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Mansfield, England, 1998

Susan und Christopher Edwards

Ein altes Ehepaar wird seit 1998 nicht mehr gesehen – doch seine Post wird weiter beantwortet.

Lesezeit etwa 44 Minuten

Worum es geht

Im Mittelpunkt steht das zurückgezogen lebende Ehepaar Susan und Christopher Edwards, das sich leidenschaftlich für Erinnerungsstücke aus dem frühen Hollywood interessiert. 2013 werden im Garten eines Reihenhauses im englischen Mansfield zwei Skelette gefunden, die zu einem älteren Ehepaar gehören, das seit 1998 niemand mehr zu Gesicht bekommen hat. Behörden, Ärzte und Verwandte hatten in all den Jahren nur noch Briefe von ihm erhalten. Die Ermittlungen führen zu einer Flucht nach Frankreich, zu hohen Geldsummen und zu zwei sehr unterschiedlichen Versionen der Geschehnisse. Ein Gericht muss schließlich entscheiden, was im Mai 1998 wirklich passiert ist.

Bahnhof St Pancras in London
Bahnhof St Pancras in London. Foto: Colin, CC BY-SA 3.0, über Wikimedia Commons.

Intro

Im Frühjahr 1998 geht bei einem englischen Amt ein Brief ein. Der Absender ist William Wycherley – ein 85 Jahre alter Mann aus der Stadt Mansfield. Mr. Wycherley ist also schon an seinem Lebensabend angelangt – deshalb wundert sich auch niemand darüber, was er in dem Brief schreibt.

„Lieber Sir oder liebe Madam, Ich beziehe eine wöchentlich ausgezahlte Pension. Derzeit werden mir Schecks ausgestellt, die ich bei der örtlichen Post vorlege, um das Geld dort in bar auszahlen zu lassen. Allerdings ist es für mich beschwerlich geworden, zur Post zu gehen, um die Schecks einzulösen. Sofern ich das einigen Pensions-Broschüren entnehmen konnte, scheint es auch möglich zu sein, die Zahlungen direkt auf ein Bank- oder Versicherungskonto auszahlen zu lassen. Sollte dies der Fall sein, wäre ich Ihnen zu tiefstem Dank verpflichtet, wenn Sie mir das korrekte Formular schicken könnten, um dies in die Wege zu leiten. Aufrichtig, Ihr W.G. Wycherley“

Wer auch immer den Brief auf dem Amt in die Hände bekommt, denkt sich nicht viel dabei. Weshalb auch? Dass ein Mann Mitte 80 nicht mehr jede Woche bis zur örtlichen Post fahren oder laufen möchte, um seine Pension abzuholen, ist ja mehr als verständlich. Also leiten die Behörden das gern in die Wege. Über Jahre hinweg wird die Pension von William Wycherley also von da an auf ein Konto ausgezahlt. Die von seiner Ehefrau Patricia ebenfalls. Erst als William Wycherley stolze 100 Jahre alt werden soll, im Frühjahr 2013, wird man misstrauisch.

Mr. Wycherley hat sich schon ziemlich lange nirgendwo mehr persönlich blicken lassen. Nicht mehr selbst zu Amtsterminen zu erscheinen, ist die eine Sache. Doch auch bei seinem Arzt ist William Wycherley schon ziemlich lang nicht mehr vorstellig geworden. Genau so wenig wie seine Ehefrau Patricia. Genauer gesagt, seit dem Frühjahr 1998 nicht mehr. Also wird weiter rumgefragt. Das Paar sei auf Reisen, heißt es von mehreren Verwandten und Bekannten. Wo, kann aber niemand so genau sagen.

Aber das stimmt nicht. Nein, William und Patricia Wycherley sind seit fünfzehn Jahren genau dort, wo man ein altes Ehepaar vermutet. Bei sich zuhause, in ihrem Reihenhaus in Mansfield. Nur, dass dort inzwischen eine ganz andere Familie wohnt. Und dass die Wycherleys sich nicht länger in ihrem Haus befinden

  • sondern in ihrem Garten.

Unter der Erde.

Mansfield

Es ist 2013. Sue Bramley wohnt seit ein paar Jahren in Mansfield, England. Hier hat sie ein hübsches Reihenhaus zur Miete gefunden, in der Straße Blenheim Close. Es ist typisch englisch, mit einem netten Hintergarten. Mansfield ist eigentlich die Sorte Ort, wo nie etwas passiert. Zumindest nichts, das so aufregend ist, dass wir es hier erwähnen müssten. 67.000 Einwohnende, irgendwo zwischen Nottingham und Sheffield, die letzte große Aufregung gab es Mitte der 80er, als sich eine Mansfielder Gewerkschaft nicht am großen Britischen Bergarbeiterstreik beteiligt hatte. Wie gesagt, keine sehr aufregende Stadt. Bis 2013.

Sue Bramley dürfte ziemlich verdutzt sein, als auf einmal die Polizei bei ihr vor der Tür steht. Ob sie wüsste, wo denn Mr. William Wycherley und seine Frau Patricia inzwischen leben würden, wollen die Beamten wissen. Das weiß Sue nicht. Das Haus gehört ihr ja nicht, sie mietet es nur. Ihr Vermieter hat es so ungefähr 2005 gekauft, glaubt sie. Dass hier mal ein Ehepaar namens Wycherley gewohnt hat, weiß sie trotzdem.

Denn es kommt immer noch gelegentlich Post an, die an das Paar adressiert ist. Mehr weiß Sue Bramley nicht. Erst einmal reicht das der Polizei auch. Erst ein halbes Jahr später ruft wieder ein Ermittler bei Sue an. Ob man sich mal in ihrem Garten umschauen könnte, vielleicht auch ein bisschen graben. An Sue soll es nicht scheitern. Sie hängt nicht sonderlich an ihrem Garten.

Klar, sie versucht, es sich schön zu machen – aber wenn die Polizei dort irgendwas machen will, ist es wohl besser, zuzustimmen. Außerdem ist der Garten schon seit ihrem Einzug irgendwie die Problemzone des Hauses. Da ist dieser eine Fleck mitten auf der Rasenfläche, auf dem einfach nichts wachsen will. Nicht einmal Gras. Jeden Sommer aufs Neue kauft Sue Bramley Pflanzen, und jeden Sommer aufs Neue gehen sie an derselben Stelle wieder ein. Die Stelle ist seitdem vor allem für ihren kleinen Neffen interessant. Er verbuddelt dort mit Vorliebe seine Spielzeugautos, die Nichte darf sie dann suchen und wieder ausgraben.

Sue erzählt auch ihren direkten Nachbarn von dem Plan der Polizei. Das benachbarte Ehepaar wohnt schon lange dort, sie waren noch vor den Wycherleys in die Blenheim Close gezogen. Der Nachbar ist ein Polizist im Ruhestand. Als Sue berichtet, scherzt der Nachbar noch mit ihr. Die Polizei würde in ihrem Garten wohl nach Leichen suchen wollen. Der ehemalige Polizist weiß noch nicht, dass er richtig liegt. Und dass ihm als pensioniertem Ermittler jahrelang einer der berüchtigtsten Doppelmorde Englands direkt vor der Nase lag.

Sue Bramley willigt der Grabungsaktion der Polizei in ihrem Garten jedenfalls ein. Klar kann die Polizei sich dort umschauen, sagt sie. Warum auch immer man das wollen sollte. Finden würde man dort eh nichts. Sue Bramley liegt fundamental falsch.

Lille

Ein paar hundert Kilometer weiter haben Susan und Christopher Edwards ganz andere Sorgen. Das Ehepaar ist vor etwa einem Jahr aus England in die französische Stadt Lille ausgewandert. Und eigentlich sollte das natürlich wunderschön sein. Aber ganz so einfach ist das in der Realität alles doch nicht. Zuvor haben die Edwards’ mehr als zwei Jahrzehnte lang in London gelebt, in einer Sozialwohnung im Stadtteil Dagenham. Aus der 2-Zimmer-Wohnung auszuziehen, ist ihnen nicht schwergefallen. Und, so gemein das klingen mag: Vermisst wurden sie auch nicht sonderlich.

Christopher hat manchmal mit den Londoner Nachbarn geplaudert, Susan hingegen hat mit ihren direkten Nachbarn in den mehr als 20 Jahren nicht ein einziges Wort gesprochen. Christopher muss aber – um Pakete abzuholen, die seine Nachbarn für die Edwards’ annehmen. Denn Susan ist so zurückgezogen, dass sie nicht einmal dem Postboten öffnet.

