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Springfield, Missouri, 2015–2019

Gypsy Rose Blanchard

Eine Mutter wird 2015 in Missouri tot aufgefunden, ihre kranke Tochter ist verschwunden.

Lesezeit etwa 10 Minuten

Worum es geht

Dee Dee Blanchard pflegt ihre Tochter Gypsy Rose, die nach Darstellung der Mutter seit dem Säuglingsalter an zahlreichen schweren Krankheiten leidet, und erhält dafür Lob und Unterstützung von Nachbarn, Hilfsorganisationen und Fernsehteams. Nach dem Hurrikan Katrina zieht die Familie in ein von einer Hilfsorganisation gebautes Haus in Springfield, Missouri. Im Juni 2015 fallen Freunden seltsame Facebook-Beiträge auf Dee Dees Profil auf, daraufhin findet die Polizei Dee Dee tot in ihrem Haus, und von Gypsy fehlt jede Spur. Die Ermittlungen führen zu einem jungen Mann in Wisconsin und zu einer Wahrheit, mit der niemand gerechnet hat.

Commercial Street Historic District in Springfield, Missouri
Commercial Street Historic District in Springfield, Missouri. Foto: Diedrichb, CC BY-SA 4.0, über Wikimedia Commons.

Intro

Dee Dee Blanchard kümmerte sich seit der Geburt ihrer Tochter Gypsy Rose aufopferungsvoll um das kranke Mädchen. Nur wenige Tage nach ihrer Geburt begann eine nicht enden wollende Verknüpfung diverser Erkrankungen und Beeinträchtigungen. Ihre gesamte freie Zeit galt von da an der Pflege ihrer kleinen Tochter. In den nächsten Jahren bekam die warmherzige Mutter Unterstützung von der Bevölkerung, gemeinnützigen Organisationen und Fernsehteams. Doch 2015 geschah etwas Grausames. Dee Dee Blanchard wurde in ihrem Haus brutal ermordet und von Gypsy Rose fehlte jede Spur.

Dee Dee und Rod

Clauddine Pitre, von allen nur Dee Dee genannt, wurde am 03. Mai 1967 in Louisiana geboren. Sie hatte noch vier weitere Geschwister. Meistens war ihr Verhältnis zu ihrer Familie gut, doch wenn es nicht nach Dee Dees Willen ging, fing sie an ihre Familie zu bestehlen – aus Trotz. Als sie älter wurde, hörte sie damit allerdings auf und begann später einen Job als Krankenschwester. Im Alter von 24 Jahren wurde sie von ihrem damaligen Freund Rod Blanchard schwanger. Die beiden hatten kurze Zeit zuvor geheiratet, wo Dee Dee auch seinen Nachnamen annahm.

Die Schwangerschaft war nicht geplant und der Vater des Kindes war zu dem Zeitpunkt gerade einmal 17 Jahre alt. Im letzten Drittel der Schwangerschaft bereute Rod die Ehe und trennte sich letztendlich von Dee Dee. Diese versuchte ihn zunächst zurückzugewinnen, doch als das nicht funktionierte, ging sie mit ihrer Tochter fort und verbot ihm, sie zu sehen. Am 27. Juli 1991 wurde Gypsy Rose geboren. Dee Dee, die nun allein war, kümmerte sich aufopferungsvoll um ihre Tochter. Doch bereits als Säugling schien Gypsy diverse Krankheiten zu entwickeln.

Gypsys Krankheitsgeschichte

Nur wenige Wochen nach Gypsys Geburt ging Dee Dee mit ihr zum Arzt. Sie erzählte, dass Gypsy unter Schlafapnoe leide und nachts oft aufhöre zu atmen. Die Ärzte überprüften dies und konnten keine Erkrankung, die die Symptome auslösen könnte, finden. Doch nur wenige Monate später suchte Dee Dee erneut voller Sorge den Kinderarzt auf. Sie sagte, Gypsy würde nun an starken Krampfanfällen leiden. Der Arzt untersuchte Gypsy erneut und verschrieb ihr letztendlich Medikamente gegen Epilepsie.

Zunächst schien es Gypsy mit den Medikamenten wirklich besser zu gehen und sie lebte glücklich mit ihrer Mutter in einer kleinen Sozialwohnung in Slidell in Louisiana. Doch dann verschlechterte sich ihr Zustand wieder. Dee Dee und Gypsy wurden von den Nachbarn sehr gemocht. Besonders Dee Dee bekam viel Lob und Unterstützung für ihre aufopferungsvolle Pflege ihrer Tochter. Denn Gypsy hatte eine Leukämie entwickelt und saß mittlerweile im Rollstuhl. Sie musste stets eine Sauerstoffflasche aufgrund ihres starken Asthmas bei sich tragen. Außerdem litt sie unter einem Hirnschaden, Muskelschwund und starken Augenproblemen.

