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Phoenix, Arizona, 2001

Alissa Turney

Eine 17-Jährige verschwindet am letzten Schultag vor den Sommerferien in Phoenix

Lesezeit etwa 27 Minuten

Worum es geht

Am letzten Schultag vor den Sommerferien 2001 verschwindet die 17-jährige Alissa Turney aus dem Haus ihrer Familie in Phoenix, Arizona. Ein Zettel deutet auf einen Aufbruch nach Kalifornien hin, die Polizei geht von einer Ausreißerin aus und unternimmt zunächst nichts. Erst ein falsches Mordgeständnis eines verurteilten Mannes lenkt 2006 den Blick erneut auf den Fall, und die Ermittler stoßen bei Freunden und Angehörigen auf Ungereimtheiten. Alissas jüngere Schwester Sarah recherchiert schließlich selbst und macht den Fall in den sozialen Medien bekannt.

Innenstadt von Phoenix, Arizona, aus der Luft
Innenstadt von Phoenix, Arizona, aus der Luft. Foto: DPPed, CC BY-SA 3.0, über Wikimedia Commons.

Intro

Sarah Turney wird den 17. Mai 2001 vermutlich niemals vergessen. Sie ist damals zwölf Jahre alt, ihre große Schwester Alissa 17. Für die beiden Mädchen ist es der letzte Tag vor den großen Sommerferien. In Phoenix im US-Bundesstaat Arizona ist es bereits brütend heiß und die Schüler der Paradise Valley High School können den Startschuss für einige Wochen unterrichtsfreie Zeit kaum erwarten.

Für die ältere der beiden Schwestern ist es gleichzeitig der letzte Tag als „Junior“-Schülerin. Alissa freut sich sehr auf den bevorstehenden Sommer und möchte diesen am Abend direkt bei einer Abschluss-Party einläuten. Ihre kleine Schwester Sarah verbringt den Tag mit ihrer Klasse im Rahmen eines Ausfluges in einem Wasserpark.

Sarah kann nicht ahnen, dass sich das Leben der Familie Turney nach diesem Tag für immer ändern wird, denn als Sarah nach Hause kommt, ist Alissa Turney nicht zuhause – und wird auch nie wieder zurückkehren.

Der 17. Mai 2001

Die 17 Jahre alte Alissa und die zwölfjährige Sarah sind Halbschwestern. Sie leben mit Sarahs Vater, Michael Turney, gemeinsam in einem Haus in Phoenix. Die Mutter der beiden Mädchen verstarb an den Folgen einer Krebserkrankung, als Alissa gerade einmal acht Jahre alt war. Michael, der Freund ihrer Mutter und Vater von Sarah, adoptierte Alissa daraufhin und kümmerte sich seither um die beiden Mädchen. Michael hat auch drei ältere Söhne, die allerdings alle nicht mehr zuhause leben.

Trotz der Schicksalsschläge im jungen Alter kommen Alissa und Sarah gut zurecht. Alissa schreibt gute Noten, hat einen großen Freundeskreis und seit einigen Monaten einen festen Freund. Sie liebt Musik, vor allem Rap und Metal, und schwärmt für die Musik von Interpreten wie System Of A Down, Tool oder Eminem. Sie weiß noch nicht, was sie einmal beruflich machen möchte, doch in jedem Fall will sie einmal Mutter werden. Die Teenagerin scheint fest im Leben zu stehen und hat große Träume. Umso größer ist der Schock für die Familie, als Alissa Turney am 17. Mai 2001 von einem Tag auf den anderen spurlos verschwindet.

Da der 17. Mai der letzte Schultag vor den Ferien ist, liegen ein paar eher entspannte Stunden vor den Schülern, der Unterricht wird nur einen halben Tag lang stattfinden. Um 7:30 Uhr setzt Michael Turney Alissa an der Highschool ab. Danach bringt Michael Sarah zu ihrer Schule und von dort aus geht es für die Klasse der 12-Jährigen an diesem Tag zum Ausflug in den Wasserpark.

Gegen 11 Uhr wird Alissa von ihrem Vater aus der Schule abgeholt. Auf dem Weg zum Parkplatz verabschiedet sie sich noch kurz von ihrem Freund. Sie verabschiedet sich auch von ihrer Freundin Jessica und versichert ihr, dass sie sich später am Abend auf der Abschlussparty sehen werden.

Danach gehen Michael und seine Adoptivtochter zur Feier des Tages gemeinsam mittagessen. Doch währenddessen gab es zwischen den beiden einen Streit. Die siebzehnjährige Alissa fühlt sich zunehmend eingeengt von ihrem Adoptivvater und wünscht sich mehr Freiheiten. Als die beiden wieder zuhause ankommen, ist die Stimmung noch immer angespannt. Um etwa 13 Uhr verlässt Michael das Haus, um Einkäufe zu erledigen und Sarah danach von ihrem Ausflug abzuholen.

Doch als Sarah und Michael nach Hause kommen, ist Alissa nicht mehr da.