Das alles liegt nicht daran, dass das Ehepaar Edwards als unhöflich wahrgenommen wird. Auch nicht als gemein oder abstoßend. Sondern einfach als… anders. Susan und Christopher Edwards leben in ihrer ganz eigenen Welt. Erst in London-Dagenham, schließlich im französischen Lille. Und ihre eigene Welt dreht sich vor allem um ihr großes gemeinsames Hobby: Das frühe Hollywood. Beziehungsweise: Erinnerungsstücke an das frühe Hollywood. Ihre Sammlung haben die Edwards’ von London nach Frankreich mitgenommen. Darunter sind zahlreiche signierte Fotos von Legenden wie Frank Sinatra oder Gary Cooper und kleine Original-Requisiten von Filmdrehs. Und natürlich Susans Briefsammlung.

Denn seit mehr als vierzehn Jahren hat Susan einen sehr prominenten Brieffreund: Den Schauspieler Gerard Depardieu. In den letzten Jahren war der vor allem wegen ziemlich widerlicher Skandale in den Medien. Damals war er aber einer der am meisten gefeierten französischen Schauspieler und auch international bekannt und beliebt. Ein paar von euch kennen ihn vielleicht als den Obelix aus den „Asterix und Obelix“-Filmen der 2000er.

Aber so sehr eine Brieffreundschaft und die Sammelleidenschaft auch über den tristen Alltag hinwegtrösten können: Ihren Problemen kann das Ehepaar Edwards auch in Lille nicht entfliehen. Das, was sie ursprünglich aus London vertrieben hat, sitzt in ihnen auch in Frankreich im Nacken. Und vor allem wird langsam das Geld knapp.

Bislang haben sich Susan und Christopher immer allein durchgeschlagen und sind gut klargekommen. Doch Anfang 2013 muss Christopher Edwards die Reißleine ziehen. Ohne das Wissen seiner Frau Susan ruft er bei einer Verwandten an – seiner Stiefmutter Elizabeth in England. Eigentlich hat Christopher nicht wirklich regelmäßigen Kontakt zu ihr. Als Elizabeth Edwards ihren Stiefsohn am Hörer hat, ist sie dementsprechend sehr überrascht. Umso mehr, als er ihr erzählt, dass er gerade mit seiner Frau Susan in Frankreich sei und dringend Geld brauche.

Dafür hat Elizabeth allerdings so gar kein Verständnis. Immerhin ist ihr Stiefsohn Christopher Anfang 50 und sehr wohl in der Lage, zu arbeiten. Genau wie seine Frau, Susan. Elizabeth sagt, er könne doch einfach wieder zurück nach England ziehen. Zumindest dort, zuhause, würden die beiden sicherlich schnell Arbeit finden, und die Geldsorgen hätten sich erledigt. Doch Christopher beharrt darauf, es wäre wirklich wichtig, dass Elizabeth Geld schickt. Es gebe da nämlich ein paar anderweitige Probleme. Nach England zurückzukommen, käme für die beiden gerade nicht infrage. Das, was Christopher seiner Stiefmutter am Telefon erzählt, ist der Grund für das, was 2013 bei Sue Bramley passiert.

Der Garten

Im Oktober 2013 rückt dort, in der Blenheim Close in Mansfield, England, eine Spezialeinheit an. Auf einmal wimmelt es in Sues Garten von Forensikern in weißen Anzügen. Ein Bodenradar wurde angeliefert, und an der kleinen Terrasse haben sich ein Archäologe, ein Anthropologe, ein Entomologe, ein forensischer Radiologe, ein Pathologe und ein Ballistikexperte versammelt. Also: das volle Programm. Das Team muss nämlich sehr vorsichtig sein. Wenn sie mit ihrer Vermutung richtig liegen, müssen sie den Garten quasi behandeln wie eine archäologische Grabstätte.

Dass die ernsthaft irgendetwas finden werden, glaubt Sue auch im Oktober 2013 noch nicht. Bis die mitgebrachten Spürhunde auf einmal anfangen, an einer Stelle anzuschlagen. An genau der Stelle, wo Sue seit Jahren immer wieder die Blumen eingehen. Die Polizei gräbt – erstmal sieht das ziemlich unspektakulär aus. Erst, als das Loch im Garten schon mehr als einen Meter tief ist, gibt es Bewegung. Auf einmal wird der kleine Bagger ausgestellt. Forensiker gehen jetzt mit Handwerkzeug an die Sache heran.

Man findet Kugeln von einer Schusswaffe. Und zwei menschliche Skelette. Sie liegen aufeinander gestapelt in Fötus-Positionen und eingewickelt in Bettlaken in der Erde. An genau der Stelle, an der Sue Bramleys Neffe und ihre Nichte jahrelang unbekümmert gespielt haben. Um wen es sich bei den beiden Toten handelt, ist für die Ermittler kein Rätsel. Zu diesem Zeitpunkt war ihnen längst klar, wen sie im Garten finden würden, sollten die Spürhunde dort anschlagen. Nämlich das Ehepaar William und Patricia Wycherley – die vorigen Bewohner des Hauses.

Die Nachbarn erinnern sich zwar noch an die Wycherleys – aber viel können sie zu ihnen nicht sagen. Nur, dass beide geraucht haben und dass William manchmal Orgel spielte. Seine Frau hat ihn dabei gesanglich begleitet – manchmal bis spät in die Nacht hinein. Die beiden haben ihr Haus selten verlassen. Und wenn, ging Patricia immer mehrere Schritte hinter William her, in gebeugter Haltung. Einige Nachbarn hatten nicht mal auf dem Schirm, dass die beiden ein Ehepaar waren – sie dachten vom Sehen eher, die Wycherleys seien Bruder und Schwester.

Eine Zeitlang haben sie ihren Garten wohl sehr penibel, aber eigenwillig gepflegt. William hat die Hecke zu den Nachbarn mit einer Nagelschere geschnitten, also super-akkurat. Im ganzen Garten standen umgedrehte, leere Marmeladengläser rum. Warum, weiß in der Blenheim Close niemand so genau. Man hat irgendwann aufgehört, sich über William und Patricia Wycherley zu wundern. Genau wie über ihre plötzliche Abwesenheit.

Wenn die Nachbarn von nebenan es sich im eigenen Garten gemütlich machten, packten die Wycherleys immer ihre Sachen zusammen und gingen wieder rein. Einladungen zum Grillen oder zu Nachbarschaftsfesten haben sie immer ausgeschlagen. Besuch haben sie so gut wie nie bekommen.

Was die Biografie der zwei angeht, weiß man nur, dass William der Sohn eines Bergarbeiters war. Seine Familie war wohl sehr religiös und in der Kirche involviert. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs zog William als junger Mann zwischenzeitlich nach Kanada, um dem Kriegsdienst zu entfliehen. Erst Mitte der 1950er kam er zurück. Er soll dementsprechend den Ruf eines Feiglings und Faulenzers gehabt haben. Er hat seine Ehefrau Patricia 1958 geheiratet, als er 46 war und sie 23.

Zum Zeitpunkt der Hochzeit war sie schwanger. Zuvor arbeitete Patricia als Sekretärin in einer Londoner Anwaltskanzlei. Nach der Hochzeit kehrte sie allerdings nicht dorthin zurück. Tja – und das war auch schon alles, was man über die Wycherleys weiß. Nicht sonderlich viel – und das bedeutet auch, dass die Polizei erhebliche Schwierigkeiten haben wird, zu ermitteln, wer die beiden in ihrem Hintergarten vergraben hat.

Zum Wann hat die Polizei schnell eine Theorie – eine, die erst einmal unfassbar klingt. Es gibt zwar stapelweise Briefe, Postkarten und Anträge der Wycherleys, die in den letzten Jahren ausgestellt wurden. Gesehen hat das Ehepaar aber seit Frühjahr 1998 niemand mehr. Also zu diesem Zeitpunkt seit fünfzehn Jahren. Dass William und Patricia nicht mehr am Leben sind, geschweige denn, dass sie in ihrem eigenen Garten vergraben sein könnten, kam trotzdem niemandem in den Sinn.

Wem auch? Die Wycherleys hatten keine engen Freundschaften. Keine Mitgliedschaften in Clubs oder Vereinen, keine Hobbies. Jeglichen Kontakt zu den Nachbarn haben sie zu Lebzeiten abgeblockt. Die einzigen regelmäßigen Kontakte gab es zu Ärzten, Ämtern und entfernten Verwandten. Und diese Parteien waren fünfzehn Jahre lang alle mit Briefkontakt zufrieden. Einladungen zu Impfterminen bei den Ärzten wurden schriftlich im Namen der Wycherleys abgesagt. Termine bei Ämtern ebenfalls, wegen der angeblich eingeschränkten Mobilität im fortschreitenden Alter. Und mit der Verwandtschaft ist das eh so eine Sache bei den Wycherleys.

