Cece?’ Und dann habe ich gesagt – ich weiß gar nicht mehr, was ich gesagt habe. Ich weiß nicht, ob ich einfach “ja„ gesagt habe, wie ein schrecklicher Mensch, oder ob ich ihr auch nur die Decke über den Kopf gezogen und nichts gesagt habe.“
Interviewer: „Dieselbe Decke, dieselbe Art und Weise?“
Chris: „Hmhm. Sie sagte ‘Nein, Daddy’, und das war das Letzte, was sie sagte.“
Trotz des abgeschlossenen Prozesses und dieses Geständnisses ranken sich noch immer viele Gerüchte und Geschichten um den Fall und Chris’ Leben in Haft.
Gegenüber Mitinsassen und Brieffreunden soll er zugegeben haben, die Morde an Shanann, Bella und Celeste wochenlang geplant zu haben. Außerdem heißt es, er habe Shanann heimlich das Schmerzmittel Oxycodon verabreicht, in der Hoffnung, die Einnahme des Medikaments würde bei Shanann zu einer Fehlgeburt führen. Tatsächlich werden Rückstände dieses Mittels bei der Autopsie in Shananns Blut festgestellt. In einer Nachricht an eine Brieffreundin soll Chris geschrieben haben:
„Der Grund, warum der Gerichtsmediziner Oxycodon in Shananns Körper gefunden hat, ist, dass ich es ihr gegeben habe. Ich dachte, es wäre einfacher, mit Nichol zusammen zu sein, wenn Shanann nicht schwanger wäre.“
Das Oxycodon könnte auch erklären, weshalb Shanann keine Abwehrverletzungen hatte. Womöglich war sie schon sediert, als sie von ihrem eigenen Ehemann ermordet wurde. Weiterhin schreibt er, er habe schon im Haus der Familie versucht, seine Töchter zu ersticken. Die beiden seien bei dem Versuch aber aufgewacht, sodass er abgebrochen habe. Gegenüber einem Mitgefangenen soll Chris sogar behauptet haben, seine Affäre Nichol sei an den Morden beteiligt gewesen. Demnach habe auch sie versucht, Bella und Celeste zu ersticken, sie hätte ihm auch bei der Beseitigung der Leichen geholfen.
Es ist allerdings wichtig zu erwähnen, dass Nichol Kessinger nie wegen einer Beteiligung am Verbrechen angeklagt wurde. Möglicherweise wollte Chris seine eigene Schuld auf sie abwälzen. Immerhin hatte er vorher auch schon versucht, Shanann die Morde an den Töchtern anzuhängen.
Sofern er die Anschuldigungen gegenüber Nichol überhaupt getätigt hat, denn die einzige Quelle dafür ist sein ehemaliger Mitinsasse, der zahlreichen Zeitungen Interviews bezüglich Chris Watts gegeben hat. Es wird auch keine weiteren Ermittlungen mehr diesbezüglich geben. Das Ende der Strafverfolgung nach dem ersten Urteil war Teil seines Deals mit der Staatsanwaltschaft.
Während Nichol Kessinger unmittelbar nach dem Prozess von Medienvertretern belagert wird, ist sie inzwischen untergetaucht. Sie soll Colorado verlassen und eine neue Identität angenommen haben. In einigen Berichten heißt es, sie und Chris hätten noch immer Kontakt. Das passt eigentlich nicht zu den anderen Behauptungen, wonach Chris versuchen würde, Nichol die Morde anzuhängen. Wie gesagt, die Aussagen diesbezüglich basieren immer auf den Erzählungen von Dritten.
Chris Watts soll sich derzeit in Einzelhaft befinden. Demnach habe er 23 Stunden am Tag keinen Kontakt zu anderen Menschen und verbringe seine Zeit allein in seiner Gefängniszelle. Als Kindermörder ist er wahrscheinlich selbst unter verurteilten Kriminellen sehr weit unten auf der Beliebtheitsskala.
Er erhält dennoch immer wieder Briefe aus der Außenwelt. Unter anderem auch von Frauen, die den verurteilten Mörder für einen unverstandenen, gebrochenen Mann halten. Auch durch diese Briefe sickern ab und an vereinzelte Informationen an die Öffentlichkeit. Wie zum Beispiel Chris’ angebliche Anschuldigungen gegenüber Nichol. Wie viel Glauben man diesen Berichten schenken mag, ist jedem selbst überlassen.
