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Myrtle Beach, South Carolina, 2013

Heather Elvis

Eine 20-Jährige aus Myrtle Beach verschwindet 2013 nach einem nächtlichen Anruf spurlos.

Lesezeit etwa 29 Minuten

Worum es geht

Im Dezember 2013 wird das Auto der 20-jährigen Heather Elvis verlassen an einem Bootsanleger bei Myrtle Beach gefunden, von ihr selbst fehlt jede Spur. In der Nacht ihres Verschwindens trifft sie sich zunächst mit einem Date und erzählt danach ihrer Mitbewohnerin am Telefon, dass sich ihr früherer Geliebter wieder gemeldet habe. Die Ermittler stoßen auf eine Affäre mit einem verheirateten Mann, auf Eifersucht und auf Widersprüche in Aussagen, Telefondaten und Videoaufnahmen. Weil es keine Leiche und kaum direkte Beweise gibt, wird der Fall zu einem langen juristischen Ringen. Bis heute ist unklar, was genau mit Heather geschehen ist.

Drehbrücke in Socastee, South Carolina
Drehbrücke in Socastee, South Carolina. Foto: Ron Osborne, Public domain, über Wikimedia Commons.

Intro

Am Abend des 19. Dezember 2013 bekommt Terry Elvis einen ungewöhnlichen Besuch. Als es an der Tür klopft und er öffnet, steht vor ihm ein Polizist. Er sagt, ein auf seinen Namen zugelassenes Auto würde schon seit mehr als einem Tag unerlaubt am Peachtree-Bootsanleger in Socastee stehen. Terry bekommt sofort ein mulmiges Gefühl. Neben seinem eigenen Auto ist nur ein weiteres Fahrzeug auf Terrys Namen zugelassen – das Auto von seiner 20 Jahre alten Tochter Heather.

Terry macht sich gemeinsam mit dem Polizisten auf den Weg nach Socastee und findet dort tatsächlich das Auto seiner Tochter vor. Es ist abgeschlossen und steht in einer merkwürdigen Position da, quer über mehreren Parkbuchten. Als Terry es mit seinem Zweitschlüssel öffnet, findet er in dem Auto weder Heathers Handtasche noch ihr Handy, nur ihre Kreditkarte hat sie zurückgelassen.

Ihr Auto einfach irgendwo so abzustellen, passt überhaupt nicht zu Heather. Ihr Vater versucht, Heather anzurufen – doch es springt sofort die Mailbox an. Offenbar ist ihr Handy ausgeschaltet. Ein weiteres Alarmzeichen für die Familie – denn der jungen Frau ist es sehr wichtig, ständig erreichbar zu sein.

Heathers Familie entschließt sich dazu, eine Vermisstenanzeige bei der Polizei aufzugeben. Doch man wird Heather Elvis nicht finden. Stattdessen stoßen die Ermittler auf ein Netz aus Lügen und Intrigen, umschlossen von gekränkten Gefühlen und Eifersucht. Und auf jemanden, der eine Person so sorgfältig verschwinden lassen kann, dass sie auch zehn Jahre später noch immer vermisst wird.

Als hätte sie eine dunkle Vorahnung gehabt, schreibt Heather nur drei Monate vor ihrem Verschwinden auf Twitter: „Es waren einmal ein Engel und ein Teufel, die sich ineinander verliebten. Es ging nicht gut aus.“

Das Verschwinden

Heather Elvis ist 20 Jahre alt. Sie ist das mittlere von drei Kindern. Ihr älterer Bruder ist zehn Jahre älter, ihre kleine Schwester Morgan vier Jahre jünger. Die Geschwister haben ein sehr enges Verhältnis untereinander, vor allem die beiden Schwestern sind ein Herz und eine Seele. Die Familie Elvis lebt im Touristenort Myrtle Beach an der Küste des Atlantiks. Heather zieht aber schon früh von zuhause aus und lebt mit Freunden in WGs. Sie ist nicht nur sehr selbstsicher, sondern auch selbstständig und genießt ihre Freiheiten. Dennoch hat sie auch im Erwachsenenalter noch ein Zimmer bei ihren Eltern, die sie regelmäßig besucht.

Schon als Jugendliche ist Heather eine fleißige Schülerin und engagiert sich in ihrer Kirchengemeinde. Sie hat große Träume und liebt es, sich kreativ auszuleben. Sie zeichnet und singt und interessiert sich für Modedesign und Make-up.

Deshalb beginnt sie nach der High School eine Ausbildung zur Kosmetikerin. Nebenbei arbeitet sie in einem Sport-Pub namens Tilted Kilt. Tilted Kilt ist eine US-amerikanische Kette und eine Mischung aus Bar und Restaurant. Das Alleinstellungsmerkmal des Franchises ist vor allem die äußerst knappe Bekleidung der dort angestellten, ausschließlich weiblichen Kellnerinnen.

Die Arbeit im Tilted Kilt gefällt Heather gut, sowohl bei den Kunden als auch bei den Mitarbeiterinnen ist sie mit ihrer offenen Art und ihrem herzlichen Lachen beliebt. Mit einer ihrer Kolleginnen, Brianna, wohnt sie gemeinsam in einer WG.

Doch als die Ermittler die Wohnung nach der Vermisstenmeldung im Dezember 2013 aufsuchen, ist sie leer. Brianna ist wegen der anstehenden Weihnachtsfeiertage schon ein paar Tage zuvor zu ihrer Familie gefahren. Von der vermissten Heather fehlt auch in ihrer Wohnung jede Spur.

Dort ist es zwar sehr chaotisch, Kleidung ist in den Räumen verstreut und Heathers halb für Weihnachtstage gepackter Koffer liegt herum – aber etwas Ungewöhnliches können die Ermittler nicht finden. Das schürt die Sorgen von Heathers Familie jedoch nur noch weiter. Die Polizei beginnt, im Vermisstenfall Heather Elvis zu ermitteln.