Da blieb für Dee Dee wenig Zeit, um sich um etwas anderes zu kümmern als um ihre Tochter. Doch sie beschwerte sich nie. Sie unterrichtete ihre Tochter liebevoll und engagiert zuhause, da sie nicht mehr in der Lage war, die Schule zu besuchen, und versuchte ihr ein möglichst normales Leben zu ermöglichen. Gypsys Vater wollte nichts von seiner Tochter wissen. Dee Dee sagte, er sei alkohol- und drogenabhängig und mache sich über die Krankheiten seiner Tochter lustig.

Doch die beiden bekamen glücklicherweise von anderen Seiten Unterstützung. Das Schicksal von Gypsy geriet an die Öffentlichkeit und mehrere gemeinnützige Organisationen wendeten sich an die kleine Familie. Der Anblick der schmächtigen Gypsy, mit ihrer großen Brille, den fehlenden Haaren, ihrem zahnlosen Mund und ihrem trotzenden Lächeln, erwärmte die Herzen der Bevölkerung. Noch mehr Aufmerksamkeit bekamen sie dadurch, dass der Hurrikan Katrina ihr Zuhause im August 2005 verwüstete, wodurch sie keine Bleibe mehr hatten.

Ihnen wurde glücklicherweise von der Organisation Habitat for Humanity ein Bungalow in Springfield in Missouri gebaut, in den die beiden kurz darauf zogen. Weitere Hilfsorganisationen machten Ausflüge ins Disneyland und Urlaubsreisen möglich, die Gypsy bisher verwehrt blieben. Dee Dee sprach immer wieder auf Bühnen und in Talkshows darüber, wie es war, mit einem schwer kranken Kind zu leben, und machte dabei anderen Familien Mut. Langsam schien das beschwerliche Leben der beiden etwas besser zu werden.

Der Mord an Dee Dee

Im Juni 2015 fielen verstörten Freunden von Dee Dee komische Facebook-Posts auf ihrem Profil auf. In einem stand „Die Bitch ist tot!“ und in einem anderen „Ich habe das fette Schwein aufgeschlitzt und ihre süße unschuldige Tochter vergewaltigt… Ihr Schrei war soooo laut. LOL.“ Als es ihnen nicht gelang, Dee Dee zu kontaktieren, alarmierten sie die Polizei. Diese machten sich sofort auf den Weg zum Haus der Blanchards. Unmittelbar als sie dieses betraten, stach ihnen ein metallischer Geruch in die Nase.

Nur wenige Schritte weiter fanden sie Dee Dees Leiche in ihrem Schlafzimmer. Die 47-Jährige wurde mit 17 Messerstichen in ihrem Bett erstochen. Sie schien bereits mehrere Tage tot zu sein. Von Gypsy fehlte jede Spur. Die Bevölkerung war bestürzt. Wer würde einer sowieso schon vom Schicksal gestraften Familie so etwas Grausames antun? Es wurde eine GoFundMe-Kampagne gestartet, um Dee Dees Beerdigung zu bezahlen und Gypsy zu helfen, sollte diese noch am Leben sein.

Man ging davon aus, dass Gypsy entführt wurde und fing sofort an, nach dem hilflosen Mädchen zu fahnden. Schnell bekam die Polizei Hinweise von Aleah Woodmansee, einer Nachbarin und Freundin der Familie. Gypsy hatte einen geheimen Facebook-Account, über den sie mit Aleah Kontakt hatte. Dort hätte sie ihr erzählt, dass sie vor über zwei Jahren auf einer christlichen Datingplattform einen jungen Mann namens Nicholas Godejohn kennengelernt hätte. Die beiden hätten regelmäßig Kontakt gehabt und seien mittlerweile ein Paar. Gypsy hätte nicht gewollt, dass ihre Mutter davon erfuhr, da sie es nicht gutheißen würde. Aber Aleah vertraute sie, weswegen sie ihr davon erzählt hat.

Die Polizei überprüfte Nicholas Godejohn und fand heraus, dass der damals 25-Jährige aus Big Bend in Wisconsin stammte. Sie hatten zuvor auch die IP-Adresse überprüft, über die man die Facebook-Posts von Dee Dees Profil gesendet hatte. Auch diese Spur führte nach Big Bend. Die Polizei machte sich sofort auf den Weg zu Nicholas' Haus. Sie hatten keine Zeit zu verlieren, schließlich brauchte Gypsy dringend ihre Medikamente, wenn diese überhaupt noch am Leben war.