Ihr Zimmer, das Alissa sonst stets sorgfältig aufräumt und ordentlich hält, sieht chaotisch aus. Sarah und Michael versuchen, Alissa auf ihrem Handy zu erreichen, doch als sie anrufen, vibriert das Telefon in Alissas Zimmer. Es liegt auf einer Kommode, daneben ein handgeschriebener Zettel:

„Dad + Sarah, Als du mich heute an der Schule abgesetzt hast, habe ich beschlossen, dass ich wirklich nach Kalifornien gehe. Sarah, du hast gesagt, du willst mich nicht in der Nähe haben. Schau, da hast du es, ich bin weg. Deshalb habe ich mein Geld gespart. Dad, ich habe 300 Dollar von dir genommen. Alissa“

Die beiden Schwestern haben eine Tante in Kalifornien, erst kurz zuvor hatten sie darüber gesprochen, sie zu besuchen. Außerdem ist Kalifornien für viele Jugendliche in Arizona ein Sehnsuchtsort, Alissa soll oft davon geträumt haben, dorthin zu reisen. Am liebsten in einem weißen Jeep, wie ihn auch die Protagonistin Cher in ihrem Lieblingsfilm „Clueless“ fährt. Zum Zeitpunkt ihres Verschwindens hatte Alissa 1.800 US-Dollar auf ihrem Konto, das Geld hat sie bei ihrem Aushilfsjob in einem Fastfood-Restaurant verdient.

Die Familie kontaktiert die in Kalifornien lebende Tante, doch Alissa ist nicht bei ihr aufgetaucht. Michael Turney ist in heller Alarmbereitschaft, er klingelt bei den Nachbarn und fragt, ob jemand Alissa gesehen hat, doch niemandem ist etwas aufgefallen. Auch ihre Freunde haben nichts von ihr gehört – die Suche an Alissas Lieblingsorten in Phoenix verläuft ebenfalls erfolglos. Michael entscheidet sich dazu, die 17-Jährige als vermisst zu melden. Doch die Polizei bleibt relativ gelassen. Sollte Alissa sich wirklich, wie auf ihrer Notiz angekündigt, dazu entschieden haben, nach Kalifornien auszureißen, werde sie früher oder später zurückkehren. Aus diesem Grund leitet die Polizei zunächst keine Ermittlungsschritte ein.

Ungefähr eine Woche nach Alissas Verschwinden erhält Michael Turney endlich ein heiß ersehntes Lebenszeichen seiner Stieftochter. Er bekommt einen Anruf von einer unbekannten Nummer aus Kalifornien. Später findet man heraus, dass die Nummer zu einer Telefonzelle gehörte. Die Verbindung ist sehr schlecht, doch er kann Alissas Stimme erkennen. Sie sagt zu ihm: „Lass mich in Ruhe.“ Dann legt sie auf.

Da die Polizei noch immer kaum etwas unternimmt, um Alissa zu finden, nehmen die Turneys die Sache selbst in die Hand. Michael druckt und verteilt Flugblätter und arbeitet mit Organisationen zusammen, die sich um die Angehörigen vermisster Kinder kümmern, immer wieder versucht er die Behörden dazu zu überreden, Ermittlungen aufzunehmen. Doch Alissa wird verschwunden bleiben. Mehrmals fliegt Michael Turney nach Kalifornien, um dort auf eigene Faust nach seiner Adoptivtochter zu suchen, doch diese Aufenthalte verlaufen jedes Mal ernüchternd. Alissa Turney scheint wie vom Erdboden verschluckt.

Zunächst wundern sich Alissas Angehörige und Freunde nicht sonderlich darüber, dass die 17-Jährige Phoenix verlassen hat. Denn in den letzten Monaten war die Stimmung im Hause Turney nicht immer gut. Alissa, die auf dem Weg ist, erwachsen zu werden, empfand ihren Adoptivvater Michael als viel zu streng und fühlte sich von ihm eingeengt. Es erscheint ihnen sogar irgendwie plausibel, dass Alissa die Sommerferien für ein wenig Freiheit nutzen wollte. Doch die Ferien vergehen, und die Schülerin bleibt verschwunden. Weder ihre kleine Schwester Sarah noch ihr Vater Michael, ihr Freund oder ihre Freunde aus der Schule bekommen ein Lebenszeichen von ihr. Als Alissa monatelang verschwunden ist, schwindet die Hoffnung, dass sie einfach nur den Kopf frei bekommen wollte, immer mehr. Weshalb sollte Alissa freiwillig so lange verschwinden?

Doch die Polizei bleibt bei ihrer These, dass Alissa eine klassische Ausreißerin sei. Der Vermisstenfall Alissa Turney wird langsam, aber sicher zu einem Cold Case. Denn trotz der Bemühungen der Familie Turney schöpft die Polizei ihre Ermittlungsmöglichkeiten noch immer nicht aus. Bis sich Jahre später das Blatt wendet.

Das Geständnis

2006, fünf Jahre nach Alissa Turneys Verschwinden, gibt es etwas, das den Fall der angeblichen Ausreißerin Alissa auf den Kopf stellt: ein Mordgeständnis.

Bereits 2001 wurde Thomas Hymer nur wenige Monate nach Alissa Turneys Verschwinden verhaftet. Er wurde dabei beobachtet, wie er in einem Auto unterwegs war, welches zu einer kurz zuvor ermordeten Frau gehörte. Die Frau namens Sandra Goodman wurde in Fort Lauderdale in Florida erdrosselt und mit Stichverletzungen aufgefunden. Sie hatte Thomas Hymer wenige Wochen vor ihrer Ermordung kennengelernt – weshalb er Sandra ermordet hatte, hat er nie verraten. 2003 wurde er wegen des Mordes an der Frau zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

2006 beginnt er, Briefe an Lokalermittler zu schreiben. Darin sagt er: „Ich werde Sie berühmt machen. Ich bin ein Serienkiller.“ Thomas Hymer behauptet, insgesamt 21 junge Frauen ermordet zu haben. Die Polizei legt Hymer daraufhin Fotos mehrerer vermisst gemeldeter Mädchen und Frauen vor. Dabei zeigt er auf das Bild von Alissa Turney. Er sagt, er habe sie im Mai 2001 in Phoenix getroffen und sie dort ermordet.

