Intro
Notrufzentrale: "Broken Arrow 911". *lautes Atmen* Notrufzentrale: "Hallo?" Daniel: "Hallo." Notrufzentrale: "Hi, wo bist du?" Daniel: "Broken Arrow, Oklahoma, 74011." Notrufzentrale: "Welche Adresse?" Daniel: "709 Magnolia Court.” Notrufzentrale: "70- okay. Bist du der Einzige dort?" Daniel: "Nein. Meine Brüder greifen meine Familie an." Notrufzentrale: "Dein Vater greift deine Familie an?" Daniel: "Nein. Mein Bruder. Ah!" *Unverständlich* Notrufzentrale: "Okay, wer greift deine Familie an?" Daniel: "Wie bitte?" Notrufzentrale: "Wer greift Ihre Familie an?" Daniel: "Ja" Notrufzentrale: "Wer? Wer ist es?" *Unverständliches Geschrei* Daniel: “Nein, bitte töte mich nicht!” Notrufzentrale: "Bist du da?" Männliche Stimme: “Hallo?” Notrufzentrale: "Hallo, was ist da los?” Notrufzentrale: "Was ist da los, hallo?" *Kratzende, klackende Geräusche*
Mit diesen Geräuschen endet das Gespräch. Die Notrufzentrale versucht noch einmal, zurückzurufen, doch niemand geht ran. Also werden Polizisten zu der angegebenen Adresse geschickt. Niemand kann die Beamten darauf vorbereiten, was sie vor Ort sehen werden. Der Anrufer war der erst 12 Jahre alte Daniel Bever. Als die Polizei eintrifft, ist er bereits ermordet worden. Genau wie vier weitere Mitglieder seiner Großfamilie.
Familie Bever
In dem Haus im Magnolia Court 709 lebt die Familie Bever. Vater David ist 52 Jahre alt und arbeitet in der IT-Abteilung eines großen Unternehmens. Er ist mit der 44 Jahre alten April verheiratet. Sie kümmert sich vor allem um den Haushalt und die sieben gemeinsamen Kinder des Ehepaars. Die beiden Teenager Robert und Michael sind mit 18 und 16 die ältesten, gefolgt von ihren 12- und 13-jährigen Geschwistern Daniel und Crystal. Die drei jüngsten Kinder sind der sieben Jahre alte Christopher, die zwei Jahre jüngere Victoria und das erst zwei Jahre alte Kleinkind Autumn.
Das Haus im Magnolia Court befindet sich im Wohnviertel Broken Arrow im US-Bundesstaat Oklahoma. Die Nachbarschaft grenzt an die Stadt Tulsa, den zweitgrößten Ort des Bundesstaats. Broken Arrow liegt aber etwas abseits und ist sehr beschaulich.
Die Bevers bleiben meistens für sich. Sie sind sehr religiös. Die sieben Kinder gehen nicht wie andere Gleichaltrige in die Schule oder in den Kindergarten. Stattdessen werden sie von ihren Eltern, vor allem von Mutter April, zu Hause unterrichtet. In den USA ist Homeschooling seit den frühen 2000ern ein beliebtes Lehrmodell. Im Jahr 2015 wurden etwa 3,3% aller Kinder im schulpflichtigen Alter zu Hause unterrichtet. Dazu gehören eben auch die Bever-Kinder.
Laut den Nachbarn halten David und April ihre sieben Kinder weitestgehend von den anderen Nachbarn fern. Diese wissen nicht einmal die vollen Namen der Familienmitglieder. Die Bevers leben trotz der Vorstadt-Nachbarschaft sehr zurückgezogen.
Hinter den verschlossenen Türen im Magnolia Court geht es alles andere als rosig zu. Laut späterer Aussagen der 13-jährigen Crystal und ihrer älteren Brüder Michael und Robert sollen April und David ihre Kinder physisch wie psychisch misshandeln. Robert wird später sagen, er habe das Gefühl, seine Eltern würden all ihre sieben Kinder hassen. Er denkt, sie hätten ihre Kinder nur wegen der steuerlichen Vorteile bekommen. Oft sei David auch gegenüber seiner Frau April gewalttätig geworden.