Gleichzeitig wird versucht, die Zeit vor Heathers Verschwinden zu rekonstruieren. Das letzte Lebenszeichen der 20-Jährigen gab es in der Nacht vom 17. auf den 18. Dezember 2013. An diesem Abend hatte sie ein Date mit einem Mann namens Stephen Schiraldi. Die beiden sind schon gemeinsam zur High School gegangen und sind über Instagram wieder miteinander in Kontakt gekommen. Stephen fand Heather attraktiv und hatte sie daraufhin über die Plattform angeschrieben und nach einem Treffen gefragt.

Vor der Verabredung mit Stephen schaut Heather am 17. Dezember noch bei ihren Eltern vorbei. Danach bricht sie zum Date auf. Zunächst gehen die beiden gemeinsam essen, danach fahren sie zum Einkaufszentrum Inlet Square Mall. Während der Verabredung schickt Heather ihrem Vater ein Foto – es zeigt Heather, wie sie auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums hinterm Steuer von Stephens Autos sitzt. Sie probiert zu lernen, mit Gangschaltung zu fahren und scheint sichtlich Spaß zu haben. Ihr Vater Terry hatte zuvor schon erfolglos versucht, es Heather beizubringen. Nun schickt sie ihm dieses Foto und schreibt dazu: „Ich habe gerade gelernt, mit Gangschaltung zu fahren. Ich bin ein Pro!“

Danach fahren die beiden zu Stephen nach Hause und sehen sich gemeinsam einen Film an. Um ungefähr 1:15 Uhr morgens setzt Stephen Heather an ihrer Wohnung am River Oaks Drive ab. Heather lädt ihn noch kurz ein, sich ihre Wohnung anzuschauen. Die beiden küssen sich zum Abschied, bevor Stephen wieder nach Hause fährt. Stephen ist gegenüber der Polizei sehr kooperativ und beschreibt das Date mit Heather bis ins kleinste Detail. Er scheint die letzte Person zu sein, die Heather Elvis je gesehen hat.

Doch nach dem Date mit Stephen hatte Heather noch einen Anruf getätigt. Sie rief ihre Mitbewohnerin Brianna an, um ihr von dem Date mit Stephen vorzuschwärmen. Nach ein paar Minuten verabschiedeten sie sich voneinander. Doch nur ein paar Minuten später klingelte Briannas Handy erneut. Wieder war Heather dran – doch obwohl sie eben noch glücklich und aufgekratzt war, ist nun das Gegenteil der Fall. Brianna erinnert sich, Heather sei am Boden zerstört gewesen.

Heather erzählt Brianna, dass sie gerade einen Anruf erhalten habe. Sidney wolle sie sehen. Allein der Name reicht, damit bei Brianna alle Alarmglocken schrillen. Erst vor anderthalb Monaten war die Beziehung von Heather und ihrem Ex Sidney Moorer in die Brüche gegangen – auf eine denkbar unschöne Weise. Heather hatte sich gerade erst wieder davon erholt. Doch nun berichtet Heather ihrer Freundin, Sidney habe seine Meinung geändert und wollte sie sehen. Er habe gesagt, er würde Heather zu sehr vermissen und wieder mit ihr zusammen sein wollen.

Brianna hat von dem Drama zwischen Sidney und Heather schon lange genug. Sie sagt Heather ihre ehrliche Meinung: Heather solle es gut sein lassen und sich von Sidney fernhalten. Immerhin ist das Leben ihrer Freundin gerade endlich dabei, sich wieder zum Guten zu wenden. Heather scheint einzusehen, dass Brianna irgendwie recht hat. Sie sagt, sie wolle erst einmal eine Nacht drüber schlafen. Die Freundinnen verabschieden sich gegen 2 Uhr in der Nacht am Telefon voneinander. Es wird das letzte Gespräch der beiden Freundinnen sein.

Eine verhängnisvolle Beziehung

Etwa die Hälfte aller US-Amerikaner wurde schon einmal von einem Beziehungspartner betrogen. Untersuchungen zeigen weiterhin, dass etwa ein Drittel zugibt, selbst schon einmal die betrügende Person in einer Beziehung gewesen zu sein. Wenn so etwas herauskommt, endet das für die meisten Paare mit einer Trennung und viel Wut. Die Situation ist unangenehm, enttäuschend und verletzend – und es braucht Zeit, bis man darüber hinwegkommt.

Als der 37-jährige Sidney Moorer eine Affäre mit der 20-jährigen Heather beginnt, ist es nicht das erste Mal, dass er seiner Frau fremdgeht. Das Verhältnis zwischen Heather und Sidney beginnt ein paar Monate vor ihrem Verschwinden. Die beiden lernen sich im Frühling 2013 auf der Arbeit im Tilted Kilt kennen.

Sidney ist Hausmeister und hat den Auftrag erhalten, die Theke des Pubs zu reparieren. Schon nach den ersten Begegnungen mit Sidney beginnt Heather, für den älteren Mann zu schwärmen. Und auch er hat Interesse an der jungen Frau. Eigentlich arbeitet er nur spätabends oder nachts, wenn das Tilted Kilt schon geschlossen ist. Doch seitdem er und Heather miteinander flirten, kommt er immer wieder auch außerhalb seiner Arbeitszeiten vorbei. Er besucht die 30-Jährige während ihrer Schichten und bringt ihr Kaffee oder eine Kleinigkeit zu essen vorbei.

Heather fühlt sich dadurch sehr geschmeichelt und beginnt, noch stärkere Gefühle für Sidney zu entwickeln. Auf ihrem Twitterprofil schreibt sie sexuell explizite Tweets, in denen es um den „Kerl, der auf der Arbeit Dinge repariert“ geht.