In einer weiteren Vernehmung beschreibt er, er habe Alissa in einem Hotel getroffen. Zuerst hätten die beiden Sex miteinander gehabt, dann habe er Alissa erdrosselt, genau so, wie er es bei Sandra Goodman getan hatte. Dann habe er ihren Körper in die Badewanne des Hotelzimmers gelegt und darin zerteilt. Die Überreste Alissas habe er zu einer Mülldeponie gebracht. Er beschreibt all diese Vorgänge explizit und detailliert.

Erstmals seit ihrem Verschwinden beschäftigen sich die Beamten nun ganz genau mit Alissa Turney. Sie wollen überprüfen, ob Hymers Äußerungen zu Alissa passen, um den Wahrheitsgehalt seines Geständnisses zu ermitteln.

So hat Thomas Hymer behauptet, Alissa sei heroinsüchtig gewesen – das hören die Beamten zum allerersten Mal, obwohl eine Heroinsucht etwas sei, das kaum vor dem nahen Umfeld zu verstecken wäre. Weiter erzählt Hymer von ungewöhnlichen sexuellen Merkmalen, die Alissa gehabt haben soll – nach Rücksprache mit ihrem damaligen Freund passen auch diese Angaben nicht zu der Vermissten. Als die Ermittler Hymer ein weiteres Mal befragen, rudert er zurück – er habe zwar ein zweites Mädchen ermordet, er sei sich aber nicht mehr sicher, ob es wirklich Alissa gewesen sei.

Die Beamten gehen nunmehr davon aus, Thomas Hymer habe Alissa Turneys Foto in Zeitungsberichten gesehen und ihren Vermisstenfall nutzen wollen, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Das Geständnis von Hymer erweist sich als eine Lüge. Doch Alissas Fall liegt nun wieder auf dem Schreibtisch der Behörden, und erstmals haben die Polizisten ein klares Bild der vermissten Schülerin – das absolut nicht zu der Theorie passt, sie sei Hals über Kopf weggelaufen, um ein neues Leben in einem anderen Bundesstaat zu beginnen. Stattdessen stoßen die Beamten während der Befragungen von Freunden von Alissa auf immer mehr Merkwürdigkeiten.

2008 wird der Fall Alissa Turney noch einmal aufgerollt, allerdings nicht länger als Vermisstenfall. Nunmehr gehen die Ermittler davon aus, dass jemand der damals 17 Jahre alten Schülerin etwas angetan haben muss. Ein Grund für diese Annahme sind auch die von Freunden getätigten Aussagen – Könnte es sein, dass der Schlüssel zu Alissas Verschwinden die ganze Zeit zum Greifen nah war?

Ein liebender Vater?

Die Hoffnung, Alissa sei wirklich von zuhause weggelaufen und würde irgendwann wieder auftauchen, schwindet von Jahr zu Jahr. Das Verhältnis zwischen ihrem Adoptivvater Michael Turney und den Beamten ist mittlerweile sehr angespannt. Während er zunächst sehr erzürnt über die mangelnde Handlungsbereitschaft der Polizei war, zeigte er sich an anderen Stellen sehr unkooperativ. Stattdessen hat die Polizei seit 2008 vornehmlich mit Sarah Turney Kontakt. Alissas kleine Schwester ist inzwischen zwei Jahre älter als die Schülerin zum Zeitpunkt ihres Verschwindens, und damit eine erwachsene Frau. Auch zu Michaels anderen Kindern nehmen die Ermittler Kontakt auf. Zum ersten Mal finden im Vermisstenfall Alissa Turney ausführliche Befragungen statt.

Erst wenige Wochen vor ihrem Verschwinden hatte Alissa mit einem von Michaels Söhnen, James, gesprochen. Wie auch seine beiden Brüder lebte James nicht mit Alissa und Sarah zusammen, da er Ende der 1990er-Jahre bereits erwachsen war. Im Gespräch habe Alissa zu ihm gesagt, sie habe Angst vor Michael und wolle das Haus der Familie verlassen.

Alissas Bruder: „Ich habe ihr gesagt, sie könnte zu mir kommen und bei mir wohnen. Als ich herausgefunden habe, dass sie vermisst wird, dachte ich zu 100%, sie sei abgehauen. Sie ist von ihm abgehauen, genau das wollte sie. Aber sie ist nie zu mir gekommen. Oder zum Haus ihrer Tante in Kalifornien. Sie hatte so viele Optionen und Orte, an die sie hätte gehen können. Aber sie hat sich einfach in Luft aufgelöst.“

Alissas Familie beschleicht ein immer schlechteres Gefühl. Nicht nur hatte die 17-Jährige ihr Nokia-Handy hinterlassen, das sie eigentlich immer bei sich getragen hat, sondern auch ihre Schminke sowie ihr Geld. Sogar ihr Konto, auf dem immerhin 1.800 US-Dollar liegen, rührt sie kein einziges Mal an – obwohl es in ihrem Abschiedsbrief sogar heißt, sie habe das Geld extra gespart, um nach Kalifornien zu reisen.

Die Ermittler bekommen nun erstmals einen Eindruck davon, was im Haus der Turneys hinter verschlossenen Türen vor sich gegangen sein muss. Michaels Kinder erzählen von einem groß angelegten Videoüberwachungssystem, das er im Haus installiert haben soll. Auch die Telefonanlage habe er abgehört und alle Gespräche aufgezeichnet. Als die Beamten das erfahren, interessiert sie natürlich vor allem das Telefonat zwischen Alissa und Michael, das eine Woche nach ihrem Verschwinden aus einer kalifornischen Telefonzelle heraus stattgefunden haben soll. Doch Michael sagt, an diesem Tag sei die Aufnahme deaktiviert gewesen.