Am 22. Juli 2015 nimmt all das ein abruptes Ende. Fünf Mitglieder der Familie werden auf brutale Art in ihrem eigenen Haus getötet. Und der Fünffachmord wurde akribisch geplant. Das Motiv: Die Mörder möchten unbedingt berühmt werden.
Die Bever-Brüder
Schon früh schaut Robert Bever, mit 18 Jahren der älteste Sohn von David und April, zu ungewöhnlichen Vorbildern auf. Er idolisiert Serienmörder und wünscht sich, einmal so berüchtigt zu sein wie die beiden jugendlichen Attentäter, die 1999 an der Columbine High School dreizehn Menschen umbrachten. Es vergeht kaum ein Tag, an dem er nicht über einen berühmten Serienmörder spricht. Schon mit 13 Jahren beginnt er darüber zu fantasieren, seine eigene Familie zu ermorden.
Er teilt sich sein Zimmer mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Michael. Als Robert Michael von seinen düsteren Gedanken erzählt, findet auch er Gefallen an Roberts grausamen Plänen. Eine Schwester der Jungen, die 13 Jahre alte Crystal, bekommt von den merkwürdigen Unterhaltungen ihrer Brüder sogar etwas mit. Doch als sie ihrer Mutter April davon erzählt, tut diese das als „typisches Jungen-Gerede“ ab.
Robert lädt auf einem YouTube-Channel kleine Sketches hoch – nichts in den Videos lässt vermuten, was sich einige Jahre später abspielen wird.
Robert Bever nimmt mit 17 Jahren einen Nebenjob an und verdient sein erstes eigenes Geld. Im Sommer 2015 beginnen die Brüder, mit diesem Geld Waffen zu kaufen. Sie organisieren Schusswaffen, Munition und Messer. Sie denken sogar an Schutzwesten. In ihrem Jugendzimmer planen Robert und Michael unbehelligt einen Amoklauf. Sie wollen mit dem Auto der Familie von Oklahoma bis in den US-Bundesstaat Washington fahren. Auf dem Weg wollen sie Menschen töten. Wen sie ermorden, ist Robert und Michael Bever egal. Denn die beiden haben sich nur ein Ziel gesetzt: Sie wollen fünfzig Menschen töten.
Und sie wollen ihre Mordserie in ihrer eigenen Familie beginnen.
Die Broken-Arrow-Morde
Am späten Abend des 22. Juli 2015 ist es so weit: Der 18-jährige Robert Bever und sein 16-jähriger Bruder Michael wollen ihren grausamen Plan in die Tat umsetzen. Einige Mitglieder der neunköpfigen Familie schlafen bereits. Neben den Brüdern sind nur noch Mutter April und Schwester Crystal wach.
Es ist schon nach 23 Uhr, als April Crystal bittet, zum Zimmer ihrer Brüder zu gehen. Sie soll den Jungen Bescheid sagen, dass sie noch den Abwasch erledigen sollen. Als Crystal das Zimmer betritt, liegen auf den Betten der Teenager schussfeste Westen und Messer. Michael fragt Robert: „Sollen wir es jetzt tun?“ Robert antwortet mit „Ja.“
Michael bittet seine dreizehnjährige Schwester Crystal näher zu sich. Er sagt, er wolle ihr etwas an seinem Laptop zeigen. Doch als Crystal sich über den Computer beugt, hält Robert ihr von hinten den Mund zu und schneidet Crystal die Kehle auf.
Geistesgegenwärtig kann sich die Dreizehnjährige wehren. Durch den Lärm wird die Mutter, April, alarmiert. Als sie das Zimmer betritt, um zu schauen, was los ist, lässt Robert von Crystal ab, die daraufhin wegrennt. Stattdessen sticht er nun auf seine eigene Mutter ein. Immer wieder schreit sie, die anderen Kinder sollen die Polizei rufen.
