Intro
Es ist wahrscheinlich der Albtraum von jeder Person, die in einem Krankenhaus arbeitet: Ein kleines Kind wird eingeliefert, mit unerklärlichen Symptomen. Man gibt alles, um den Zustand des Kindes zu stabilisieren, aber es bringt nichts. Das Kind stirbt. Aber was passiert, wenn die ohnehin schreckliche Geschichte hier noch nicht vorbei ist? Sondern wenn es Gründe für den Tod des Kindes gibt, die düsterer sind als alles, was man sich vorstellen möchte?
Ein schreckliches Unglück
Am 17. Januar 2014 ruft Lacey Spears aufgelöst eine Freundin an. Sie ist mit ihrem kleinen Sohn Garnett zuhause und ist sich ganz sicher: Garnett hat epileptische Anfälle. Die Freundin macht sich sofort auf den Weg zu Lacey nach Hause. Dort angekommen sieht sie, dass es dem fünf Jahre alten Garnett wirklich schlecht zu gehen scheint. Der Junge hat schon immer gesundheitliche Probleme. Garnett sitzt blass auf dem Sofa, neben ihm seine Ernährungssonde. Die Freundin stimmt Lacey zu; Garnett braucht dringend medizinische Hilfe. Lacey und ihre Freundin bringen den Jungen gemeinsam ins nahegelegene Nyack Hospital. Dort erzählt Lacey, dass ihr Sohn in den letzten Minuten ganze drei Anfälle gehabt habe.
Die Ärzte machen direkt ein EEG, können aber keine Auffälligkeiten feststellen. Trotzdem geht es Garnett richtig schlecht. Er klagt über Kopfschmerzen, hat Durchfall und übergibt sich. Irgendwann nehmen die Symptome, die Lacey für einen Anfall gehalten hat, wieder an Fahrt auf. Aber das EEG ist noch immer unauffällig. Stattdessen zeigt es eine deutliche Verlangsamung der Gehirnströme, und das versetzt die Ärzte natürlich in höchste Alarmbereitschaft. Garnett kann nicht länger selbstständig atmen und hat zudem deutlich erhöhte Natrium- und Chloridwerte.
Zwei Tage später ist dem Personal im Nyack Hospital klar, dass es bei diesem Fall Spezialisten braucht. Mit einem Hubschrauber wird der kleine Junge nach Westchester geflogen. Dort landet er im Maria Fareri Children’s Hospital auf der Intensivstation. Obwohl sich Spezialisten um seine Behandlung kümmern, verschlechtert sich der Zustand des Jungen aber immer weiter. Und am 22. Januar, fünf Tage nach seiner Einlieferung, erleidet Garnett ein Hirnödem und einen Hirnstamminfarkt. Daraufhin wird der kleine Garnett Spears für hirntot erklärt. Einen Tag darauf verstirbt er dann. Aber was steckt hinter diesen komischen Symptomen? Warum musste Garnett Spears sterben?
Eine merkwürdige Geschichte
Leider konnten die Mediziner den Jungen nicht mehr retten. Allerdings haben die Ärzte im ersten Krankenhaus eine Sache gemacht, die im Nachhinein dafür sorgt, dass man sich den Tod des kleinen Jungen noch mal ganz genau anschaut.
Weil das EEG beim ersten Mal ja unauffällig war, haben die Ärzte eine Kamera im Zimmer des Jungen aufgestellt, um gegebenenfalls weitere mysteriöse Anfälle filmen zu können. So sind knapp 42 Stunden Videomaterial entstanden. Und als das routinemäßig noch mal gesichtet wird, fällt etwas auf. Als Garnett erst mal ins Krankenhaus kommt, scheint sein Zustand sich ein wenig zu bessern. Über Nacht stabilisiert er sich, und eigentlich ist er am nächsten Vormittag wieder relativ gut drauf. Dann geht er gemeinsam mit seiner Mama ins Badezimmer. Lacey trägt einen Einsatz für Garnetts Magensonde sowie einen weißen Becher bei sich.