Damit dürfte Sidney gemeint sein. Heather weiß, dass er verheiratet ist – dennoch treffen die beiden sich regelmäßig. Sidney zieht sogar in Erwägung, die Familie Moorer könnte Heather als Nanny für die drei Kinder einstellen. So könnten er und Heather noch mehr Zeit miteinander verbringen. Schon bald bekommen auch Heathers Kolleginnen und ihre Chefin davon mit.

Nicht nur Sidneys regelmäßige Besuche im Tilted Kilt sind auffällig, sondern auch der Umgang zwischen ihm und Heather. Die beiden sind offensichtlich vertraut miteinander und wirken sehr verliebt.

Heathers Chefin kommt diese Beziehung etwas merkwürdig vor. Nicht nur, weil Sidney mit seiner Ehefrau Tammy verheiratet ist und mit ihr drei gemeinsame Kinder hat. Immerhin ist zwischen Heather und Sidney auch noch ein Altersunterschied von 17 Jahren. Im Juli 2013 schreibt Heather auf ihrem Twitter-Account: „Ich stehe auf Männer, die älter sind“ Doch trotz dessen scheinen die beiden sich wohl miteinander zu fühlen. Bis Sidneys Ehefrau Tammy Wind von der Affäre bekommt.

Sidney und Tammy

Sidney und Tammy Moorer sind seit vielen Jahren verheiratet und haben drei gemeinsame Kinder im Teenageralter. Als die 41-jährige Tammy von der Affäre ihres Mannes mit Heather hört, flippt sie vollkommen aus. Sie bombardiert die 20-Jährige mit Anrufen und SMS voller Beleidigungen und Drohungen. Teilweise klingelt Heathers Handy stundenlang am Stück.

Kolleginnen und ihre Chefin erinnern sich später, dass Heather regelrecht panisch war, sobald ihr Handy klingelte. Zwar ist es verständlich, dass Tammy wütend über die Affäre ihres Mannes mit Heather ist – doch die Aggressivität der 41-Jährigen schockiert trotzdem alle. Sie ruft nicht nur bei Heather, sondern auch im Tilted Kilt an und fordert, Heather sollte gefeuert werden. Der Telefonterror ist so extrem, dass ihre Chefin an einem Tag keine andere Wahl hat, als Heather früher nach Hause zu schicken. Tammy soll Heather sogar Fotos und Videos von sich und Sidney geschickt haben, die die beiden beim Sex zeigen.

Seitdem Sidney seine Frau Jahre zuvor zum ersten Mal betrogen hat, ist Tammys Eifersucht ungebremst. Sie zwingt Sidney dazu, bei Heather anzurufen und die Beziehung zu ihr zu beenden. Am Telefon sagt er zu Heather: „Du warst ein Nichts für mich. Nur jemand, der die Beine breit gemacht hat.“

Heather ist danach natürlich am Boden zerstört. Zwar dürfte ihr klar gewesen sein, dass die Affäre mit einem verheirateten Mann moralisch nicht richtig gewesen ist, dennoch verletzen Sidneys harte Worte sie sehr. Und auch nach dem Beziehungsaus geht der Telefonterror durch Tammy weiter. In einer ihrer zahlreichen SMS an die 20-jährige Ex-Freundin ihres Mannes schreibt Tammy:

„Ich lasse Sidney seit Januar 2012 beschatten. Es ist das Beste, du rufst zurück und sprichst mit mir, rette dich selbst. Hey …… bist du bereit, die Mrs. zu treffen?“ Heather antwortet darauf: „Ich glaube, du bist ein bisschen besessen von mir. Ich bin niemand, um den du dir länger Sorgen machen musst.“

Tammy: „Nee, es war die Langeweile.“

Heather: „Wirklich? Und deshalb schreibst du mir immer noch kindisches Zeug vom Handy deines dich betrügenden Mannes?“ „Wenn du reden möchtest, dann ruf mich jetzt an. Ansonsten, lass mich in Ruhe.“

Tammy: „Dein Schlampenarsch muss mich in Ruhe lassen.“

Die Wochen nach der Trennung sind nicht einfach für Heather. Doch sie findet auch wieder ein wenig Hoffnung. Sie freut sich auf die anstehenden Weihnachtsfeiertage. Außerdem bekommt sie einen neuen Job als Make-up-Assistentin, bei dem sie ihr Können endlich beruflich einsetzen kann. Gemeinsam mit ihrer Mitbewohnerin Brianna plant Heather, wieder öfter in die Kirche zu gehen und sich wieder auf sich zu fokussieren. Irgendwann im November hören auch endlich Tammys ständige Anrufe und SMS wieder auf.

Ein falsches Spiel

Als die Polizisten von Brianna und weiteren Mitarbeiterinnen des Tilted Kilt von der Geschichte mit Sidney hören, haben sie endlich einen Anhaltspunkt. Während in der Gegend um den Peachtree-Bootsanleger eine große Suchaktion startet, entschließt sich die Polizei, Sidney Moorer zu befragen. Beamte suchen ihn zuhause auf.

Polizist: „Wann haben Sie zuletzt von Heather gehört?“

Sidney: „Ähm, entweder letzte Nacht oder die Nacht davor, ich kann mich nicht erinnern.“

Polizist: „Was ist Ihre Beziehung zu ihr?“

Sidney: „Es gibt keine Beziehung.“

Polizist: „Gab es eine Beziehung?“

Sidney: „Es gab eine Beziehung. Ich habe Schluss gemacht.“

Polizist: „Sind Sie zu irgendeinem Zeitpunkt in der Peachtree-Landing-Gegend gewesen?“

Sidney: „Nein.“

Polizist: „Es gibt also nichts, was dort auftauchen könnte?“

Sidney: „Nee.“ Sidney hat für die Nacht von Heathers Verschwinden ein merkwürdiges Alibi: Er sei zuhause an sein Bett gefesselt gewesen. Seine Frau Tammy habe ihn regelmäßig mit Handschellen am Bett fixiert, um zu verhindern, dass er wieder fremdgehen würde. Die Ermittler kaufen ihm diese Erklärung in keiner Sekunde ab. Sie sind sicher, dass Sidney Moorer etwas zu verbergen hat.