Als April ebenfalls versucht, wegzulaufen, rennt Robert hinter ihr her und beginnt, sie zu würgen. Auch der herbeieilende David wird von seinem eigenen Sohn angegriffen. Crystal schafft es zwar, bis zur Haustür zu fliehen, und möchte gerade hinauslaufen, um Hilfe zu holen, wird da aber von einem der Brüder zurück ins Haus gezerrt. Immer wieder sticht Robert mit einem Messer auf seine kleine Schwester ein. Einige Wunden sind so tief, dass ihre Organe aus dem Bauch ragen. Crystal stellt sich tot, sodass ihre Brüder sie achtlos im Flur liegen lassen.
Die anderen Kinder bekommen mit, was da passiert. Womöglich hören sie die Schreie von Crystal und ihren Eltern oder sehen sogar ihr Blut, das aus ihren Stichwunden kommt. Die übrigen Geschwister schließen sich verängstigt in ein.
Doch Michael, der seinem Bruder Robert bei den Morden hilft, trickst die kleineren Geschwister aus. Er tut so, als würde er gerade selbst angegriffen werden. Christopher und Victoria haben sich im Badezimmer eingeschlossen. Michael fleht die beiden an, ihn hereinzulassen, damit er vor Robert in Deckung gehen könne. Er sagt: „Lasst mich rein. Er wird mich umbringen.“ Christopher und Victoria sind erst sieben und fünf Jahre alt. Vermutlich können sie gar nicht begreifen, was gerade vor sich geht. Als sie ihrem 16-jährigen Bruder Michael, der vorgibt, Schutz vor dem Angreifer zu suchen, die Tür öffnen, sticht er unvermittelt auf die beiden Kinder ein.
In dieser Zeit macht der zwölfjährige Daniel den Notruf, den ihr am Anfang gehört habt. Er hat sich Michaels Handy aus dem Wohnzimmer geholt und im Büro des Vaters eingeschlossen. Wie auch bei Christopher und Victoria klopft Michael an die Tür und bittet Daniel, ihn hereinzulassen. Als Daniel die Tür öffnet, stehen Robert und Michael davor. Michael sagt zum ältesten Bruder: „Er gehört ganz dir.“ Auch Daniel überlebt den Messerangriff nicht. Zuvor entreißt Michael ihm das Handy aus der Hand und zertrümmert es auf dem Fußboden.
Als die Polizeiautos um etwa 23:30 Uhr am Abend vor dem großen Haus der Bevers vorfahren, sehen sie schon draußen auf der Veranda Blut. Es gehört Crystal, die versucht hatte, aus dem Haus zu fliehen, ehe sie von einem der Brüder wieder hereingezerrt wurde.
Als die Beamten an der Tür klopfen, hören sie von drinnen eine schwache Stimme, die um Hilfe bittet. Es ist die dreizehnjährige Crystal. Sie ist kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren, an ihrem Hals klafft ein riesiger, stark blutender Schnitt. Darüber hinaus hat sie Stichwunden an den Armen und am Bauch. Mit letzter Kraft erzählt sie den Beamten, ihre älteren Brüder Robert und Michael hätten ihre Familie angegriffen.
Im Badezimmer im Erdgeschoss liegen die blutüberströmten Leichen der fünfjährigen Victoria und ihres zwei Jahre älteren Bruders Christopher. In der ersten Etage liegen David und April Bever – auch sie haben den Angriff ihrer beiden ältesten Söhne nicht überlebt.
Allein Aprils Körper weist neben mehreren Abwehrverletzungen über 50 Messerstiche auf. Auch Daniel, der 12 Jahre alte Junge, der den Notruf abgesetzt hat, wird ermordet aufgefunden. Auf seinen Oberkörper wurde 21-mal eingestochen, ebenso wie auf seinen kleinen Bruder Christopher. Auf Vater David und die fünfjährige Victoria wurde 28- bzw. 23-mal eingestochen. Victorias Verletzungen sollen so schwer gewesen sein, dass einige ihrer Organe zerfetzt wurden und sich mit dem Blut auf dem Fußboden mischten. Einzig die zweijährige Tochter Autumn liegt unberührt in ihrem kleinen Bett.
