Intro
Annette Lindemann lebt 2010 gemeinsam mit ihrem Ehemann und ihren vier Söhnen in Gelsenkirchen. Annette und ihr Mann lernen sich bei der gemeinsamen Arbeit kennen, beide sind im Polizeidienst tätig. Als die Familie das erste Kind bekommt, verändert sich die Rollenverteilung in der Familie und Annette kümmert sich fortan um die Söhne, während ihr Ehemann den Lebensunterhalt der Familie verdient. Die Familie wohnt in einem der wohlhabenden Stadtteile von Gelsenkirchen, einer guten Nachbarschaft, in der die Familien von anderen Beamten, Anwälten und anderen Bürgern der oberen Mittelschicht leben. Nach außen wirkt die Idylle der Lindemanns perfekt. Doch an einem Mittwoch, den 2. Juni 2010, wird Annette Lindemann verschwinden – und bis heute verschwunden bleiben.
Das Verschwinden
Annette verschwindet zusammen mit einem Auto der Familie, einem großen, schwarzen Mercedes Viano mit dem Kennzeichen GE-AL-2701. Sie soll ihrem Mann angekündigt haben, sich eine Auszeit nehmen zu wollen und etwas Abstand zu suchen, denn die Beziehung der beiden sei nach vielen Jahren Partnerschaft etwas angeschlagen. Doch als Annette auch am 7. Juni immer noch nicht wieder zuhause ist und sich somit ganze fünf Tage weder bei ihren Kindern noch bei ihrem Ehemann gemeldet hat, meldet dieser sie als vermisst. Der älteste Sohn ist zum Zeitpunkt von Annettes Verschwinden gerade einmal zwölf Jahre alt. Verwandte und Freunde von Annette sind sich von Anfang an sicher: Die vierfache Mutter würde ihre Kinder nie allein lassen, schon gar nicht ohne eine Vorwarnung – noch dazu hat einer der Söhne wenige Tage nach Annettes Verschwinden Geburtstag. Ein plötzliches Abtauchen von der Bildfläche passt einfach nicht ins Bild der ehemaligen Polizistin, die als liebevolle und beschützende Mutter gilt. Auch soll sie sämtliche Alltagsgegenstände und persönliche Habseligkeiten zuhause gelassen haben. Was ebenfalls gegen ein freiwilliges Verschwinden spricht. Deswegen fängt die Polizei auch an in dem Fall zu ermitteln.
Schon bald bringen die Beamten Merkwürdiges in Erfahrung: Ihnen wird eine Beobachtung an einem Wertstoffhof im Gelsenkirchener Stadtteil Scholven gemeldet. Dort werden mitten auf einer Halde zwei Matratzen verbrannt. Doch Beamte können inmitten der verbrannten Matratzen noch eine wichtige Spur sichern: den Knopf einer Jeanshose der Marke Esprit. Tatsächlich lässt sich an diesem noch die DNA von Annette Lindemann finden. Als die Polizei den Ehemann der Vermissten damit konfrontiert, gibt dieser zu, tatsächlich zwei neue Matratzen beim Dänischen Bettenlager gekauft zu haben – nur ein paar Tage nach dem Verschwinden seiner Frau. Dazu, ob und wie er die beiden alten Matratzen entsorgt hat, äußert er sich jedoch nicht. Diese Korrelation kommt den Ermittlern merkwürdig vor, beweist aber natürlich nichts. Dennoch gerät der Ehemann der Vermissten spätestens ab diesem Augenblick in Verdacht.
Am 25. Juni 2010 gibt es eine neue Spur: Der Familienwagen der Lindemanns, der mit Annette verschwunden ist, wird von Spaziergängern gefunden. Der schwarze Mercedes steht zwischen Marl-Sinsen und Haltern am See an einem Waldstück, gegenüber der Zufahrt zur dort gelegenen Haardklinik – doch von der vierfachen Mutter fehlt weiterhin jede Spur, denn das Auto ist zum Zeitpunkt des Auffindens vollständig ausgebrannt.
Die Spurensicherung stellt schnell fest, dass es sich nicht etwa um einen Unfall, sondern um Brandstiftung gehandelt haben muss. Das dabei entstandene Feuer war so groß, dass auch nahe gelegene Bäume in Brand gerieten, durch zügige Löscharbeiten konnte ein größerer Waldbrand aber glücklicherweise verhindert werden.
Zwar ist das Auffinden des Autos ein neuer Anhaltspunkt für die Ermittler, doch es wirft auch neue Fragen auf. Denn es ist völlig unklar, wo sich der schwarze Wagen in den drei Wochen zwischen dem 2. Juni, dem Tag von Annettes Verschwinden, und dem 25. Juni 2010 befunden hat.