Doch die Ermittler staunten nicht schlecht, als sie das Haus in Big Bend umstellten und ihnen dort nicht nur Nicholas, sondern auch Gypsy entgegenkamen. Gypsy ging aufrecht, ohne Sauerstoffflasche oder Rollstuhl.

Die Wahrheit

Sowohl Nicholas als auch Gypsy wurden daraufhin mit aufs Polizeirevier genommen. Man konfrontierte Gypsy mit dem Tod ihrer Mutter und während sie zunächst so tat, als hätte sie nichts davon gewusst und sei am Boden zerstört, änderte sich irgendwann ihre Haltung und sie beschloss den Polizisten die grausame Wahrheit hinter ihrem Leben zu erzählen. Gypsy war in dem Glauben aufgewachsen, schwer krank zu sein. Doch irgendwann, im Alter von sieben oder acht Jahren, änderte sich ihre Wahrnehmung und sie begann Dinge zu hinterfragen. Ihre Mutter Dee Dee gab ihr zahlreiche Medikamente, dabei fühlte Gypsy sich gar nicht krank. Sie zwang sie dazu, im Rollstuhl zu sitzen, obwohl sie eigentlich laufen konnte.

Dee Dee rasierte ihre Haare und erzählte ihr, dass ihr diese aufgrund der Leukämie ausfallen würden. Sie ließ sie nicht ihre Zähne putzen und als ihr diese nach und nach ausfielen, begründete sie auch das mit ihren zahlreichen Krankheiten. Obwohl sie nie Probleme mit den Augen hatte, schleppte ihre Mutter sie zu zahlreichen Augenärzten, bis einer davon Gypsy an den Augen operierte. Nur langsam fing Gypsy an, an dem, was ihre Mutter sagte, zu zweifeln. Mit jedem Jahr setzte sie mehr Puzzleteile zusammen.

So war ihr zum Beispiel ihr eigenes Alter nicht bekannt. Als sie 18 war, wurde ihr erzählt, sie sei erst 14. Bei dem Tod ihrer Mutter war sie bereits 23, musste sich aber vor Fremden als deutlich jünger ausgeben. Dee Dee Blanchard litt an dem sogenannten Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom. Eine Erkrankung, bei der der Erkrankte eine andere Person bewusst krank macht und Krankheiten erfindet oder verursacht, um die Rolle des aufopfernden Pflegenden übernehmen zu können.

Doch es dauerte viel zu lange, bis das jemandem auffiel. Immer wieder kamen Ärzte Dee Dee auf die Schliche. Aber diese sagte, dass alle Unterlagen über Gypsys Diagnosen bei dem Hurrikan Katrina verloren gingen. Und falls jemand kurz davor war, ihre Lügen zu entlarven, zog Dee Dee mit Gypsy schnell in eine andere Stadt. So waren sie in der Vergangenheit schon sehr oft umgezogen. Und irgendwann traute sich niemand mehr an ihrer Geschichte zu zweifeln, da sie eine solch große mediale Präsenz gewonnen hatten.

Gypsy erfuhr auch, dass ihr Vater gar nicht drogenabhängig war und sie nie verspottete. Stattdessen versuchte dieser immer wieder Kontakt zu seiner Tochter aufzunehmen, doch Dee Dee erstickte dies stets im Keim. Als Gypsy das im Alter von 19 Jahren alles miteinander verknüpft hatte und ihr klar wurde, dass sie eigentlich vollkommen gesund war, versuchte sie wegzulaufen. Doch Dee Dee schaffte es, sie zuhause einzusperren. Sie kettete sie ans Bett und zerstörte ihr Handy sowie ihren Computer.

Gypsy war völlig verzweifelt. Sie wusste um die überzeugende Art ihrer Mutter und befürchtete, dass ihr niemand glauben würde. Irgendwann begann sie heimlich einen Computer zu nutzen und lernte so Nicholas kennen. Sie vertraute ihm und erzählte das erste Mal in ihrem Leben jemand anderem ihre Geschichte. Nicholas glaubte ihr und wollte sie unbedingt vor ihrer Mutter retten. Irgendwann bat Gypsy ihn dann darum, dass er ihre Mutter umbringen soll.