Weshalb genau Chris seine gesamte Familie ermordet hat, hat er selbst bis heute nicht ausgesprochen. Eins ist jedoch klar: Der Mord an Shanann, Bella, Celeste und dem ungeborenen Nico ist viel mehr als ein „Crime Of Passion“, wie er in den amerikanischen Medien oft bezeichnet wird. Wenn Täter und Opfer in einem Mordfall in einem sozialen Verhältnis zueinander stehen, wird oft von einer Beziehungstat gesprochen. Mittlerweile ist auch der Begriff Femizid im deutschsprachigen Raum relativ weit verbreitet.
Von einem Familizid hingegen haben die meisten Menschen noch nichts gehört. Der Begriff beschreibt die Tötung eines Beziehungspartners und eines oder aller gemeinsamen Kinder durch den zweiten Partner. Auch die Morde an Shanann, Bella und Celeste können als Familizid eingeordnet werden.
Studien zufolge werden Männer besonders oft zu Tätern. Vor allem dann, wenn eine Scheidung droht, Geldprobleme die Familie belasten oder man die Fassade des perfekten Lebens nicht mehr halten kann. Vieles davon spiegelt sich auch im Fall Chris Watts wider. Nicht immer werden Personen, die später einen Familizid begehen, schon vorher straffällig. Zwar kann einer solchen Tat eine längere Geschichte von häuslicher Gewalt vorausgehen. In manchen Fällen ist der Täter bis zu den Morden aber auch absolut unauffällig.
Etwa, weil er seine negativen Gefühle wie Wut oder Scham unterdrückt. Oft versuchen die Täter nach den Morden, sich selbst das Leben zu nehmen. Chris Watts hingegen hat versucht, seinen Alltag weitestgehend normal zu bestreiten. Er hat Interviews gegeben, mit der Immobilienmaklerin geschrieben und den besorgten Ehemann gemimt.
Dr. Neil Websdale leitet ein Institut für familiäre Gewalt und forscht zu Familiziden.
Dr. Neil Websdale: „Was wir beim emotionalen Kontinuum eines Familizides sehen, ist eine verkümmerte Beziehung zur Wut. Ein unterkontrolliertes Ende, das Zwang ausübt, und ein überkontrolliertes Ende. Wut ist entscheidend. Was wir durchgehend sehen, ist ein Untertauchen der Scham. Es ist wichtig, dass wir bei Tätern oder Menschen, die wir verdächtigen nachfragen, ob sie große Veränderungen in ihrem Leben und in ihren Lebensumständen durchmachen, ob sie depressiv sind, ob sie einen Bankrott erlitten haben, ihren Arbeitsplatz verloren haben… Es ist wichtig zu fragen, an welchem Punkt in ihrem Leben sie sich befinden.“
Dr. Neil Websdale: „Die Zahl der Fälle, auch wenn sie gering ist, ist sehr beunruhigend. Und dabei ist noch nicht einmal berücksichtigt, wie oft Menschen darüber nachdenken oder fantasieren, ihre Familienmitglieder zu töten. Es handelt sich also um ein unverhältnismäßig stark ausgeprägtes männliches Verhalten. (…)“
Dr. Neil Websdale: „Das soll nicht heißen: 'Oh, arme belastete Männer'. Aber es soll heißen, dass wir aufpassen müssen, denn bei den Familiziden geht es – so denke ich – um das Versagen, den ideologischen Imperativen unserer Vorstellungen von Männlichkeit gerecht zu werden.“
Über das Täterprofil von Chris Watts sagt er: „Ich denke, die Tatsache, dass er keinen Selbstmord begangen hat, könnte auf diese aggressive, narzisstische Persönlichkeit hindeuten, die darauf hindeutet, dass er denkt, er könnte damit durchkommen (…). Es spricht für die Tatsache, dass er sehr egozentrisch ist und sich ermächtigt fühlt, diese Taten zu begehen.“
Wenn es um Mordfälle im Familienkontext geht, ist hierzulande oft eher von einem „Familiendrama“ oder einer „Familientragödie“ die Rede. Ob diese Ausdrücke den Grausamkeiten, die sie beschreiben, gerecht werden, ist umstritten. Immerhin geht es in diesen Fällen nicht um Theaterstücke, sondern um ungeheuerliche Verbrechen an echten Menschen. In den letzten Jahren werden die Begriffe weniger oft verwendet. Mit dem zunehmenden Interesse an True Crime scheint auch die Sensibilität hinsichtlich des sprachlichen Umgangs zuzunehmen.
Egal, wie man es dreht und wendet: Chris Watts wird immer der Mann bleiben, der seine Familie ausgelöscht hat. Laut dem Urteil der Staatsanwaltschaft aus purem Eigennutz, um einen freien Weg in ein neues Leben zu haben. Dieses neue Leben wird Chris Watts niemals haben. Stattdessen wird er den Rest seiner Zeit im Gefängnis verbringen.
