Intro
„Mein Sohn ist ein Monster. Und weil er ein Monster ist, habe ich meine Tochter verloren.“ Diesen Satz schreibt Charity Lee im Februar 2007 in ihr Tagebuch. Charity selbst hatte nie eine richtige Familie. Sie sehnte sich nach eigenen Kindern. Als sie ihren Sohn Paris und sieben Jahre später ihre Tochter Ella auf die Welt bringt, kann sie unmöglich ahnen, dass eines der beiden Kinder das andere einmal töten wird.
Paris: „Mom, was ist das Wort, das du am wenigsten magst?“
Charity: „Mein was?“
Paris: „Das Wort, das du am wenigsten magst. Oder Satz.“
Charity: „Weiß nicht.“
Paris: „‘Charitys Kinder töten’?“
Charity: „Paris…!“
Der Fall der Familie Bennett geht in die US-amerikanische Kriminalgeschichte ein. Es ist ein Verbrechen, das fassungslos macht und unbegreiflich scheint. Denn ein Bruder wird zum Mörder seiner eigenen Schwester – im Alter von gerade einmal 13 Jahren. Sein mutmaßliches Motiv ist so simpel wie erschreckend: Paris Lee Bennett möchte seiner eigenen Mutter den größtmöglichen Schmerz zufügen. Er will ihr das wegnehmen, was ihr am meisten bedeutet – das Leben ihrer eigenen Kinder.
911: „911.“
Paris: „Hallo?“
911: „911, legen Sie los.“
Paris: „Ich, ich, ich… Ich habe wirklich jemanden umgebracht.“
911: „Du denkst, du hättest jemanden umgebracht?“
Paris: „Nein, ich weiß, dass ich es getan habe. Meine Schwester.“
Familie Bennett
Charity: „Früher sind die Leute auf mich zugekommen, und haben mir erzählt, was für ein Glück ich doch hätte, einen 13-jährigen Sohn zu haben, der so gut mit seiner kleinen Schwester umgehen könne.“
Das Leben von Charity Lee Bennett verläuft schon früh mehr als turbulent. Charitys Mutter Kyla ist sieben Mal verheiratet. Kyla selbst sagt, dass sie ihre Tochter nicht immer fair behandelt und ihr nicht genügend Aufmerksamkeit gegeben hat. Unter anderem, weil sie phasenweise viel Alkohol getrunken und auch Drogen genommen hat. Und als Charity fünf Jahre alt ist, wird ihr Vater ermordet.
Zuvor war er nicht sehr präsent in ihrem Leben und hat Charity nur alle paar Wochen gesehen. Aber selbstverständlich hinterlässt der gewaltsame Tod des eigenen Vaters dennoch Spuren. Zumal es nach der Beerdigung eine Wendung gibt, die das Leben der Familie noch weiter auf den Kopf stellt.
Kyla: „So ungefähr einen Monat nach der Beerdigung hat die Polizei mit mir gesprochen. Ich wurde festgenommen und des Mordes beschuldigt. Mein Mann war in illegale Geschäfte verwickelt. Sein Vater war Teil der Mafia in Georgia. Und durch einen anderen Anwalt überzeugten sie den Staatsanwalt, einen Haftbefehl wegen Verschwörung zum Mord gegen mich zu erlassen.“
Ein Zeuge behauptet damals, er kenne jemanden, der von Charitys Mutter Kyla bezahlt worden sei, um ihren Ehemann zu erschießen. Es kommt zum Prozess gegen sie, Charity bleibt derweil bei ihren Großeltern. Am Ende wird Kyla freigesprochen und kann zu ihrer Tochter zurückkehren. Doch es wird nicht der letzte Mord sein, der in Charitys Umfeld stattfindet.
Charitys Leben verläuft in ausgeprägten Aufs und Abs. Einerseits glänzt sie durch ihre Intelligenz und hat ihren Schulabschluss früher in der Tasche als andere Jugendliche. Andererseits macht ihre schwierige Kindheit ihr zu schaffen. Sie bekommt Depressionen, die sie im Alter von 17 Jahren zu einer Heroinabhängigkeit führen. Irgendwann streiten Charity und ihre Mutter Kyla so heftig, dass Kyla ihr eine 100-Dollar-Note zuwirft. Kyla sagt, das Geld könne Charity entweder nutzen, um einen Neuanfang zu wagen, oder um sich neue Drogen zu kaufen und sich den goldenen Schuss zu setzen. Die harte Ansage wirkt. Charity macht einen Drogenentzug und beißt sich durch.