Von Ehefrau Patricia kann die Polizei kein einziges lebendes Familienmitglied finden. Von William findet man immerhin drei Nichten – viel beitragen können die aber auch nicht. Die Nichten kennen ihn nur ganz flüchtig und haben nicht einmal seine Ehefrau Patricia jemals getroffen. Für sie muss es schon nett gewesen sein, dass sie überhaupt ab und an mal eine Postkarte von ihm erhalten haben. Ein persönliches Treffen stand da nie im Raum.

Von William Wycherley können immerhin insgesamt drei Fotos aufgetrieben werden. Von Patricia gibt es kein einziges. Dafür scheint jemand gesorgt zu haben. Wer das ist, das ist für die Polizei so offensichtlich wie unglaublich. Denn eine einzige lebende Verwandte von Patricia Wycherley gibt es eben doch. Wie zuvor schon erwähnt, war sie zum Zeitpunkt der Hochzeit mit William von ihm schwanger. Und zwar mit der gemeinsamen und einzigen Tochter Susan.

Susan, die zum Zeitpunkt der Ausgrabung im Garten in Mansfield mit ihrem Mann Christopher in Frankreich lebt. Christopher, der seine eigene Stiefmutter angerufen und um Geld gebeten hat. Und ihr bei diesem Telefonat beinahe beiläufig erzählt hat, er und Susan könnten leider unmöglich nach England zurückkommen. Denn vor ein paar Jahren hätten sie die Leichen von Susans Eltern im Garten ihres Hauses verschwinden lassen.

Susan & Christopher

Die Ermittler dürften trotz aller Klarheit Probleme haben, zu erfassen, was hier eigentlich vor sich geht. Vielleicht ist das eine gute Gelegenheit, sich den Hintergrund von Susan und Christopher noch einmal näher anzusehen. Denn genau das müssen die Ermittler nun auch erst einmal tun. Persönlich kommen sie an die Edwards’ nicht ran – die sitzen ja in Lille, wenn auch ohne Geld. Und nach dem Doppelleichenfund ist die Polizei ziemlich sicher, dass man das Ehepaar in England so schnell nicht wiedersehen wird.

Christopher Edwards stammt aus einer Londoner-Akademiker-Familie, also aus gutem Hause, wie man so schön sagt. Er selbst hatte aber nie Interesse, zu studieren.

Er hat in der englischen Hauptstadt in einer Copywriting-Agentur gearbeitet. Seine Ehefrau Susan, damals noch Susan Wycherley, hat er Anfang der 80er über eine Datingagentur kennengelernt. In Zeiten vor Tinder und Co waren Agenturen, die Matches vermittelt haben, der letzte Schrei. Und bei Susan und Christopher scheint das Match ein ziemlich passendes gewesen zu sein. Im Februar 1982 hatten die beiden erstmals Kontakt. Erst über Briefe, dann über das Telefon, später folgte das erste Date in London – bei dem Susan Christopher direkt versetzt hat. Aber er blieb am Ball und hat Susan wieder angerufen. Und zum zweiten Date ist sie gekommen. Und der Rest ist Geschichte.

Susan hat als Bibliothekarin gearbeitet – nach der Hochzeit mit Christopher 1983 hat sie den Job jedoch aufgegeben. Seitdem ist sie Hausfrau. Auch Anfang der 80er ist dieses Modell schon recht unüblich, zumal die Edwards’ keine Kinder haben. Oder ein Haus. Stattdessen haben die beiden in dieser Wohnung in London-Dagenham gewohnt.

Auf Nachbarn machten die Edwards’ einen sehr einfachen Eindruck. Beide hatten nur alte, abgetragene Klamotten. Keine Handys, kein Auto, kein Fahrrad. Wenn Christopher einkaufen ging, hat er immer nur fünf oder sechs Artikel gekauft – und das Wechselgeld jedes Mal Penny für Penny nachgezählt und mit der Quittung abgeglichen. Trotzdem fließt ab 1998 auf einmal eine beträchtliche Summe Geld durch die Haushaltskasse der Edwards’. Woher es kommt, kann die Polizei nun rekonstruieren.

Nämlich aus den Pensionszahlungen von Susans Eltern William und Patricia Wycherley. Im Mai 1998 ist Susan auf einer Bankfiliale aufgetaucht. Sie hat die Konten ihrer Eltern geschlossen und stattdessen ein Gemeinschaftskonto im Namen von sich selbst und ihrer Mutter eröffnet. Auf dieses Konto hat sie die gesamten Ersparnisse ihrer Eltern eingezahlt: 40.579 Pfund. Und auf dieses Konto sind ab Mai 1998 auch die Pensionszahlungen für die Wycherleys gewandert. Erinnert ihr euch an den Brief, von dem ich euch am Anfang erzählt habe?

In dem der alte Mr. Wycherley um Überweisungen anstelle von Schecks gebeten hat? Na ja, natürlich war der Brief nicht von Mr. Wycherley, sondern von seiner Tochter Susan und ihrem Mann Christopher.

Ein Grund dafür, weshalb der Tod der Wycherleys überhaupt nie aufgefallen ist, war ja, dass beide noch immer aktiv waren. Nur eben nicht face-to-face mit anderen Leuten. Sondern, wie es damals noch weitaus üblicher ist als heute, handschriftlich. Alte Bekannte haben noch jahrelang Weihnachts- und Grußkarten von William und Patricia Wycherley erhalten. Auf einer angeblich von Patricia verschickten Postkarte heißt es über den Zustand ihres Mannes William:

„Es wirkt, als erlebe er eine zweite Jugend – denn wenn er nun spricht, spricht er von seinen und über das Reisen. Ich komme gar nicht damit hinterher, wo er sich nun niederlassen will! […] Es ist schön, ihn so energetisch zu sehen.“

Als Patricia ihren Ehemann William, wie es in diesem Schreiben heißt, so „energetisch“ sehen soll, liegen die beiden schon seit dreizehn Jahren unter der Erde. Den britischen Behörden wird erst jetzt klar, dass jedes Schreiben der Wycherleys seit Frühjahr 1998 eine Fälschung war. Wenn der Hausarzt der Wycherleys Erinnerungen für anstehende Check-Ups oder Impftermine verschickte, kam immer eine Antwort zurück. Mit einer Absage, versteht sich. Alles gefälscht. Kreditinstitute haben mehrere Kredite an die Wycherleys vergeben – ohne zu ahnen, dass die eigentlichen Antragsteller Susan und Christopher Edwards waren.

Die beiden haben sich seit 1998 für die Wycherleys ausgegeben und so Unsummen an Geld abgezogen. Und dabei waren die beiden bis zum Frühjahr 2013 sehr vorsichtig.

Wobei ein Nachbar einmal etwas Merkwürdiges gesehen hat. Das müsste im Mai 1998 gewesen sein. Da hat Schwiegersohn Christopher im Garten der Wycherleys ein großes Loch ausgehoben. So etwa hüfttief. Der Nachbar hat Christopher Edwards offenbar dabei beobachtet, wie er das Grab von William und Patricia ausgehoben hat – nur, dass der Nachbar diese Handlung nicht als solche eingeordnet hat. Er hat sich einfach nichts dabei gedacht. Und für Christopher und Susan Edwards war genau das ein großes Glück.

Nach dem Fund im Garten wird das komplette Haus auf den Kopf gestellt. Zwar lebt Sue mit ihrer Tochter seit inzwischen sieben Jahren hier, und die Edwards’ sind höchstwahrscheinlich seit mehr als 15 tot. Doch mit forensischen Methoden lassen sich mitunter auch nach so langer Zeit noch Spuren finden. So auch in diesem Fall. Denn in dem Zimmer, das Sue Bramley als ihr Schlafzimmer eingerichtet hat, findet man Reste eines alten Blutflecks. Die einzige Spur dessen, was sich im Mai 1998 abgespielt hat.

Zwischen 1998 und 2005 sind Susan und Christopher regelmäßig zum Haus nach Mansfield gefahren. Um den Garten in Ordnung zu bringen, um die Post reinzuholen, solche Sachen. Die Nachbarn haben Christopher Edwards etwa einmal im Monat dort gesehen. Beim Fensterputzen oder Rasenmähen. Einfach wie ein Typ, der seinen alternden Schwiegereltern gern ein paar Arbeiten abnimmt. Deshalb war das Haus auch top in Schuss, als Susan es 2005 schließlich im Namen ihrer Eltern verkauft hat.

Zwei gefälschte Unterschriften und das Vorlegen der Geburtsurkunden haben dafür gereicht. Sie haben nicht nur verkauft, weil es dafür noch mal Geld gab, sondern auch, weil im selben Jahr ein Auto in den Gartenzaun des Hauses gefahren ist. Die Edwards’ hatten Sorgen, das Grab könnte bei den anschließenden Wiederaufbau-Arbeiten im Garten entdeckt werden. Also verkauften sie das Haus schnell. Dann stellten die Edwards einen Nachsendeantrag – die Post, die an William und Patricia Wycherley adressiert war, kam von da an größtenteils bei ihnen in London-Dagenham an. Und so konnten sie jahrelang die Fassade aufrechterhalten.