Zuerst kann die Polizei die älteren Brüder der Familie nicht ausfindig machen. Erst nach einer Stunde Suche finden sie Robert und Michael Bever in einem Waldstück, das an das Haus grenzt. Fußspuren hatten die beiden verraten, ein Spürhund machte die beiden ausfindig. Sie sind mit Dreck und Blut verschmiert, ihre Kleidung ist rot gefärbt.
Bei ihrer Festnahme machen die beiden einen auffallend ruhigen Eindruck. Auf Fotos ist zu sehen, wie die beiden beinahe lächelnd in die Kameras der Polizeifotografen schauen. Auf dem Revier werden die beiden getrennt voneinander befragt.
Ein Polizeibeamter fragt den 16 Jahre alten Michael Bever, wie er und sein Bruder überhaupt auf die Idee kommen konnten, ihre eigene Familie zu ermorden.
Michael: „Vor ein paar Monaten fingen wir an, über Voodoo, Amokläufe und solche Sachen zu reden. Zuerst haben wir das auch nicht ernst genommen, aber dann fing er an, sich Schutzwesten zu kaufen und so.“ Polizist: „Wo hat er sich Schutzwesten gekauft?“ Michael: „eBay und Amazon.“ Polizist: „Oh, ok.“
Michael: „Und dann, vor etwa einem Monat, so am 30. Juni, kam er zu mir und sagte, er habe herausgefunden, dass er in Oklahoma legal Waffen ohne Genehmigung kaufen kann. Und da hat er angefangen zu planen. Und äh…“ Polizist: „Hast du – nun, du sagtest, dass er Schutzwesten gekauft hat, aber du hast auch gesagt, dass er einen Haufen anderes Zeug gekauft hat. Was hat er außer Schutzwesten noch gekauft?“ Michael: „Ähm… Außer Schutzwesten, Messer, und am Ende hat er noch Waffen und Munition gekauft.“ Polizist: „Wo hat er die Messer gekauft?“ Michael: „Auch bei eBay.“
Bei diesem Verhör wendet der Polizist gegenüber Michael Bever eine besondere Taktik an. Zu Beginn des Gesprächs betritt er den Raum und sagt, der Fall sei ihm gerade erst zugeteilt worden. Michael solle ihm also von Anfang an erklären, was passiert sei. Dabei stellt er immer wieder auch persönliche Zwischenfragen oder wiederholt die Aussagen Michaels. Sein Tonfall ist nicht streng, sondern eher ruhig und gelassen.
So möchte er bewirken, dass Michael Vertrauen zu ihm fasst und Details auspackt. Doch Michael scheint zu versuchen, die vermeintliche Freundlichkeit des Polizisten auszunutzen. Denn wann immer er von den Planungen der Tat spricht, spricht er nur von „ihm“ – also seinem älteren Bruder Robert als Drahtzieher.
Polizist: „Und du wolltest das nicht tun?“ Michael: „Ich wollte es nicht tun. Ich wollte nicht… Nur (…) ich habe niemanden getötet. Ich habe jemanden abgestochen.“ Polizist: „Wen hast du abgestochen?“ Michael: „Meinen jüngeren Bruder, Christopher.“ Polizist: „Christopher? Wie alt ist Christopher?“ Michael: „Ähm, neun, glaube ich.“ Polizist: „Womit hast du ihn erstochen?“ Michael: „Ähm, mit der Linken.“
Polizist: „Also, was hat Christopher gemacht, als du auf ihn eingestochen hast?“ Michael: „Er lag auf dem Badezimmerboden, und Robert stach auch auf ihn ein, und Robert bat mich, zu ihm zu gehen und ihn festzuhalten. Also stach ich auf Christopher ein, und dann…“ Polizist: „Wo hast du hingestochen?“ Michael: „In die Seite des Halses.“ Polizist: „Wirklich? Okay.“
Da andere Polizisten zur selben Zeit allerdings Robert verhören, bietet sich den Ermittlern ein etwas anderes Bild. Der Polizist, der mit Michael spricht, führt seine offene Verhörtaktik fort und konfrontiert Michael genau damit – dass er ihm gegenüber nicht ehrlich sei. Auch dabei achtet er wieder darauf, den Verdächtigen nicht anzugreifen oder vorwurfsvoll zu klingen.