Das Verhältnis zwischen Charity und ihrer Mutter Kyla bleibt eher kühl – auch, als Charity selbst eine Familie gründet. Dennoch dürfen die Enkelkinder bei ihrer Oma in Georgia übernachten, wenn sie Lust darauf haben. Ansonsten erzieht Charity ihren Sohn Paris und ihre Tochter Ella allein und zieht mit ihnen in die Kleinstadt Abilene in Texas.
Ella ist ein sehr extrovertiertes und quirliges Kind und sie hat ein großes Herz. Wenn ihre Kindergarten-Freundinnen manchmal von Streits mit ihren Eltern erzählen, bittet Ella ihre Mutter Charity oft, die Freundinnen doch aufzunehmen. Obwohl sie erst 4 Jahre alt ist, ist Ella empathisch und liebenswürdig. Ihr liebster Spielkamerad ist ihr großer Bruder Paris, der sieben Jahre älter ist.
Paris ist ein ausgesprochen kluges Kind. Bei einem IQ-Test kommt er auf einen Wert von 141. Damit gilt er als hochbegabt. Seine Schulnoten sind exzellent, zusätzlich kann er außergewöhnlich gut zeichnen und ist insgesamt sehr kreativ. Als Kind ist Paris ziemlich ruhig – bis Charity mit Ella schwanger wird. Er ist zunächst nicht begeistert davon, großer Bruder zu werden. Aber als Ella dann auf die Welt kommt, scheinen Paris’ Vorbehalte wie weggeblasen. Die beiden Geschwister sind ein Herz und eine Seele.
Zeitweise wachsen Paris und Ella auch bei ihrer Tante auf. Sie pendeln zwischen ihrem Haus und dem ihrer Mutter Charity. Sowohl der Tante als auch der Großmutter der Kinder und Charity selbst fällt auf, dass Paris anders ist als andere Kinder. Er ist sehr in sich gekehrt und scheint keinerlei Bedarf für soziale Interaktionen zu haben. Selbst gegenüber seiner kleinen Schwester, mit der er viel spielt und herumalbert, zeigt er kaum Zuneigung. Manchmal fällt er durch Aggressionen auf. Es kommt vor, dass Paris seinen eigenen Kopf so lange gegen die Wand schlägt, bis er blutet.
Die Großmutter der beiden Kinder sagt später in einem Interview, Paris habe sich daran gestört, nach Ellas Geburt nicht mehr der Mittelpunkt der Familie gewesen zu sein. Gepaart mit seiner hohen Intelligenz ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass er sich anders verhält als andere in seinem Alter. Auch wenn er hochbegabt ist, ist er immer noch nur ein Kind.
Irgendwann bekommt Charity aber Angst vor ihrem Sohn, als er mit einem Messer in der Hand durch das Haus rennt. Charity will es ihm abnehmen, doch Paris rennt mit dem Messer nach draußen. Als Charity ihn dort einholt, fuchtelt er vor ihren Augen mit dem Messer herum. Von einem Moment auf den anderen ist Paris wie ausgewechselt. Eben noch ausgeglichen und ruhig, wirkt der Junge plötzlich wutgetrieben.
Charity entscheidet sich nach diesem Zwischenfall dazu, Paris untersuchen zu lassen. Bei einem Besuch in einer psychiatrischen Klinik äußert das Klinikpersonal den Verdacht, Paris könne zu Gewaltverbrechen neigen. Charity entschließt sich aber dagegen, ihren Sohn dauerhaft in einer psychiatrischen Einrichtung behandeln zu lassen. Nach nur einer Woche wird Paris Lee Bennett wieder aus der Klinik entlassen. Informationen bezüglich einer richtigen Diagnose bekommt Charity von den Ärzten damals nicht.