Als Suchhunde die Fährte an dem ausgebrannten Wagen aufnehmen, führen sie die Ermittlungsgruppe schnurstracks zu einem etwa acht Kilometer entfernten Wohnhaus. Es ist das Haus des Vaters von Herrn Lindemann, der sich nach dem Verschwinden von Annette oft bei seinem Vater aufhält. Die Polizei vermutet, dass er erst den Wagen von Annette Lindemann im Waldstück angezündet haben könnte, um sich dann mit einem Fahrrad auf den Weg zum Haus seines Vaters zu machen, wo er seinen eigenen PKW abgestellt haben könnte, um wieder nach Hause zu fahren.
Ihr Ehemann rückt immer mehr in den Fokus des Ermittlerteams der eigens eingerichteten Soko, und tatsächlich wird sie weiter fündig: Zum einen war der Ehemann zum Zeitpunkt des Verschwindens von Annette außergewöhnlich oft krankgeschrieben, was man noch mit den besonderen Umständen erklären könnte, doch er soll auch versucht haben, den Dienstplan seines Polizeipräsidiums zu manipulieren. Und nicht nur das: Herr Lindemann hat, ohne das Wissen von Annette, eine Zweitwohnung in Gelsenkirchen angemietet, direkt gegenüber dem Polizeirevier, auf dem er arbeitete.
Bei genaueren Untersuchungen findet die Polizei zahlreiche Widersprüche in den Äußerungen des Ehepartners der Verschwundenen: Die Angabe, dass Annette zuletzt am 2. Juni 2010 gesehen wurde, stellt sich als fragwürdig heraus. Am 29. Mai brachte ein Freund der Familie einen der Söhne der Lindemanns nach einer Geburtstagsfeier nach Hause und sprach kurz mit Annette – doch er war die letzte Person, die die vierfache Mutter, abgesehen von ihrem Ehemann, gesehen hat. Nur er hatte nach eigenen Angaben zwischen dem 29. Mai und dem 2. Juni noch Kontakt zu ihr, dritte Personen wollen sie seitdem nicht mehr gesehen haben. Auch das von ihr genutzte Familienauto wurde nach diesem Zeitpunkt von niemandem mehr gesehen. Dadurch erhärtet sich der Verdacht, der Ehemann der Vermissten könnte beim Zeitpunkt des Verschwindens gelogen haben. Umgehend wird eine Mordkommission ins Leben gerufen.
Geheimnisse
Und es kommen noch mehr Informationen ans Tageslicht, von denen noch Wochen zuvor niemand etwas ahnen konnte: Als Annette Lindemann verschwindet, ist ihr Ehemann erneut werdender Vater – allerdings erwartet er sein fünftes Kind nicht mit seiner Ehefrau Annette, sondern mit einer zehn Jahre jüngeren Arbeitskollegin, mit der er schon länger ein Verhältnis gehabt haben soll. Um dies geheim zu halten, soll er auch die Wohnung in Gelsenkirchen angemietet haben, von der niemand außer ihm und der Arbeitskollegin wusste. Die Wohnung wurde für gemeinsame Treffen benutzt.
Die Arbeitskollegin, mit der Annettes Ehemann eine Affäre gehabt haben soll, soll im Zuge ihrer Schwangerschaft auf eine Aussprache mit Annette gepocht haben. Sie habe dabei auch in den Raum gestellt, selbstständig das Gespräch mit Annette suchen zu wollen, sollte Herr Lindemann nicht von sich aus Klarheit zwischen allen Parteien schaffen. Immer wieder habe er dieses klärende Gespräch aber durch perfide Lügen aufgeschoben. Um ein Aufeinandertreffen zwischen Annette und der Affäre zu verhindern, soll der Mann auch vor schwerer Brandstiftung nicht zurückgeschreckt haben:
An einem Tag soll er, um ein Treffen zwischen Annette und seiner Affäre zu verhindern, einen Brand im Treppenhaus einer Freundin von Annette gelegt haben – ein Ablenkungsmanöver. Dieser Brand hätte schnell tödlich enden können, denn der zwölfjährige Sohn der Freundin befand sich zum Zeitpunkt des Feuers im Obergeschoss des Hauses. Wäre das Feuer weiter vorangeschritten, bevor es gelöscht werden konnte, hätte der Sohn von Annettes Freundin den Flammen möglicherweise nicht entkommen können.
