Intro
Es ist der 16. August 2023, 23:15 Uhr. Die Polizei wird in die Peisserstraße im bayerischen Ingolstadt gerufen. Ein Elternpaar hat seine Tochter vermisst und den ganzen Abend über nach ihr gesucht. Nun haben die Eltern das Auto ihrer Tochter gefunden. Und darin eine blutüberströmte junge Frau. Die eintreffende Polizei kann nichts mehr für sie tun. Die Frau wurde mit mehr als 50 Messerstichen getötet. Mutter und Vater der Vermissten müssen die Wiederbelebungsversuche mit ansehen. Doch es ist vergeblich. Die Frau ist bereits an ihren Verletzungen verstorben. Die Eltern bestätigen den Einsatzkräften vor Ort: Die Tote im Auto, das ist ihre vermisste Tochter.
Aber dies ist nicht das Ende einer tragischen und unfassbaren Geschichte. Es ist eher der Anfang – der Anfang eines Kriminalfalls, der weltweit für Schlagzeilen sorgt. Denn in diesem Fall ist alles anders, als es scheint. Wer tot scheint, ist lebendig. Und nicht nur das – wer tot scheint, ist auch der eigentliche Täter. Oder besser gesagt: einer der Täter.
Die DM
Irgendwann im Sommer 2023 scrollt die 23 Jahre alte Khadija O. durch Social Media. Sie checkt ihr Instagram-Profil und öffnet ihre DMs. Auf Insta bloggt sie zum Thema Beauty, dementsprechend hat Khadija immer mal wieder ein paar neue Privatnachrichten. Zwischen Spam und Nachrichten von Freunden sieht sie eine Anfrage, die ihr auffällt. Es ist keine simple Reaktion auf eine Story oder so, sondern ein Angebot. Eines, das erst einmal ziemlich gut klingt.
In der DM an Khadija heißt es, die Rapperin Lune würde für ein neues Musikvideo eine Darstellerin suchen. Und Khadija wäre da eine gute Wahl. Lune ist in Süddeutschland schon damals recht bekannt und konnte sich inzwischen auch darüber hinaus eine große Fangemeinde aufbauen. Eine Rolle in einem Musikvideo von ihr wäre also auf jeden Fall eine tolle Möglichkeit. Aber Khadija ist skeptisch. Das Ganze ist irgendwie zu schön, um wahr zu sein.
Zumal in der DM auf absolute Geheimhaltung gepocht wird. Und die Nachricht kommt auch gar nicht von Lunes offiziellem Insta-Account. Also will Khadija auf Nummer sicher gehen und schreibt der Rapperin selbst eine DM. Ob dieses Angebot mit dem Videodreh echt sei. Lune antwortet auch umgehend und warnt die 23-Jährige: „Alles fake, geh nicht hin!“
Also schließt Khadija O. ihre DMs wieder und geht nicht zu diesem angeblichen Videodreh. Es ist gut, dass sie bei der Künstlerin selbst nachgefragt hat. Sie ist gerade vermutlich einer großen Gefahr entgangen. Einer Gefahr, die sie leider trotzdem bald einholen wird.
Die „Kooperation“
Khadija O. ist, wie gesagt, 23 Jahre alt. Sie lebt in Eppingen, in der Nähe von Heilbronn in Baden-Württemberg. In ihrer Jugend hatte die junge Frau es alles andere als leicht. Khadija wurde in Algerien geboren und kam als Kind nach Deutschland. Doch nach einem Vorfall häuslicher Gewalt durch ihren Vater kam Khadija mit 14 Jahren in eine Einrichtung für betreutes Wohnen. Nun, mit 23, hält sie sich mit zwei Jobs in der Gastronomie über Wasser. Es ist hart, aber Khadija steht auf eigenen Beinen, hat ihre Jobs und ihre eigene Wohnung.
Das Bloggen auf Instagram dürfte da sicherlich nicht nur ein Hobby, sondern auch eine willkommene Ablenkung vom Alltagsstress sein. Khadija beschäftigt sich gern mit Beauty und Mode und ist gut in dem, was sie macht. Instagram ist für sie eine tolle Möglichkeit, ihre Interessen zu teilen. Sie ist keine große Influencerin oder so – in einer Quelle ist von um die 400 Follower die Rede, in anderen von um die 4000. Unabhängig von der genauen Zahl sind das offenbar genug Follower für das ein oder andere gelegentliche Angebot per DM. Wie eben zum Beispiel die vermeintliche Einladung zum Videodreh von Lune.
Und ein paar Wochen später bekommt Khadija wieder eine Instagram-DM. Dieses Mal aber kein zwielichtiges Angebot für einen Musikvideodreh. Stattdessen eine Art Kooperationsanfrage. Sie kommt von einer Kosmetikerin, die sich auf Insta @oez_lem nennt. Die Nachricht sieht erst mal ganz unverfänglich aus. Darin steht: „Hey Liebes, wir suchen Mädels, die unseren Diodenlaser testen. Hättest du Lust auf eine Kooperation?“
Khadija wird hier eine kostenlose Laserbehandlung in einem Beauty-Salon angeboten. Je nach Behandlungsart kann so etwas sonst schnell mal ein paar hundert oder sogar tausend Euro kosten. So ein Treatment gratis zu bekommen, ist für die 23-Jährige verlockend. Sie bespricht das Ganze sogar noch mit ihrer besten Freundin. Die warnt sie. Dass Khadija mit ihren paar Followern so eine großzügige Anfrage bekommt, wirkt für ihre beste Freundin komisch. Aber Khadija sagt trotzdem zu.
Sie glaubt, dass das Ganze harmlos sei. Immerhin steckt hinter dem Account eine Frau – das weiß sie wegen Sprachnachrichten, die ihr darüber geschickt wurden. Ihre beste Freundin sagt noch, wenn Khadija schon darauf besteht, bei diesem Lasertermin mitzumachen, wolle sie mitkommen. Aus Sicherheit eben. Aber es kommt alles ganz anders.
Die Verabredung mit der Kosmetikerin ist für den Abend des 16. August geplant. Vorher treffen sich Khadija und ihre beste Freundin noch in einem Café. Da erzählt Khadija, sie habe den Termin abgesagt. Stattdessen wolle sie abends mit einem Freund weggehen. Diesem Freund erzählt Khadija aber, sie würde mit ihrer besten Freundin zu dem Lasertermin fahren. Weshalb sie da nicht ganz ehrlich war, werden wir wohl nie erfahren. Entweder, da ist zeitlich einfach etwas durcheinander geraten, oder Khadija wollte nicht, dass sich einer der beiden Sorgen macht.
Sie hat auch noch eine andere Freundin gefragt, ob die mit zum Termin möchte. Aber sie hatte keine Zeit. Vielleicht hat das dieser Freundin das Leben gerettet. Denn anders als Khadija es ihrer besten Freundin und ihrem Freund erzählt hat, wird sie den Termin wahrnehmen. Allein.
Am 16. August 2023 um 18:03 Uhr schickt Khadija der Kosmetikerin den Standort ihrer Wohnung. Gegen 18:45 Uhr holt die Frau Khadija von zuhause ab, um sie in ihr Studio zu fahren. Immerhin teilt Khadija trotz allem noch den Live-Standort mit ihrem Freund. Aber die Übertragung bricht schon bald ab. Es wird das letzte Lebenszeichen der 23-Jährigen sein. Sie wird nach diesem Abend nicht zurück nach Hause kommen.
Das Verschwinden von Sharaban K.
Später am selben Tag ist etwa 240 Kilometer von Khadijas Wohnort entfernt eine Familie in heller Aufregung. Die Eltern der ebenfalls 23 Jahre alten Sharaban K. aus München machen Unvorstellbares durch. Ihre Tochter ist in Ingolstadt verschwunden. Also gut eine Stunde Autofahrt von dem Wohnort ihrer Eltern in München entfernt. Dort, in Ingolstadt, hat die junge Deutsch-Irakerin Sharaban zuletzt gelebt, gemeinsam mit ihrem Ehemann Rawan. Die Familien von Sharaban und Rawan sind Jesiden. Jesiden sind eine ethno-religiöse Gemeinschaft, die vor allem im Nordirak, in Syrien und der Türkei lebt. Diese Gemeinschaft zeichnet sich durch eine eigene, monotheistische Religion aus, die mehr als 4.000 Jahre alt ist.
Nach jesidischem Recht sind Sharaban und Rawan verheiratet. Gemeinsam haben die beiden, wie gesagt, in Ingolstadt gewohnt. Allerdings haben sie sich vor kurzem getrennt. Nach der Trennung ist die 23 Jahre alte Sharaban wieder zu ihren Eltern nach München gezogen. Und nun, am 16. August 2023, verschwindet die junge Frau. Zuvor hatte Sharaban ihren Eltern erzählt, nach Ingolstadt fahren zu wollen, um sich mit ihrem Noch-Ehemann Rawan auszusprechen. Als sie am Abend nicht wieder nach Hause kommt, beginnen Sharabans Eltern, nach ihr zu suchen.
Und nun sind wir da, wo wir schon zu Beginn des Videos gewesen sind. In der Peisserstraße in Ingolstadt, direkt am Ufer der Donau. Dort, wo die Eltern der 23-Jährigen Sharaban K. um etwa 23:30 Uhr das Auto ihrer Tochter finden. Und darin eine leblose, blutüberströmte Frau. Um die Uhrzeit ist es natürlich schon dunkel draußen, zudem sind die Scheiben des Autos getönt. Ganz genau kann man also nicht in das Auto reinschauen.