Bis zuletzt haben die Edwards’ Briefe im Namen von Susans Eltern gefälscht. Auch, als anlässlich von William Wycherleys vermeintlich bevorstehendem 100. Geburtstag hohe Post ins Haus flatterte. Zu diesem Anlass gibt es in England nämlich ein persönliches Telegramm der Queen. Und nach all den Jahren körperlicher Abwesenheit wollten die Behörden auch einfach wissen, ob der fast-100-Jährige wirklich noch gut klarkommt. Susan hat im Namen ihres Vaters einen Brief geschrieben: Er würde auf das royale Telegramm verzichten, und körperlich sei er auch fit. Ein persönlicher Termin sei nicht nötig. Doch die Behörden haben darauf bestanden.

Nach dieser Fake-Korrespondenz sind die Edwards’ im September 2012 nach Frankreich abgehauen, wo sie sich in Lille niedergelassen haben. Zuvor hat Christopher seinem Londoner Arbeitgeber noch 10.000 Pfund gestohlen. Und dort fingen die Probleme an – Christopher konnte keinen Job finden, und von Frankreich aus kamen sie nicht mehr an das Geld auf den englischen Konten ran. Nur deshalb hat Christopher seine Stiefmutter angepumpt, und nur deshalb ist man ihm und Susan überhaupt auf die Schliche gekommen.

Insgesamt soll sich das Ehepaar Edwards etwa 286.000 Pfund ergaunert haben – aus dem Ersparten von Patricia und Will, vom Staat in Form der Pensionszahlungen, und von Kreditinstituten in falschem Namen. Trotzdem haben die Edwards mehr als 168.000 Pfund Schulden, als die Polizei ihnen auf die Schliche kommt.

Der Fall mag offensichtlich klingen – aber es gibt zahlreiche Fragen, denen hier auf den Grund gegangen werden muss. Wenn die Edwards’ doch jetzt pleite sind und jahrelang in einer Sozialwohnung gelebt haben, was haben sie mit all dem Geld angestellt? War das Geld das Motiv hinter dem Mord an William und Patricia – oder gibt es in der Familie Wycherley womöglich ein Geheimnis? Und vor allem – wie will man Susan und Christopher Edwards jetzt das Handwerk legen?

Das Ehepaar steht zwar nun unter Mordverdacht, befindet sich aber auch in Frankreich auf dem französischen Festland. Internationale Haftbefehle zu bekommen, ist immer sehr aufwändig. Zumal es hier keine Beweise gibt. Klar, wenn man sich die Lage anschaut, ist logisch, dass Susan und Christopher William und Patricia Wycherley ermordet haben müssen. Christopher hat das ja am Telefon im Grunde seiner Stiefmutter gestanden. Das sind jedoch alles nur Indizien. Beweise gibt es nicht: Keine GPS-Daten, keine SMS-Protokolle, keine Aufnahme eines Geständnisses, kein Kameramaterial, nichts.

Deshalb versucht die Polizei erst mal den simpelsten Weg: nämlich eine Kontaktaufnahme mit den Edwards’ in Frankreich. Wahrscheinlich sind sie nicht mal sonderlich überrascht, als keine Antwort kommt. Mutmaßliche Doppelmörder nehmen wahrscheinlich eher selten das Telefon ab, wenn die Polizei anruft.

Also muss beratschlagt werden, wie man die Situation nun lösen kann. Aber noch während die Polizei hin und her überlegt, löst sich das Problem auf unverhoffte Weise von allein. Und zwar durch einen Anruf – vom Mordverdächtigen persönlich. Von einer Telefonzelle in Frankreich aus, und ohne dass seine Frau etwas davon weiß, ruft er auf einem englischen Polizeirevier an. Er sagt, er habe Angst vor Susan – geht aber nicht weiter drauf ein.

Der Polizist vermittelt ihm eindringlich, dass er und Susan zurück nach England kommen müssen. Er und Susan sollen sich umgehend bei dem Polizisten Mr. Griffin melden, der die Leitung der Ermittlungen übernommen hat. Zu diesem Zweck gibt der Polizist am Telefon Christopher auch die Mailadresse des Leiters. Unterdessen arbeiten die Behörden trotzdem an einem internationalen Haftbefehl. Doch den wird man hier gar nicht mehr brauchen.

Denn am 30. Oktober 2013 hat besagter Mr. Griffin eine Mail in seinem Postfach. Priorität: Hoch. Der Betreff: „Surrender“. Also „Aufgeben“. Die Nachricht ist genau so höflich wie absurd formuliert.

“Lieber Mr. Griffin, Im späteren Verlauf des heutigen Tages werden wir uns der britischen Grenzschutzbehörde am Eurostar-Terminal des Bahnhofs Lille Europe stellen. Wir würden dies vorziehen… da meine Frau bereits ausreichend verängstigt ist. Würden Sie bitte die britische Grenzschutzbehörde am Lille Europe benachrichtigen, damit wir erwartet werden. Ich würde Sie darüber hinaus bitten, mir eine SMS zu senden oder mich telefonisch unter der angegebenen Nummer zu kontaktieren, um zu bestätigen, dass Sie dies tun werden.

Sollten Sie mich nicht erreichen können (Mein letztes Guthaben ist vor einigen Tagen abgelaufen), melden Sie sich bitte unter der angegebenen E-Mail-Adresse bei mir, sodass wir uns sicher sein können, dass wir erwartet werden. Aufrichtig, Ihr Christopher Edwards.”

Eurostar

Am 30. Oktober 2013 sitzen Susan und Christopher also im Eurostar von Frankreich nach England. Der Zug fährt Passagiere innerhalb von nur zwei Stunden und siebzehn Minuten von Paris nach London, unter dem Ärmelkanal hindurch. Es werden die letzten Stunden in Freiheit im Leben von Susan und Christopher sein. Das ist auch dem Ehepaar selbst klar. Sie haben ihre wichtigsten Sachen mitgenommen. Ihr letztes Bargeld – einen Euro – sowie einen Koffer voll mit Postern, Autogrammkarten und anderen Fanartikeln alter Hollywoodstars. Und ein paar Wechselklamotten.

Die Polizei weiß, mit welchem Zug und auf welchen Sitzplätzen Susan und Christopher zurück nach England reisen werden. Nicht die Grenzschutzpolizei soll die beiden abgreifen, sondern reguläre Ermittler auf englischem Boden. Also steigen auch britische Polizisten in den Eurostar ein. Sobald der Zug aus dem Eurotunnel auftaucht und offiziell auf englischem Terrain ist, gehen sie zum Sitzplatz der Edwards’, um das Ehepaar festzunehmen. Allerdings ohne Erfolg. Die beiden Sitzplätze, die sie reserviert haben wollen, sind leer.

In London St. Pancras haben sich bereits schwer bewaffnete Polizisten versammelt, um das Ehepaar zu verhaften. Die Einsatzkräfte sind jetzt unter Hochspannung: Immerhin sieht es so aus, als hätten Susan und Christopher die Vereinbarung platzen lassen. Doch als der Zug in London in den Bahnhof einfährt, klärt sich alles ganz unspektakulär. Seelenruhig steigt das Ehepaar Edwards hinter den anderen Passagieren aus dem Zug. Die beiden hatten sich auf ihrer Reise einfach noch mal umgesetzt. Als sie die Polizisten am Gleis sehen, winken sie ihnen zu, um auf sich aufmerksam zu machen. So, als würde man alte Freunde in der Stadt wiedersehen und grüßen.

Susan und Christopher Edwards werden augenblicklich verhaftet. Der Vorwurf gegen beide Eheleute lautet zweifacher Mord. Und dazu sollen die beiden jetzt befragt werden. Eine Befragung im traditionellen Sinne ist erst mal aber gar nicht nötig. Denn die Edwards’ reden von selbst – offenbar liegt ihnen nach den 15 Jahren einiges auf dem Herzen. Ob sie die Wahrheit über das sagen, was 1998 passiert ist, ist jedoch bis heute umstritten – aus guten Gründen.

Sammelleidenschaft

Durch die Aussage von Christophers Stiefmutter Elizabeth hat man schon mal ein indirektes Geständnis von Christopher. Er hat das Elizabeth am Telefon so erklärt: Die Wycherleys seien schon seit Mai 1998 nicht mehr am Leben. Allerdings sei das nur teilweise die Schuld von ihm und Susan. Das Ehepaar Wycherley habe einen Streit gehabt. Susans Mutter Patricia habe ihren Ehemann William erschossen. Daraufhin sei ein Streit ausgebrochen, während dem Susan ihre eigene Mutter Patricia erschossen habe.