Als Garnett aus dem Bad rauskommt, verschlechtert sich sein Zustand und er muss spucken und bekommt heftigen Durchfall. Dann wird es wieder etwas besser, bevor Lacey und er nochmal ins Bad gehen und sich Garnetts Zustand kurz darauf wieder dramatisch verschlechtert. Und wieder hatte Lacey beim Badezimmergang den Einsatz und diesen weißen Becher dabei. Und dazu kommen noch diese unerklärlichen Natrium- und Chloridwerte.
Ein Arzt des Nyack Hospital zählt eins und eins zusammen. Er glaubt, dass Garnett Spears durch seine Magensonde eine tödliche Menge Salz verabreicht wurde. Das erklärt die auffälligen Blutwerte und die drastischen Symptome, nachdem er mit seiner Mutter im Bad verschwunden ist. Der Arzt schließt sich mit den Kollegen im zweiten Krankenhaus kurz. Man ist sich einig: Noch während Garnetts Leben gekämpft wird, schaltet man die Polizei ein. Denn die Ärzte vermuten, dass Garnetts Mutter Lacey hinter all dem steckt. Die Polizei leitet also Ermittlungen ein. Dadurch kann Garnett, der inzwischen verstirbt, natürlich nicht wieder zurückgebracht werden – aber nach und nach kristallisiert sich raus, dass man es hier nicht nur mit einem kranken Kind zu tun hat. Sondern mit einem Mordfall.
Lacey hat dafür gesorgt, dass Garnett schon als Säugling eine Magensonde gelegt wurde, um ihn flüssig ernähren zu können. Als Garnett ins Kindergartenalter kam, hat eine behandelnde Ärztin infrage gestellt, ob die Magensonde überhaupt noch notwendig ist. Aber Lacey hat sie nie entfernen lassen. Und das, obwohl Garnett ganz normal essen konnte. Wenn er bei Freunden zuhause war oder wenn es im Kindergarten Snacks gab, hat er immer ganz normal mitgegessen. Nur zuhause wurde er von seiner Mutter Lacey über die Magensonde ernährt.
Schon als er ein paar Monate alt war, war Garnett zum ersten Mal wegen auffälliger Natriumwerte im Krankenhaus. Die Ursache dafür konnte nie festgestellt werden. Lacey und Garnett sind ein paar Mal umgezogen. Und dadurch hat Lacey sich natürlich auch immer neue Ärzte gesucht, die die genaue medizinische Vorgeschichte des Kindes dann nur aus Laceys Erzählungen kannten. Als er drei war, sind die zwei in eine Gemeinde namens Fellowship in New York gezogen.
Das ist eine Art Projekt, bei dem jüngere Bewohner und Familien mit Senioren zusammenleben. Den Senioren wird im Alltag von den Bewohnern geholfen, und im Gegenzug dürfen die jüngeren Leute dort kostenlos wohnen. Auch Lebensmittel oder Kindergarten- und Schulplätze für Kinder werden bezahlt. Lacey kümmert sich hingebungsvoll um die Senioren, und die wiederum finden Garnett ziemlich süß. Lacey erzählt zwar allen von den schweren gesundheitlichen Problemen des Jungen, aber eigentlich kommt er allen ziemlich normal und aktiv vor.
Eine von diesen Seniorinnen bei der Fellowship bekommt einen Anruf von Lacey, als Garnett im Sterben liegt. Lacey weiß zu diesem Zeitpunkt schon, dass die Polizei eingeschaltet wurde und dass ihr Sohn hirntot ist. Das erzählt sie auch ihrer Fellowship-Nachbarin am Telefon. Sie bittet die Seniorin aber auch um etwas: Sie sollte in Laceys Wohnung gehen und den Beutel für die Magensonde, der dort hängen würde, in den Müll schmeißen. Das kommt der Nachbarin damals schon komisch vor. Heute weiß man: Das war wahrscheinlich ein Versuch von Lacey, ein Beweismittel verschwinden zu lassen.