Aber man sieht eindeutig eine zierliche, junge Frau mit langen, dunklen Haaren, die sich nicht rührt. Und dieser Anblick muss für Sharabans Eltern die Hölle sein. Sharabans Vater und Mutter versuchen, irgendwie die Scheiben des Autos einzuschlagen. Anwohner hören die panischen Schreie der Eltern und wählen den Notruf. Mutter und Vater sehen alles mit an: das Eintreffen der Rettungskräfte, wie sie eine junge Frau aus dem Auto ziehen, die Wiederbelebungsversuche.
Und letztendlich sind sie da, als die Sanitäter ihnen mitteilen müssen, dass für die junge Frau aus dem Auto jede Hilfe zu spät kommt. Sie ist tot und ganz offensichtlich Opfer eines schrecklichen Gewaltverbrechens geworden. Als die Meldung durch die Presse geht, wird sofort über eine Beziehungstat spekuliert. Vermutlich, weil die Eltern der Polizei erzählt haben dürften, dass ihre Tochter sich mit ihrem Mann treffen wollte, von dem sie getrennt lebte.
Der Leichnam von Sharaban K. wird in die Rechtsmedizin gebracht. Die Todesursache ist schnell geklärt: Mehrere Stichwunden, verursacht durch ein Messer oder einen anderen spitzen Gegenstand. Allerdings ist die Obduktion trotzdem alles andere als simpel. Denn etwas stimmt hier nicht. Sharaban K. hat nämlich keine Tätowierungen. Aber die junge Frau auf dem Obduktionstisch schon. Auf ihrem Unterarm sind kleine Rosen tätowiert, zusammen mit einer Uhr, die kurz vor 12 steht.
Und eigentlich sind die Fingerabdrücke von Sharaban in der Kartei der Polizei gespeichert, wegen anderer Delikte, über die wir später sprechen. Aber die Fingerabdrücke der Toten stimmen nicht überein. Die tote Frau, die in der Rechtsmedizin liegt, ist überhaupt nicht Sharaban. Sondern eine Frau, die ihr einfach zum Verwechseln ähnlich sieht. So ähnlich, dass selbst Sharabans Eltern sie vor der Polizei eindeutig als ihre Tochter identifiziert haben. Fälschlicherweise. Denn die Tote ist nicht Sharaban – sondern die 23 Jahre alte Khadija O., die am Vorabend im 200 Kilometer entfernten Eppingen verschwunden ist. Sie liegt nun ermordet in der Rechtsmedizin in Ingolstadt. Nachdem sie im Auto von der ebenfalls verschwundenen Sharaban K. gefunden wurde.
Parallel melden sich Bekannte von Sharaban bei der Polizei. Denn während in den Nachrichten von ihrer Ermordung berichtet wird, läuft die angebliche Tote durch Ingolstadt und trifft dabei auf verschiedene Personen. Für die Polizei ist schnell klar: Wenn Sharaban K. gar nicht tot ist, dann ist sie verdächtig.
Die tote (mutmaßliche) Mörderin
Nein, Sharaban K. ist nicht tot. Sie ist quicklebendig und selbst in Ingolstadt unterwegs, während ihre Eltern erst verzweifelt nach ihr suchen und sie dann tot glauben. Sie ist in Begleitung eines gleichaltrigen Bekannten namens Sheqir K. Am Abend des 16. August laufen Sharaban und Sheqir ein paar Bekannten über den Weg, vor dem Oldtimerhotel in Ingolstadt. Nur einen Katzensprung von dem Ort entfernt, an dem Sharabans Eltern glauben, ihre Tochter ermordet aufgefunden zu haben.
Sheqir bittet dort wohl einen Freund der Clique, mit seinem Motorroller mal rüber in die Peisserstraße zu fahren. Er solle nachschauen, ob Polizei dort sei. Das macht dieser Freund auch, sogar gleich zwei Mal. Bei der zweiten Runde sieht er dann auch Blaulicht. Später wird ein Zeuge sagen, Sheqir habe vor dem Oldtimerhotel mit einem Kumpel ein Gespräch gehabt. Der Kumpel habe im Verlauf des Gesprächs geschrien: „Verpiss dich, ich werde dir niemals helfen bei sowas“. Was damit gemeint gewesen ist, wissen nur die zwei selbst.
Aber angesichts des Gesamtbildes kann man sich seinen Teil vielleicht denken. Sheqir gesteht wohl nicht direkt, was er und Sharaban an diesem Abend getan haben. Aber mindestens einer Person gegenüber soll er eine „Geste“ machen, die darauf schließen lässt. Zumindest so weit, dass eine Person aus der Gruppe Sharaban konfrontiert. Man wüsste, „was für einen Scheiß“ sie und Sheqir gemacht hätten. Darauf soll Sharaban wohl lächeln und sagen: „Ich hab ja gar nichts gemacht.“
Allerdings soll Sharaban gegenüber den Bekannten am Oldtimerhotel sehr wohl andeuten, ihren eigenen Tod vortäuschen zu wollen. Weil sie von der Familie ihres Ex-Freundes gejagt werde. Es sei für sie sicherer, wenn die Familie denken würde, sie sei tot.
Später in der Nacht schreibt sie einem anderen Bekannten eine Nachricht: „Werde niemals auf die richtige Bahn kommen… Ich wünsche mir so sehr ein normales Leben.“ Zu einem anderen Mann sagt sie ebenfalls an diesem Abend: „Wegen mir musste ein unschuldiger Mensch sterben“. Die vermeintlich tote Sharaban ist also mehr als umtriebig. Sie tut nicht viel, um ihre Spuren zu verwischen. Ganz im Gegenteil.
Um 3 Uhr morgens klingelt Sharaban bei einem Mann namens Jakob. Als er ihr öffnet, macht die junge Frau einen verwirrten Eindruck. Jakob kennt Sharaban erst seit Februar, und im Frühjahr hatten die zwei eine Freundschaft Plus. Sharaban soll sogar von Jakob schwanger gewesen sein, aber sie hat das Kind nicht bekommen. Seit Juli sei da aber laut Jakob nichts mehr gelaufen, obwohl man sich ab und an noch gesehen habe. Und frühmorgens am 17. August steht Sharaban nun eben vor seiner Haustür. Sie sagt, sie brauche dringend einen Schlafplatz.
Jemand sei gestorben und jemand anderes wolle ihr etwas anhängen. Jakob sagt, sie solle zur Polizei gehen – aber Sharaban besteht darauf, die Polizei würde in der Sache mit drinnen hängen. Da es eben mitten in der Nacht ist, lässt Jakob Sharaban in seinem Haus in Ingolstadt-Unsernherrn auf der Couch schlafen. Am nächsten Morgen gibt er ihr ein neues Handy und setzt sie dann in der Münchner Straße in Ingolstadt vor einem Imbiss ab.
Später am 17. August besucht Sharaban K. eine Pizzeria in Ingolstadt. Die 23-Jährige soll den Besitzer wohl darum bitten, telefonieren zu dürfen. Ihre eigene SIM-Karte würde nicht mehr funktionieren. Sharaban wirkt aufgelöst und weint. Was seit dem Vorabend geschehen ist, ist schwierig zu rekonstruieren. Später werden Zeugen von einer Verfolgungsjagd durch Ingolstadt berichten. Laut den späteren Schilderungen dieser Zeugen passiert Folgendes: Der Mitarbeiter der Pizzeria kann beobachten, wie Sharaban von drei Männern vor dem Laden in ein Auto gezerrt wird. Diese drei Männer haben Sharaban erkannt – Sharaban, die laut den Medienberichten aus der Nacht zuvor eigentlich tot sein sollte.
Mindestens einer der Männer hat Sharaban wohl am Vorabend auch am Oldtimer-Hotel gesehen. Inzwischen ist der Leichenfund in Sharabans Auto durch die Medien gegangen. Die breite Öffentlichkeit geht zu diesem Zeitpunkt noch davon aus, Sharaban sei tot. Aber die Zeugen erkennen sie. Und da einer von ihnen am Vorabend selbst von Sharaban gehört hat, dass sie ihren Tod vortäuschen will, wird den Männern nun klar, dass sie dafür offenbar wirklich eine Platzhalterin umgebracht hat. Denn auch wenn Sharaban nun lebendig vor ihnen steht: Eine Leiche, die jeder für Sharaban hält, gibt es ja trotzdem.
Die Männer wollen Sharaban nun festhalten und dann an die Polizei übergeben. Sie rufen aber auch noch Freunde an, die in der Nähe abhängen und dazukommen. Einer der Männer sagt wohl zu Sharaban: „Wen habt ihr umgebracht?“ Sie soll antworten, sie wisse das nicht, sie habe „sie“ – damit meint sie Khadija – nicht gekannt. Nur ein paar Meter weiter steht eine unbeteiligte Autofahrerin, bei der Zufahrt zur Asamstraße. Sharaban reißt sich von den Männern los und kommt auf diese Autofahrerin zugerannt.