Charity: „Ey!“
Charity: „Was ist dein Problem?“
Die Väter von Ella und Paris sind nicht präsent. Charity sagt später in einem Interview, sie und ihre Mutter, die sieben Mal verheiratet war, würden sich den schlechten Männergeschmack teilen. Paris’ Vater verlässt Charity noch während der Schwangerschaft. Wenig später wird der Vater mit einer paranoiden Schizophrenie diagnostiziert, zudem leidet er unter Halluzinationen. Charitys zweiter Mann, Ellas Vater, ist alkoholabhängig. Als er sich mit dem Gesetz anlegt und während eines Polizeieinsatzes sogar angeschossen wird, trennt Charity sich. Das Leben als alleinerziehende Mutter ist hart, aber sie ist sicher, dass sie so besser dran ist.
Leider wird Charity aber von den Geistern ihrer Vergangenheit eingeholt. 2006, als Ella drei und Paris zwölf Jahre alt ist, wird sie rückfällig. Dieses Mal ist es nicht Heroin, sondern Kokain, das zeitweise ihren Alltag bestimmt.
Charity: „Für etwa drei Monate füllte Paris diese Lücke. Er wusste, dass etwas los war, und begann, wirklich auf seine kleine Schwester aufzupassen.“
In dieser Zeit wachsen Ella und Paris noch weiter zusammen. Bis zum 4. Februar 2007 – dem Tag, der alles verändert. Charity muss arbeiten. Sie hat aber eine Babysitterin organisiert, die sich um Paris und Ella kümmert. Sie kommt zu den Bennetts nach Hause und wird den Tag mit den Geschwistern verbringen.
Zunächst läuft alles normal ab – bis es Paris gegen 22 Uhr gelingt, die Babysitterin dazu zu überreden, einfach zu gehen. Man muss dazu sagen, dass Paris – auch aufgrund seiner außergewöhnlichen Intelligenz – sehr manipulativ ist und charmant auftritt. So gelingt es ihm, die Babysitterin zu beruhigen und sie zu einem frühen Feierabend zu bewegen. Immerhin ist er schon 13 Jahre alt. Paris sagt, er habe alles unter Kontrolle. Und das hat er tatsächlich, als die Haustür hinter der Babysitterin ins Schloss fällt. Es ist der Moment, in dem das traurige Schicksal von Ella Bennett besiegelt wird.
Paris: „Ich weiß noch, dass ich den ganzen Tag lang wütend war. Ich dachte den ganzen Tag über ‘Ich möchte jemanden verletzen. Ich werde ausrasten’. Und es war nicht… Zuerst dachte ich an die Babysitterin. Ich dachte daran, die Straße hinunterzugehen und jemand neuen zu finden. Ich dachte daran, jemand Fremden zu verletzen. Ich weiß nicht mehr, wann genau ich entschieden habe, dass es Ella sein wird.“
4. Februar 2007
911: „Du denkst, du hättest jemanden umgebracht?“
Paris: „Nein, ich weiß, dass ich es getan habe. Meine Schwester.“
911: „Okay, wo ist deine Schwester jetzt?“
Paris: „Sie ist im Bett.“
911: „Atmet sie?“
Paris: „Nein, tut sie nicht. Ich fühle mich so durcheinander…“
911: „Okay, beruhig dich, ich möchte, dass du mit mir am Telefon bleibst, okay? Wie heißt deine Schwester?“
Paris: „Ihr Name ist Ella. Ella Bennett.“
911: „Wie alt ist Ella?“
Paris: „Vier.“
911: „Sie ist vier Jahre alt? Wie alt bist du?“
Paris: „Dreizehn.“
911: „Blutet sie irgendwo?“
Paris: „Ja, sie blutet das ganze Bett voll. Weil ich sie abgestochen habe.“
911: „Womit hast du auf sie eingestochen?“ Paris: „Ein Messer.“
911: „Okay, wohin hast du gestochen?“
Paris: „Oh, an viele Stellen.“
911: „Okay Paris, wo ist das Messer?“
Paris: „Es ist auf dem Bett. Ich wollte das nicht, ich…“
911: „Ich weiß, Paris. Okay, bitte bleib ruhig für mich, okay? Hör mir zu. Paris?“
Es ist der 4. Februar 2007. Ein Sonntag. Charity Lee hat schon am vorigen Tag gearbeitet. Dementsprechend müde ist sie, als sie nun am Sonntag das Restaurant betritt, in dem sie arbeitet. Die Restaurantkette Buffalo Wild Wings verkauft Fast Food, der Job als Servicekraft ist sehr kräftezehrend. Und an diesem Tag ist mit noch mehr Kundschaft zu rechnen, denn der Superbowl findet statt. Doch ihre Schicht wird unterbrochen, als gegen Mitternacht plötzlich Polizisten vor der Tür des Lokals stehen.
