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London, England, 2021

Sarah Everard

Eine 33-Jährige verschwindet im März 2021 auf ihrem Heimweg durch London.

Lesezeit etwa 18 Minuten

Worum es geht

Am 3. März 2021 verlässt die 33-jährige Sarah Everard einen Abend bei Freunden in Clapham und macht sich zu Fuß auf den Heimweg nach Brixton. Sie kommt nie zu Hause an, ihr Freund meldet sie am nächsten Tag als vermisst, und die Londoner Polizei beginnt eine groß angelegte Suche. Zeugenhinweise und Kameraaufnahmen führen die Ermittler Schritt für Schritt zu einem Verdächtigen, dessen Vorgeschichte viele Fragen aufwirft. Der Fall löst in Großbritannien eine breite Debatte über die Sicherheit von Frauen und über Versäumnisse der Behörden aus.

Luftaufnahme von London im Anflug auf Heathrow
Luftaufnahme von London im Anflug auf Heathrow. Foto: Katie Chan, CC BY-SA 4.0, über Wikimedia Commons.

Intro

2021 geht ein Vermisstenfall aus England um die Welt. Die 33 Jahre alte Sarah Everard verschwindet auf ihrem Heimweg, mitten in London. Und mit jedem Tag, der vergeht, spitzt sich die Lage weiter zu. Denn Stück für Stück kommen Details ans Licht – zu Sarahs Verschwinden selbst, zum Täter, und dazu, dass man Sarahs Schicksal hätte verhindern können. Heute ist der Fall Sarah Everard einer der bekanntesten Fälle der britischen Kriminalgeschichte. Und das aus gutem Grunde. Denn das hier ist kein Einzelfall.

Das Verschwinden von Sarah Everard

Sarah Everard ist erst vor ein paar Jahren nach London gezogen. Eigentlich kommt sie aus York, einer Stadt im Nordosten Englands, die vor allem bei Studierenden und Touristen beliebt ist. Sarah selbst ist noch ein Stück weiter nördlich zur Uni gegangen, in Durham. Sie hat einen Abschluss in Humangeographie gemacht, beruflich aber dann doch einen etwas anderen Weg eingeschlagen. Als Sarah einen Marketing-Job in London bekommt, zögert sie nicht lange. Sie findet eine Wohnung im beliebten Stadtteil Brixton. Dort leben viele Leute, die an der Uni in Durham ihren Abschluss gemacht haben, sodass Sarah sehr schnell Anschluss findet.

Über die Jahre jobbt Sarah in verschiedenen Londoner Marketingagenturen und kann sich dabei immer weiter hocharbeiten. Erst im Februar 2021 wechselt sie wieder den Job. Sie landet bei der Agentur Flipside Group im Stadtteil Holborn und ist begeistert von ihren neuen Kollegen und dem Arbeitsumfeld. Eigentlich läuft also alles richtig gut.

Am 3. März 2021 ist Sarah zum Abendessen bei Freunden im Stadtteil Clapham eingeladen. Sie macht sich gegen 17 Uhr auf den Weg dorthin und verbringt den frühen Abend dort. Gegen 21 Uhr verlässt Sarah das Haus ihrer Freunde wieder. Clapham liegt im Südwesten der Stadt, etwas außerhalb des belebten Londoner Zentrums. Sarahs Stadtteil Brixton liegt im Grunde nebenan. So kann sie den Weg nach Hause ganz einfach zu Fuß gehen.

In einer riesigen Stadt wie London dauert zwar auch so ein Weg zwischen zwei Stadtteilen gute 40-50 Minuten. Aber für Sarah ist es ein netter Spaziergang am Abend. Sarah könnte theoretisch auch von ihren Freunden aus an der Haltestelle Clapham Junction einen Bus nehmen. Nach Brixton wären es so nur ein paar Minuten. Aber das Wetter am 3. März 2021 ist gut. Sie muss unterwegs ohnehin noch mal in den Supermarkt und ein paar Besorgungen machen. Und bei der damaligen Pandemie-Lage ist eine Reise in einem vollgestopften Londoner Stadtbus auch nicht die schönste Aussicht.