Sie springt bei der fremden Frau ins Auto und bittet sie, loszufahren. Für die Autofahrerin sieht es so aus, als würde die junge Frau von den Männern bedroht werden. Also macht sie das, was in so einer überrumpelnden Situation jeder hilfsbereite Mensch tun würde: Sie gibt Gas. Sharaban sagt zu der Autofahrerin, diese Männer wollten ihr einen Mord anhängen, den aber eigentlich ein Vater von einem dieser Männer begangen habe. Sharaban selbst beteuert gegenüber ihrer unfreiwilligen Fluchthelferin, sie habe nichts gemacht – das würde sie auf ihren toten Bruder schwören.
Die Autofahrerin lenkt ihren Wagen in Richtung der nächstgelegenen Polizeistation. Auch das würde in dieser Situation wohl jeder so machen – eine Frau, die verfolgt wird, ein angeblicher Mord – und die unbeteiligte Autofahrerin ist nun mittendrin. Also fährt sie. Über die Weningstraße zur Glacisbrücke, in die Westliche und Östliche Ringstraße in Richtung des Nordbahnhofs. Dabei werden sie und Sharaban von zwei Autos verfolgt – von den Männern, die Sharaban mitnehmen wollten.
Die haben inzwischen den Notruf gewählt und erklären der Zentrale, was los ist. Dass sie gerade die Frau verfolgen, die gestern vermeintlich ermordet aufgefunden wurde. Wie man sich vorstellen kann, sind die Beamten beim Notruf total verwirrt. Denn die sind immer noch auf dem Stand, dass Sharaban K. tot ist. Immerhin wurde sie von ihren Eltern vor Ort identifiziert.
Als Sharaban bemerkt, dass die Autofahrerin Richtung Polizei will, ruft sie, das würde nicht gehen. Sie ist an ihrem Handy und scheint jemanden anzurufen. Die 23-Jährige sagt zu jemandem am Telefon: „Sie haben uns gefunden“. Vor einer Wäscherei springt sie dann so plötzlich aus dem Auto der Fahrerin, wie sie reingeplatzt ist.
Jedenfalls steigt sie nun an der Ringlerstraße in einen weißen Tesla ein. Am Steuer sitzt Jakob, bei dem sie in der Nacht zuvor geschlafen hat. Eigentlich wollte er mit der ganzen Sache nichts mehr zu tun haben, nachdem er Sharaban am Morgen in der Münchner Straße abgesetzt hat. Aber sie hat ihn nachmittags mit mehreren Anrufen und Nachrichten bombardiert. Als er irgendwann rangegangen ist, soll Sharaban ihn panisch angeschrien haben, die albanische Mafia würde sie verfolgen und sie sei in Lebensgefahr.
Für Jakob als Außenstehenden muss das alles ebenso bizarr wie besorgniserregend gewirkt haben. Jedenfalls steigt Sharaban an der Ringlerstraße in seinen Wagen. Als die über den Notruf angeforderte Polizeistreife endlich eintrifft, ist der weiße Tesla weg. Aber die Männer, die Sharaban bis dorthin verfolgt haben, können das Auto beschreiben. Wenig später wird der Wagen von Jakob dann auf der Schillerbrücke gestoppt. Sharaban K. sitzt noch auf dem Beifahrersitz. Sie wird festgenommen. Denn inzwischen steht sie unter Mordverdacht.
Als ein paar Polizisten den Eltern von Sharaban diese Nachricht überbringen, sitzt die Familie K. gerade im Wohnzimmer zusammen. Eigentlich, um um Sharaban zu trauern. In der Wohnung ist eine Art Schrein aufgebaut, mit einem Foto der jungen Frau und einer Kerze. Als die Polizisten mitteilen, dass Sharaban nun als Tatverdächtige aufgetaucht und in Polizeigewahrsam sei, scheinen ihre Eltern erleichtert. Sie fragen nicht groß weiter nach, was passiert ist, sondern werfen sich erleichtert auf den Boden und beten.
Kurze Zeit später wird auch Sharabans Kumpel Sheqir K. in seiner Wohnung verhaftet. Die Wohnung liegt in der Peisserstraße – nur wenige Meter vom Fundort der Leiche entfernt. Das erklärt dann wohl auch, weshalb Sharabans Auto ausgerechnet dort abgestellt wurde. Freunde von ihm sollen ihn wohl bei der Polizei gemeldet und gesagt haben, er habe Andeutungen über eine mögliche Täterschaft gemacht. Später findet man Sheqirs DNA auf Khadijas Leiche. Und in seiner Wohnung einen Schlagring, der einige der Verletzungen von Khadija herbeigeführt haben könnte. Und bald macht schon ein mögliches Motiv die Runde.
Der ‘Doppelgängerinnen-Mord’
Am 23. August wimmelt es am Donauufer von Beamten. Eine Woche nach dem Leichenfund wird nun nach der Tatwaffe gesucht. Dabei kann die Polizei mehrere Messer sicherstellen. Die Tatwaffe ist aller Wahrscheinlichkeit nach nicht dabei. Sie fehlt bis heute. Parallel werden erste Zeugenhinweise ausgewertet in dem Versuch, diesen verworrenen Fall irgendwie zu ordnen.
Ein paar Tage später glaubt die Polizei, ein mutmaßliches Motiv für die Tat gefunden zu haben: Sharaban K. habe ihren eigenen Tod vortäuschen wollen. Eventuell, um ihrem „streng religiösen“ familiären Umfeld zu entfliehen, wie es in den Medien heißt. Dazu habe Sharaban über Social Media nach einer Frau gesucht, die ihr möglichst ähnlich sehen sollte. Es sei von Beginn an der Plan gewesen, eine Doppelgängerin von Sharaban zu ermorden und den Leichnam dann als den der 23-Jährigen zu präsentieren, damit sie sich absetzen kann.
Und in genau diese Falle sei Khadija O. dann über Instagram getappt. Das ist erstmal die Hypothese, um die sich jetzt die Ermittlungen entfalten. Die Hypothese reicht aber, um den Fall als den Doppelgängerinnen-Mord von Ingolstadt bekannt zu machen. Dabei macht das Verbrechen nicht nur in Deutschland Schlagzeilen, sondern auch international. Netflix hat wohl sogar Interesse daran, eine Dokumentation zu dem Fall zu produzieren.
Im Folgenden erläutere ich euch noch einmal, wie der Mord an Khadija O. vonstatten gegangen sein soll. Damit greife ich an dieser Stelle schon ein wenig vor und beziehe mich auf die Variante, die vor Gericht als der tatsächliche Tathergang beurteilt wurde. Im nächsten Kapitel werden wir noch mal ganz in Ruhe über den Prozess sprechen. Denn auch, wenn das, was ich euch gleich erklären werde, genau so schlüssig wie unglaublich klingt – vieles in diesem Fall ist eben nicht so einfach zu erklären.
Deshalb nun erst einmal die grobe Zusammenfassung von dem, was Khadija O. wohl zugestoßen ist. Und auf dieser Basis gehen wir im folgenden Kapitel dann noch mal auf die Einzelheiten ein.
Also: Lasst uns zurück in den August 2023 gehen. In den Tagen vor Khadijas Ermordung hat Sharaban mehreren jungen Frauen Instagram-DMs geschrieben. All diese Frauen und Sharaban sahen sich mehr oder weniger ähnlich: dunkle Augen, dunkle lange Haare, dunkler Teint, in etwa dieselbe Größe und Figur. All diesen Frauen hat Sharaban via DM eine vermeintliche Beauty-Behandlung versprochen. Zuvor soll sie es auch schon mit einem angeblichen Musikvideo-Dreh probiert haben. Daher die DM an Khadija zum angeblichen Lune-Musikvideo.
Insgesamt kontaktiert Sharaban über Social Media wohl 24 verschiedene Profile. Und Khadija O. reagiert und sagt schließlich zu. Vor dem Treffen mit ihr kauft Sharaban einen Kanister Benzin, wie man inzwischen herausgefunden hat. Dementsprechend ist ursprünglich wohl der Plan, das Auto mitsamt der Leiche anzuzünden.
Sharaban holt Khadija zuhause in Eppingen ab, um etwa 18:45 Uhr. Sharaban ist nicht allein, sondern hat einen Bekannten dabei, Sheqir K. Ihre Nachnamen beginnen zwar mit demselben Buchstaben, verwandt sind Sharaban und Sheqir aber nicht. Im Gegenteil, die beiden kennen sich wohl erst seit zwei Wochen. In diesen zwei Wochen haben sich die beiden zukünftigen Täter mehrfach getroffen, allerdings auf rein platonischer Ebene. Weshalb Sheqir bei dem Plan überhaupt mitmacht, ist bis heute nicht geklärt worden.
Manche mutmaßen, Sheqir könnte Gefühle für Sharaban gehabt haben, die sie ausnutzte. Gerade am Anfang gab es Gerüchte darum, dass Sharaban ihm für eine Ermordung eine fünfstellige Geldsumme versprochen habe. Sheqir ist auch nicht die erste Person, die von Sharaban für einen potenziellen Auftragsmord angefragt wird. Zuvor hat die junge Frau sich schon bei anderen aus ihrem Freundeskreis erkundigt. Allerdings hat niemand Sharabans Worte ernst genommen. Bis auf Sheqir. Der hört Sharaban nicht nur zu, sondern ist offensichtlich auch noch dabei.