Sie fragen nach Charity Lee. Und erzählen ihr, dass ihre Tochter Ella verletzt wurde. Charity bittet die Polizei, sie sofort mitzunehmen und schnellstmöglich zu Ella zu fahren. Sie redet auf die Beamten ein und möchte sofort aufbrechen. Den Ermittlern bleibt nichts anderes übrig, als den wahren Grund für ihr Auftauchen zu enthüllen. Denn die vier Jahre alte Ella Bennett ist nicht nur verletzt. Sie ist tot.
Charity: „Das ergab keinen Sinn. Denn sie war zuhause, mit ihrem Bruder und einem Babysitter. Also fragte ich, ob mein Sohn in Ordnung sei. Sie sagten ‘Wir haben ihn’. ‘Also, wo ist er?’ Das war der Zeitpunkt, ab dem nichts mehr einen Sinn ergab.“
Als der Leichnam von Ella Bennett gefunden wird, liegt das kleine Mädchen bäuchlings auf dem Boden. Gegenüber den Rettungskräften hatte Paris vorgegeben, er habe eine Herzdruckmassage durchgeführt, um seine kleine Schwester zu retten. Doch die Auffindesituation beweist das Gegenteil. Paris hat nicht versucht, Ella zu helfen.
Charity: „Weißt du, ich hab das alles geglaubt. Dass er halluzinierte, und… Ich meine, er hat sich diese Story ziemlich schnell ausgedacht, nicht wahr? Was für ein Schauspieler. So klingt Paris nicht, wenn er wirklich weint. Es ist alles eine Lüge, von vorn bis hinten. Was passiert ist, dass er eine Herzdruckmassage gemacht hätte, nichts davon ist wahr.“
Bei der Obduktion von Ella wird festgestellt, dass ihr Bruder Paris 17 Mal auf sie eingestochen hat. Zudem würgte und schlug er sie. Am Tatort wurden auch Spermaspuren von Paris gefunden. Es wird vermutet, dass er die 4-jährige Ella sexuell missbrauchte, während er sie tödlich verletzte. Gegenüber den Polizisten soll Paris gesagt haben, der Körper von Ella habe sich wie eine Matratze oder ein Marshmallow angefühlt, als er auf seine Schwester einstach.
Nach der Tat rief Paris nicht sofort bei der Notrufzentrale an. Zunächst telefonierte er für etwa sechs Minuten mit einem Schulfreund. Erst dann wählte er 911.
Mein Sohn, der Mörder meiner Tochter
Charity: „Niemand ist ein perfekter Elternteil. Wir alle machen Fehler. Aber wenn ich darauf zurückblicke, wie ich meine Kinder erzogen habe, und wie ich sie noch heute erziehe – wir alle teilen Verantwortung, aber die letztliche Verantwortung liegt bei Paris. Er hätte andere Entscheidungen treffen können.“
Als Paris am Tag nach Ellas Ermordung von der Polizei befragt wird, erzählt er eine haarsträubende Geschichte. Er behauptet, er habe halluziniert. Er habe seine kleine Schwester als eine dämonische, brennende Gestalt mit einem Kürbiskopf gesehen. Er sei neben ihr eingeschlafen, und als er aufgewacht sei, habe er eine lachende, dämonenhafte Variante von Ella gesehen. Während seiner Aussage versucht Paris zu weinen. Aber es gelingt ihm nicht. Er macht zwar schluchzende Geräusche, doch es kommen keine Tränen.
Die Polizei glaubt den Erzählungen des 13 Jahre alten Paris Lee Bennett zu keiner Sekunde. Trotz seines jungen Alters und seiner vorangegangenen Verhaltensauffälligkeiten spricht alles gegen den Jungen. Seine abstruse Story, die Spermaspuren in Ellas Bett, die vorgetäuschte Herzdruckmassage, das gespielte Weinen im Verhör und die Tatsache, dass er ganze siebzehn Mal auf seine Schwester eingestochen hat.