Sarah durchquert auf ihrem Heimweg den Park Clapham Common. Danach geht sie weiter an einer dicht befahrenen Schnellstraße entlang. Sie telefoniert unterwegs noch mit ihrem Freund Josh, gute vierzehn Minuten lang. Die beiden vereinbaren, sich am nächsten Tag zu treffen, ehe sie sich voneinander verabschieden. Dann läuft sie Richtung Osten, die Poynders Road hinunter Richtung Tulse Hill. Damit hat Sarah schon mehr als die Hälfte ihres Heimweges geschafft. Aber sie wird nie zuhause ankommen.

Am nächsten Tag wartet Josh vergeblich darauf, dass Sarah zum Treffen erscheint. Sie geht auch nicht ans Handy. Damit ist ihm sofort klar, dass etwas nicht stimmt. Josh alarmiert die Polizei und meldet seine Freundin als vermisst. Die Polizei nimmt das Verschwinden von Sarah ernst und schaut sich erst einmal in ihrer direkten Nachbarschaft um. Sarah wohnt in der Nähe eines Immobilienunternehmens, das eine Überwachungskamera angebracht hat. In dem Kameraradius wird auch Sarahs Haustür aufgezeichnet.

Auf den Aufnahmen ist von Sarah keine Spur. Damit ist endgültig klar, dass sie am 3. März 2021 nicht zurück nach Hause gekehrt ist. Irgendetwas muss ihr auf ihrem Heimweg zugestoßen sein. Sarahs Eltern reisen sofort aus York nach London, um vor Ort nach ihrer Tochter zu suchen. Auch Sarahs Geschwister Katie und James unterstützen die Suche, wo sie nur können. Die Suche wird einige Tage andauern. Und sie wird der Startschuss für einen der brisantesten britischen Kriminalfälle sein.

Die Suche

Drei Tage nach Sarahs Verschwinden, am 6. März, wendet sich die Polizei an die Öffentlichkeit. Man veröffentlicht ein Foto von Sarah und am nächsten Tag außerdem Material einer Überwachungskamera, das sie um 21:28 Uhr in der Poynders Road zeigt. Die Aufnahmen stammen von der Kamera eines Anwohners. Darauf ist Sarah zu sehen, wie sie mit ihrem Handy in der Hand ganz entspannt die Straße herunterläuft. Danach verliert sich ihre Spur. Die Londoner Polizei wertet im Laufe der Ermittlungen insgesamt mehr als 1800 Stunden Videomaterial aus, um Spuren von Sarah zu finden.

Binnen 48 Stunden gehen mehr als 100 Hinweise von Zeuginnen und Zeugen bei der Polizei ein. Zeitgleich wird die Route entlang von Sarahs Heimweg von mehreren Ermittlern abgesucht. Dazu wird der Clapham Common Park durchsucht, ein See im Park ausgepumpt, und viele Flyer werden verteilt. Der Fall wird sehr schnell sehr bekannt. Sarahs Foto ist in jeder Zeitung, auf jedem Fernsehsender zu sehen. Sogar international. Vielleicht habt auch ihr ja damals etwas von der Suche nach ihr mitbekommen.

Bei solchen Fällen ist es üblich, dass bei Zeugenaussagen auch viel Unverwertbares dabei ist. Es gibt aber ein paar Aussagen, die gleichermaßen hilfreich und besorgniserregend sind. Zeugen berichten, sie hätten Sarah Everard am Abend des 3. März noch auf der Poynders Road gesehen. Sie sei in ein Auto gestiegen – in Handschellen. Ganz offensichtlich wurde Sarah Everard also entführt.

Die Polizei konzentriert sich auf Kameramaterial von Dashcams, das einige Autofahrer als Zeugen bereitgestellt haben. Und tatsächlich findet man eine Aufnahme, die genau das zeigt, was Zeugen beschrieben haben. Man sieht Sarah, die neben einem Mann an einem Auto steht, dessen Warnblinker noch eingeschaltet ist. Die beiden unterhalten sich. Der Mann zeigt ihr einen Gegenstand, den er in seiner Hand hält. Vermutlich die Handschellen, in denen Sarah dann ins Auto steigt. Das Video zeigt die letzten Sekunden vor ihrer Entführung.