Auf jeden Fall holen Sharaban und Sheqir Khadija zuhause in Eppingen ab, um die Beauty-Bloggerin zu ihrer vermeintlichen Gratis-Laserbehandlung zu fahren. Nach etwa 23 Minuten Autofahrt biegt Sheqir aber in ein Waldstück namens Stöckach ab. Er sagt, er müsste mal pinkeln. Khadija und Sharaban schnappen in der Zwischenzeit frische Luft. Das denkt zumindest Khadija. Stattdessen bringt Sheqir die 23-Jährige mit einem Schlagring zu Fall. Dann sticht er auf die junge Frau ein – insgesamt 56 Mal. Khadija hat vermutlich keine Chance, sich auch nur ansatzweise gegen diese brutale Attacke zu wehren.
Ihr lebloser Körper wird ins Auto gelegt, Sharaban und Sheqir fahren weiter. Sharaban sitzt dabei am Steuer. Sie halten zunächst an einem Baumarkt. Auf dem Parkplatz vergewissern sie sich noch einmal, dass Khadija wirklich nicht mehr lebt. Dann fahren sie weiter nach Ingolstadt zu Sheqir nach Hause, wo das Auto abgestellt wird, der Leichnam der jungen Frau bleibt auf dem Rücksitz. Wie wir wissen, treffen die beiden danach am Oldtimerhotel in der Nähe Bekannte.
Beide haben auch über ihre Handys mit anderen Leuten Kontakt. Das abgestellte Auto wird von Sharabans Eltern gefunden, ehe sie und Sheqir es mit dem extra gekauften Benzin aus dem Kanister anzünden können.
Sharaban verbringt die Nacht bei ihrer Ex-Affäre Jakob, Sheqir vermutlich zuhause. Am Abend des 16. August wird die Leiche gefunden. Und Khadija O. ist als Doppelgängerin von Sharaban offenbar so gut geeignet, dass selbst ihre Eltern erst auf die Sache reinfallen. Die Staatsanwaltschaft vermutet, dass es Sharabans Ziel gewesen ist, ihren eigenen Tod vorzutäuschen, um sich abzusetzen und ein neues Leben zu beginnen. Möglicherweise aus Angst vor Ächtung infolge ihrer gescheiterten Ehe zu ihrem Mann Rawan. Soweit die Vorwürfe gegen Sharaban und Sheqir, die sich in einem Prozess vor dem Gericht in Ingolstadt verantworten müssen.
Aber auch das hier ist erst ein Teil der Geschichte. Denn während des Prozesses kommen noch weitere Details raus, die diesen Fall nur noch mysteriöser machen.
Der Prozess I
Am 16. Januar 2024 beginnt der Prozess gegen Sharaban K. und Sheqir K. Der Prozess ist zunächst auf insgesamt 28 Verhandlungstage angesetzt. Der Vater von Khadija O. tritt dabei als Nebenkläger auf. Alle Prozesstage sind öffentlich, Vertreter verschiedenster Medien dürfen bei den Anhörungen also dabei sein. Das führt dazu, dass der Prozess gut dokumentiert ist – aber auch zu einer krassen Informationsflut, durch die man kaum durchsteigen kann. Denn die Indizienlage gegen Sharaban und Sheqir ist recht stark. Trotzdem versuchen die Anwälte der beiden natürlich, das Best-Case-Szenario für ihren jeweiligen Mandanten zu erreichen. Deshalb wird in diesem Prozess viel beantragt, diskutiert und infrage gestellt.
Jeder der beiden hat ein separates Anwaltsteam und eine eigene Verteidigungsstrategie. Sie werden zwar gemeinsam angeklagt – aber die Verteidigung arbeitet für jeden der beiden allein. Schon zu Beginn fordern die Anwälte von Sharaban eine Aussetzung des Verfahrens. Demnach sei nach der Erhebung der Anklage gegen die Mandantin noch neues Beweismaterial in die Akten aufgenommen worden. Unter anderem digitale. Das sei unfair, weil die Verteidigung sich so nicht ausreichend hätte vorbereiten können.
Dieser Antrag auf Aussetzung wird jedoch am zweiten Prozesstag abgelehnt. Denn der grundsätzliche Vorwurf gegen Sharaban bleibt bestehen, auch unabhängig von diesen digitalen Daten. Aber dieser erste Antrag ist ein ganz passender Wegweiser für das, was in diesem Prozess immer wieder passieren wird: Es zieht sich. Schon an diesem zweiten Verhandlungstag kristallisiert sich heraus, dass die angesetzten 28 Verhandlungstage nicht ausreichen dürften. Am Ende werden es über 50.
Der Tathergang
Zum Tathergang habt ihr ja schon die Version der Staatsanwaltschaft gehört. Um das ein wenig vorwegzunehmen: Im Kern ist das auch die Version, bei der das Gericht am Ende des Prozesses landen wird. Aber: Es gibt auch Gegendarstellungen. Und zwar von Sharaban K. selbst. Sheqir K. schweigt während des gesamten Prozesses. Er sagt nicht aus und belastet weder sich selbst noch seine Mitangeklagte Sharaban. Er sagt wirklich einfach überhaupt gar nichts.
Für Sharaban ist das eine günstige Gelegenheit, um ihre Strategie anzupassen. Denn wenn Sheqir schon nichts sagt, dann kann er auch nichts dagegen einwenden, wenn Sharaban ihn als den alleinigen Täter hinstellt. Denn laut Sharaban hat sich das alles am 16. August eigentlich so abgespielt:
Version 2: Sharabans Geschichte
Sharaban berichtet, sie habe Sheqir am 16. August 2023 mit dem Auto abgeholt. Er habe dann ihr Handy abgenommen und sie angewiesen, zu Khadijas Adresse nach Eppingen zu fahren. Bei Khadija angekommen, habe Sharaban den Eindruck bekommen, als würden Sheqir und Khadija sich kennen. Wieder sei Sharaban gefahren, Sheqir habe sie gelotst und letztlich auch angewiesen, in das Waldstück zu fahren.
Dort habe Sheqir während einer Raucherpause Khadija auf einmal mit einem Schlagring und einem Messer attackiert, weshalb, wisse Sharaban nicht. Sie habe nur angsterfüllt daneben gestanden und zugesehen, dann habe sie noch versucht, wegzulaufen. Sheqir habe Khadija auf den Rücksitz geworfen und dann Sharaban wieder auf den Fahrersitz gezwungen. Sollte sie weglaufen, würde Sheqir ihre Familie ermorden. Dann habe er sie gezwungen, wieder loszufahren, und abermals den Weg angegeben. Bei dem Stopp auf dem Parkplatz sei Sheqir noch einmal ausgestiegen und habe ein Klappmesser ausgepackt. Mit dem habe er Khadija, die zu diesem Zeitpunkt noch am Leben gewesen sei, attackiert. Die 23-Jährige habe laut geschrien und versucht, sich zu wehren.
Das Messer habe Sheqir danach an der Straße weggeschmissen. Dann sei er wieder auf den Beifahrersitz gestiegen und habe Sharaban dazu gebracht, weiterzufahren. In der Peisserstraße sollen die beiden ausgestiegen sein. Am nahegelegenen Oldtimerhotel seien sie auf Bekannte getroffen, kurz darauf habe Sharaban den Moment genutzt, um wegzulaufen und sich vor Sheqir zu verstecken.
Soweit also die Darstellungen von Sharaban K.
Ganz vorab: Die Staatsanwaltschaft glaubt ihr nicht. Die Indizien gegen Sharaban sind einfach zu belastend. Die vielen Gespräche mit Freunden und Bekannten, die Instagram-DMs, der Kauf von Benzin, ihr gewalttätiges Verhalten gegen ihren Ehemann und der Versuch eines Auftragsmordes an ihrem Schwager. All das spricht Bände. Zudem klingt es bei Sharaban so, als sei Khadija im Inneren des Autos erstochen worden. Das würde aber gewisse Blutspuren mit sich bringen, die es im Wagen aber gar nicht gibt. Dass die Tat sich wenigstens zum großen Teil außerhalb des Autos zugetragen hat, ist einfach deutlich plausibler.
Sharaban unterzieht sich auch einem freiwilligen Testgutachten. So kann man ihre Psyche ein Stück weit evaluieren. Ihr Intelligenzquotient liegt laut eines Tests bei 86. Bei einem Wert von unter 85 würde man schon von einer klar unterdurchschnittlichen Intelligenz sprechen, der Durchschnitt liegt etwa bei 100. Ein Psychiater attestiert Sharaban eine emotionale Instabilität und beschreibt sie als histrionisch. Das Wort kommt vom lateinischen ‘histrio’, was ‘Schauspieler’ heißt. Wenn jemand als histrionisch bezeichnet wird, meint das ein Verhalten, das durch übertriebene Emotionalität, starke Bedürftigkeit nach Aufmerksamkeit und ein dramatisch-theatralisches Auftreten gekennzeichnet ist.
Weiterhin berichtet der Psychiater, es sei Sharaban gelungen, Menschen um sie herum zu manipulieren. In gewisser Hinsicht vielleicht auch Sheqir K. Trotzdem sieht die Fachperson von einer Diagnostizierung einer psychischen Störung ab. Stattdessen nennt er die eben beschriebenen Verhaltensweisen eine Verhaltensakzentuierung. Da keine psychische Krankheit vorhanden ist, heißt das auch: Sie ist voll schuldfähig.
Auch bei ihrem Komplizen Sheqir gibt es keine Auffälligkeiten im Gutachten. Keine besondere Gewaltneigung, keine besonderen psychischen Beeinträchtigungen oder dergleichen. Allerdings hat sich Sheqir auch gegenüber der Psychiaterin nicht zu der Tat geäußert, sodass ihre Beobachtungen nur auf den Akten und Sheqirs Verhalten vor Gericht basieren. Es bleibt nach Sharabans Darstellung und diesen Gutachten bei der Version der Staatsanwaltschaft: Khadija O. sollte als Sharabans Doppelgängerin ermordet werden.