Jedoch versorgt er die Beamten mit Videomaterial aus dem Haus. Darauf ist Alissa mit männlichem Besuch zu sehen. Michael schlägt vor, die Polizei solle die auf dem Video erfassten Männer, darunter Freunde, die Alissa auf der Arbeit kennengelernt hatte, sowie ihr fester Freund, unter die Lupe nehmen. Die Beamten interessieren sich aber viel mehr dafür, warum Michael Turney seine Stieftochter Alissa per Video überwacht hat.

Interviewer: Sie sind ihr überallhin gefolgt. Sie haben die Eltern ihrer neuen Freunde befragt. Haben Sie das Gefühl, dass das weit über das hinausging, was andere Eltern tun würden?

Michael: Oh, das hängt davon ab, mit wem Sie sprechen. Wenn es verhindert, dass meiner Tochter etwas zustößt – Ja, ich denke nicht, dass es zu dieser Zeit weit darüber hinausging. Ich schaue darauf zurück, weil sie als Folge davon weggelaufen ist. Ja, natürlich fühle ich mich schlecht deswegen.

Laut Michael habe es sich um reine Vorsichtsmaßnahmen gehandelt, um seine jugendliche Tochter zu schützen. Die Überwachung des Telefonanschlusses habe er gebraucht, um Beschwerden und Klagen gegen lokale Unternehmen sowie gegen eine örtliche Gewerkschaft zu untermauern. Von dieser Gewerkschaft werden wir im späteren Verlauf des Videos noch einmal hören. Nach Alissas Verschwinden übergibt er Sarah sogar die volle Kontrolle über das Heimüberwachungssystem und nimmt einige der Kameras ab. Michael sagt, er habe die Kameras nur gehabt, um auf Alissa „aufpassen“ zu können.

Die Aussagen von Freunden von Alissa lassen diese Umstände ganz anders wirken. Entgegen dem Bild des besorgten Vaters, der alles tut, um seine Tochter nach Hause zu holen, das Michael von sich gern zeichnet, porträtiert Alissas Umfeld ihn ganz anders.

Katie, eine Schulfreundin von Alissa, sagt: „Wenn Alissa mit ihren Freunden zusammen war, war sie ein ganz anderer Mensch als wenn sie mit ihrer Familie zusammen war. Sie strahlte einfach, wenn sie mit Freunden unterwegs war, und es scheint so, als ob diese Energie, die sie hatte, irgendwie ausgesogen wurde, wenn sie nach Hause ging.“

Ihr damaliger Freund äußert während einer Befragung durch die Polizei sogar konkrete Anschuldigungen gegen Michael Turney. Alissa habe ihm anvertraut, Michael habe versucht, sie sexuell zu missbrauchen, als sie ein Kind gewesen sei. „[Er] hielt in einem unbewohnten Gebiet an – irgendwo in der Wüste, er fing an, mit ihr zu kämpfen, es wurde aggressiv.“

Eine andere Freundin kann sich daran erinnern, wie Alissa ihr einmal erzählte, ihr Vater habe sie mit einem Kleidungsstück gewürgt. Ein anderes Mal sei Alissa mitten in der Nacht aufgewacht und habe sich an einem Stuhl gefesselt mit einem Stoffstück im Mund wiedergefunden, Michael habe sich auf sie gesetzt.

Ein Neffe von Turney – ein Mann namens David, der in den späten 1990er Jahren etwa sechs Monate lang mit Michael, Sarah und Alissa zusammenlebte – behauptete, dass, als er versuchte, eine selbstgemachte VHS-Kassette mit der Aufschrift „Doctor Dolittle“ anzuschauen, auf seltsame Aufnahmen stieß. Das Band war mit Aufnahmen einer jungen Frau überspielt, die nur mit Shorts bekleidet auf dem Sofa der Turneys lag, ihr Gesicht sei mit einer Zeitung bedeckt gewesen. Er war sich sicher, dass es Alissa war. In einem anderen Video sei eine andere Frau zu sehen gewesen, deren Gesicht ebenfalls mit einer Zeitung bedeckt war. Auf den Aufnahmen habe Turney schweigend im Zimmer gesessen und die Frauen beobachtet. David packte sofort seine Sachen und zog aus.

Zeugin: Sie hat mehrere Male Bemerkungen darüber gemacht, Angst vor ihm zu haben. Sie hatte das Gefühl, er wolle sie umbringen.

Sarah Turney erinnert sich, ihr Vater habe oft das Zimmer von Alissa durchsucht. Die ältere Schwester habe gelegentlich Marihuana geraucht, was Michael sehr missfiel, aus diesem Grund habe er ihre Habseligkeiten regelmäßig kontrolliert. Auch habe er seine Tochter nicht nur zuhause gefilmt und beobachtet, auch während ihrer Schichten bei ihrem Aushilfsjob in einem lokalen Restaurant habe er auf dem Parkplatz gestanden und sie durch die Fenster beobachtet.

Am 11. Dezember 2008 erhält Sarah einen Anruf der lokalen Polizei, die sie bittet, aufs Revier zu kommen. Dort eröffnen die Beamten ihr, dass sie einen Durchsuchungsbeschluss für das Haus der Turneys haben – weil sie vermuten, dass Michael Turney selbst seine Tochter ermordet habe. Die Durchsuchung des Hauses findet noch am selben Tag statt.

Von Alissa finden die Beamten während der Durchsuchung keine Spur – Stattdessen stoßen sie auf etwas, mit dem niemand gerechnet hätte.