Outro
Shanann wurde gemeinsam mit ihren Töchtern in ihrer Heimat in North Carolina beerdigt. Auf ihrem Grabstein steht nicht der Nachname Watts, sondern ihr Mädchenname Rzucek. Bis heute werden an dem Grab von Shanann, Bella, Celeste und Nico regelmäßig Blumen, Stofftiere und Kerzen hinterlassen.
Nach wie vor ist der Fall in den Medien präsent. Neben zahlreichen Dokumentationen und TV-Shows spielt er insbesondere in True-Crime-Foren eine große Rolle. Immer wieder gibt es neue Theorien zu dem Fall. Etwa, ob Nichol Kessinger wirklich in die Morde involviert sein könnte, oder ob Chris den Familizid von langer Hand geplant hat. All das werden wir vermutlich nicht mehr erfahren. Es bleibt nur, an Shanann und ihre Kinder zu erinnern. Shananns Eltern werden den Mord an ihrer Tochter und ihren Enkelinnen vermutlich nie ganz verarbeiten können. In einem Interview erzählt Shananns Mutter Sandy, ihre ermordete Tochter sei ihr am Tag nach den Leichenfunden im Traum erschienen.
Sandy Rzucek: „In dieser Nacht lag ich im Bett und spürte einfach eine Präsenz. Und ich hörte meine Tochter. Und ich spürte sie. Und ich hörte sie sagen: 'Ich liebe dich, Mama, und es tut mir leid.' Sie sagte mir, dass sie im Frieden sei. Schließlich schlief ich mit meiner Tochter in meiner Gegenwart ein. Und sie schlief bei mir. Ich spürte sie einfach.“
Wenn ihr mögt, teilt gern eure Gedanken zu diesem Fall in den Kommentaren. Da dieses Verbrechen in der True-Crime-Sparte mittlerweile sehr bekannt ist, bin ich sicher, dass viele von euch eine Meinung dazu haben werden. Ganz nebenbei könnt ihr mich mit einem Kommentar ganz einfach unterstützen. Auch ein Like hilft dem Channel weiter. Gerade bei sehr langen Videos wie diesem freue ich mich besonders über eure Wertschätzung. Und solltet ihr es noch nicht getan haben, würde ich mich natürlich sehr darüber freuen, wenn ihr Insolito abonniert und beim nächsten Mal wieder zuschaut. Vielen Dank für euren Support und bis bald.
Quellen
- Despite Plea, Chris Watts' Mom Doesn't Believe He Killed His Kids: 'He Couldn't Have Done That' People
- Video ab 3:20 einblenden YouTube
- Video ab 1:35 einblenden YouTube
- 'I Won’t Lose You Without A Fight': Draft Letters Reveal Shanann Watts' Heartbreak And Resolve Oxygen, 2020
- Shanann Watts’ Text Messages About Husband Chris Watts Heavy, 2020
- Tonspur ab 4:00 einblenden YouTube
- ‘Big things will happen this year’: SEE Chris Watts love notes, birthday card to girlfriend Nichol Kessinger crimeonline.com, 2018
- Chris Watts is still in touch with his mistress from inside prison Daily Mail, 2021
- Killer Chris Watts Makes More Shocking Confessions to Penpal YouTube, 2021
- Chris Watts claimed NICHOL KESSINGER murdered his daughters and dug Shanann's grave, says inmate MEAWW
- Chris Watts’ Girlfriend, Nichol Kessinger, Disappeared After He Was Charged With Murder Yahoo, 2020
- From a happy pregnancy announcement to a shallow grave: The full timeline of the Chris Watts murder case Insider
- Christopher Watts confession update details how he met mistress, Nichol Kessinger; what caused him to drift apart from Shanann craigdailypress.com, 2019
- Gewalt ist mehr als ein Familiendrama pinkstinks.de, 2021
- What Drives a Man to Kill His Own Family? Inside the Psychology of Family Annihilators Rolling Stone, 2019
- Wie die Begriffe Familiendrama und Beziehungstat verharmlosen Frankfurter Allgemeine, 2018
- 'I’m a straightforward guy': Emails that Chris Watts sent his mistress show that their affair was built on lies MEAWW
- Coffin Birth Encyclopedia.com
- Shanann Watts' family says Bella and Celeste were sealed in coffins Daily Mail, 2019
- What Chris Watts' Life In Prison Is Really Like YouTube, 2022
- Chris Watts' wife had been planning a romantic getaway before murder Daily Mail