Polizist: „Der Mann, der Robert interviewt, hat mir eine kurze Version dessen gegeben, was er sagt, was du getan hast. Und du hast mir noch nicht alles erzählt, okay? Ich weiß also, dass du nicht ganz ehrlich bist. Und ich habe dir schon eine Chance gegeben.“ Michael: „Ja, es tut mir leid. Ich weiß nicht, was er gesagt hat. Ähm…“ Polizist: „Nun, du hast mehr als eine Person erstochen. Wen hast du also noch erstochen? Oder du hast mehr als nur einmal zugestochen.“ Michael: „Oh, ich habe Christopher mehr als einmal abgestochen.“ Polizist: „Wie oft hast du auf ihn eingestochen?“ Michael: „Ich glaube zweimal.“
Polizist: „Also, wir werden von jedem, den du getötet hast, und jeder einzelnen Stichwunde, die du jemandem zugefügt hast, erfahren. Und das ist deine letzte Chance, es uns irgendwie mitzuteilen, ehrlich zu sein, deinen Mann zu stehen und uns genau zu sagen, was du getan hast.“ Michael: „Ich hatte Christopher. Ich habe Victoria und Daniel nicht erstochen.“ Polizist: „Du hast Victoria nicht erstochen?“ Michael: „Ja, ähm… Aber ich habe Mom abgestochen.“
Polizist: „Du hast Mom erstochen?“ Michael: „Ja, ja, als sie wegging, habe ich versucht, sie zu holen, aber, wissen Sie…“ Polizist: „War das, als du dich geschnitten hast?“ Michael: „Ja, ich glaube, danach.“ Polizist: „Wo hast du deine Mutter gestochen?“ Michael: „Ich kam sozusagen von hinten und schnitt dann -“ Polizist: „Hast du ihr einen Schnitt verpasst?“ Michael: „Ich glaube schon, ja.“
Robert und Michael Bever haben nahezu ihre gesamte Familie ausgelöscht. Nur die zweijährige Autumn Bever wurde von den beiden nicht angegriffen. Allem Anschein nach hatten die Brüder geplant, auch das Kleinkind zu töten – doch ehe sie dazu kamen, war die Polizei bereits vor Ort. Nach den Morden hätten sie die Leichen ihrer Familienmitglieder zerstückeln und auf dem Dachboden verschwinden lassen wollen.
Crystal Bever ist die zweite Überlebende der Angriffe. Nach dem Eintreffen der Polizei wird sie ins Krankenhaus gebracht und dort notoperiert. Ihr körperlicher Zustand ist zwar kritisch, stabilisiert sich nach einigen Tagen aber wieder. Sie kann von den Ermittlern befragt werden – so konnten die Geschehnisse rekonstruiert werden. Obwohl sie sich körperlich von den schweren Verletzungen erholt haben mag, wird ihr Trauma die damals 13-Jährige wohl ihr Leben lang begleiten.
Der Prozess
Nach den Befragungen werden die Bever-Brüder in ein örtliches Gefängnis gebracht. Am 31. Juli 2015 wird bekannt, dass gegen Robert und Michael Bever eine Anklage erhoben wird. Beiden werden die Morde an David, April, Daniel, Christopher und Victoria Bever sowie die schwere Körperverletzung mit Tötungsabsicht an Crystal Bever vorgeworfen. Doch zunächst plädieren die Bever-Brüder auf unschuldig.