„Tagebuch eines verrückten Märtyrers“

Im Haus der Turneys finden die Polizisten zahlreiche Videotapes, einige sind bis in die 1980er-Jahre datiert. Es ist Videomaterial aus dem Haus, gefilmt aus der Perspektive einer Überwachungskamera, sowie Videoaufnahmen von Alissa, draußen beim Spazierengehen, im Garten oder im Swimmingpool. Das aufwändig ausgebaute Überwachungssystem des Hauses erfasst die Eingangstür, die Garage und den Durchgangsbereich. Doch im Archiv von Michael Turney fehlen die Videoaufnahmen eines bestimmten Tages: die des 17. Mai 2001, des Tages, an dem Alissa verschwand.

Die Polizisten finden während der Durchsuchung auch 19 Hochkaliber-Gewehre, zwei selbstgebaute Schalldämpfer, einen mit Gasolintanks gefüllten Van sowie 26 selbstgebaute Rohrbomben, die mit Schießpulver und Nägeln gefüllt sind. Dieses Konvolut ist die größte jemals sichergestellte Menge an explosiven Materialien in der Geschichte des Bundesstaats Arizona. Sichergestellt im Haus von Michael Turney, der mehr und mehr in den Verdacht gerät, etwas mit dem Verschwinden seiner Tochter Alissa Turney zu tun zu haben.

Die Häuser der Nachbarn werden umgehend evakuiert, sogar das Bombenkommando muss anrücken, um die Sprengsätze sicherzustellen.

Weiter wird ein 98 Seiten langes Manifest sichergestellt, das von Michael Turney selbst verfasst wurde. Es ist mit „Tagebuch eines verrückten Märtyrers“ betitelt. In diesem Manifest beschuldigt Michael Turney, der in den 1980er-Jahren als Elektriker tätig gewesen ist, die Gewerkschaft International Brotherhood of Electrical Workers, Alissa Turney entführt und ermordet zu haben. Auch heißt es in dem Dokument, Michael Turney wolle als Racheakt das Gewerkschaftshaus in die Luft sprengen und sich danach selbst umbringen.

Später erinnert sich Sarah Turney, dass ihr Vater sich kurz nach dem Ende seiner Berufslaufbahn als Elektriker sehr stark verändert habe. Nach einem Arbeitsunfall konnte er dem Job nicht mehr nachgehen, was ihn so stark belastete, dass er sich in psychiatrische Behandlung begeben musste.

Daneben findet die Polizei merkwürdige Verträge zwischen Vater und Tochter, die offenbar von Michael verfasst und von Alissa unterschrieben wurden. In den Verträgen geht es vorrangig darum, wie Alissa sich zu verhalten und welche Aufgaben sie als Tochter zu erfüllen habe. Laut Sarah habe es in einem weiteren Vertrag geheißen, dass Alissa bestätigen würde, Michael habe sie niemals missbraucht oder belästigt. Der Vertrag wurde von der Schülerin ein Jahr vor ihrem Verschwinden unterzeichnet.

Interviewer: Die Polizei sagt, Sie wollten eine Bombe im örtlichen Gewerkschaftshaus legen.

Michael: Natürlich sagten sie das. Weil sie nicht verstehen, dass man das Gebäude nicht mit einer Bombe zerstören kann, man kann es nicht niederbrennen mit -

Interviewer: Das wollten Sie nicht tun?

Michael: Was?

Interviewer: Das wollten Sie nicht tun?

Michael: Nicht im Geringsten. Warum? Sollte ich einen Haufen unschuldiger Menschen ermorden? Das klingt wahnsinnig.

Interviewer: Mister Turney, Sie sagen, die Regierung habe es auf Sie abgesehen, die Gewerkschaft habe es auf Sie abgesehen, die Polizei von Phoenix habe es auf Sie abgesehen, Sie – das klingt so, als ob Sie glauben, die Welt habe es auf Sie abgesehen, und das klingt ein wenig wahnhaft.

Michael: Nun, das ist, was sie ermittelt haben. Ich habe gerade mit der forensischen Psychologin der Regierung gesprochen, sie sagte, ich hätte eine paranoide Persönlichkeit. Aber sie hat nicht gesagt, dass ich Wahnvorstellungen habe.

Sollte Michael Turney wirklich einen Anschlag auf das Gewerkschaftshaus geplant haben, so hat die Polizei diesen gerade rechtzeitig vereiteln können. Nur wenige Tage nach der Hausdurchsuchung hätte dort die nächste Gewerkschaftsversammlung stattgefunden. Michael Turney wird nach der Entdeckung der Sprengsätze umgehend festgenommen. Als er in Polizeigewahrsam kommt, trägt er zwei Schusswaffen, sieben geladene Magazine, ein Messer und ein Aufnahmegerät bei sich. Er behauptet, die Polizei habe die Bomben in seinem Haus platziert, um ihn negativ darzustellen. Tatsächlich habe er aber, wie im Manifest niedergeschrieben, geplant, sich das Leben zu nehmen – um neue Aufmerksamkeit auf den Vermisstenfall Alissa Turney zu lenken.

Er soll eine zehnjährige Haftstrafe antreten – von einer möglichen Beteiligung an einem Verbrechen gegen Alissa Turney ist in dem Urteil keine Rede. Als er auf sein Manifest angesprochen wird, erklärt er, er sei früher selbst Mitglied bei der Gewerkschaft der Elektriker gewesen.

Da er sich fortlaufend über Arbeitsbedingungen und beschwert habe, habe die Gewerkschaft einen Hass auf ihn entwickelt und deshalb seine Tochter entführt und ermordet. Abgesehen von Michael Turneys Anschuldigungen finden die Ermittler jedoch keinerlei Anhaltspunkte für diese These.