Die Verteidigung der Angeklagten hält aber dagegen. Das ganze Doppelgängerinnen-Narrativ stimme gar nicht. Es sei eher diskriminierend bis rassistisch, wenn man in einem vornehmlich weißen Land wie Deutschland davon ausgehe, dass Sharaban und Khadija sich so ähnlich sahen, dass sie als Doppelgängerinnen der jeweils anderen hätten durchgehen können. Selbst Khadijas beste Freundin sagt im Zeugenstand, sie würde nicht finden, dass Khadija und Sharaban einander ähnlich sehen würden. Das versuchen die Anwälte der Angeklagten natürlich, sich zunutze zu machen.
Allerdings kann man all das auch ganz gut entkräften. Nämlich erst mal damit, dass die Ähnlichkeit zwischen Sharaban und Khadija vielleicht wirklich gar nicht so groß war, sie das aber auch nicht sein musste. Denn der eigentliche Plan war gar nicht, dass das Auto mit Khadijas Leiche einfach so gefunden wird. Eigentlich wollten Sharaban und Sheqir das Auto mit dem Leichnam darin anzünden. Das weiß man, weil Sharaban vor der Tat extra einen großen Kanister und eine große Menge Benzin organisiert hat.
Offensichtlich sind sie und ihr Komplize nicht davon ausgegangen, noch an diesem Abend gesucht zu werden, und davon, dass man direkt das Auto mit der weiblichen Leiche findet. Und immerhin war die Ähnlichkeit zwischen Täterin und Geschädigter ja doch so groß, dass selbst Sharabans Eltern erst einmal dachten, die Tote sei ihre Tochter. Allein das sagt ja schon viel aus.
Weiterhin soll Sharaban Khadija ja auf Basis von Instagram-Bildern ausgewählt haben. Und Dinge wie Tages-Make-up, Kamerawinkel und Filter können den Eindruck auf Bildern natürlich auch das entscheidende Bisschen verfälschen. Es kann schon sein, dass sich die jungen Frauen auf Fotos ähnlich sahen, in echt dann vielleicht einfach doch nicht so sehr.
Darüber hinaus war der Plan aber, das kann man wohl ganz nüchtern so sagen, einfach unüberlegt bis naiv. Sharaban vermutete wohl, wenn man ihr brennendes Auto finden würde, mit einer Leiche, die ihren ungefähren Merkmalen entspricht, hätte man direkt angenommen, dass sie die Tote sei. Das wäre sicherlich auch so gewesen, aber auch dann hätte es trotzdem eine Obduktion gegeben. Und man kann auch bei verbrannten Leichen noch anhand von Zahnabgleichen eine Identifikation vornehmen. Also hätte das alles selbst nach dem angenommenen Plan nicht geklappt.
Gegen Sharabans Eltern wird übrigens zeitweise auch noch ein Verfahren eröffnet. Es wird in Erwägung gezogen, dass die beiden irgendwie in der Sache mit drinnen gehangen und nur so getan hätten, als würden sie Sharabans Leiche in dem Auto vermuten. Dieses Verfahren wurde mittlerweile aber eingestellt – man muss eben sagen, dass sie das Auto nachts gefunden und nur durch die abgedunkelten Fensterscheiben geschaut haben. Und wenn man das Auto der Tochter findet, darin eine offensichtlich leblose Person, die grob wie das eigene Kind aussieht – wie soll man da mit irgendetwas anderem rechnen als mit dem Schlimmsten?
Oder gar mit einem so chaotischen Umstand, wie er hier letztendlich gegeben war? Über Sharabans Familie reden wir gleich noch mal genauer. Erst einmal gibt es aber tatsächlich noch eine dritte Version der Ereignisse. Eine, die sowohl von den Darstellungen der Staatsanwaltschaft als auch von der Aussage von Sharaban abweicht.
Version 3: Die Mitinsassin
Gut, wir haben jetzt also einmal die Version der Staatsanwaltschaft gehört, und dann die Version der Geschehnisse laut Sharaban. Beziehungsweise: Laut Sharabans Aussage vor Gericht. Denn am sechsten Prozesstag tritt eine Zeugin auf. Und die behauptet, Sharaban habe ihr gegenüber auch über den Mord an Khadija geredet. Allerdings ganz anders. Und mit einem anderen möglichen Tathergang. Die Frau hat sich für etwa fünf Monate eine Gefängniszelle mit Sharaban geteilt, während ihrer Untersuchungshaft.
Demnach soll Sharaban erzählt haben, sie hätte schon seit vier Jahren versucht, den Bruder ihres Ehemannes umzubringen. Dieser und die Mutter von Rawan seien gegen die Ehe gewesen. Laut der Zeugin habe Sharaban erzählt, sie habe überlegt, das Haus des Schwagers anzuzünden. Nach der endgültigen Trennung im Juni habe Sharaban dann die Doppelgängerinnen-Idee gehabt, um ihren eigenen Tod vorzutäuschen und aus Deutschland zu fliehen. Laut der Zeugin mit ihrem Ehemann. Wie das alles in die bisherige Story passt, bleibt laut den Berichten aus dem Gerichtssaal aber offen.
Die Mitgefangene behauptet, Sharaban habe ihr erzählt, Sheqir eine halbe Million Euro geboten zu haben, sollte er ihr dabei helfen. Laut der Zeugin habe Sheqir die Hälfte des Geldes schon als Anzahlung bekommen. Außerdem sollte Sheqirs Mutter monatlich 5000 Euro bekommen. Denn Sheqir lebte mit seiner Mutter und einem Bruder von ihm zusammen, der eine Behinderung hat. Sheqir soll sich immer aufopferungsvoll um beide gekümmert haben. Die Aussage der Zeugin impliziert, dass die finanzielle Versorgung der beiden ein Grund für Sheqir gewesen sein könnte, sich an dem Mord zu beteiligen.
Wenn ihr euch jetzt fragt, woher Sharaban denn mal eben eine Viertel-Million als Anzahlung gehabt haben soll – das will das Gericht natürlich auch wissen. Die Zeugin sagt dazu, Sharaban habe ihr mal von gewissen Drogen-Fahrten erzählt. So könnte sie an das Geld gekommen sein. Die Sache mit den Drogenfahrten wird auch von einem weiteren Zeugen im Verlauf des Verfahrens erzählt. Nach öffentlichem Kenntnisstand wurde aber nicht weiter wegen Drogendelikten gegen Sharaban ermittelt. Ihr bemerkt an dieser Stelle vielleicht schon, dass diese Angaben alle etwas wild klingen. Andererseits – was klingt in diesem Fall nicht wild?
Laut der Zeugin hat Sharaban ihr gegenüber auch einen völlig anderen Tathergang geschildert. Einen, der bislang in noch gar keiner Darstellung vorkam. Demnach hätten sich Khadija, Sheqir und Sharaban gar nicht in Eppingen bei Khadija getroffen. Sondern Khadija sei mit dem Zug nach Ingolstadt gefahren, dort hätten Sheqir und Sharaban sie am Bahnhof abgeholt. Als Khadija während der Autofahrt auf die Toilette wollte, seien Sharaban und Sheqir mit ihr ausgestiegen. Beide hätten auf sie eingeschlagen, Sheqir habe Sharaban dann im Auto erstochen.
Allerdings wissen wir ja, dass Khadija ihren Standort zumindest teilweise mit ihrem Freund geteilt hatte. Darum und weil die Staatsanwaltschaft sicherlich weitere Handydaten ausgewertet hat, würde ich mit dieser Schilderung vorsichtig umgehen – die Staatsanwaltschaft hat ja nämlich ganz klar das Szenario Abholen-Waldstück-Mord etabliert. Und das sicherlich nicht ohne Grund. Sollten diese Elemente in der Story der Zeugin falsch sein, ist auch fraglich, was mit dem Rest ist – den Drogenfahrten von Sharaban, Sheqirs möglichem Motiv und Sharabans Geständnis ihr gegenüber insgesamt.
Jedenfalls erzählt die Zeugin weiter, Sharaban habe berichtet, nach dem Mord Angst vor Sheqir bekommen zu haben. Sie habe gefürchtet, er könnte auch ihr etwas antun. Bei Sheqir zuhause angekommen hat er sich umgezogen und sauber gemacht: Da hat Sharaban die Gelegenheit genutzt und sei abgehauen und habe versucht einen Bekannten zu erreichen.
Die Zeugin sagt, in der gemeinsamen Haft habe sie den Eindruck gewonnen, dass Sharaban eine „öffentliche Gefahr“ darstellen würde. Sie habe ein Gesicht wie ein Engel, aber eine böse Seele. Allerdings gibt es zwischen dieser Zeugin und Sharabans Familie wohl auch eine Vorgeschichte. Als könnte dieser Fall nicht noch verworrener werden. Es ist wohl so, dass der Ehemann dieser Zeugin auch mal im Gefängnis saß. Sharaban habe zu der Zeugin wohl gesagt, ihre Eltern könnten dem Ehemann helfen.