Zudem stellt man fest, dass Paris sich vor dem Mord an Ella pornografisches Material angeschaut hatte, darunter auch SM- und Bondage-Content. Doch dabei blieb es nicht: In Paris’ Browserverlauf in den Stunden vor dem Mord tauchen zahlreiche Snuff-Filme auf. Snuff-Filme sind Filme, in denen explizite körperliche Gewalt mit dem Ziel der Befriedigung des Zuschauenden dargestellt wird – von Suiziden und Folterungen bis hin zu Morden. Es besteht absolut kein Zweifel daran, dass Paris Lee Bennett seine Schwester Ella im vollen Besitz seiner geistigen Kräfte ermordet hat.
Paris bekennt sich des Mordes an Ella Bennett schuldig und wird zu einer Freiheitsstrafe von 40 Jahren verurteilt. Nach zwanzig Jahren hat er die Möglichkeit, einen Antrag auf Freilassung auf Bewährung zu stellen. Der hochbegabte Teenager ist nun ein verurteilter Mörder. Erst als er bereits in Haft sitzt, teilt Paris mehr Einblicke in seine Psyche. Er spricht mit seiner Mutter, gibt Interviews und schreibt Notizen. Paris spricht davon, dass er nicht einfach nur das Bedürfnis hatte, seine kleine Schwester zu töten. Schon seit Jahren habe er eine immerwährende Wut gegen seine Mutter verspürt.
Er wollte seiner Mutter Charity schaden, auf die möglichst gravierende Art und Weise. Mit dem Mord an Ella hat die alleinerziehende Mutter beide Kinder verloren – weil das eine das andere umgebracht hat.
Charity besucht ihren Sohn im Gefängnis und will mit ihm über den Mord an Ella reden. Doch Paris bleibt ihr gegenüber distanziert. Einmal greift er sie während eines Besuchs im Gefängnis sogar an. Im April 2007 schreibt Charity in ihr Tagebuch:
„Er rammte den Tisch gegen mich und drückte mich damit gegen die Betonwand hinter mir. Er schnitt mir die Luft ab. Ich stand unter Schock und war gelähmt. Ich dachte, ich würde dort sterben. Dann zog er den Tisch zurück, ich kam wieder zu Atem, und er rammte ihn erneut gegen mich.“
Später ändert Paris seine Begründung für die Tat. Es sei ihm zwar auch darum gegangen, seiner Mutter Schaden zuzufügen. Allerdings habe er vor allem den sexuellen Missbrauch an der vier Jahre alten Ella vertuschen wollen. Paris sagt, er habe nicht gewollt, dass das Mädchen jemandem davon erzählt. Also habe er sich dazu entschieden, sie umzubringen.
Der Mord an ihrer kleinen Tochter durch ihren eigenen Sohn stürzt Charity in ein tiefes Loch. Denn die zweifache Mutter gibt sich selbst die Schuld für Paris’ Tat. Sie weiß, dass ihr Rückfall in die Drogensucht für ihren Sohn schwer gewesen sein muss, und dass diese Episode womöglich zu Paris’ ungeheurer Wut beigetragen hat. Sie beginnt viel Alkohol zu trinken und unternimmt mehrere Suizidversuche. Aber Charity überlebt – auch, weil sie Paris nicht die Genugtuung geben möchte, an ihrem Schicksal kaputtzugehen.
Charity: „Ich habe gelernt, mit den Fehlern, die ich begangen habe, zu leben. Aber ich denke nicht, dass die Fehler, die ich gemacht habe, sein Handeln rechtfertigen oder erklären.“
2009 wird Charity von ihrer eigenen Mutter Kyla und von Paris verklagt. Denn Charity möchte erwirken, dass Kyla Paris keine Geschenke mehr ins Gefängnis senden kann. Immer wieder schickt die Großmutter ihm Comics, in denen auch Mord und Sexualstraftaten eine Rolle spielen. Charity möchte Paris von solchen Medien fernhalten. Großmutter Kyla hingegen sieht das offenbar ganz anders.