Interviewer: Wären Sie nicht in der Lage, Ihre Stieftochter zu töten?

Michael: Ich habe meine Stieftochter nicht getötet. Ich wäre nicht in der Lage, meine Stieftochter zu töten.

Für Sarah Turney, die zum Zeitpunkt des Verschwindens ihrer älteren Schwester gerade einmal zwölf Jahre alt gewesen war, sind die neuen Vorwürfe gegen ihren Vater ein schwerer Schock. Denn sie hat ihren Vater stets als liebevolle, vertrauenswürdige Person wahrgenommen, die keiner Fliege etwas zuleide tun könnte.

Sarah Turney: „Und dennoch, nennt es Dummheit oder nennt es Loyalität zu meinem Vater, aber ich hatte keinen Verdacht, selbst nachdem die Polizei mir sagte, dass er es war. Ich hörte die Anschuldigungen, sah die Beweise und die Verhöre und brauchte trotzdem einige Zeit, um zu verstehen, was wirklich passiert war. Er hat mich nie geschlagen. Er hat mich nie missbraucht. Er hat mir buchstäblich alles gegeben, was ich wollte. Als sie mir sagten, dass sie eine Hausdurchsuchung machen würden, war mein erster Gedanke: 'Ich muss nach Hause und ihm helfen.'“

Die Erkenntnis

Wegen des unerlaubten Besitzes der zahlreichen Sprengkörper beginnt ein Prozess gegen Michael Turney, in dem er sich 2010 schuldig bekennt und dementsprechend verurteilt wird. Während Michael seine Haftstrafe verbüßt, ändern sich Sarahs Eindrücke von ihrem Vater. Erst jetzt erfährt sie zum Beispiel, dass Michael damals ausgesagt hatte, er habe sie von der Schule abgeholt und habe mit Sarah gemeinsam Alissas leeres Zimmer vorgefunden. Das stimmt nur teilweise: Denn Michael holte Sarah an diesem Tag nicht von der Schule ab. Nach einiger Zeit vergeblichen Wartens ging sie nach dem Schulausflug mit zu einer Freundin, von der Michael sie erst gegen 17 Uhr abholte.

Theoretisch hätte Michael also von 11 Uhr am Vormittag bis zum frühen Abend des 17. Mai 2001 Zeit gehabt, um Alissa etwas anzutun oder sie verschwinden zu lassen. Sarah Turney studiert die mehr als 3.000 Seiten umfassenden Polizeiakten, sieht die Beweise durch und beginnt selbst in ihrer eigenen Kindheit nachzuforschen. Je mehr sie sich mit dem Vermisstenfall ihrer Schwester aus einer sachlichen, nun erwachsenen Perspektive beschäftigt, desto mehr werden ihr die Augen geöffnet. Michael scheint jedem Angehörigen eine andere Version des Tages geschildert zu haben – also dem Tag, an dem Alissa verschwand. Teilweise erzählte er sogar denselben Personen verschiedene Versionen.

Mal erzählt er die Version, die er auch Sarah und der Polizei erzählt hat: Alissa und er hätten sich beim Mittagessen gestritten, er sei einkaufen gefahren und habe ihr Zimmer gemeinsam mit Sarah leer vorgefunden. Jemand anderem berichtet er, Alissa sei an diesem Tag noch zur Arbeit gegangen und habe sich dort mit einem zwielichtigen Mann getroffen, mit dem sie durchgebrannt sei. Dann ändert er seine Geschichte erneut und sagt, Alissa sei am Nachmittag ins Kino gegangen und danach nicht mehr zurückgekommen. Insgesamt erzählt er, laut Sarahs Nachforschungen, 30 Personen dreizehn verschiedene Varianten von Alissas Verschwinden.

Schon die Vermisstenmeldung, die Michael Turney im Mai 2001 aufgegeben hat, erscheint Sarah merkwürdig. Während Michael ihr gegenüber sehr besorgt war und sofort begonnen hatte, bei Nachbarn und Freunden nach der 17-Jährigen zu fragen, hat er sich der Polizei gegenüber ganz anders verhalten. In der Akte steht, Michael sei sicher, dass Alissa nach Kalifornien abgehauen sei und dass sie ein Drogenproblem habe.

Und: Michael gibt bei der Polizei nie eine Vermisstenanzeige auf. Denn in Arizona gibt es einen Unterschied zwischen einer Vermisstenmeldung und der Meldung einer Jugendlichen als Ausreißerin. Und laut den Regelungen sind bei letzterem Fall nicht die Behörden dafür zuständig, das Kind zu finden, sondern die Eltern. Die Behörden wären schon damals aktiv geworden, hätte Michael für seine Tochter eine richtige Vermisstenanzeige aufgegeben. Doch das hat er nie getan. Dieser Unterschied muss Michael eigentlich auch klar gewesen sein, denn Ende der 1970er-Jahre hatte er selbst eine Zeitlang in der Strafverfolgung gearbeitet.

Trotz der Fragwürdigkeit dieses Regelwerks wird dadurch auch klar, warum die Polizei damals nichts unternommen hat, um die 17-Jährige zu finden: Es war im rechtlichen Sinne nicht ihre Aufgabe. Erst durch die Befragungen von Freunden und Angehörigen im Rahmen des falschen Geständnisses von Thomas Hymer können die Ermittler sich überhaupt mit dem Fall beschäftigen und weitere Ungereimtheiten in Michael Turneys Angaben finden.