Glücklicherweise kann die Polizei anhand des Nummernschildes herausfinden, woher das Auto kommt. Es ist ein Mietwagen, der in der Stadt Dover verliehen wurde. Dover liegt an der Ostküste Englands, gut 120 Kilometer von London entfernt. Die Polizei fordert das Videoüberwachungsmaterial des Autovermieters sowie die Auftragsbücher an. Der Name des Mannes, der den Wagen geliehen hat, lautet Wayne Couzens. Er ist auf den Videos des Autovermieters zu sehen. Und er sieht genau so aus wie der Mann, mit dem Sarah zuletzt am Straßenrand gesprochen hat. Damit ist er nach einigen Tagen Ermittlungen der Hauptverdächtige.

Wayne Couzens lebt zwar außerhalb, arbeitet aber in London bei der Metropolitan Police. Er ist Mitglied der Einheit, die sich um den Schutz von Politikern und entsprechenden Institutionen kümmert, zum Beispiel vom Parlament oder von Botschaften. Auch am Tag von Sarahs Verschwinden hat Wayne in London gearbeitet und eine Schicht an der US-Botschaft absolviert. Danach fuhr er nach Dover und mietete den Leihwagen. Mit dem Leihwagen fuhr er am Nachmittag von Dover aus zurück nach London. Das belegen weitere Kameraaufnahmen.

Sechs Tage nach Sarahs Verschwinden taucht die Polizei am 9. März bei Wayne zuhause auf. Gerade eine halbe Stunde zuvor hat Wayne versucht, ein paar Daten von seinem Handy zu beseitigen. Wayne wird dann auf seinem heimischen Sofa von anderen Polizisten befragt. Von diesem Gespräch existieren Bodycam-Aufnahmen, von denen ihr gleich ein paar sehen werdet. Der Polizist, der Wayne befragt, fängt erst einmal ganz harmlos an. Er fragt, ob er Sarah kennen würde, zeigt ein Foto von ihr und fragt Wayne, ob ihm die Frau bekannt vorkomme. Wayne verneint das. Als der Polizist darauf hinweist, dass Sarah vermisst wird, räumt Wayne ein, davon in den Nachrichten mitbekommen zu haben.

Alles andere wäre auch schwer vorstellbar gewesen, der Fall ist damals in Großbritannien in den Medien omnipräsent. Dann gibt Wayne auf einmal sogar zu, etwas mit Sarahs Verschwinden zu tun zu haben. Allerdings erzählt er eine Geschichte, die unglaubwürdiger nicht sein könnte.

Wayne: Okay, also… Ich habe finanzielle Probleme. Ich wurde von Leuten ausgenommen, ich weiß nicht, wer die sind. Eine Gang oder so. Die haben mir gesagt, ich soll losziehen und Mädchen für sie aufgabeln. Ich habe gesagt, das wird nicht passieren. Und dann stellte sich heraus, dass sie meiner Familie weh tun würden, sie mir wegnehmen würden. Stattdessen sie benutzen würden. Da hatte ich keine andere Wahl, als zu versuchen, jemanden zu finden. Also, ich… Da sind ein paar Namen. Mir wurde ein Ort genannt, an den ich sie bringen sollte. Das ist alles. Das ist alles, was ich weiß.

Wayne behauptet also, eine ominöse kriminelle Gang habe ihn dazu gezwungen, Sarah Everard für sie zu entführen. Ob Wayne diese Geschichte wirklich für eine gute Ausrede hält, oder ob er einfach nur verzweifelt ist, können wir nur mutmaßen. Fakt ist aber, dass sein Ablenkungsmanöver nicht funktioniert. Als die Ermittler Wayne auffordern, weitere Details zu nennen, erzählt er etwas von einem weißen Van mit einem rumänischen Nummernschild. Er habe Sarah irgendwo zwischen den Orten Maidstone und Lenham an die Gang übergeben. Das Ganze sei an einem Kreisverkehr passiert.

Wayne pokert sogar so hoch, dass er anbietet, er könnte die Polizei jetzt sofort zu diesem Ort führen. Aber eine Überprüfung von Kamera- und Mobilfunkdaten zeigt, dass er in den letzten Tagen nie an diesem Ort gewesen ist. Deshalb wird Wayne festgenommen und muss in Untersuchungshaft.