Der Ehemann habe dann einmal bei Sharabans Vater angerufen und mit ihm telefoniert, wie sie zugibt. Worum es dabei genau ging, wie das alles vielleicht die Zeugin zu diesen belastenden Aussagen gegen Sharaban verleitet haben kann – das können wir als Beobachter nicht wissen. Aber die Variante der Mitinsassin ist wohl, wie schon angedeutet, eher vorsichtig zu betrachten.
Im weiteren Verlauf des Verfahrens sind vor allem die ersten zwei Varianten wichtig. Die Doppelgängerinnen-These der Staatsanwaltschaft und Sharabans Version, wonach Sheqir im Waldstück spontan ausgerastet sei und Khadija aus unerfindlichen Gründen dort und im Auto ermordet habe. Wie in so vielen Fällen vermutet die Staatsanwaltschaft den Schlüssel in der Vergangenheit der Täterin. Und auch die Kammer interessiert sich sehr für die Dinge, die im Folgenden über Sharaban K. rauskommen.
Der Prozess II: Sharabans Familie
Für die Version der Staatsanwaltschaft ist es wichtig zu verstehen, was Sharaban dazu bewegt haben könnte, so aus ihrem bisherigen Leben aussteigen zu wollen. Trennungen und Scheidungen gibt es ja täglich. Aber den eigenen Tod vortäuschen wollen und dafür eine fremde Frau umbringen – das ist eher ungewöhnlich. Also schauen wir uns doch einmal an, was vor Gericht über das Leben von Sharaban K. berichtet wird. Über ihre Ehe, ihre Familie – und möglicherweise schon frühere Mordpläne.
Sharaban hat ihren Mann Rawan wohl 2018 nach jesidischem Recht geheiratet. Da war Sharaban 18 oder 19 Jahre alt. In Deutschland ist die Ehe nicht rechtlich anerkannt. Aber für gläubige Jesiden ist sie dadurch nicht weniger valide. Laut Rawan sei die Ehe direkt holprig losgegangen: Schon am Hochzeitstag habe Sharaban ihren Ehering während eines Wutanfalls aus dem Fenster geworfen. Auch als das Ehepaar 2019 gemeinsam einen Schönheitssalon eröffnet hat, habe es Probleme gegeben: Demnach habe Sharaban auf der Ladenfläche randaliert. Da soll Rawan erstmals über eine Trennung nachgedacht haben. Letztendlich blieb er aber. Und das, obwohl es in der Ehe körperliche Gewalt gegeben haben soll – von Sharaban aus.
So soll sie einmal den Kopf ihres Mannes gegen einen Spiegel geschlagen haben. Ein anderes Mal habe sie ihn mit ihrem Auto angefahren, gelegentlich auch Geschirr nach ihm geworfen. Zudem habe er für sie den Kontakt zu seiner eigenen Familie abgebrochen. Gut ¾ aller Betroffenen von häuslicher Gewalt sind Frauen. Aber es gibt allein in Deutschland eben auch zehntausende betroffene Männer. Aber, wie auch bei den betroffenen Frauen, wird es hier eine hohe Dunkelziffer geben.
In vielen Fällen wird Partnerschaftsgewalt entweder gar nicht angezeigt – oder, wenn sie von Frauen ausgeht, auch von den betroffenen Männern gar nicht unbedingt als solche erkannt. Nur am Rande: Wenn ihr Betroffene kennt oder vielleicht sogar selbst betroffen seid, gibt es auch für solche Fälle spezialisierte Hilfseinrichtungen, an die ihr euch wenden könnt.
In der Ehe von Sharaban und Rawan bleibt es nicht bei körperlicher Gewalt. Anfang 2023 soll Rawan herausgefunden haben, dass seine Ehefrau ihn betrogen hat. Im Sommer 2023 erreichte die toxische Beziehung dann einen traurigen Höhepunkt, als Sharaban Rawan mit einem Messer bedroht haben soll. Danach zog Rawan den Schlussstrich. Zudem landete der Fall bei der Justiz und das führte dazu, dass Sharaban sich ihrem Ehemann nicht mehr nähern durfte. Deshalb waren auch ihre Fingerabdrücke im System der Polizei gespeichert. Laut eines Podcasts der Augsburger Allgemeinen hat es auch vonseiten des Ehemannes Gewalt in der Beziehung gegeben – genauere Einzelheiten dazu konnten wir aber nicht rauskriegen.
So oder so: Für die 23-Jährige Sharaban ist das Ende ihrer Ehe wohl mit einer Katastrophe gleichzusetzen. Denn sie hat mit ihrem Mann gemeinsam in Ingolstadt gewohnt – sie verliert im Sommer 2023 also nicht nur ihren Mann, sondern auch ihre Wohnung. Und noch mehr: Denn sie und ihr Mann Rawan haben ja gemeinsam einen Kosmetik- und Friseursalon geführt. Mit der Trennung geht für Sharaban also auch eine berufliche Veränderung einher.
Rawan hat durch das Gericht einen Beschluss nach dem Gewaltschutzgesetz bekommen. In diesem konkreten Fall hatte dieser Beschluss zur Folge, dass Sharaban die gemeinsame Wohnung und den gemeinsamen Salon nicht mehr betreten durfte. Sie verliert durch die Trennung also ihren Job, ihr Zuhause und natürlich ihre Ehe. Auch Sharabans eigene Eltern sind von dem Scheitern der Beziehung enttäuscht. Ihr Vater soll Rawan sogar gedroht haben: „Verlässt du meine Tochter, wird das zwei Menschenleben kosten.“
Insbesondere ihr Schwager soll Sharabans Mann während der Trennung unterstützt haben. Schon Jahre zuvor soll Sharaban ihren Schwager selbst tätlich angegriffen haben, mit einem Elektroschocker. Und nach der Trennung soll Sharaban in ihrem Freundeskreis nach jemandem gesucht haben, der ihren Schwager gegen Geld ermorden würde. Der Mord an Khadija O. ist also gar nicht der erste Plan der 23-Jährigen.
Einen Kumpel fragte sie per Chat, wie weit er für sie gehen würde. Im persönlichen Gespräch, ob er jemanden für sie umbringen würde. Demselben Kumpel soll sie auch gesagt haben, sie würde aus Angst vor ihrem Schwager in Hotels leben. Der Schwager wolle sie angeblich umbringen. Dieser Kumpel geht aber nicht weiter auf diese Sachen ein.
Stattdessen hat sie einem Bekannten Geld angeboten, um ihren Schwager zu beseitigen. Bei einer Corona-Teststation soll Sharaban demnach einen Mann namens Volkan A. kennengelernt haben. Und diesem Volkan soll sie 10.000 Euro angeboten haben, um im Gegenzug ihren Schwager umzubringen. Sie hat sogar eine Anzahlung von 5.000 Euro gemacht. Die konkrete Idee war wohl, einen Badeunfall im Starnberger See zu inszenieren. Sharaban soll den Mann sogar damit beauftragt haben, alles per Video aufzuzeichnen.
Die Anzahlung hat sie Volkan A. persönlich bei einem Treffen in einer Tiefgarage übergeben. Das weiß man deshalb so genau, weil Sharaban selbst das Gespräch aufgenommen hat und die Tonspur erhalten geblieben ist. Auf der Aufnahme ist zu hören, wie Sharaban Volkan mehrmals die Anweisung gibt, auf keinen Fall Gnade zu zeigen. Zum Glück des Schwagers ist der vermeintliche Auftragsmörder allerdings gar kein Auftragsmörder. Volkan A. sackt zwar die 5000 Euro ein, taucht danach aber unter.
Später wird dieser Mann übrigens in einem separaten Verfahren zu einer Geldstrafe von 5000 Euro sowie zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt. Sharaban räumt diese Sache in einer schriftlichen Aussage bis zu einem gewissen Grad ein. Allerdings besteht sie darauf, Volkan A. habe als Erster vorgeschlagen, den Schwager umzubringen. Demnach habe Sharaban sich im Gespräch über ihren Schwager aufgeregt. Volkan habe dann gesagt, er könne den Schwager „auspusten wie eine Kerze“.
Darauf habe Sharaban nach eigener Aussage erst total entsetzt und ablehnend reagiert, und erst später habe sie sich an dieses Angebot erinnert. Die Anzahlung hat sie ja aber so oder so gemacht. Das leugnet sie auch nicht. Auch, wenn sie das später wohl bereut und nicht mehr gewollt habe, dass dem Schwager etwas passiert. Wie gesagt, glücklicherweise zieht Volkan A. die Sache nicht durch. Der Schwager bleibt am Leben und kann Rawan nach der Trennung von Sharaban unterstützen.
Das Leben der jungen Frau fällt mit der Trennung von Rawan also wie ein Kartenhaus in sich zusammen – das ist sechs Wochen vor dem Mord an Khadija O. Sie muss aus Ingolstadt wieder zurück zu ihren Eltern nach München ziehen. Und laut eines Zeugen wird Sharaban dort durch ihren Vater selbst zum Opfer häuslicher Gewalt. Er soll seine Tochter wohl geschlagen haben. Zudem soll Sharaban dort auch Ausgangsverbote bekommen haben.
Sowohl Sharaban als auch Rawan sind ja, wie bereits angesprochen, Jesiden. Im Prozess wird berichtet, in der jesidischen Kultur seien bei bröckelnden Beziehungen sogenannte „Schlichtungstreffen“ üblich. Also ein gemeinsames Treffen der Parteien inklusive Angehöriger beider Eheseiten. Auch zwischen den Familien von Sharaban und Rawan soll es zu solchen Schlichtungstreffen gekommen sein. Die entsprechenden Teilnehmer dieser Treffen sind ebenfalls als Zeugen vor Gericht geladen. Die meisten sagen, eine Scheidung sei im Jesidentum letztlich kein Problem.