Am Tag von Alissas Verschwinden telefoniert Alissas Vater mehrmals mit unbekannten Nummern. Da seine Telefonverbindungen so spät ausgewertet wurden, lässt sich nicht mehr zurückverfolgen, wem diese Nummern gehören. Ein Anruf um 8:35 Uhr am Morgen dauert eine Minute. Um 9:56 ist ein eingehender Anruf auf Michaels Handy registriert, ebenfalls von einer unbekannten Nummer. Dieses Gespräch dauerte neun Minuten. Direkt nach diesem Anruf hat Michael Alissa auf ihrem Handy angerufen, worum es in dem knapp eine Minute langen Gespräch geht, ist nicht bekannt. Ein weiteres einminütiges Telefonat zwischen Michael und Alissa folgt eine Minute später.

Kurz darauf holte Michael Alissa von der Schule ab. Obwohl an diesem Tag nur halbtags Unterricht war, holte er sie etwas früher als geplant ab. Das fällt Sarah Turney nun zum ersten Mal auf. Als sie ihren Vater nach den Gründen fragt, behauptet dieser, Alissa habe sich von ihrem Freund getrennt und habe mit ihm darüber reden wollen. Doch laut den Aussagen von ihrem Freund und einer Freundin soll Alissa sich extra noch einmal von ihm verabschiedet haben. Michaels Aussagen passen absolut nicht zu denen der anderen Zeugen.

Zwei weitere Anrufe von Michael an unbekannte Nummern folgen zwischen 15:31 und 15:57 Uhr, die jeweils eine Minute dauern. Im Laufe des Abends folgen noch weitere Telefonate mit unbekannten Nummern. All diese Telefongespräche kann er nicht erklären. Auf Sarahs Nachfrage kann er sich nicht einmal mehr daran erinnern, in welchem Restaurant die beiden angeblich gemeinsam essen waren. Mit Sarahs aufkeimenden Fragen wird das Verhältnis der beiden immer schlechter, insbesondere auch deshalb, weil Michael sich vollständig weigert, bei der Polizei Fragen zu seiner vermissten Tochter zu beantworten.

Nicht nur die Tonalität in Medienberichten dreht sich und stellt Michael Turney nicht länger als trauernden Vater dar, auch Sarah selbst ist sich immer sicherer: Ihr eigener Vater muss für das Verschwinden ihrer großen Schwester verantwortlich sein. Die Öffentlichkeit, die Familie Turney und die Polizei sind nun allesamt davon überzeugt, dass Michael Alissa Turney an jenem Maitag 2001 ermordet haben muss. Das absurde „Tagebuch eines verrückten Märtyrers“, die exzessive Waffensammlung und die kruden Anschuldigungen gegen die Elektriker-Gewerkschaft, das Fehlen der Ton- und Videoaufnahmen rund um den 17. Mai 2001 sowie die Anschuldigungen gegen Michael wirken erdrückend.

Doch was nach wie vor fehlt, ist ein Leichnam von Sarah oder wenigstens ein handfester Beweis.

Gerechtigkeit für Alissa

Sarah Turney beschließt, nicht aufzugeben. 2017 wird Michael drei Jahre früher als geplant aus der Haft entlassen. Im selben Jahr treffen Sarah und ihr Vater sich wieder. Sie verabreden sich in einer Starbucks-Filiale. Doch laut Sarah wird Michael schnell aggressiv, als er bemerkt, welche Absichten seine Tochter hat.

„Nachdem ich ihn zu Antworten über Alissa gedrängt hatte, sagte er mir schließlich, dass er mir alle ehrlichen Antworten auf seinem Sterbebett geben würde. Er sagte: “Sei an meinem Sterbebett, Sarah, und ich werde dir alle ehrlichen Antworten geben, die du hören willst.„ Er sagte auch, dass er alles gestehen würde, wenn der Staat zustimmen würde, ihm innerhalb von 10 Tagen eine tödliche Injektion zu geben.“

Sarah Turney macht sich mit diesen Informationen sofort auf den Weg zur Polizei, doch dort wird sie abgewiesen. Zwar impliziert diese Aussage von Michael, dass er sich für Alissas Verschwinden verantwortlich fühlt, doch juristisch gelten seine Worte nicht als Schuldeingeständnis. Abermals fühlt Alissas Schwester sich von der amerikanischen Polizei im Stich gelassen.

Doch Sarah Turney lässt sich nach wie vor nicht unterkriegen. Sie tritt in Talkshows und Podcasts auf und startet eine Petition für die Festnahme ihres eigenen Vaters. Im Mai 2020 beschließt sie, Alissas Geschichte auf der Plattform TikTok zu erzählen. Ihr Ziel: Michael Turney soll endlich wegen des Mordes an Alissa Turney angeklagt werden. Binnen kürzester Zeit erreicht sie in den sozialen Medien Millionen von Menschen. Nicht zuletzt weil sie auch ungeschönte, bis dato nicht gesehene Seiten des Familienlebens der Turneys teilt, die Michael in keinem guten Licht dastehen lassen. Dieses Video lädt sie damals auf der Plattform hoch:

Alissa: Sarah! Sarah! Untertitel: Ich habe ihr nicht zugehört, niemand hat das. Alissa: Sarah! Dad ist ein Perverser. Untertitel: Vier Jahre später ist sie verschwunden. Untertitel: Unser Vater war die einzige Person von Interesse in mehr als zehn Jahren. Es gab noch immer keine Gerechtigkeit. Michael: Sarah, gib mir die Kamera. Untertitel: HÖRT EUREN KINDERN BEZÜGLICH MISSBRAUCH ZU, BEVOR ES ZU SPÄT IST. Michael: Du filmst ja noch immer. Alissa ist dumm! Idiotin!