Wegen des Brandanschlags wird Herr Lindemann schließlich auch angeklagt – auch wenn die Polizei der Überzeugung ist, dass er seine Frau umgebracht hat, kann sie es doch nicht beweisen und ihn somit nicht anklagen. Eine weitere ursprüngliche Anklage wegen des mutmaßlichen Besitzes kinderpornographischer Schriften gegen den Ehemann von Annette Lindemann wird eingestellt, es ist also davon auszugehen, dass es sich hierbei um eine falsche Anschuldigung handelt.
Dennoch wird er wegen der schweren Brandstiftung zu zwei Jahren Haftstrafe auf Bewährung verurteilt, auch wenn er vehement seine Unschuld beteuert. In der Urteilsbegründung greift das Gericht auch den Mordverdacht gegen Herrn Lindemann auf und appelliert an ihn: „Wir hoffen, dass Sie Ihren Kindern gegenüber einmal reinen Tisch machen.“ Bis heute ist das jedoch leider nicht passiert.
Angeblich soll Annette Lindemanns Ehemann noch zwei weitere Affären gehabt haben, darüber hinaus habe er sich durch die Finanzierung der großen Wohnung der Familie und die Anmietung der geheimen Wohnung in Gelsenkirchen in finanzielle Schwierigkeiten gebracht.
Zwar schlagen Leichenspürhunde im Schlafzimmer der Lindemanns an, doch wie bekannt hat Herr Lindemann die Matratzen ausgetauscht, sodass sich an ihnen keine Spuren finden konnten. Darüber hinaus sei am Himmelbett des Ehepaars ein Schal durch einen neuen ersetzt worden – so entsteht die Theorie, Herr Lindemann könnte seine Frau im eigenen Schlafzimmer mit einem der Schals des Himmelbettes erdrosselt und ihre Leiche verschwinden lassen haben, um dann die Matratzen und schließlich das Auto zu verbrennen, um jegliche stichhaltige Spuren zu vernichten. Sollte dies der Wahrheit entsprechen, wäre es ihm gelungen – denn obwohl die Indizien einen plausiblen Zusammenhang ergeben, sind sie nicht schwerwiegend genug, um den Ehemann seiner mutmaßlichen Tat überführen zu können. Denn reine Indizien-Prozesse sind schwierig durchzubekommen.
Herr Lindemann wurde schon 2010, kurz nach den ersten Verdächtigungen gegen seine Person, vom Polizeidienst suspendiert.
2015 wird nach neuen Zeugenhinweisen, nach denen Annette Lindemanns Auto im Zeitraum ihres Verschwindens im Bereich des Rhein-Herne-Kanals gesehen worden sein soll. Die Polizei beraumt großflächige Grabungen an, doch auch dabei wird Annette Lindemann nicht gefunden.
Outro
Mittlerweile ist das Verfahren rund um den Vermissten- und mutmaßlichen Mordfall Annette Lindemann eingestellt. Doch bei den Ermittlern ist der Fall keineswegs in Vergessenheit geraten – im Falle neuer Erkenntnisse wären die Mitglieder der Mordkommission sofort abrufbereit. Ob sich in diesem Fall noch etwas tun wird, ist jedoch fraglich. Denn dazu bräuchte es entweder das Auftauchen schwerwiegender Beweise oder das Auffinden von Annette Lindemann. Bis dahin kann man ihrem Ehemann die Tat trotz des schwerwiegenden Verdachts schlichtweg nicht nachweisen und ihn dementsprechend nicht belangen.
Sollte es in diesem Fall doch noch neue Erkenntnisse geben, erfahrt ihr es auf meinem Zweitkanal Insolito Crime News, wo ich euch immer wieder Updates zu aktuellen Kriminalfällen gebe oder Fälle vorstelle, die nicht umfangreich genug für die längeren Videos hier auf dem Hauptkanal sind. Schaut gern vorbei und hinterlasst, wie auch hier auf dem Hauptkanal, gern ein Abo und ein Like, solltet ihr es noch nicht getan haben. Was sind eure Gedanken zu dem Fall? Mein besonderes Beileid gilt hier den Angehörigen der Vermissten, die seit nunmehr 12 Jahren mit quälender Ungewissheit leben müssen. Ich wünsche Ihnen alles Gute und vor allem eine lückenlose Aufklärung des Falls – denn wer weiß, vielleicht entscheidet sich der mutmaßliche Täter ja irgendwann doch noch dazu, sein Schweigen zu brechen. Ich bin gespannt auf eure Kommentare und bedanke mich, wie immer, fürs Zusehen. Passt auf euch auf und bis bald.
Quellen
- (S+) Vermisstenfall Annette Lindemann aus NRW: Die vermisste Polizistin Der Spiegel, 2019