Auf dem Polizeirevier werden Susan und Christopher voneinander getrennt. Sie erzählen die Geschichte separat noch einmal. Ziemlich genau so, wie Christopher sie schon seiner Stiefmutter erzählt hat. Das widerspricht aber dem Verdacht, den die Polizei hat. Denn so, wie die Edwards’ das darstellen, liegt hier höchstens ein Totschlag vor. Die Polizei vermutet aber einen zweifachen Mord. Und fragt sich noch immer nach dem Motiv. Um hinter die Geschehnisse zu kommen, lässt die Polizei Susan und Christopher also erst einmal einfach reden, um möglichst viel über dieses sonderbare Paar zu erfahren.

Dabei kommt auch die Frage nach dem merkwürdigen Gepäck auf, das die beiden zu ihrer Verhaftung mitgebracht haben. Das letzte Bargeld und ein paar Wechselklamotten – das leuchtet ein. Aber die Ermittler wundern sich erst einmal doch sehr über den Koffer, den die Edwards’ mit nach England gebracht haben. Denn der quillt über vor lauter Autogrammkarten, Briefen und Postern von Stars des alten Hollywood.

Auf Nachfrage erzählen die Edwards’ von ihrer Sammelleidenschaft. Vor allem der Schauspieler Gary Cooper hat es den beiden angetan, insbesondere Susan. Die beiden haben online zum Beispiel ein altes Bankformular von Gary Cooper gekauft, mit Originalunterschrift – für 3.000 Pfund. Ein Schreiben an einen Fan, in dem sich Gary Cooper für Fanpost bedankt, hat die beiden 2.000 Pfund gekostet. Und das sind nur zwei Stücke aus ihrer Sammlung. Diese Sachen sind besonders Susan offenkundig so wichtig, dass sie auch zur Verhaftung mitgenommen werden mussten.

Wir erinnern uns noch mal kurz zurück an das, was die ehemaligen Nachbarn aus London erzählt haben: Susan hat die Wohnung der beiden so gut wie nie verlassen. Sie hatte keine Arbeit, keine Freunde, keine Verpflichtungen oder auswärtige Hobbys. Sie saß den ganzen Tag zuhause – wahrscheinlich, um in ihre Fantasiewelt aus Old Hollywood abzutauchen. Auch Christopher hat das Sammelfieber gepackt. Während Susan Film-Fan ist, ist er besonders fasziniert von Militärgeschichte und dem 2. Weltkrieg.

Für sich hat er teure Erstausgaben von Büchern von Winston Churchill oder Charles de Gaulle gekauft, oder alte Briefmarken. Vielleicht sind sie genau wegen Christophers Faszination für Charles de Gaulle auch nach Lille geflohen – dort wurde de Gaulle nämlich geboren. Memorabilia sind das gemeinsame Hobby der Edwards’ – und ein ziemlich teures, versteht sich. Zuletzt waren die beiden in so großer Geldnot, dass Christopher seiner Stiefmutter sogar den Grund für ihre Auswanderung gestanden hat.

Offenbar war ihm das Geständnis eines Verbrechens lieber, als die Fanartikel wieder zu verkaufen – mit dem Erlös hätten er und Susan ja durchaus wieder Geld reinbekommen können. Das kam offenbar aber nicht infrage. Und so ergibt sich für die Polizei ein erstes so simples wie unglaubliches Motiv. Es sieht so aus, als sei das Geld der ermordeten Wycherleys genutzt worden, um die Sammelleidenschaft der Edwards’ zu finanzieren. So, als wären William und Patricia genau dafür ermordet worden.

Doch die Edwards’ halten an ihrer Darstellung der Ereignisse fest. Und daran, dass etwas ganz anderes hinter dem Tod der Wycherleys steckt. Ein düsteres Familiengeheimnis, das ein ganz anderes Licht auf den Fall wirft.

Eurovision

Die Edwards’ erklären das alles in voller Länge so: Susan sei an einem verlängerten Maiwochenende 1998 zu Besuch bei ihren Eltern in Mansfield gewesen. Am Nachmittag hätten sie und ihre Eltern Alkohol getrunken. Ansonsten sei das bei den Wycherleys nicht oft vorgekommen. An diesem Tag habe es aber eine Flasche Bacardi gegeben. Später habe Susan im Wohnzimmer vor dem Fernseher gesessen und von dort ihre Eltern im oberen Stockwerk des Hauses streiten gehört.

Der Streit sei so heftig gewesen, dass Susan nach oben ging, um nachzusehen, was genau da los war. Als sie gerade das Schlafzimmer ihrer Eltern betrat, habe sie noch gesehen, wie ihre Mutter Patricia auf Vater William geschossen habe.

Daraufhin sei wiederum ein Streit zwischen der Mutter und Susan entstanden. Susan habe sich die Waffe geschnappt und ihre Mutter zur Rede gestellt. Patricia habe erwidert, sie habe William für sich selbst und Susan umgebracht. Denn Patricia wisse, dass William die gemeinsame Tochter im Kindesalter regelmäßig missbraucht habe.

Susan schildert, ihr Vater William sei immer wieder übergriffig geworden – bis sie ungefähr elf Jahre alt war. Auch Christopher berichtet, dass seine Frau sich ihm früh anvertraut habe. Und wegen diesen Übergriffen soll Patricia Wycherley Jahrzehnte später ihren eigenen Ehemann erschossen haben. Allerdings nicht aus Wut oder Rache, wie man jetzt vielleicht denken könnte. Sondern aus Eifersucht.

Susan sagt, Patricia habe sie an jenem Abend angeschrien und ihr Vorwürfe gemacht. Weil William es immer vorgezogen habe, sich an der kleinen Susan zu vergehen, anstatt Zeit mit seiner Frau zu verbringen. Wenn das, was die Edwards’ sagen, stimmt, begegnet Patricia ihrer Tochter hier also nicht mit Mitgefühl und emotionalem Support – sondern mit Victim-Blaming. Und die Provokation von Patricia Wycherley soll noch weitergegangen sein.

Sie sei an diesem Abend quasi ausgeflippt und habe behauptet, sie habe eine Affäre mit Susans Ehemann Christopher. Daraufhin sei Susan so sauer gewesen, dass sie auf Patricia geschossen habe. Susan berichtet, sie habe die Leichen ihrer Eltern entkleidet und ihnen ihren Schmuck abgenommen, um die Sachen zu entsorgen. Dann wickelte sie die beiden in ein Bettlaken und schob sie unter das Bett. Danach hat sie sich an den Rest des Hauses gemacht.

Sie hat nicht nur die Patronenhülsen und die Tatwaffe eingesammelt und in den Müll geworfen. Sondern auch im ganzen Haus die Fotos der Wycherleys eingesammelt und weggeworfen. Deshalb gibt es auch heute kein einziges Foto ihrer Mutter Patricia mehr.

Zuerst habe sie Christopher all das nicht erzählt. Sie sei zurück nach Hause zu ihm nach London-Dagenham gefahren und eine Woche lang sei alles ganz normal weitergegangen. Doch am Wochenende danach sind die beiden zusammen nach Mansfield gefahren. Wie Christopher wohl dachte, um William und Patricia einfach zu besuchen.

Unterwegs hätten die beiden noch angehalten, um sich Fish and Chips zu holen. Beim Abendessen hätte Susan Christopher gebeichtet, dass ihre Eltern oben erschossen unterm Bett liegen würden. Christopher habe sich dann bereit erklärt, sich darum zu kümmern. Erst einmal hätten sich die beiden noch einen Fernsehabend gegönnt – denn es lief der Eurovision Song Contest. Den wollten sich die beiden wohl nicht entgehen lassen. Während oben William und Patricia seit einer Woche tot im Haus lagen, saßen die Edwards’ nach eigener Aussage also erst einmal auf der Couch.

Da der ESC ja immer ziemlich lang dauert, hatten die beiden dabei Gelegenheit, alles noch einmal durchzusprechen. Sie hätten auch in Erwägung gezogen, die Polizei anzurufen. Sich aber letztlich doch dazu entschieden, die Wycherleys einfach im Garten zu vergraben. Nach dem Sieg von Dana International sei Christopher gegen 2 Uhr in den Garten gegangen und habe das Loch gegraben, in dem er seine Schwiegereltern hat verschwinden lassen.

In dem Szenario der beiden würde das bedeuten: Christopher hat mit den Morden an William und Patricia eigentlich gar nichts zu tun. Sondern lediglich mit der Beseitigung der Leichen. Susan wäre zwar für den Tod eines der beiden Opfer verantwortlich – ein Mord wäre das bei ihrer Darstellung aber trotzdem nicht, sondern Totschlag. Und der wäre in ihrer Version teilweise aufgrund des Traumas begangen worden, das Susan durch den mutmaßlichen Missbrauch durch ihren Vater davongetragen hat. Denn laut Susan hat Patricia sie ja während des tödlichen Konflikts genau damit provoziert.