Nach der Befragung von Sidney bleibt den Polizisten zunächst nichts anderes übrig, als wieder zurück zum Revier zu fahren. Dort werden inzwischen Heathers Telefondaten ausgewertet – und dabei machen die Beamten eine interessante Feststellung.

Wie von Brianna beschrieben, telefonieren sie und Heather in der Nacht vom 17. auf den 18. Dezember zweimal miteinander. Zwischen den beiden Telefonaten wird Heather um 1:35 Uhr angerufen. Von Brianna wissen die Ermittler, dass der Anruf von Sidney war – doch er hat die Vermisste nicht mit seiner normalen Telefonnummer angerufen. Der Anruf stammt von einer öffentlichen Telefonzelle an einer Tankstelle.

Warum sollte Sidney mitten in der Nacht von einer Telefonzelle aus Heather anrufen, anstatt sein Handy zu benutzen? Vor allem, wenn er angeblich die ganze Nacht zuhause gewesen sei? Das Material einer Überwachungskamera, die in der Nähe der Telefonzelle hängt, ist zwar unscharf – zeigt aber eindeutig einen erwachsenen Mann, der ab 1:35 Uhr etwa 5 Minuten an der Telefonzelle steht .

Aus den Telefon- und GPS-Daten können die Ermittler Heathers Bewegungen in der Nacht ihres Verschwindens rekonstruieren. Heather hat in der Nacht noch mehrmals versucht, die Telefonzelle, von der aus Sidney sie angerufen hatte, zu erreichen – vergeblich.

Gegen 2:30 Uhr am Morgen des 18. Dezember, also einige Minuten, nachdem sie ihr Telefonat mit Brianna beendet hat, fährt Heather mit ihrem Auto zu Longbeard’s Bar and Grill in Carolina Forest. Dort hält sie sich zunächst für etwa eine Viertelstunde auf. Danach wird ihr Handy vier Kilometer weiter die Straße herunter geortet, sie verbleibt dort jedoch nur kurz. Heather scheint ein zweites Mal zum Longbeard’s zurückgekehrt zu sein. Wieder bleibt sie eine Viertelstunde.

Von der Bar aus versucht sie mehrmals, Sidney auf seinem Handy zu erreichen. Danach fährt Heather wieder zu sich nach Hause, bleibt dort jedoch nur etwa fünf Minuten. Um 3:19 Uhr ruft Heather ihn zum letzten Mal an. Das Gespräch der beiden dauert etwa vier Minuten lang. Dann scheint Heather mit ihrem Auto zum Peachtree-Anleger zu fahren. Um 3:41 Uhr wird Heathers Handy dann für immer ausgeschaltet.

Sidney hat also definitiv gelogen. Er hatte sehr wohl mehrmals Telefonkontakt mit Heather. Die Polizei bittet ihn, zu einem erneuten Verhör aufs Revier zu kommen. Bei den erneuten Befragungen kommt er schließlich ins Straucheln.

Polizist: „In dieser Nacht wurde Heather von einem Münztelefon an der Tankstelle in der 10th Avenue angerufen. Davon haben wir ein Video.“

Sidney: „Okay.“

Polizist: „Haben Sie versucht, sie anzurufen, nur eine Minute, nur eine Sekunde?“

Sidney: „Nein.“

Polizist: „Sind Sie sicher?“

Sidney: „Vielleicht.“

Polizist: „Okay, wie wär’s, wenn wir nochmal anfangen?“

Sidney: „Das habe ich. Ich habe sie von diesem Münztelefon aus angerufen.“

Polizist: „Und was haben Sie gesagt?“

Sidney: „Ich habe sie gebeten, mich bitte in Ruhe zu lassen.“

Wieder glauben die Polizisten Sidney nicht. Irgendetwas stimmt nicht, und die 20-jährige Heather ist nach wie vor spurlos verschwunden. Andererseits haben die Ermittler gegen Sidney nichts Konkretes in der Hand. Er und seine Ehefrau Tammy scheinen dennoch die einzigen Personen zu sein, denen daran gelegen wäre, dass Heather verschwindet.

Andererseits war die Affäre zwischen Sidney und Heather ja beendet. Die beiden hatten schon anderthalb Monate vor Heathers Verschwinden keinen Kontakt mehr. Oder lag das Problem vielleicht noch tiefer als bisher vermutet?

Der Verdacht

Die Familie Elvis beendet das Jahr 2013 unterdessen, ohne zu wissen, wo ihre 20-jährige Tochter Heather ist. In den ersten Januartagen 2014 wird das Verschwinden von Heather Elvis in der Fernsehsendung „Missing in America“ thematisiert. Terry und Heathers Mutter Debbi bemühen sich, möglichst viele Interviews zu geben und den Fall landesweit in die Medien zu bringen.

Reporter: „Wenn Heather das hier sehen sollte, kannst du sie direkt ansprechen – gibt es etwas, das du ihr sagen möchtest? Ich weiß, dass wir dich das vorhin schon gefragt haben, aber gibt es irgendetwas, das du sagen möchtest, falls sie das hier sehen kann?“

Terry Elvis: „Heather, wenn du das siehst, wenn du das sehen kannst, wenn du das hören kannst, wir vermissen dich. Und wir wollen dich zu Hause haben. Sag mir, wo du bist. Ich werde kommen. Es ist egal, wo, egal, wann, egal, warum. Sag uns einfach, wo du bist.“

Auch die Belohnung für Hinweise, die zum Auffinden von Heather führen, wird immer weiter angehoben. Durch Spenden und die Aufwendungen von Heathers Eltern steigt die ausgelobte Summe auf 30.000 US-Dollar. Neben der Suche nach der Tochter muss Familie Elvis mit weiteren Problemen umgehen: Sidneys betrogene Ehefrau Tammy bringt die Anwohner in Myrtle Beach gegen die verschwundene Heather auf. In mehreren Online-Postings beschimpft sie die vermisste 20-Jährige aufs Übelste.