Nach dem Antrag von Charity, Geschenke durch die Großmutter nicht mehr an Paris weiterzugeben, möchte Kyla ihrer eigenen Tochter sogar das Sorgerecht für Paris entziehen. Paris bezeichnet das Verhältnis zu seiner Mutter Charity daraufhin als toxisch, die beiden würden einander nicht guttun. Doch Charity lässt sich trotz allem nicht unterkriegen. Denn nun, da ihr Sohn selbst als verurteilter Mörder im Gefängnis sitzt, denkt sie auch vermehrt über den Mord an ihrem eigenen Vater nach. Als der erschossen wurde, war Charity erst fünf Jahre alt und damit zu jung, um zu begreifen, was vor sich ging.
Wahrscheinlich überwog damals die Freude, als ihre Mutter freigesprochen wurde und nach Hause zurückkam. Doch nun, da sie selbst erwachsen ist, ist Charity sich nicht mehr so sicher, ob ihre Mutter wirklich keine Rolle bei der Ermordung ihres Vaters spielt. Sie beginnt, immer mehr Parallelen zwischen ihrem verurteilten Sohn und ihrer freigesprochenen Mutter zu erkennen. Aber anstatt den Kontakt zu beiden abzubrechen, besteht sie umso mehr darauf, den Kontakt zu Paris zu halten. Solange er noch minderjährig ist, möchte sie für ihn da sein – obwohl er der Mörder ihrer Tochter Ella ist. Als er sieht, dass seine Mutter ihn nicht aufgibt, zieht Paris seine Klage zurück.
Mittlerweile ist Paris erwachsen – und liest übrigens mit Vorliebe Horrorliteratur. Als ein Journalist ihn während eines Interviews verwundert darauf anspricht, antwortet er folgendermaßen.
Paris: „Ich lese gern Horror und dunkle Fiktion, weil es für mich schwierig ist, Romane über ein profanes Leben oder profane Anliegen zu lesen. Wenn ich eine Horrorgeschichte lese, ist das beinahe beruhigend, weil es beinahe ist, als würde ich den Geist des Autors berühren, jemanden, der versteht – der entweder selbst an einem dunklen Ort war, oder diese Orte gesehen hat, und das ausdrücken und artikulieren kann, wie es mir nicht möglich ist.“
Paris: „Ich mag inhaftiert sein, aber das bedeutet nicht, dass ich ein Monster oder ein Bösewicht bin. Der Fehler, den ich vor zwölf Jahren begangen habe, im Alter von 13 Jahren, ist nichts, was mein Leben definiert.“
Vergebung?
Charity: „Ich musste ihm verzeihen, für meine eigene mentale Gesundheit. Ich habe einen Punkt erreicht, an dem ich ihm verzeihen konnte, weil ich nicht weiterhin so wütend herumlaufen konnte. Teilweise war es auch der Fakt, dass er derart gewillt war, mich zu zerstören und mich leiden zu lassen. Ich habe einen Punkt erreicht, an dem ich mich dazu entschieden habe, das nicht zuzulassen. Ich denke, das war ein Weg, die Kraft und Kontrolle zurückzugewinnen. Und dann, und ich weiß, es ist schwer zu glauben, liebe ich meinen Sohn wirklich.“
Charity hat mittlerweile eine Hilfsorganisation namens „The Ella Foundation“ gegründet. Die Organisation setzt sich für Gewaltprävention ein. In den 2010ern hält Charity in den gesamten USA Vorträge und erzählt vom Schicksal ihrer Familie. Immer in der Hoffnung, vielleicht dazu beitragen zu können, dass andere Warnzeichen in ihrem Umfeld früh wahrnehmen können.
Nach dem Tod von Ella bekommt Charity noch ein weiteres Baby. Ihr Sohn Phoenix wird mit einem seltenen Herzfehler geboren. Charity erklärt, aufgrund seiner Krankheit müsse sie mit Phoenix anders umgehen als mit ihren anderen Kindern. Im Grunde sei es bei Paris ähnlich – mit dem Unterschied, dass seine Krankheit keine physische, sondern eine psychische sei. Von Experten wird Paris inzwischen als Psychopath bezeichnet. Gerade deshalb hat Charity das Gefühl, dass Paris als 13-jähriger Junge jemanden brauche, der ihm hilft, im US-Justizsystem zurechtzukommen.