Das wirkt auf den ersten Blick alles gar nicht so unplausibel. Aber es gibt da immer noch ein paar Dinge, die einfach nicht zusammenpassen. Dinge, die die Staatsanwaltschaft vermuten lassen, dass es hier eben nicht um einen Totschlag geht – sondern wirklich um einen eiskalten Doppelmord.

Mord – oder Totschlag?

Als es zum Prozess gegen Susan und Christopher Edwards kommt, bleibt die Staatsanwaltschaft bei ihrem Vorwurf: Zweifacher Mord. Die Edwards’ hingegen bleiben ebenfalls bei ihrer Version der Ereignisse – Totschlag in einem Fall. Susan bleibt während der Verhandlungen die ganze Zeit sehr ruhig und schüchtern. Erst, als einer der Staatsanwälte andeutet, sie würde über den Missbrauch durch ihren Vater lügen, zeigt sie ein anderes Gesicht. Sie steht völlig neben sich und schreit immer wieder: „Er hat mich missbraucht! Er hat mich missbraucht!“

Als Susan Edwards in den Zeugenstand tritt und das als vermeintliches Teilmotiv für den Mord an ihren Eltern bekräftigt, sind die Meinungen gespalten. Einer der leitenden Ermittler schmettert Susans Geschichte direkt ab: Sie hätte schließlich 15 Jahre Zeit gehabt, um sich gemeinsam mit Christopher eine Story zu ihrer Verteidigung auszudenken. Andere Leute im Gerichtssaal sind da schon empathischer. Die vorsitzende Richterin zum Beispiel glaubt das, was Susan Edwards berichtet.

Also, dass sie als Kind von ihrem eigenen Vater William missbraucht wurde – und dass ihre Mutter Patricia davon gewusst habe. Zeugen sagen Dinge, die ins Bild passen. Zugegebenermaßen, diese Zeugen sind zum großen Teil Nachbarn und Bekannte. Genau wie ihre Tochter Susan und ihr Mann Christopher hatten die Wycherleys ja einen sehr kleinen Kreis. Was dort wirklich hinter verschlossenen Türen ablief, wissen wohl nur drei Leute – zwei davon liegen unter der Erde, eine sitzt auf der Anklagebank.

Aber mehrere Zeugen berichten, William Wycherley habe sich nach der Heirat seiner Tochter merkwürdig verhalten. Also, noch merkwürdiger als ohnehin schon. Es habe beinahe gewirkt, als sei er irrationalerweise total eifersüchtig auf die Ehe zwischen Susan und Christopher.

Unter anderem deshalb glaubt die Richterin Susan, dass ihr Vater sie missbraucht hat. Sie sieht aber nicht genügend Anhaltspunkte dafür, dass Mutter Patricia davon wusste. Und schon gar nicht dafür, dass das das vordergründige Motiv für die Ermordung der Wycherleys gewesen sein soll. Genauer gesagt, heißt es:

„Susan Edwards, vor 30 Jahren haben Sie Ihrem Mann erzählt, dass Sie als kleines Mädchen von Ihrem Vater sexuell missbraucht worden seien. Sie haben der Polizei dasselbe erzählt und es vor Gericht vor der Jury wiederholt. Da Sie eine begabte Lügnerin und Fantastin sind, habe ich gezögert, dies zu akzeptieren. Es gibt jedoch Beweise, die völlig unabhängig von Ihnen beiden sind, dass William Wycherley während Ihrer Ehe irrational eifersüchtig war. Nach Reifung und Abwägung akzeptiere ich daher, dass Ihr Vater Sie sexuell missbraucht hat, als Sie jung waren. Der Missbrauch hörte auf, als Sie 11 Jahre alt waren. Sie sind mit Anfang 20 von zu Hause weggegangen. Dieser Hintergrund könnte durchaus erklären, warum Sie ihn gehasst haben, was Sie auch taten, und warum Sie keine Reue dafür empfinden, ihn umgebracht zu haben. Angesichts der Tatsache, dass Sie Ihr Zuhause Anfang der 1980er Jahre verlassen haben, also etwa 15 Jahre vor den Morden, kann ich nicht akzeptieren, dass sein Verhalten, so falsch es auch war, Ihre Entscheidung erklärt, ihn 1998 zu töten. Nachdem ich Ihre Schilderung vor der Jury gehört habe, kann ich nicht akzeptieren, dass Ihre Mutter jemals gewusst hat, was Ihr Vater getan hat.“

Die Richterin ist dementsprechend überzeugt, dass der Rest von Susans und Christophers Story nicht stimmt. Sie ist sicher, dass sich der angebliche Streit, bei dem Patricia William erschossen habe, nie zugetragen hat. Sondern dass die Edwards’ sehr wohl für den Tod von beiden verantwortlich sind. Genauer: Dass es Susans Idee war, ihre Eltern umzubringen – dass es jedoch Christopher war, der sich dazu bereit erklärt hat, das für seine Frau zu übernehmen. Denn wie sich herausstellt, hat Christopher durchaus Ahnung von Waffen. Er hatte nicht nur Interesse an Militärgeschichte, viel wichtiger: Er war einmal Mitglied in einem Schusswaffenclub. Das ist ihm während eines Verhörs auf dem Polizeirevier rausgerutscht.

Mit dem Club war Schluss, nachdem sich 1996 das sogenannte Dunblane Massacre ereignete. Ein schlimmer Amoklauf an einer schottischen Schule. Als Reaktion darauf wurden die Waffengesetze in ganz Großbritannien verschärft. Die Erlaubnis zum Waffenbesitz wurde stark eingeschränkt und die meisten Privatpersonen mussten ihre Waffen abgeben. Eigentlich auch Christopher Edwards. Die Staatsanwaltschaft vermutet aber, dass Christopher eine seiner Waffen unterschlagen hat. Um damit zwei Jahre später im Mai 1998 seine Schwiegereltern zu ermorden.

Darauf deuten auch die sterblichen Überreste der Wycherleys hin. Klar, die Autopsie der Leichen war sehr mühselig. Immerhin lagen William und Patricia mehr als 15 Jahre in einem Erdloch. Als die Rechtsmedizin die Eheleute vor sich hatte, waren nur noch ihre Skelette übrig. Das gesamte Verbrechen musste also nur anhand der Knochenfunde rekonstruiert werden. Aber das gelingt – man kann dank forensischer Methoden sogar noch nachvollziehen, wo und wie die Kugeln in ihre Körper eingedrungen sind.

Sowohl auf William als auch auf Patricia Wycherley wurden zwei präzise Schüsse abgegeben, direkt in die Körpermitte. Und das, obwohl doch die Schüsse auf William angeblich mitten im Streit durch Patricia abgegeben worden sein sollen – und die Schüsse auf Patricia wiederum von Susan, die von Waffen keine Ahnung hat. Das Verletzungsbild sieht vielmehr danach aus, als sei ein Profi am Werk gewesen, der sich gut mit Waffen auskennt. Ein Profi wie Christopher Edwards.

Diese Annahme zementiert sich im Gerichtssaal nur noch mehr. Denn als es um Christophers Mitgliedschaft im Schusswaffenclub geht, bittet die Anklage ihn um eine Demonstration: Er soll einmal vormachen, wie er denn auf jemanden schießen würde. Ich weiß nicht, wie’s euch geht – ich glaube, wenn ich wie er wegen Doppelmordes auf der Anklagebank sitzen würde, würde ich diese Bitte an Christophers Stelle höflich ausschlagen. Doch Christopher tut das nicht.

Er steht seelenruhig auf. Dann festigt er seinen Stand auf dem Zeugenpodium, hebt beide Arme und formt mit seinen Händen eine Pistole. Damit zielt er in Richtung der Richterin und imitiert die Abgabe von zwei Schüssen. Und das ist der Moment, in dem die Version der Edwards’ endgültig ins Wanken gerät.

Es wird nicht besser, als weitere Erkenntnisse aus der Rechtsmedizin präsentiert werden. Denn noch etwas passt hier überhaupt nicht. Nämlich die feinsäuberliche Geschichte, wie Susan Christopher in die Ermordung der Eltern eingeweiht haben soll. Die beiden haben unabhängig voneinander erzählt, Susan habe Christopher beim Essen den Mord an den Eltern gebeichtet. Danach hätten die beiden noch den ESC angeschaut und erst danach die Leichen vergraben. Der Gerichtsmediziner kann sich das jedoch nur schwer vorstellen. Denn zu diesem Zeitpunkt sollen die Wycherleys, zwei recht alte Personen, schon eine Woche tot in ihrem Haus gelegen haben. Ohne dass einmal gelüftet wurde, mitten im Mai bei warmem Wetter.