Sarah geht jeden noch so unkonventionellen Weg. Sie versucht, sich dem Thema auf eine humorvolle Art zu nähern, teilt neben den erschreckenden Aufnahmen aus Michael Turneys Archiven auch Memes und kurze Clips, in denen sie ihren Vater auf die Schippe nimmt. Jedoch nie, ohne ihren Fokus auf ihr größtes Anliegen zu lenken: Alissa soll endlich Gerechtigkeit erfahren, indem ihr Mörder festgenommen wird.

Und im August 2020 ist es so weit: Die Polizei hat, nicht zuletzt dank Sarahs unermüdlichem Einsatz, genügend Indizien gesammelt, um Michael Turney festzunehmen. Er wird wegen Mordes 2. Grades an Alissa Turney angeklagt.

Alle Bemühungen, die Michael Turney über Jahre hinweg medienwirksam inszeniert hatte, waren nichts als eine Lüge. Den Anruf von Alissa aus einer kalifornischen Telefonzelle hatte es nie gegeben. Wie der an Michael und Sarah adressierte Abschiedsbrief entstand, ist bisher nicht bekannt – allerdings gilt es als möglich, dass Michael Alissa gezwungen haben könnte, ihn zu verfassen. Wir wissen auch noch nicht, welcher Beweis letztendlich zur Festnahme Michaels führte. Doch die Beamten loben in einer Pressekonferenz explizit Sarah Turneys unermüdliches Engagement für Alissa und die lückenlose Aufklärung ihres Schicksals. Auch andere Details, wie die zahlreichen Anrufe an die unbekannte Nummer am 17. Mai 2001 oder was genau Michael Alissa angetan hat, liegen noch im Verborgenen.

Genauere Informationen werden hoffentlich bald folgen – Im Frühling 2023 soll nach beinahe drei Jahre langem Warten und 22 Jahre nach Alissas Verschwinden und dem mutmaßlichen Mord der Prozess gegen Michael Turney beginnen. Ursprünglich war der Prozessbeginn schon für einen früheren Zeitpunkt terminiert, jedoch wurde das Datum immer wieder verschoben. Weshalb, ist nicht bekannt, jedoch soll der Gesundheitszustand des inzwischen 72 Jahre alten Angeklagten nicht gut sein.

Es bleibt zu hoffen, dass der Prozess bald über die Bühne gehen kann – und dass Sarah und Alissas weitere Angehörige und Freunde endlich ein Urteil gegen den Mörder ihrer Schwester und Freundin hören werden.

Outro

Die Geschehnisse vom 17. Mai 2001 bestimmen Sarah Turneys Alltag bis heute. Nicht nur kämpft sie noch immer für die vollständige Aufklärung des Verbrechens an ihrer älteren Schwester Alissa, sie setzt sich auch für andere Personen ein. In ihrem Podcast „Voices for Justice“ bespricht sie zahlreiche ungelöste Fälle. Was als eine Aufarbeitung zum Fall Alissa Turney begann, ist heute eine Art Podcast-Archiv von Vermissten- und Kriminalfällen, deren Geschädigte nicht in Vergessenheit geraten sollen.

Man kann Sarah Turney nur den größten Respekt aussprechen. Man darf nicht außer Acht lassen, dass sie selbst ein Kind war, als Alissa Turney verschwand, und dass sie selbst jahrelang von Michael Turney manipuliert wurde. Sie kann mehr als stolz darauf sein, seine perfiden Lügen durchschaut und die Stärke gefunden zu haben, den Mörder ihrer Schwester hinter Gitter zu bringen – obwohl es sich bei ihm um ihren eigenen Vater handelte.

Auch dass sie ihre Stimme nun nutzt, um weitere Geschädigte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, ist großartig. Ich hoffe, einen kleinen Teil dazu beigetragen zu haben, auch an Alissa zu erinnern – und dass irgendwann vielleicht sogar noch ihr Körper auftaucht, damit ihre Geschwister endlich vollständig abschließen können.

Sollte es neue Entwicklungen geben, erfahrt ihr davon natürlich auf dem Kanal Insolito Crime News. Solltet ihr den noch nicht abonniert haben, holt das gern nach; dort update ich euch immer wieder zu laufenden Kriminalfällen und spreche über etwas weniger umfangreiche Verbrechen.

Ansonsten würde ich mich sehr über ein Like und einen Kommentar freuen – so könnt ihr Insolito auf einfachem Wege unterstützen. Vielen Dank fürs Zusehen und für euren Support. Bis bald.

Quellen

  1. Phoenix woman in search of justice in missing sister's 2001 disappearance uses TikTok videos in hope of solving case NBC News, 2020
  2. Stepfather charged with murder of Alissa Turney last seen alive in 2001 NBC News, 2020
  3. Doubts About Dedicated Stepfather Mount in 'Runaway' Case ABC News
  4. Missing Arizona children: Phoenix teen Alissa Turney vanishes, killer confesses, explosives stockpile found The Arizona Republic
  5. What Is Michael Turney Hiding? melmagazine.com, 2019
  6. Michael Turney charged with second-degree murder of his stepdaughter, Alissa Turney YouTube, 2020
  7. Criminal Court Case Information - Case History superiorcourt.maricopa.gov
  8. Sign Petition: Free Michael Turney thepetitionsite.com
Fallakte
Orte
Phoenix, Paradise Valley High School, Fort Lauderdale, Kalifornien
Region
Arizona
Land
USA
Jahr
2001
Status
Ungelöst
Fallart
Vermisstenfall, Tötungsdelikt, Familie & Partnerschaft, Kinder & Jugendliche
Personen
Alissa Turney, Sarah Turney, Michael Turney
Lagekarte
Kartendaten: Natural Earth