Klar, eine beständige Ehe ist immer die schönere Option für alle Seiten, aber wenn’s eben nicht geht, dann geht es nicht. Nur einer der Zeugen sagt vor Gericht, eine Scheidung innerhalb der Religion sei eher verpönt. Aber wie bei jeder Religion gibt es im Jesidentum natürlich auch viel Interpretationsspielraum. Jeder legt seinen Glauben anders aus, egal welcher Religion man angehört. Von daher sind solche Einordnungen aus dem Zeugenstand vielleicht eher als Orientierung zu sehen und nicht für bare Münze zu nehmen.
Die Frage kommt deshalb auf, weil das Gericht herausfinden will, inwiefern Religion hier eine Rolle spielt. Hatte Sharaban vielleicht Angst vor gesellschaftlicher Ächtung, weil ihre Ehe gescheitert ist? Gibt es im Jesidentum besonders strenge Ansichten zu Trennungen, die dafür gesorgt haben, dass Sharaban lieber für tot gehalten werden wollte, als sich scheiden zu lassen? Um auch hier ein wenig vorwegzugreifen: Das Gericht wird später nicht zu dem Schluss kommen, dass Religion in diesem Fall eine große Rolle gespielt hat.
Sondern eben dazu, dass Sharaban aufgrund der Trennung von Rawan vor dem vermeintlichen Aus stand. Und dass sie irgendwie und irgendwo noch mal ganz neu anfangen wollte. Dass sie dafür ihren eigenen Tod vortäuschen wollte. Und dass Khadija O. genau deshalb sterben musste. Das zeigen auch weitere Zeugenaussagen aus Sharabans Umfeld. Einem Autohändler erzählte sie wenige Wochen vor dem Mord, es werde sie bald nicht mehr geben. Sie soll ihn gefragt haben, ob er ihr einen gefälschten Reisepass und K.O.-Tropfen besorgen könnte.
Sie macht im Freundeskreis Andeutungen über ihren Tod, informiert sich online dazu, was im Todesfall mit finanziellen Schulden des Verstorbenen passiert und berichtet gegenüber Freunden von einem „großen Plan“, sie werde „kranke Sachen machen“.
In den Sommermonaten 2022 soll Sharaban den Plan gefasst haben, nach einer jungen Frau zu suchen, die ihr möglichst ähnlich sieht. Erst soll sie über Dating-Apps Ausschau gehalten haben, später via Instagram. Erst versucht sie es mit der Masche des angeblichen Musikvideodrehs, als das nicht funktioniert, mit der Laserbehandlungs-Nummer. Als Khadija O. zum ersten Mal von Sharaban angeschrieben wurde, bemerkte sie durch ihre Nachfrage bei der Rapperin selbst, dass der Musikvideodreh Fake war. Aber dass die zweite Anfrage, die mit der angeblichen Behandlung, von derselben Person kam und ebenso ein Fake war, hat Khadija nicht erkannt. Und genau das wurde ihr leider zum Verhängnis.
Der Komplize
Von den Andeutungen und Anfragen bei männlichen Bekannten wissen wir ja, dass Sharaban offenbar nach einem Komplizen gesucht hat. Außer Volkan A. ist aber keiner auf Sharabans Gerede eingegangen. Und Volkan hatte ja auch nur geblufft und ist mit der Anzahlung abgehauen. Erst im Sommer 2022 hat Sharaban über einen Kumpel Sheqir kennengelernt. Und somit den Mann, der mit ihr auf der Anklagebank sitzen wird. Sheqir ist damals 25 Jahre alt, lebt mit seiner Mutter zusammen und hat ein paar Vorstrafen auf dem Kerbholz.
Kleinere Drogendelikte und eine gefährliche Körperverletzung, die er mit 18 begangen hat. Am Abend vor Khadijas Ermordung tauschen Sharaban und Sheqir mehrere Nachrichten aus. Sharaban schreibt ihm unter anderem: „Diggi, morgen geht’s ab“. Und „Alter, ich freu mich auf morgen.“
Wie schon erwähnt, sagt Sheqir K. vor Gericht gar nichts. Er setzt auf eisernes Schweigen. Während seiner Untersuchungshaft war Sheqir allerdings deutlich aktiver. Zumindest laut einem Mann, mit dem er sich eine Zelle geteilt hat. Der Mann kam früher raus. Und ihm soll Sheqir eine Art Todesliste in die Hand gedrückt haben.
Darauf waren unter anderem die Namen von einigen Zeugen in dem Fall zu lesen, die auf Wunsch von Sheqir „beseitigt“ werden sollten. Auf der Liste sollen dreizehn Namen inklusive zugehöriger Adressen gestanden haben. Neben fünf der Namen steht ein Pluszeichen – man geht davon aus, dass diese Leute wohl ermordet werden sollten, die übrigen verletzt und eingeschüchtert. Aber anstatt das zu erledigen, ist der Mithäftling zu einem Mitarbeiter der JVA gegangen und hat ihn über diese Sache informiert. Allerdings ist dieser Mithäftling als „Zinker“ bekannt und wollte in einen anderen Gefängnistrakt verlegt werden.
In Kriminalfällen kommt es immer wieder vor, dass Häftlinge ihre Mitinsassen belasten, um irgendwie selbst Vorteile zu bekommen. Ob das in diesem Fall überhaupt im Rahmen der Möglichkeiten wäre, kann man auf Basis der öffentlichen Infos nicht sagen. Auch nicht, ob Sheqir diese Todesliste wirklich geschrieben und in Auftrag gegeben hat.
Ob da wirklich etwas dran ist, könnte man nur von Sheqir direkt erfahren. Aber der sagt ja nichts. Selbst als Sharaban Sheqir in ihrer Aussage alle Schuld zuweist. Allerdings soll Sheqir laut eines Freundes kurz nach der Tat erzählt haben: „Ich hab für diese Hure ein unschuldiges Mädchen umgebracht.“ Warum er das aber gemacht hat – darüber rätselt man bis heute. Gegen Ende des Prozesses versuchen die Verteidiger von Sheqir noch mal, das Ruder rumzureißen. Mit einem recht eigenwilligen Ansatz: Mit Magie.
Der Magier und eine Pistole
Nicht Sheqirs Anwälte selbst greifen zu Magie – sondern sie stellen die Möglichkeit vor, ob Magie nicht mit dem Fall zusammenhängen könnte. In der Autotür von Sharabans Wagen hat man zwei Notizzettel gefunden. Darauf steht – nichts. Zumindest nichts Echtes. Auf den Zetteln sind Schriftzeichen zu sehen, die entfernt an das arabische Alphabet erinnern. Aber das ist es nicht, es sind einfach Kritzeleien in einem non-existenten Alphabet. Ebenfalls in der Autotür liegen Fotos von Sharaban und ihrem Noch-Ehemann Rawan.
Diese Schmierzettel werden für die Verteidigung von Sheqir K. zum letzten Grashalm der Hoffnung. Der Angeklagte schweigt immer noch, aber seine Anwälte stellen in den Raum, hinter den kryptischen Botschaften könnte schwarze Magie stecken. Und das könnte möglicherweise das Mordmotiv ändern, das im Raum steht. Und weil Sharaban ja die ganze Schuld auf Sheqir geladen hat, würde das zumindest die Last der Initiative von Sheqir nehmen.
Die steile These von Sheqirs Verteidigung: Sharaban habe einen jesidischen Schamanen beauftragt, der mithilfe von dunkler Magie ihre Ehe wieder ins Lot bringen sollte. Im Gegenzug für die Rückkehr ihres Ehemannes habe der vermeintliche jesidische Schamane aber ein Menschenopfer gefordert.
Der Mann, der von Sheqirs Anwälten beschuldigt wird, kann auch ausgemacht und vor Gericht geladen werden. Er weist jegliche Vorwürfe von sich. Die Notizzettel seien zwar von ihm, aber von einem Menschenopfer sei nie und nimmer die Rede gewesen. Die Schriftzeichen seien als Glücksbringer und Schutz für Autofahrten gedacht gewesen, damit Sharaban keinen Unfall baut. Sie seien deshalb in einem so unkenntlichen Alphabet geschrieben, weil er weder lesen noch schreiben kann. Der Versuch von Sheqirs Anwälten, dunkle Magie ins Spiel zu bringen, scheitert also kläglich.
Noch etwas anderes, das in dem Auto gefunden wurde, wird im Verlauf des Prozesses ebenfalls Thema. Vielleicht habt ihr euch beim Zuhören schon gefragt, wie denn Sharabans Eltern so schnell ihr Auto am Donauufer finden konnten. Ingolstadt ist schließlich nicht gerade klein. Deshalb und aufgrund einer Zeugenaussage entwickelt sich während des Prozesses die Theorie, im Auto habe sich ein Ortungsgerät befunden. Von Sharabans Eltern angebracht. Also durchsuchen die Ermittler das Auto von Sharaban noch einmal.