Charity: „Paris hat eine psychische Krankheit, die biologischer Natur ist. Also muss ich das Ganze mit derselben Herangehensweise behandeln. Es sind andere Arten von Überlegungen, weil Paris gefährlich für andere ist, während mein anderes Kind sich nur über die Gefahr für sich selbst Gedanken machen muss.“
Charity macht sich auch über die Zeit nach Paris’ Haftentlassung Gedanken. Solange er noch im Gefängnis sitzt, möchte sie zunächst für ihren Sohn da sein. Doch danach wird sie keinen Kontakt zu Paris suchen. Obgleich Charity glaubt, dass Paris durchaus versuchen würde, ein normales Leben zu führen, ist sie skeptisch. Zu groß ist die Angst, dass Paris ihrer Familie erneut Schaden zufügen könnte.
Paris: „Es erstaunt mich. Die Tatsache, dass sie mich noch immer lieben kann und die Tatsache, dass sie sich noch um mich kümmert. Und mir beisteht. Es erstaunt mich wirklich.“
Paris weiß, dass er mit Phoenix mittlerweile einen Halbbruder hat. Aus dem Gefängnis hat er zahlreiche Briefe an ihn geschrieben. Paris hat Charity damit beauftragt, diese aufzubewahren, bis Phoenix irgendwann alt genug ist, um sie zu lesen. Er hat auch einige Male am Telefon mit Phoenix gesprochen – gesehen haben sich die Halbbrüder allerdings nie. Und wenn es nach Charity geht, wird es dabei auch bleiben.
Paris: „Ich liebe Phoenix auf eine sehr tiefe und starke Weise. Ich möchte mit ihm Zeit verbringen können, ich möchte für ihn der Bruder sein können, der ich für Ella hätte sein sollen. Jeder der denkt, dass ich irgendeinen Groll gegen ihn hege, ist ein Idiot.“
Charity: „Man kann sein Wesen nicht heilen. Und selbst wenn, würde er nicht denken, dass er eine Heilung braucht. Er ist gefährlich.“
Outro
Anders als viele andere Mörder wird Paris Lee Bennett das Gefängnis eines Tages wieder verlassen. Er wird nicht länger als vierzig Jahre dort verbringen. Schon im Februar 2027 könnte er auf Bewährung wieder freikommen. Allerdings sind Experten sich einig, dass es kaum möglich sein wird, Paris zu rehabilitieren. Dennoch wird er spätestens im Februar 2047 ein freier Mann sein.
Charity Lee hat inzwischen mit ihrem Sohn abgeschlossen. Paris ist inzwischen volljährig – in einem Facebook-Post von 2021 schreibt Charity Folgendes:
„Ich habe mich komplett von meinem ältesten Kind entfernt und habe nicht zurückgeblickt. Es ist eine Sache, ein Kind zu sein, das furchtbare Entscheidungen trifft. Es ist eine ganz andere Sache, ein 27-jähriger Mann zu sein, der ständig Entscheidungen trifft, die seine Familie in Gefahr bringen. Das Fass zum Überlaufen brachte für mich, dass er mit einer Frau liiert war, die zwei Stunden von uns entfernt wohnte und wegen der Planung einer Massenschießerei auf Kaution frei war. Die Grenzen waren zu oft überschritten worden. Ich kaufte eine Waffe, lernte zu schießen (ich bin jetzt wirklich gut) und verabschiedete mich. Ich habe endlich akzeptiert, dass es in Ordnung ist, ihn als meinen Sohn zu lieben, aber den Mann, der er geworden ist, wirklich nicht zu mögen.“
In diesem Zuge hat Charity auch die Ella-Foundation geschlossen. Sie schreibt, für sie sei es nun an der Zeit, in der Gegenwart zu leben. Die Vergangenheit sei immer ein Teil von ihr, dennoch habe sie inzwischen gelernt, sich auf das Hier und Jetzt zu fokussieren – auch für ihren Sohn Phoenix, der mit seinem Herzfehler all ihre Aufmerksamkeit braucht.
Damit sind wir am Ende des heutigen Videos angelangt. Wenn ihr die Dokumentation interessant gefunden habt, lasst doch gern ein Like da. Hier bei Insolito erscheinen zweimal wöchentlich True-Crime-Videos. Solltet ihr das noch nicht getan haben, würde ich mich freuen, wenn ihr den Kanal abonniert und auch beim nächsten Mal dabei seid. Vielen Dank für euren Support und bis dann.
Quellen
- undefined YouTube
- My son murdered and molested my daughter New York Post, 2020