In einem Facebook-Post schreibt Tammy : „Nun, Sidney hat mich in den Monaten September/Oktober mit dieser Psychoschlampe betrogen, die seitdem verschwunden ist, und jetzt droht ihr verrückter Vater mir, meine Kinder und Sidney zu töten, was Sidney dumm dastehen lässt. (Dieses Mädchen hat sich seine Visitenkarte aus dem Büro ihres Arbeitsplatzes geschnappt und hatte schon im März Fantasien über ihn, hat dann im Juli darüber gesprochen und ihn namentlich genannt). Ich weiß nicht, wie ich meinen “Ehemann„ zu diesem Zeitpunkt anders beschreiben soll. Alles, was ihr tun müsst, ist euch das Twitter dieses Mädchens (obwohl 4 Monate davon in den letzten paar Wochen verschwunden sind) und ihr Tumblr anzuschauen um zu sehen, was für eine durchgedrehte Person sie wirklich ist. Mir könnte es nicht egaler sein, da ich die letzten paar Jahre selbst einen Freund hatte, aber wenn jemand meine Kinder ins Spiel bringt, ist das eine ganz andere Geschichte. Ich werde es nicht tolerieren, dass jemand meine Kinder verletzt, weil mein Mann eine Schlampe nicht mehr als dreimal auf dem Rücksitz ihres Autos geknallt hat. Es ist mir egal, mit wem er rumgevögelt hat, aber die Tatsache, dass dieser Idiot meine Familie belästigt, ist inakzeptabel.“

Weiterhin behaupten Tammy und Sidney, Terry Elvis würde regelmäßig zu ihrem Haus fahren und sie drangsalieren. Terry streitet das vehement ab. Schließlich wusste er ja, dass bereits gegen die Moorers ermittelt wird.

Für Heathers Familie ist die Situation unerträglich. Nicht nur fehlt von ihrer Tochter jede Spur, noch dazu wird sie im Internet angefeindet und beleidigt. Und dabei bleibt es nicht; auch die Familie Elvis wird gezieltes Opfer hasserfüllter Attacken.

Als Heathers Vater Terry an einem Abend seinen Arbeitsplatz verlässt, steht ein schwarzer Jeep auf dem Parkplatz vor seiner Firma. Der Beifahrer im Wagen ruft ihm zu: „Heather haben wir schon, Morgan ist die nächste!“ Dann fährt das Auto davon. Ein anderes Mal kommt es noch schlimmer: Als Terry gerade die Mülltonnen vors Haus der Familie Elvis bringt, hört er auf einmal mehrere knallende Geräusche, die Tonne vibriert in seinen Händen. Jemand hat auf Terry Elvis geschossen. Direkt vor seiner Haustür. Doch niemand ist zu sehen. Die Polizei ermittelt in beiden Fällen, muss die Untersuchungen jedoch ergebnislos einstellen.

Auch Sidney Moorer behauptet, das Ziel von Mordanschlägen gewesen zu sein. Jemand habe auf sein Auto geschossen, als er in Myrtle Beach unterwegs war. Am Wagen kann die Polizei jedoch keine Einschussspuren feststellen. Sidney behauptet weiterhin, seine Kinder seien angefeindet und Haustiere der Familie umgebracht worden. Stichhaltige Beweise gibt es auch dafür nicht.

Obwohl das Verschwinden von Heather überall in den Medien ist, gibt es kaum Hinweise. Zwei Männer halten die Polizei monatelang mit falschen Tipps auf und behindern so die Ermittlungen. Beide werden genau dafür auch verurteilt.

Irgendwann meldet sich eine Frau bei der Polizei, die endlich konkrete Hinweise hat. Sie wohnt an der einzigen Straße, die zum Peachtree-Bootsanleger führt. Wer auch immer mit dem Auto dorthin gefahren ist, muss von ihrer Überwachungskamera erfasst worden sein. Da Heathers Auto an diesem Bootsanleger abgestellt wurde, ist das für die Beamten ein spannender Anhaltspunkt.

Die Anwohnerin stellt der Polizei das Material zur Verfügung – und tatsächlich landen die Ermittler einen Treffer. In den frühen Stunden des 18. Dezember werden zwei Autos auf der Straße zum Bootsanleger gefilmt. Das erste gehört zu Heather Elvis. Und kurz danach fährt um 3:36 Uhr ein großer, schwarzer Pick-up-Truck die Straße hinunter. Genau so ein Auto fahren Sidney und Tammy Moorer. Zudem liegt der Peachtree-Anleger nur wenige Minuten vom Haus der Moorers entfernt. Das Auto, das zu den Moorers gehören könnte, fährt nur fünf Minuten, bevor Heathers Handy ausgeschaltet wird, zum Anleger hinunter.

Die Polizei fährt daraufhin noch einmal zum Haus der Moorers, um Tammy dort zu befragen. Sie erlaubt den Polizisten auch, sich auf dem Grundstück umzusehen. Dabei bemerken sie unter anderem eine Videoüberwachungsanlage. Die Aufnahmen davon wären für die Ermittlungen natürlich sehr interessant. Denn darauf sollte ja zu sehen sein, ob Tammy und Sidney in der Nacht von Heathers Verschwinden wirklich zuhause waren oder nicht. Doch damals hat die Polizei noch keinen Durchsuchungsbeschluss und kann die Aufnahmen somit nicht anfordern.

Als die Ermittler nach wenigen Tagen mit einem Durchsuchungsbeschluss zurückkehren, ist das Videoüberwachungssystem ausgetauscht worden. Damit sind die Kameradaten von der Nacht von Heathers Verschwinden verloren. Das ist sehr frustrierend und natürlich extrem verdächtig – aber nichts, wofür man Tammy und Sidney juristisch belangen könnte.