Und finden dabei etwas, das bis dahin nicht auf der Liste der sichergestellten Beweismittel stand: Eine Schreckschusspistole. Die eigentlichen Ermittlungen sind zum damaligen Zeitpunkt schon längst abgeschlossen. Und dass man während der Ermittlungen offenbar nicht mal diese Waffe im Auto gefunden hat, wirft nicht gerade ein gutes Licht auf die Arbeit der zuständigen Polizisten. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass ein Messer aus Sheqirs Wohnung nie an die Rechtsmedizin geschickt wurde – obwohl Khadija ja erstochen und die Tatwaffe nie gefunden wurde. Was es mit der Pistole auf sich hatte, wer von den beiden die Waffe mitgebracht hat und woher sie gekommen ist, ist nach jetzigem Stand nicht geklärt worden. Denn für eine Verurteilung der beiden Angeklagten reicht die Beweislage trotzdem allemal.
Das Urteil
Sheqir K. wird wegen des heimtückischen Mordes an Khadija O. zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Wegen der angeblichen Todesliste, die er in Haft geschrieben haben soll, gab es gegen Sheqir auch eine Anklage wegen Anstiftung zum Mord. Die wurde nach einem Antrag seines Anwalts jedoch fallengelassen.
Sharaban K. erhält ebenfalls lebenslänglich, wegen heimtückischen Mordes aus niedrigen Beweggründen sowie der versuchten Anstiftung zum Mord, inklusive einer Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Bei Sharaban ist die Anklage wegen der Anstiftung zum Mord an ihrem Schwager geblieben. Die eigentlich dafür angesetzte Haftstrafe von fünf Jahren fällt in diesem besonderen Fall jedoch weg – weil sie ja eh schon lebenslänglich hat und die besondere Schwere der Schuld festgestellt wurde. Um das Ganze zusammenzufassen, erzähle ich euch noch mal, was die Kammer letztendlich nun als erwiesen ansieht und auf welcher Basis diese Urteile zustande gekommen sind.
Der vorsitzende Richter hat zwar eingeräumt, dass Sharaban und Khadija sich nicht 1:1 ähnlich sehen, genau wie im Zeugenstand auch schon Khadijas beste Freundin. Aber trotzdem sieht die Kammer die Doppelgängerinnen-Theorie als bestätigt an. Ähnlichkeit ist ja ein Spektrum und kein Totalzustand. Anders als die Staatsanwaltschaft geht das Gericht davon aus, dass sich die Tat nicht komplett in dem Waldstück abgespielt hat. Sharaban selbst hatte in ihrer Aussage ja berichtet, sie und Sheqir hätten noch auf dem Parkplatz eines Baumarktes gehalten.
Und dort hätte Sheqir Khadija dann noch weiter mit einem Messer verletzt. Bis zu einem gewissen Grad geht das Gericht mit diesem Aspekt mit. Laut Feststellungen des Gerichts wurde Khadija im Wald durch Sheqir zunächst mit dem Schlagring sowie durch bis zu 47 Messerstiche verletzt. Diese Verletzungen hat die 23-Jährige aber zunächst überlebt. Auf dem Parkplatz hat Sheqir deshalb noch weitere neun Male auf Khadija eingestochen, um sicherzustellen, dass sie stirbt. Aber: Sharaban war die Drahtzieherin, hat den Mord geplant und dafür gesorgt, dass Khadija O. grausam sterben musste.
Indem Sharaban und Sheqir Khadija beide in eine Falle gelockt haben, haben beide das Mordmerkmal der Heimtücke erfüllt. Bei Sharaban kommen noch niedrige Beweggründe als Mordmerkmal hinzu, da sie ihren eigenen Tod vortäuschen wollte.
Die Verurteilung von Sheqir K. ist bereits rechtskräftig. Das Urteil gegen Sharaban wird im Sommer 2025 allerdings noch zur Prüfung an den Bundesgerichtshof weitergegeben. Es ist also noch nicht vollständig rechtskräftig, zumindest zum Zeitpunkt der Aufnahme. Sollte sich in diesem Fall etwas fundamental ändern und die Verurteilung von Sharaban zurückgezogen werden, dann werden wir das natürlich hier bei Insolito richtigstellen.
Trotz des Urteils gibt es in diesem Fall noch viele offene Fragen. Fragen, die wohl nie geklärt werden, sollten Sharaban und Sheqir nicht dazu auspacken. Was hatte es zum Beispiel mit der Schreckschusspistole auf sich, die später noch im Auto gefunden wurde – hat man die dabei gehabt, um Khadija zu bedrohen? Weshalb hat Sheqir Sharaban dabei geholfen, ein, wie er selbst sagte, „unschuldiges Mädchen“ umzubringen? Zumal Sheqir Khadija gar nicht kannte, und Sharaban wohl auch erst seit etwa zwei Wochen. Und wenn es wirklich Sharabans Plan war, eine Doppelgängerin zu ermorden, um selbst untertauchen zu können – weshalb war sie dann direkt nach der Tat und am Tag danach in Ingolstadt unterwegs, wo sie jeder hätte sehen können? Und auch sonst wirkt in diesem Fall vieles einfach unscharf.
Selbst in Medien, die den Prozess an jedem einzelnen Verhandlungstag verfolgt haben, finden sich teils widersprüchliche Angaben. Weil es eben dauernd neue Entwicklungen, Erkenntnisse, Aussagen und Ablenkungen gab. Wir konnten hier nur versuchen, die stringenteste Variante der Geschehnisse aufzuarbeiten. Bestimmt werden wir in Zukunft noch viel über diesen Fall hören. An einigen Verhandlungstagen waren Produktionsfirmen anwesend, die für große Streaming-Plattformen wie Netflix oder Prime tätig sind. Und vielleicht gibt es dann ja in einer möglichen Doku noch mal ganz neue Erkenntnisse. Und bis dahin hier bei Insolito wenigstens eine Zusammenfassung für euch.
Outro
Die regionale Presse hat vor allem den Gerichtsprozess wirklich akribisch dokumentiert und damit eine gute Quellenlage für dieses Video geliefert. Ohne die vielen Artikel wäre diese Doku so nicht möglich gewesen. An dieser Stelle möchte ich auch den Hinterbliebenen noch einmal viel Kraft wünschen. Ich glaube, was sie durchmachen mussten, können wir uns alle kaum vorstellen. Sehr viele von euch haben sich immer wieder ein Video zu dem Fall gewünscht, und ich hoffe, ich konnte eure Erwartungen erfüllen.
Schreibt mir sehr gern in die Kommentare, wie euch das Video gefallen hat – das ist auch ein ganz effektiver und simpler Weg, Insolito zu supporten. Genau wie mit einem Like oder einem Abo. Danke für all eure Unterstützung und auch für eure Geduld, wenn es um Videos zu euren gewünschten Fällen geht. Bis zum nächsten Mal, ciao. <3
Quellen
- Chronik zum „Doppelgängerinnen-Mord“ von Ingolstadt: Alle Entwicklungen im Überblick Passauer Neue Presse, 2024
- Polizisten sagen aus: Fingerabdrücke der Toten waren nicht in der Datenbank Donaukurier, 2024
- Doppelgängerinnen-Mord: Die Täterin suchte ihr Opfer per Instagram Südwest Presse
- Doppelgängerinnen-Mord: War sie wirklich seine Gefangene? Aussage gerät ins Wanken Donaukurier, 2024
- „Ich dachte, ich werde voller Hass reingehen, aber ich habe gar nichts empfunden" RTL, 2024
- Chat vom Abend vor dem Mord belastet Angeklagte im Doppelgängerinnen-Prozess Donaukurier, 2024
- Doppelgängermord: Komplize rechtskräftig verurteilt - doch kommt die Verurteilte frei? inFranken, 2025
- Mord in Ingolstadt: Wie aus der Toten die Hauptverdächtige wurde watson.ch
- Fachtag stellt neue Erkenntnisse zu häuslicher Gewalt gegen Männer vor BMBFSFJ, 2024
- Männer Opfer Partnerschaftsgewalt 2023 Statista
- Reha bei Histrionische Persönlichkeitsstörung MEDIAN Kliniken
- Prozess um den Doppelgängerinnen-Mord: Wusste „das ganze Piusviertel“ vor der Polizei Bescheid? Donaukurier, 2024
- Doppelgängerinnen-Mord: Verhängnisvolles Gespräch in der Zelle Donaukurier, 2024
- Doppelgängerinnen-Mord von Ingolstadt - Teil 1 - True-Crime-Podcast "Hinter schwäbischen Gardinen" YouTube, 2024
- Der Doppelgängerinnen-Mord – Das Urteil (Teil 2) YouTube, 2024
- Doppelgängerinnen-Verfahren: Zeugen sehen vermeintlich Tote und versuchen, sie festzuhalten Donaukurier, 2024
- Ex-Freund sagt im Doppelgängerinnen-Mordprozess aus – „Fahr los, sie wollen uns umbringen“ Donaukurier, 2024
- Zwei Jahre nach dem Doppelgängerinnen-Mord in Ingolstadt: Ein Rückblick Donaukurier, 2024
- Doppelgängerinnen-Mord: So arbeitete der Strafverteidiger Bayerischer Rundfunk, 2024
- Angeklagte im Doppelgängerinnen-Mord: Auch Tötung von Schwager nicht ihre Idee Donaukurier, 2024
- „Gutgläubig“: Beste Freundin des Opfers sagt im Doppelgängerinnen-Mordprozess aus Donaukurier, 2024
- Doppelgängerinnen-Prozess: Zeuge berichtet vom Treffen am Tattag Donaukurier, 2024