Die Polizei durchsucht Waynes Haus sowie ein Waldstück, das ihm zum Teil gehört. Am 10. März findet man dort die Überreste von einer Person. Sie wurde verbrannt und kann nur noch anhand eines Zahnabgleichs identifiziert werden. Während der Abgleich noch läuft, wird Wayne mit einer Kopfverletzung in seiner Zelle aufgefunden. Er muss im Krankenhaus behandelt werden. Einen Tag später passiert noch einmal genau dasselbe. Beide Male war er allein in seiner Zelle, während er die Kopfverletzungen erlitten hat.

Es liegt nahe, dass Wayne versucht hat, sich selbst etwas anzutun, um sich aus der Verantwortung zu ziehen. Denn die Tote aus Waynes Waldstück ist tatsächlich die vermisste Sarah Everard, wie am 12. März bekanntgegeben wird. Bei der Obduktion kann noch die Todesursache festgestellt werden. Sarah wurde stranguliert. Der Täter muss mehr als zwei Minuten lang mit großem Druck gegen ihren Hals eingewirkt haben, um die Verletzungen herbeizuführen. Noch am Abend wird Wayne offiziell wegen des Mordes und der Entführung von Sarah Everard angeklagt. Aber einen Gerichtsprozess wird es nie geben.

Schuld & Solidarität

Anfang Juni gibt es Anhörungen vor dem Strafgerichtshof. Am 8. Juni bekennt sich Wayne Couzens der Entführung und Vergewaltigung von Sarah Everard schuldig. Er nimmt auch die Verantwortung für ihren Tod auf sich, streitet aber ab, dass die Tat ein Mord gewesen sei. Er habe geplant, Sarah zu missbrauchen, nicht aber, sie zu ermorden. Nur einen Tag später, bei einer zweiten Anhörung, knickt Wayne aber doch ein und bekennt sich auch des Mordes schuldig. Deshalb wird der Prozess gegen Wayne fallengelassen, stattdessen werden zwei Tage für eine Urteilsfindung und -sprechung eingeplant.

Und diese beiden Gerichtstermine sind auch bitter nötig. Nicht nur, weil das Verbrechen gegen Sarah schon ohnehin so schwer war. Sondern auch, weil es Details gibt, die die Richter in diesem Fall unbedingt hören sollten. Denn womöglich hätte der Mord an Sarah verhindert werden können.

Im Monat vor Sarahs Verschwinden ist Wayne nämlich schon zwei Mal wegen sexuell motivierter Straftaten aufgefallen. Beide Vorfälle haben sich im Drive-Through eines McDonald’s in Swanley in der Grafschaft Kent abgespielt. Sowohl am 14. als auch am 27. Februar soll sich Wayne dort vor Mitarbeiterinnen entblößt haben. Am 28. Februar wurden die beiden Vorfälle von dem Manager der McDonald’s-Filiale angezeigt. Da diese Drive-Throughs ja kameraüberwacht sind, konnte das Nummernschild direkt abgeglichen werden.

Dabei stellte sich eben heraus, dass das Auto Wayne Couzens gehörte. Am 3. März ist wegen dieser beiden Vorfälle sogar eine Polizeibeamtin nach Swanley gefahren. Dort hat sie die Daten zum Nummernschild und zur Kreditkartenrechnung von Wayne Couzens entgegengenommen. Allerdings wurden die Mitarbeiterinnen der Filiale, und damit ja die eigentlichen Geschädigten, nicht befragt.

Nur zwei Stunden, bevor Sarah Everard von Wayne ermordet wurde, hat die zuständige Polizeibeamtin einen Bericht geschrieben. Sie empfiehlt darin, den Fahrzeughalter, also Wayne Couzens, verhaften zu lassen. Das ist aber offensichtlich nie passiert. Und so konnte Wayne sich an diesem Tag frei durch Kent und London bewegen und das Verbrechen an Sarah Everard begehen.

In der Öffentlichkeit werden schnell Vorwürfe laut, dass die Polizei den Fall absichtlich habe durchrutschen lassen. Eben weil Wayne ja selbst als Polizist angestellt ist. Denn es gibt schon länger Kritik gegen die Londoner Polizei. Und wie sich in den Ermittlungen zum Fall Sarah Everard zeigen wird, kommt diese nicht von ungefähr. Schon 2015 soll Wayne zudem untenrum unbekleidet durch Dover gefahren sein. Das war noch bevor er bei der Metropolitan Police angestellt wurde. Die Sache wurde damals nicht weiter verfolgt. Im November 2008 soll sich Wayne in Südlondon vor einer Frau entblößt haben, auch da wurden die Ermittlungen eingestellt, weil damals kein klarer Verdächtiger gefunden werden konnte.