Die Polizei ist nun zwar sicher, auf der richtigen Spur zu sein – doch um Sidney und Tammy Moorer nachweisen zu können, dass sie für Heathers Verschwinden verantwortlich sind, brauchen sie mehr Indizien. Und die finden sie.

Am frühen Morgen des 18. Dezember wird Sidney Moorer um 1:12 Uhr von der Überwachungskamera der Walmart-Filiale in Myrtle Beach gefilmt. Er kauft eine Packung Zigaretten – und einen Schwangerschaftstest.

Eifersucht – ein Motiv?

Natürlich fragen die Beamten Sidney Moorer nach seinem nächtlichen Einkauf. Er winkt ab. Er habe den Test für seine Frau Tammy gekauft. Sie habe ihn noch in derselben Nacht gemacht, der Test sei negativ gewesen. Doch bei der weiteren Auswertung von Telefondaten und Befragungen entsteht für die Ermittler ein anderer Eindruck. Es war nicht Tammy, die den Verdacht hatte, von Sidney schwanger zu sein – sondern die vermisste Heather.

Das bestätigt unter anderem Heathers Chefin. Sie ist für die Beschaffung der Arbeitsuniformen zuständig, die beim Tilted Kilt aus einem BH und einem kurzen Rock bestehen. Zuletzt hatte Heather ihren BH mit einem A-Cup in einen mit C-Cup umtauschen müssen. Auch beim Rock habe sie eine größere Kleidergröße gebraucht.

Die Chefin habe auch gesehen, wie Heather im Tilted Kilt einen Schwangerschaftstest machte. Dieser sei aber ungültig gewesen. Danach habe Heather keinen weiteren Test mehr gemacht, aus Angst davor, dass der Test womöglich wirklich positiv sein könnte. Sie habe sich dazu entschieden, das Ganze zu verdrängen. Doch auch gegenüber Sidney soll sie zuletzt Andeutungen gemacht haben, sie könnte womöglich schwanger sein.

Die Walmart-Filiale hat Sidney mit dem gekauften Schwangerschaftstest um 1:16 Uhr verlassen. Nur zwanzig Minuten später hat er Heather dann über die Telefonzelle angerufen. Kann das wirklich ein Zufall sein? In den Augen der Beamten definitiv nicht. Denn sollte Heather wirklich ein Kind von Sidney erwartet haben, hätte das seine ohnehin außergewöhnlich eifersüchtige Ehefrau Tammy mit Sicherheit rasend gemacht. Und damit hätten Sidney und Tammy ein Motiv, Heather etwas anzutun.

Das perfekte Verschwinden

Nach der Auswertung der Überwachungskameras der Walmart-Filiale und auf dem Weg zum Bootsanleger gibt es eine erneute Hausdurchsuchung bei den Moorers. Dabei fällt vor allem auf, wie chaotisch es in dem Haus ist. Verschimmelte Lebensmittel liegen herum, in den Kinderzimmern liegt Müll und Kleidungsstücke sind überall verstreut. Die Polizei konfisziert Computer, Schusswaffen und den Pick-up-Truck.

Das Auto von Sidney und Tammy wird untersucht. Der moderne Pick-up-Truck verfügt über ein GPS-System, das sich durch eine Chipkarte steuern lässt. Entfernt man diese, bekommt man auf dem Display des Wagens eine Warnung angezeigt. Danach werden die Bewegungen des Fahrzeugs nicht mehr getrackt. Die Daten auf der Chipkarte zeigen, dass sie nur ein einziges Mal aus dem Fahrzeug entfernt wurde: In der Nacht vom 17. auf den 18. Dezember 2013. Der Nacht von Heather Elvis’ Verschwinden.

Sidney und Tammy Moorer werden festgenommen. Ihnen wird vorgeworfen, Heather Elvis entführt und ermordet zu haben. Die Ermittler sind der Meinung, Sidney und Tammy hätten Heather in der Nacht vom 17. auf den 18. Dezember 2013 aus ihrer Wohnung gelockt und sich am Peachtree-Bootsanleger mit ihr verabredet.

Dort hätten sie Heather dann gegen 3:41 Uhr, als ihr Handy ausgeschaltet wurde, in ihre Gewalt gebracht und die 20-Jährige entführt. Sie gehen davon aus, dass Heather kurz danach von ihnen ermordet wurde.

Bis zu ihrer Gerichtsverhandlung kommen Tammy und Sidney auf Kaution wieder frei. Die beiden werden zwar dauerhaft GPS-überwacht und dürfen sich Heathers Familie nicht nähern, doch ansonsten sind sie bis zum Beginn ihrer Verfahren wieder frei. Den beiden ist es sogar erlaubt, nach Florida umzuziehen, da Sidney dort ein Jobangebot erhält. In Myrtle Beach möchte niemand mehr Sidney oder Tammy einstellen.

Obwohl Sidney vor Gericht nicht aussagen wird, gibt er einem lokalen Fernsehsender Interviews und versucht, seinen Namen reinzuwaschen. Die Version der Staatsanwaltschaft, nach der der Kauf des Schwangerschaftstests mit Heathers Verschwinden zusammenhängt, widerspricht er. Er und Tammy hätten versucht, ein weiteres Kind zu bekommen, und regelmäßig Tests gemacht.

Sidney: „Ich habe ihn tatsächlich für meine Frau gekauft. Sie war im Fahrzeug, als ich ihn für sie kaufte. Und sie hat ihn in dieser Nacht und er war negativ, wie so viele davor und danach.“

Außerdem behauptet Sidney, Heather habe am Tag ihres Verschwindens mehrere Notizen an seinem Auto hinterlassen. Er habe sich von ihr bedrängt gefühlt und sie deshalb angerufen. Er habe ihr noch einmal mitteilen wollen, dass er nichts mehr von ihr wissen wolle.