Eigentlich müsste der Leichengeruch da schon so heftig gewesen sein, dass weder eine Portion Fish and Chips noch ein Eurovision-Abend im selben Haus irgendwie hätten genießbar sein können. Auch die Entsorgung der Leichen wäre deutlich schwieriger gewesen. Ich erspare euch an der Stelle Details – aber in jedem Fall hätten sich zu diesem Zeitpunkt schon diverse Flüssigkeiten gebildet und gesammelt. Die Haut hätte sich abgeschält, und so weiter. Zahlreiche Fliegen hätten sich innerhalb der Woche an den Leichen eingefunden. Alles ziemlich unappetitlich – und trotzdem haben Susan und Christopher so etwas mit keiner Silbe erwähnt.

In ihren Aussagen wirkt es so, als sei die Verbringung der Leichen aus dem Schlafzimmer in den Garten gar kein großes Problem gewesen. Wären die Wycherleys aber schon eine Woche tot gewesen, wäre das definitiv schwierig geworden. Und das ist ein wichtiger Punkt – denn dafür, dass die Wycherleys schon eine Woche zuvor umgekommen sind, spricht nur Susans Aussage. Ihre Aussage, in der Christopher gar nicht dabei gewesen sein soll. Aber so, wie Susan und Christopher in ihren Aussagen von der Beseitigung der Leichen erzählt haben, klingt es so, als seien die Wycherleys erst kurz davor umgebracht worden. Oder sogar unmittelbar davor.

Es ist viel wahrscheinlicher, dass die Wycherleys an dem Tag vergraben wurden, an dem sie auch ermordet wurden. Ergo, an dem Tag, an dem Susan und Christopher gemeinsam nach Mansfield gekommen sind. Und dass damit eben sehr wohl beide Eheleute in der unmittelbaren Tat mit drinnen hängen. Das passt auch viel besser dazu, dass Christopher sich ja im Gegensatz zu Susan mit Schusswaffen auskennt. Deshalb lautet die Theorie der Staatsanwaltschaft: Am Eurovision-Wochenende ist gar nichts passiert. Sondern schon alles eine Woche vorher. An dem Wochenende, an dem Susan angeblich allein in Mansfield war.

Die Staatsanwaltschaft ist sicher, dass Christopher sehr wohl mit ihr bei den Wycherleys war. Und dass er die beiden auf Geheiß seiner Frau hin schon da erschossen hat. Denn am Tag danach war Susan direkt bei der Bank, um das Geld ihrer Eltern umzuschichten. Die ganze Story rund um das ESC-Wochenende haben sich die Edwards’ demnach nur ausgedacht, damit wenigstens einer der beiden nicht wegen eines Kapitalverbrechens dran ist. Na ja, und damit wenigstens der Tod von William auf die Kappe von Patricia geht, deren Tod wiederum als Totschlag und nicht als Mord dargestellt wird.

Und worum es in den Aussagen von Susan und Christopher erstaunlicherweise so gut wie gar nicht geht: all das Geld, das die beiden noch über die verstorbenen Wycherleys kassiert haben. Bei den beiden war auch nie die Rede davon, dass Susan direkt im Mai 1998 zur Bank gegangen ist, um sich einen Zugriff auf die Konten ihrer Eltern zu organisieren. Die Staatsanwaltschaft vermutet, dass das Thema Geld zwischen Susan und ihren Eltern schon Jahrzehnte zuvor ein Streitpunkt gewesen ist.

Nicht nur, weil Susan immer mehr davon brauchte, um ihre Sammlung von Hollywood-Memorabilia zu finanzieren. Sondern auch wegen eines Konflikts aus ihrem jungen Erwachsenenalter. Die Richterin schildert das im Prozess wie folgt. “Es gab etwas, das Sie Ihren Eltern viele Jahre lang übel genommen haben. Als Sie 21 waren, hinterließ Ihnen die zweite Frau Ihres geliebten Großvaters 10.000 Pfund. Die Hälfte davon haben Sie für Urlaube für Sie selbst und Ihre Mutter ausgegeben.

Die andere Hälfte wurde 1979 für den Kauf eines Hauses Ihrer Eltern in Edgware verwendet. Ihr Name stand in den Urkunden. Sie sagen, Ihre Eltern hätten Sie emotional erpresst, damit Sie Ihren Anteil am Haus überschreiben, weil es der Wunsch Ihres Großvaters gewesen sei, dass Ihre Mutter erben sollte. Das war 1983, und aus Ihren Befragungen und Ihrer Aussage vor Gericht geht klar hervor, dass Sie damals und auch heute noch der Meinung sind, dass Ihre Eltern Ihnen etwas vorenthalten haben, das Ihnen Ihrer Meinung nach rechtmäßig zustand. Ihre Eltern verkauften das Haus mit Gewinn und kauften davon ein billigeres Haus in Mansfield. Die beiden behielten den gesamten Erlös. Sie haben ihnen nie vergeben. Ihr Groll schwelte jahrelang, und gleichzeitig verschuldeten Sie sich.”

Im Klartext: Susan soll sich von ihren Eltern vergangen gefühlt haben, weil die sie nicht an einem Hausverkauf Anfang der 80er beteiligt hatten – obwohl das Kapital davon ursprünglich von Susan kam. Während Patricia und William sich mit dem Erlös des Hausverkaufs das Eigenheim in Mansfield leisten konnten, saß Susan mit Christopher in einer Sozialwohnung in Dagenham. Der leitende Ermittler Griffin sieht genau hier den Knackpunkt. Er sagt: „Dies ist ein Paar, das offenbar seit einigen Jahren geplant hatte, Rache für die Entziehung des Erbes zu nehmen, das Susan von ihrer Stiefgroßmutter zugestanden hätte. […] Sie hatten mehrere Jahre damit verbracht, zu planen, wie sie einen Teil dieses Geldes zurückbekommen könnten, und sich dann für eine Vorgehensweise entschieden. Sie sagten sich: ‚Wir fahren nach Mansfield, töten dieses Paar, von dem wir wissen, dass es niemand vermissen wird, und nehmen ihr ganzes Geld mit.‘“

Und mit diesem Geld haben sich die Edwards dann fünfzehn Jahre lang ein freies Leben und ihre Sammelleidenschaft finanziert, während die Wycherleys unbemerkt von allen in ihrem eigenen Garten vergraben lagen.

Auch Sue Bramley, die das Haus der Wycherleys inzwischen gemietet hat, ist beim Prozess dabei. Sie versucht, sich so viele Verhandlungstage wie möglich anzusehen. Sie möchte Gewissheit haben, was in dem Haus passiert ist, in dem sie seit Jahren mit ihrer Tochter wohnt. Allerdings findet Sue den Prozess eher verstörend als versöhnlich. Vor allem, als Christopher Edwards vor Gericht noch einmal erzählt, er sei noch mal zu dem Haus in Mansfield zurückgekehrt, nachdem es verkauft wurde.

Er habe schauen wollen, ob das Geheimnis von ihm und Susan aufgeflogen sei. Allerdings hätten ihn die Mieter des Hauses dabei gestört. Das können nur Sue oder ihre Tochter gewesen sein – sie kann sich zwar nicht an einen solchen Zwischenfall erinnern, trotzdem bekommt sie ein mulmiges Gefühl.

Sie dürfte angesichts des Urteils, zu dem das Gericht kommt, erleichtert sein. Der Missbrauch, den Susan auch nach Überzeugung der Richterin durch ihren Vater erfahren hat, wird nicht strafmildernd einbezogen. Susan und Christopher Edwards werden wegen des Mordes an Patricia und William Wycherley beide für schuldig befunden. Die beiden haben sich gemeinschaftlich entschlossen, das Ehepaar aus Habgier zu ermorden. Beide werden zu einer Freiheitsstrafe von mindestens 25 Jahren verurteilt. Erst danach werden sie einen Bewährungsantrag stellen können. Zum Zeitpunkt ihrer Verurteilung sind Susan und Christopher bereits Anfang 50. Es ist also möglich, dass die beiden das Gefängnis nie wieder verlassen werden. Ein Berufungsversuch von Susans Anwälten wurde abgelehnt.

„Yours, Gérard Depardieu“

Ich möchte euch eine weitere Kuriosität aus dem Prozess nicht vorenthalten. Naturgemäß geht es viel um die Sammelleidenschaft der Edwards’. Darum, dass sie all ihr Geld für Hollywood-Memorabilia aus dem Fenster geworfen haben. Und um die Brieffreundschaft zwischen den Edwards’ und Gerard Depardieu, von der ich euch schon erzählt habe.