Während Garnetts Kindheit hat Lacey mit ihm zahlreiche Ärzte und Krankenhäuser aufgesucht. Immer wieder hat sie bei neuen Medizinern dann von Diagnosen erzählt, die eigentlich längst widerlegt waren. Und ein paar Tage, bevor Garnett dann im Januar 2014 ins Krankenhaus kam, hat sie Dinge gegoogelt wie „Normale Natriumwerte für ein Kind“ und „Gefahren eines hohen Natriumspiegels bei einem Kind“. Bei einer Durchsuchung von Laceys Wohnung findet man, wie vom Arzt vermutet, zwei große angebrochene Salzpackungen und zwei Einsätze für Garnetts Magensonde, an der sich hohe Salzrückstände befinden. Mit anderen Worten: Lacey Spears hat ihr eigenes Kind vergiftet. Aber warum?
Das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom
Lacey hat Garnett bekommen, als sie zwanzig Jahre alt war. Der Vater heißt Chris Hill und war damals ein Nachbar von Lacey. Die beiden waren nicht wirklich fest zusammen, sondern haben sich eher locker gedatet. Für Lacey stand trotzdem immer fest, dass sie das Kind behalten und eigenständig erziehen wollte. Sie hat sich schon früh als Babysitterin ein Extra-Taschengeld verdient und hat später in einem Kindergarten gearbeitet. Sie hat immer sehr enge Verbindungen zu den betreuten Kindern und deren Familien aufgebaut – für den Geschmack mancher Familien hat sie sich sogar etwas zu sehr eingemischt.
Der Fall wird dem sogenannten Münchhausen-By-Proxy-Syndrom zugeordnet. Vielleicht kennt ihr es auch unter dem Namen Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom. Das ist eine psychische Störung, bei der eine Person absichtlich Symptome oder Krankheiten bei einer anderen Person hervorruft oder formuliert. Meistens passiert das in Eltern-Kind-Konstellationen. In diesem Fall hat Lacey das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom und simuliert eben die Krankheit ihres Kindes, Garnett. Und dabei geht sie so weit, bis Garnett durch ihre Täuschungen stirbt.
Sie hat Garnett absichtlich krank gemacht und angebliche Symptome erfunden, die ihr Kind eigentlich gar nicht hatte. Zu den Ursachen dieses Syndroms gibt es noch nicht viel Forschung. Man vermutet, dass oft ungelöste psychische Probleme zugrunde liegen. Genauer gesagt ein geringes Selbstwertgefühl oder früherer Missbrauch. Die Diagnose und Untersuchung ist schwierig, denn oft bleiben Menschen mit diesem Syndrom gut versteckt. Sie planen die gefakten Krankengeschichten ihrer Opfer so genau, dass es oft Jahre dauert, bis sie auffliegen, wenn überhaupt. Der Name kommt übrigens von einem deutschen Baron von Münchhausen, der im 18. Jahrhundert durch offensichtlich total übertriebene Lügengeschichten bekannt wurde.
Das Gesundheitssystem in den USA bietet ein paar Schlupflöcher für das Münchhausen-By-Proxy-Syndrom. Denn durch ein Gesetz in den USA können Ärzte ohne Erlaubnis der Eltern keine ärztlichen Befunde von anderen Medizinern anfordern oder Akteneinsicht erhalten. Und das macht es Eltern natürlich in der Theorie leichter, über den Gesundheitszustand ihrer Kinder zu lügen und so an Behandlungen zu kommen, die eigentlich gar nicht nötig sind. Das Ding ist, dass manche dieser Eltern aus ihrer eigenen, verqueren Sicht nichts falsch machen. Lacey Spears hält bis heute daran fest, dass sie das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom nicht hat. Sie sagt auch, sie habe das Salz nicht in die Einsätze für die Magensonde gefüllt. Als sie später vor Gericht kommt, argumentiert ihre Anwältin, dass auch in den Infusionen, die Garnett im Krankenhaus bekommen hat, Natrium war. Das stimmt natürlich, allerdings waren in den Behältern, die bei Lacey zuhause gefunden wurden, teilweise die Mengen von sechzig kleinen Salzpäckchen enthalten.