Das Problem im Fall Heather Elvis: Noch immer beruht alles auf Indizien. Es gibt weder im Auto von Heather noch von Sidney und Tammy relevante Spuren. Heather Elvis ist nach wie vor verschwunden. Dem Ehepaar Moorer wird ein Mord ohne Leichnam vorgeworfen. Die beiden sollen in separaten Prozessen angeklagt werden und organisieren sich gute Anwälte. So offensichtlich es sein mag, dass sie schuld daran sind, dass die Familie Elvis Heather noch immer vermisst: Ihnen die Tat juristisch nachzuweisen, wird enorm schwer.

Deshalb entscheidet sich die Staatsanwaltschaft dazu, die Anklage wegen Mordes an Heather Elvis zunächst fallen zu lassen. Stattdessen sind die Moorers nun lediglich wegen der Entführung von Heather angeklagt. Die Anwälte von Heathers Eltern hoffen, im Rahmen des Entführungsprozesses mehr eindeutige Indizien und Beweise zu finden, um dem Ehepaar dann anschließend den Mord nachzuweisen.

Heathers Familie ist erleichtert darüber, dass endlich Bewegung in den Fall kommt. Nach der Verhaftung der Moorers wird am Peachtree-Bootsanleger, wo Heathers Auto gefunden wurde, eine spontane Gedenkfeier für die 20-Jährige veranstaltet. Zahlreiche Gemeindemitglieder kommen zum Bootsanleger, um Heather zu gedenken.

Doch so groß die Erleichterung bei Terry und Debbi Elvis darüber, dass es endlich einen Prozess geben soll: Der Weg wird steiniger als gedacht.

Indizien – und kaum Beweise?

Im Juni 2016 beginnt der Prozess gegen Sidney Moorer. Doch die Staatsanwaltschaft steht vor einem Problem. Denn so plausibel es sein mag, dass Sidney und Tammy für Heathers Verschwinden verantwortlich sind: Es fehlen die Beweise. Bis auf die Telefondaten und das Überwachungskameravideo, das einen schwarzen Truck auf dem Weg zum Bootsanleger zeigt, hat die Anklage nichts Konkretes in der Hand.

Das verdeutlicht auch Sidneys Verteidiger dem Gericht lebhaft. Und noch etwas verändert sich: Während Sidney und Tammy bis dato immer als ein Team agiert haben, wendet sich vor Gericht das Blatt. Denn Sidneys Anwalt suggeriert nun, Tammy könne für Heathers Entführung verantwortlich sein. Immerhin sei sie diejenige gewesen, die die 20-Jährige drangsaliert und beleidigt habe. Sein Mandant hingegen habe mit der ganzen Sache nichts zu tun.

Die Geschworenen können sich nicht auf einen Schuldspruch einigen. Sidney Moorer wird nicht verurteilt, der Prozess gegen ihn ist gescheitert. Er bekommt nur eine fünfmonatige Gefängnisstrafe, weil er mit seinen Interviews seine Schweigepflicht verletzt hat. Nach zwei Monaten Haft wird er wegen guter Führung wieder entlassen.

Am 9. Oktober 2018 beginnt der Prozess gegen Tammy Moorer. Für sie gibt es nun neben der Anklage wegen Entführung den zusätzlichen Vorwurf der Verschwörung zu einer Entführung. Dieses Mal möchte die Anklage unbedingt ein Ergebnis erzielen. Dazu konzentriert sie sich vor allem auf Tammys eifersüchtige und kontrollierende Züge. So wird beispielsweise ein Bekannter der beiden als Zeuge geladen.

Dieser bestätigt zum Beispiel, bei Sidney kurze Zeit zuvor eine frische Tätowierung gesehen zu haben. Er hätte sich den Namen seiner Frau direkt über den Intimbereich tätowieren lassen. Dazu soll Tammy ihren Ehemann gezwungen haben. Sie soll zu ihm gesagt haben: „Hättest du nicht mit diesem Mädchen rumgemacht, wäre das nicht passiert.“

Es soll laut Aussagen weiterer Zeugen auch stimmen, dass Tammy Sidney nachts zum Schlafen mit Handschellen am Bett fixiert hat, um zu vermeiden, dass er sich hinausschleicht. Sie habe außerdem seine Anrufe kontrolliert und ihn nicht mehr allein zur Arbeit gelassen. Bei jedem einzelnen Termin habe sie ihn begleitet. Sie habe sogar das Passwort für sein Handy geändert, sodass nur noch sie auf das Telefon zugreifen konnte. Außerdem sei Tammy Sidney gegenüber gewalttätig gewesen und habe ihn mehrfach geschlagen.

Auch Tammys eigener Cousin sagt gegen sie aus. Er sagt, Sidney habe ihm ein sehr verstörendes Foto gezeigt. Darauf sei Heather Elvis zu sehen gewesen. Näheres zu dem Foto ist nicht bekannt – der Richter lässt keine detailreiche Beschreibung zu, da sie zu extrem sei. Erst später wird bekannt, dass auf dem Foto Heathers Leichnam zu sehen gewesen sein soll. Ihr Gesicht sei zerkratzt und ihr Shirt blutverschmiert gewesen.

Anklage: „Sah Heather auf diesem Bild so aus, als sei sie aus freien Stücken da?“

Tammys Cousin: „Nein.“

Anklage: „Ich möchte Sie Folgendes fragen: Nachdem Sie dieses Bild von Heather im Jahr 2014 gesehen haben, gehen Sie davon aus, dass diese Familie jemals wieder von ihr hören wird?“

Tammys Cousin: „Nein.“

Weiter beschreibt Tammys Cousin, Sidney habe ihm erzählt, er habe das Foto für Tammy gemacht. Das Foto soll der Beweis dafür gewesen sein, dass er getan habe, worum sie ihn gebeten habe.