Im Oktober stellt der Verteidiger von Michael Bever den Antrag, dass sein Mandant als Jugendlicher verurteilt werden soll. Das Gesetz des Bundesstaates Oklahoma sieht vor, dass 15- bis 17-Jährige, die des Mordes ersten Grades angeklagt sind, als Erwachsene vor Gericht gestellt werden müssen. Sie können für solch ein Delikt also gar nicht als Jugendliche oder jugendliche Straftäter anerkannt werden. Der Anwalt stellt die Verfassungsmäßigkeit dieses Gesetzes infrage. Außerdem wünscht sich Michaels Verteidiger, dass der 16-Jährige nicht in ein Gefängnis, sondern in eine psychiatrische Einrichtung kommt.
Michaels Verteidiger scheitert mit dem Antrag. Der 16-Jährige wird ebenso wie sein zwei Jahre älterer Bruder Robert als Erwachsener angeklagt. Damit könnte den Brüdern theoretisch auch die Todesstrafe drohen. Der Heimatstaat der beiden, Oklahoma, ist einer von 27 US-Bundesstaaten, in dem die Todesstrafe noch in Kraft ist und auch noch umgesetzt wird.
Während einer ersten Anhörung im Februar 2016 sagen auch einige Polizisten aus, die mit den Brüdern zu tun hatten. Dabei kommt auch zur Sprache, dass die Ermittler noch eine weitere Eskalation der Tat verhindern konnten.
Denn wie eingangs erwähnt, hatten Michael und Robert geplant, auf einer Reise von Oklahoma nach Washington weitere Menschen an belebten Orten zu töten. Dafür hatten sie Schussmunition online bestellt, die am Tag nach dem Fünffachmord hätte geliefert werden sollen. In der Zwischenzeit wollten die beiden Brüder Videos drehen – eines für die Polizei, das die Leichen der Familie Bever hätte zeigen sollen, und eins vom gereinigten Tatort. Dieses hätten die beiden dann auf YouTube hochladen wollen.
Das Vernehmungsmaterial von Robert ist bislang nicht öffentlich zugänglich. Die zuständigen Beamten sagen aber, er habe während der Beschreibung der Morde gelacht und gesagt, er habe sich während des Tötens „wie ein Gott“ gefühlt. Es gebe ohnehin zu viele Menschen auf der Welt, also habe er einige „beseitigen“ wollen.
Im Juni 2016, knapp ein Jahr nach dem Mord an seinen Eltern und drei seiner Geschwister, versucht Robert, Suizid zu begehen. Doch in der streng bewachten medizinischen Abteilung des Gefängnisses, in dem er einsitzt, gelingt der Versuch nicht.
Die beiden Brüder werden in separaten Prozessen angeklagt. Noch davor bekennen die beiden sich doch in allen Anklagepunkten schuldig. Unterdessen wird auch bekannt, dass es Filmmaterial der Morde gibt. Auf einem USB-Stick im Haus der Bevers konnten die Aufnahmen der Überwachungskameras der Familie sichergestellt werden. Das Kamerasystem erfasste unter anderem auch die Flure und das Wohnzimmer und damit einige Orte der Messerangriffe.
In Michaels Prozess sagt Robert als Zeuge aus. Michaels Anwalt schiebt die gesamte Schuld auf Robert. Er sei es gewesen, der die Mordserie geplant und die Familienmitglieder erstochen habe. Robert zeigt sich bereit, alle Schuld auf sich zu nehmen. Er sagt vor Gericht: „Ich würde nicht bestreiten, dass wir zusammen gehandelt haben. Aber wir haben jeweils auf unsere eigene Art gehandelt.“
Darüber hinaus sagt Robert, Vater David sei nicht nur gewalttätig gewesen – er habe auch gedroht, seine Kinder umzubringen. Die Kinder hätten das Haus kaum verlassen dürfen, da in den Augen der Eltern außerhalb der eigenen vier Wände viele Gefahren lauern. Diese Anschuldigungen gegen David und April Bever kann man heute natürlich nicht mehr überprüfen. Als Robert auf seinen Vater eingestochen habe, habe dieser ihn noch gefragt, warum er all das tun würde. Robert habe darauf geantwortet: „Weil ich muss.“
Noch während seiner Untersuchungshaft wird in Roberts Gefängniszelle ein Notizbuch gefunden. Darin beschreibt er den Colorado-Attentäter James Holmes und den Sektenführer Jim Jones als seine großen Helden. Im Buch befinden sich Zeichnungen von Hakenkreuzen und Zeichnungen von Roberts eigenen Morden an seinen Angehörigen. Außerdem hat er eine Kurzgeschichte über seine und Michaels Mordserie geschrieben.