Und so viel hat natürlich keine Krankenhaus-Infusion. Die Verteidigung argumentiert aber, dass Garnett letztlich an einer unzureichenden medizinischen Behandlung gestorben sei. Und nun wollte man eben alles auf Lacey schieben. Die Beweislage lässt den Fall aber etwas anders aussehen.
Lacey hat auch über andere Sachen gelogen. Sie hat zum Beispiel behauptet, dass gar nicht Chris Garnetts Vater war, sondern ein Polizist namens Blake. Dieser sei heldenhaft bei einem Einsatz gestorben. Auf Social Media postet Lacey sogar eine Erinnerung an die Trauerfeier für Blake und darüber, wie sehr sie ihn vermissen würde. Diesen Polizisten namens Blake gibt es übrigens wirklich. Allerdings ist der putzmunter und auch heute noch im Dienst. Er hat Lacey zehn Jahre zuvor zwei- oder dreimal getroffen. Erst durch die Ermittlungen gegen Lacey erfährt er, dass sie ihn jahrelang als vermeintlichen Vater ihres Sohnes dargestellt hat.
In den Krankenakten von Garnett findet man schon früh Red Flags. Als der Junge gerade erst fünf Wochen alt war, hat ein Arzt in seinen Unterlagen schon die Vermutung vermerkt, Lacey Spears könnte das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom haben. Allerdings hat Lacey immer dann, wenn ihre Stories nicht mehr aufgingen, einfach den Arzt gewechselt. Und genau so konnte sie immer weiter machen – bis ihr Sohn schließlich im Alter von nur fünf Jahren gestorben ist.
Outro
Lacey Spears wurde wegen Mordes zweiten Grades zu einer Haftstrafe von zwanzig Jahren verurteilt. Sie wird frühestens im Juni 2034 auf Bewährung freikommen können und sitzt auch heute noch im Gefängnis. Lacey sagt außerdem, sie sei nie von einem Psychiater mit Münchhausen-By-Proxy diagnostiziert worden. Sie sei kerngesund und sitze zu Unrecht im Gefängnis. Das Gericht hingegen hat es als erwiesen angesehen, dass Lacey das Syndrom hat und dass ihr Sohn letztendlich genau deshalb gestorben ist.
Der wohl bekannteste Münchhausen-By-Proxy-Fall ist der von Gypsy Rose Blanchard. Dazu gab es hier auf dem Kanal auch schon mal ein Video. Das ist allerdings schon etwas älter und inzwischen gibt es viele neue Hintergründe und Entwicklungen zu der Sache. Würdet ihr euch zum Fall von Gypsy Rose und ihrer Mutter vielleicht auch noch mal eine ganz ausführliche Doku wünschen? Bei Rebecca Reusch oder dem Snapchat-Mörder habe ich ja nach dem ersten Upload auch noch mal ausführlichere neue Versionen gemacht, und ich glaub, das kam ganz gut an bei euch. Lasst mich gern einfach in den Kommentaren wissen, ob ein langes Video zu dem Fall spannend für euch wäre.
Oder natürlich auch, ob es einen anderen Fall gibt, den ich hier nur in gekürzter Form aufgearbeitet habe, von dem ihr aber gern eine lange Doku sehen wollt. Ich bin gespannt auf eure Vorschläge und freue mich, von euch zu lesen. Lasst gern ein Like da, wenn euch das Video gefallen hat und abonniert den Channel, um kein neues Video zu verpassen. Vielen Dank und bis zum nächsten Mal.