Das Problem: Tammys Cousin wird wegen seiner Drogenabhängigkeit von der Verteidigung als unglaubwürdig eingestuft. Außerdem existiert die Aufnahme eines Telefongesprächs mit seiner Mutter.

Darauf ist zu hören, wie er sagt, die Geschichte mit dem Foto würde nicht stimmen. Vor Gericht behauptet er nun, er habe seine Mutter nur beschwichtigen und verhindern wollen, dass sie sich aufregt.

Doch trotz der kontroversen Aussagen von Tammys Cousin wirken die Textnachrichten und Postings von Tammy Moorer, die vor Gericht präsentiert werden, erdrückend. Sie erscheint als kontrollsüchtig und von Eifersucht getrieben. Darüber hinaus werden anzügliche SMS von Tammy präsentiert, die sie an einen erst 18 Jahre alten Jungen geschickt hat. Einige Zeugen werden von der Verhandlung ausgeschlossen. Sie hatten die Verhandlung zuvor über einen Bildschirm verfolgt – das hätten sie aber nicht gedurft. Mit dem Wissen, was im Verfahren bereits diskutiert wurde, hätten sie ihre Aussagen zu Tammys Vorteil ändern können.

Tammy behauptet, sie und Heather hätten sich im November 2013 ausgesprochen und ihren Streit begraben. Es habe sie nicht gestört, dass Sidney mit Heather geschlafen habe, immerhin habe sie ja auch eine weitere Beziehung gehabt. Sie würde keinen Hass gegen Heather hegen und hoffen, dass ihre „wahren Mörder“ eines Tages gefunden werden.

Wieder ist die Spannung groß – doch dieses Mal überzeugen die Aussagen zahlreicher neuer Zeuginnen und Zeugen die Geschworenen. Tammy Moorer wird wegen der Entführung von Heather Elvis zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt. Tammy und Sidney sollen in der Nacht vom 17. auf den 18. Dezember den Schwangerschaftstest für Heather gekauft und sie dann zum Bootsanleger gelockt haben. Dort hätten sie die 20-Jährige dann in ihre Gewalt gebracht.

Nach dem Schuldspruch gegen Tammy gibt es einen weiteren Prozess gegen Sidney. Dessen Verteidiger bemängelt nun, die Polizei habe andere potenzielle Verdächtige nicht genau genug überprüft. Heather soll vor ihrer Beziehung zu Sidney einen gewalttätigen Ex-Freund gehabt haben. Dieser sei aber nie verhört, geschweige denn verdächtigt worden.

Dennoch deuten die Indizien insbesondere nach Tammys Verurteilung weiterhin in Richtung Sidney. Dabei wird ein neues Beweisstück angeführt: Die Beamten haben auf dem Videoüberwachungssystem der Moorers doch noch etwas gefunden.

Zwar sind die Daten der Nacht von Heathers Verschwinden durch den Austausch der Systeme verloren gegangen. Doch zwei Tage nach der Installation des neuen Kamerasystems wurde eine andere interessante Aufnahme gemacht. Sie zeigt, wie der schwarze Pick-up-Truck der Moorers gereinigt wird.

Und zwar sehr akribisch, über mehrere Stunden hinweg von innen und von außen. Außerdem ist zu sehen, wie Sidney die Tücher, die für die Reinigung verwendet wurden, verbrennt. Es ist das entscheidende Beweismittel, das den Unterschied macht.

Auch Sidney Moorer wird wegen der Entführung von Heather Elvis sowie wegen Behinderung der Justiz zu 30 Jahren Haft verurteilt. Tammy Moorer versuchte, das Urteil anzufechten – doch vergeblich. Beide bestreiten bis heute, etwas mit der Entführung und mutmaßlichen Ermordung von Heather Elvis zu tun zu haben.

Outro

Sidney und Tammy Moorer sind seit ihren Urteilsverkündungen in Haft. Doch Heathers Familie fehlt noch immer jede Gewissheit. Denn bis heute ist unklar, was genau mit Heather passiert ist. Weder Sidney noch Tammy haben je darüber gesprochen oder ein Geständnis abgelegt. Dass Heather Elvis nicht mehr lebt, gilt als sicher. Doch ihr Leichnam fehlt bis heute, das Verarbeiten der ganzen Tragödie ist für ihre Familie so umso schwerer. Bis heute hofft Familie Elvis, irgendwann die vollständige Wahrheit zu erfahren.

Es ist nicht nur erschreckend, was Heather Elvis zugestoßen sein muss – sondern auch, wie Sidney und Tammy Moorer damit umgehen. Anstatt reinen Tisch zu machen und der Familie Elvis endlich Raum zum Trauern zu geben, behalten sie die Hintergründe der Tat noch immer für sich. Es bleibt zu hoffen, dass einer der beiden irgendwann doch reden wird. Und dass Heathers Familie so eine Möglichkeit bekommt, mit diesem traurigen Kapitel abzuschließen.

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Quellen

  1. Timeline of events in the Heather Elvis case wmbfnews.com, 2018
  2. The disappearance of Heather Elvis: Explosive love-triangle escalates to kidnapping trial New York Post, 2018
  3. Heather Elvis missing: Prosecutors unveil alleged messages between vanished South Carolina woman and couple charged in her murder CBS News, 2014
  4. The Devil’s Triangle l 20/20 l PART 1 YouTube, 2021
Fallakte
Orte
Myrtle Beach, Socastee, Carolina Forest, Peachtree-Bootsanleger
Region
South Carolina
Land
USA
Jahr
2013
Status
Teilweise geklärt
Fallart
Vermisstenfall, Entführung, Tötungsdelikt, Familie & Partnerschaft
Personen
Heather Elvis, Sidney Moorer, Tammy Moorer, Terry Elvis, Debbi Elvis, Brianna, Stephen Schiraldi
Lagekarte
Kartendaten: Natural Earth