Letztendlich wird der sechzehn Jahre alte Michael Bever zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Er wird im Jahr 2054 eine Umwandlung in eine Bewährungsstrafe beantragen können. Auch der 18 Jahre alte Robert wird zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Für ihn ist keine vorzeitige Entlassung und keine Möglichkeit einer Umwandlung in eine Bewährungsstrafe vorgesehen.
Seitdem sitzen die Bever-Brüder in zwei verschiedenen Gefängnissen in Oklahoma ein.
Robert soll im Gefängnis 2019 zwei Mitarbeiter mit einer Waffe angegriffen haben. Er habe sich von hinten an einen Psychologen und einen Sozialarbeiter herangeschlichen und sie dann mit einem scharfen Gegenstand attackiert. Glücklicherweise konnte Robert Bever niemanden verletzen.
Seitdem ist es still geworden um die beiden Brüder. Wie es Crystal und Autumn Bever, den beiden Überlebenden der Messerangriffe, heute geht, ist nicht bekannt. Es bleibt zu hoffen, dass sie an einem sicheren Ort untergebracht wurden – wo sie die nötige Unterstützung bekommen, um ihr Trauma bestmöglich aufzuarbeiten.
Outro
Das Haus, in dem Robert und Michael Bever ihre Eltern David und April sowie ihre Geschwister Daniel, Christopher und Victoria ermordeten, existiert heute nicht mehr. Am 18. März 2017 brannte das Haus nieder und wurde danach abgerissen. Zuvor hatte die Stadtverwaltung eine Spendenkampagne ins Leben gerufen, um das Grundstück kaufen zu können und darauf eine öffentliche Grünfläche einzurichten.
Mittlerweile befindet sich dort, wo einmal das Haus der Bevers stand, der Bever Family-First Responders Memorial Park. Der Ort, an dem sich der grausame Fünffachmord abspielte, ist nun ein Ort der Ruhe und Erinnerung geworden.
Damit kommen wir zum Ende des heutigen, sehr erschreckenden Falls. Wir werden nie genau wissen, was sich in der Bever-Familie abgespielt hat – doch ohnehin gibt es nichts, was einen solch bestialischen Mord an fünf Personen, darunter drei Kindern, erklären könnte.
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Quellen
- Bever Family Murders: Where Are Robert and Michael Bever Now? The Cinemaholic, 2022
- Robert Bever Tries To Attack Prison Staff With 'Sharpened Instrument' Report States YouTube, 2019
- Bever homicides: A timeline of events from the murders in 2015 to the brothers' convictions Tulsa World, 2020
- Video von 51:36 bis 52:18 einblenden YouTube, 2022
- Two Brothers Tried To Kill Their Entire Family - Only Their Little Sisters Survived Ranker, 2018
- Bever homicides: A timeline of events from the murders in 2015 to the brothers' convictions Tulsa World, 2020
- Graphic evidence related to Bever family murders released after Michael Bever's conviction KTUL, 2018
- BEVER v. STATE (Okla. Crim. App. 2020) Justia
- Robert Bever breaks down in tears on witness stand in younger brother's murder trial, says they acted together but 'in (their) own ways' Tulsa World, 2018
- The Latest: Life with parole for son in fatal stabbings Yahoo, 2018