Auch Christopher hatte in Verhören davon berichtet. Doch vor Gericht kommt jetzt etwas raus, was selbst Christopher noch nicht gewusst hat. Nämlich, dass die Briefe überhaupt nicht von Gerard Depardieu. Sondern von Susan. Sie hat jahrelang Briefe gefälscht – in gebrochenem Englisch, mit geschickt eingesetzten Fehlern und gefälschter Handschrift, damit alles so aussah, als kämen sie wirklich von dem französischen Schauspieler. Sie hat sogar eine Stempelmaschine gekauft, um französische Briefstempel zu faken.

Susan gesteht, sie habe damit angefangen, weil Christophers Bruder sich das Leben genommen hat. Aus den Medien wusste sie, dass auch Gerard Depardieu einen Bruder hatte, der Selbstmord begangen hat. Also dachte sie, es würde ihren Mann aufmuntern, wenn er sich mit jemandem austauschen kann, der sein Schicksal teilt. Susan hatte sogar behauptet, Gerard Depardieu in den Mord an ihren Eltern eingeweiht zu haben.

Sie hat Christopher glauben lassen, dass Depardieu versprochen hatte, zu helfen: Indem er Leute bezahlen würde, um sich in britische Personensysteme einzuhacken und die Daten von William und Patricia Wycherley zu löschen. Damit endgültig alles so aussehen würde, als hätten sie nie existiert. Christopher berichtet, ab Mitte der 2000er hätten sich die Briefe vom vermeintlichen Gerard geändert. Da hätte er geschrieben, die angeblichen Hacker hätten stattdessen Wege gefunden, Geld auf die Konten von ihm und Susan überweisen zu lassen. Dass sie also im Grunde einen Money-Glitch für die Edwards’ entdeckt hätten.

Dieser Money Glitch war Mitte der 2000er wohl eher der Erlös aus dem Hausverkauf der Wycherleys. Wenn das, was Christopher sagt, denn stimmt. Er impliziert hier ja im Grunde, dass er gar nicht wusste, wo das Geld all die Jahre herkam. Christopher sagt sogar, Susan habe kurz vor der Rückkehr nach England versucht, ihm zu erzählen, dass alles rund um Gerard Depardieu bloß ausgedacht war. Aber er hat ihr nicht geglaubt – oder wollte ihr nicht glauben.

Dieses Beispiel zeigt wohl ganz gut, wie sehr das Ehepaar in seiner ganz eigenen Realität gelebt hat. In einer Fantasiewelt aus dem alten Hollywood und einer unbrechbaren Sammelleidenschaft, in der das Geheimnis aus dem Garten der No. 2 Blenheim Close gar keine Rolle mehr gespielt hat.

Sue Bramley wohnt auch Jahre später noch in dem Haus, in dem William und Patricia Wycherley umgebracht wurden. An die Stelle, an der Christopher und Susan Edwards die beiden Toten vergraben haben, hat Sue Bramley einen kleinen Rosenbusch gepflanzt. Doch auch jetzt, wo die Leichen dort nicht mehr liegen, will dort nichts so richtig blühen. Dafür ist sie mit ihrer Tochter gemeinsam zur Beisetzung gegangen, als die Wycherleys 2014 eingeäschert wurden. Sie waren zwei von insgesamt nur vierzehn Gästen. Die meisten anderen waren Journalisten, Polizisten, ansonsten Nachbarn.

2021 hat Sue Bramley noch einmal viele Anfragen von verschiedenen Medien bekommen. Denn da wird eine Sky-Miniserie zu dem Mord an den Wycherleys ausgestrahlt. Sie heißt „Landscapers“, das Ehepaar Edwards wird von Olivia Colman und David Thewlis gespielt. Sue betrachtet die Serie kritisch – unter anderem, weil sie als „humorvoll“ vermarktet wird.

Sues Kritik ist nachvollziehbar, trotzdem kann ich euch die Serie empfehlen. Die vier Folgen sind wahnsinnig gut produziert und gehen sehr interessant mit den vielen Widersprüchlichkeiten in den Aussagen der Edwards’ um. Ohne spoilern zu wollen – so habt ihr True-Crime garantiert noch nie gesehen. Was man der Serie allerdings anlasten kann: Es geht sehr viel um Susan und Christopher und sehr wenig um William und Patricia Wycherley. Aber vielleicht ist das bei diesem Video ähnlich. Und vielleicht muss man genau diese Geschichte mit einem solchen Blickwinkel erzählen – weil man sie anders überhaupt nicht fassen kann.

Die vielen Hollywood-Memorabilia, die Susan und Christopher mit dem gestohlenen Geld gekauft haben, durften die beiden übrigens nicht mit ins Gefängnis nehmen. Sie haben den Koffer mit ihren wichtigsten Autogrammen und Postern ja sogar zu ihrer Verhaftung mitgebracht. Allerdings wurden die Sachen konfisziert und sollen von den Behörden verkauft werden. Das ist im britischen Gesetz über Erträge aus Straftaten so vorgesehen. Die Edwards’ haben die Sachen als Susans Eigentum aufgeführt. Christophers Vermögen betrug zum Zeitpunkt der Verhaftung laut offiziellen Dokumenten genau 17,06 Pfund.

Aber allzu viel ist auch aus Susans Fanartikeln nicht rauszuholen. Die Edwards’ haben einen fünfstelligen Betrag für die Sachen aus ihrem Koffer ausgegeben. Geld, das sie jahrelang von Susans ermordeten Eltern gestohlen haben. Die Polizei hat den reellen Wert der Sachen nun einmal offiziell von Experten schätzen lassen: Er beträgt höchstens 3.000 Pfund.

Outro

Susan und Christopher Edwards sitzen auch heute noch im Gefängnis. Getrennt voneinander, versteht sich. Nur zu ausgemachten Terminen und unter Aufsicht dürfen die beiden einander besuchen. Die beiden sind nach wie vor verheiratet und bestehen auf ihrer Version der Geschehnisse. Am Ende hat weder die Haft noch Susans Lüge über Gerard Depardieu und schon gar nicht das gemeinsame Verbrechen die Edwards’ auseinandergebracht. Wahrscheinlich macht das den Fall zu einem der kuriosesten, die wir hier je besprochen haben. Umso gespannter wäre ich auf eure Meinung in den Kommentaren.

Dieses Mal war ja das Besondere, dass wir sehr viel über die Täter gehört haben. Hat das eure Perspektive auf den Fall verändert? Haltet ihr Susan und Christopher Edwards für eiskalte Mörder – oder glaubt ihr, dass es einfach zwei verlorene Seelen sind, die sich in ihre Fantasiewelt reingesteigert haben? Oder ist das am Ende vielleicht sogar unwichtig – weil es nichts am Ausgang ändert? Nämlich, dass zwei Menschen ermordet und verscharrt wurden. Es ist eine gruselige Vorstellung, dass Leute fünfzehn Jahre lang nicht bemerkt haben, dass die Wycherleys nicht mehr am Leben waren.

In diesem Sinne – solltet ihr Brief- oder Mailkontakt zu alten Bekannten oder Verwandten haben: Vielleicht ist ein persönliches Treffen oder ein Anruf ab und an auch eine schöne Idee. Wenn ihr mir eine Freude machen wollt, liked dieses Video gern oder schreibt einen Kommentar. In langen Videos wie diesem hier steckt besonders viel Arbeit. Ich weiß, dass viele von euch immer auf die längeren Dokus warten – aber die kosten leider auch mehr Zeit und Mühe. Ein bisschen Feuer für den Algorithmus hilft besonders weiter, damit ich weiterhin so lange Videos für euch produzieren kann. Vielen Dank, dass ihr das möglich macht und für euren Support. Bis zum nächsten Mal, ciao.

Quellen

  1. The Mansfield Murders: the real-life story behind one of Britain’s most bizarre murder cases The Telegraph
  2. Mansfield murders: Christopher and Susan Edwards spun web of lies - BBC News BBC, 2014
  3. The murderers next door The Guardian, 2014
  4. THEY MURDERED AND BURIED HER PARENTS IN THEIR OWN GARDEN - Real Life Crime Documentary YouTube, 2023
  5. Season NaN - Episode 1 / The Bodies Under the Patio Channel 5
  6. How the Wycherley murder went unnoticed for 15 years The Guardian, 2014
  7. R v Christopher Edwards and Susan Edwards Courts and Tribunals Judiciary
Fallakte
Orte
Mansfield, Blenheim Close, Lille, Dagenham, Edgware, London St. Pancras
Region
England
Länder
Großbritannien, Frankreich
Jahr
1998
Status
Gelöst
Fallart
Tötungsdelikt, Familie & Partnerschaft, Betrug & Täuschung
Personen
William Wycherley, Patricia Wycherley, Susan Edwards, Christopher Edwards, Sue Bramley, Elizabeth Edwards, Mr. Griffin
Lagekarte
Kartendaten: Natural Earth