Nicholas, der ihr nur helfen wollte, willigte ein. Er kam eines Abends im Juni 2015 nach Springfield und wartete, bis Dee Dee schlafen gegangen war. Anschließend ließ ihn Gypsy ins Haus. Sie gab ihm Klebeband, Handschuhe und ein Messer. Daraufhin versteckte sich Gypsy im Badezimmer und hielt sich die Ohren zu. Nicholas tötete Dee Dee mit 17 Messerstichen in den Rücken und ging dann zurück zu Gypsy. Die beiden hatten anschließend Sex in Gypsys Kinderzimmer, nahmen 4.000 Dollar und flüchteten dann in ein Motel in Springfield. Dort blieben sie einige Tage, bevor sie zu Nicholas nach Hause fuhren.

Gypsy gestand, dass sie selbst die Posts auf dem Facebook-Account ihrer Mutter veröffentlichte, weil sie wollte, dass die Leute endlich aufhörten Geld an sie zu spenden. Auch Nicholas gestand ohne Zögern die Tat. Er sagte, dass er Dee Dee auf Gypsys Wunsch hin tötete, um dieser zu helfen. Daraufhin blieben die beiden in Haft und der Öffentlichkeit wurden die Informationen über Dee Dee Blanchard mitgeteilt. Die Bevölkerung und Dee Dees Freunde waren schockiert. Nie hätten sie damit gerechnet.

Im Juli 2015 wurde Gypsy zu 10 Jahren Haft verurteilt. Sie gestand bei dem Prozess, dass die Idee, ihre Mutter zu töten, einzig und allein von ihr ausging. Sie wollte endlich frei und glücklich sein. Den Mord allerdings beging Nicholas allein. Seine Verurteilung zog sich bis ins Jahr 2019. Immer wieder wurde der Fall neu aufgerollt und neu verhandelt. Die SMS, die sich Gypsy und er schickten, um den Mord zu planen, wurden verlesen. Die beiden sprachen immer in dritter Person und redeten von ihrer „bösen Seite“, die den Mord ausüben würde. Am Ende schrieb Gypsy ihm: „Ich möchte dir noch Danke sagen. Du bist mein Held. Und ich werde dich NIEMALS verlassen. Ich werde bei dir bleiben bis in die Ewigkeit.“

Es kam außerdem heraus, dass Nicholas Autist war und nur einen IQ von 82 hatte. Das bewahrte ihn letztendlich vor der Todesstrafe. Im Februar 2019 wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt. Gypsy sitzt derzeit noch ihre Haftstrafe ab und sagte bei einem Interview im Jahr 2018: „Ich fühle mich im Gefängnis freier, als ich es mit meiner Mutter je war. Denn hier kann ich einfach wie eine normale Person leben.“

Nachdem Gypsys Fall in einer HBO-Doku behandelt wurde, kontaktierte sie ein Mann, der von ihrem Schicksal beeindruckt war. Die beiden kamen zusammen und sind heute noch verlobt. Nach Gypsys Haftentlassung wollen die beiden heiraten. Zu Nicholas hat sie keinen Kontakt mehr.

Epilog

Und damit sind wir schon am Ende des heutigen Videos angelangt. Ein schockierender Fall mit einer unerwarteten Wendung. Oder habt ihr sie kommen sehen? Was denkt ihr über das Urteil von Gypsy und Nicholas? Ist das eine faire Strafe, bei dem Leid, das Gypsy ihr Leben lang ertragen musste? Diskutiert darüber gerne in den Kommentaren oder auf meinem Discord. Ich hoffe, das heutige Video hat euch gefallen. Lasst doch gerne ein Abo, einen Daumen nach oben und/oder einen Kommentar da. Mit nur zwei Mausklicks und ein paar Tastaturanschlägen unterstützt ihr diesen Kanal enorm. Folgt mir auch auf Instagram oder auf meinem Discord, wenn ihr das noch nicht tut. Dort machen wir Umfragen und ihr bekommt alle brandaktuellen Infos mit. Die Links dazu findet ihr in der Videobeschreibung. Vielen Dank schon mal im Voraus. Und auch vielen Dank fürs Zugucken. Wir sehen uns beim nächsten Video wieder. Gute Nacht und bis dann.

Quellen

  1. The Bizarre Case of Gypsy Rose Blanchard YouTube, 2019
  2. Murder of Dee Dee Blanchard Wikipedia (englisch)
  3. The Edge theedge.co.nz
Fallakte
Orte
Springfield, Slidell, Big Bend, Missouri, Louisiana, Wisconsin
Region
Missouri
Land
USA
Jahr
2015–2019
Status
Gelöst
Fallart
Tötungsdelikt, Familie & Partnerschaft, Kinder & Jugendliche, Betrug & Täuschung
Personen
Gypsy Rose Blanchard, Dee Dee Blanchard, Nicholas Godejohn, Rod Blanchard, Aleah Woodmansee
Lagekarte
Kartendaten: Natural Earth