Und unter seinen Kollegen hat Wayne schon länger einen einschlägigen Spitznamen. Sie nennen ihn ‘The Rapist’, weil einige weibliche Kolleginnen sich in seiner Gegenwart so unwohl fühlen.

Das sagt nicht nur viel über Wayne selbst aus, sondern auch über seine Polizeikollegen. Gemeinsam mit ein paar anderen Polizisten hat Wayne eine WhatsApp-Gruppe. Da tauschen die Männer allerlei Memes und Witze über Rassismus und Misogynie aus. Sie fantasieren darüber, einer weiblichen Kollegin sexuelle Gewalt anzutun, scherzen darüber, wie attraktiv eine 15-Jährige in einem Einsatz gewesen sei, und schreiben, sie würden ihre Taser gern benutzen, um damit Tiere zu foltern.

Das Geschriebene geht weit darüber hinaus, was man irgendwie mit schwarzem Humor rechtfertigen könnte. Denn diese Männer sind eben alle Polizisten. Sie sind dafür da, Menschen in Notlagen zu helfen, vor allem, wenn sie vulnerabel sind. Und die Männer beziehen sich in ihren Nachrichten eben ganz ausdrücklich auf ihren Alltag und ihre Positionen als Polizisten.

Auch zum Mord an Sarah selbst gibt es zur Urteilsfindung neue Erkenntnisse. Kameraaufnahmen haben gezeigt, dass Wayne am Abend des 3. März immer wieder dieselbe Route im Kreis gefahren ist. Die Ermittelnden sind sicher, dass er in London ganz bewusst Ausschau nach einer Frau gehalten hat, die allein unterwegs war. Die Polizei kann den Tatablauf aufgrund weiterer Kameraaufnahmen von Häusern, Dashcams und auch von Mobildaten recht gut konstruieren. Und aus diesem Tatablauf zeichnet sich ab, dass Wayne Couzens seine Position als Polizist wahrscheinlich ganz bewusst ausgenutzt hat.

Aufgrund der Dashcams eines Autofahrers gibt es Aufnahmen, die die Begegnung zwischen Sarah und Wayne teilweise aufzeigen. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat sich am 3. März 2021 alles wie folgt abgespielt. Waynes Auto ist mit eingeschaltetem Warnblinker am Poynders Court geparkt. Dort läuft Sarah auf ihrem Heimweg vorbei und wird von Wayne angesprochen. Wayne zeigt ihr seine polizeiliche Dienstmarke und legt Sarah Handschellen an. Man vermutet, dass er ihr wahrscheinlich gesagt hat, er würde sie wegen eines mutmaßlichen Verstoßes gegen die Pandemie-Maßnahmen festnehmen.

Im März 2021 gibt es in London nämlich einen strikten Lockdown. Es ist auch verboten, sich mit einer anderen Person zu treffen, die nicht im eigenen Haushalt lebt. Eigentlich hätte Sarah ihre Freundin an diesem Abend also gar nicht besuchen dürfen. Wayne hatte aus seiner Sicht in diesem Fall quasi Glück, wenn man das so nennen kann. Er konnte es nicht wissen, als er sie angesprochen hat, aber Sarah hat gerade wirklich etwas Verbotenes getan. Und die Londoner Polizei greift zu diesem Zeitpunkt durchaus auch mal ordentlich durch, wenn jemand gegen die Lockdown-Maßnahmen verstößt.

Deshalb hatte Sarah keine Chance zu erkennen, dass an der Situation etwas nicht stimmte. Sie dürfte total perplex gewesen sein, und Wayne hat ihr ja seine Polizeimarke gezeigt. Wahrscheinlich hatte Sarah gar keine Zeit, die Situation irgendwie einzuordnen, bevor sie schon in Handschellen auf dem Rücksitz saß.

Das Material, das die Begegnung zwischen Sarah und Wayne zeigt, ist um 21:35 Uhr aufgezeichnet worden. Um 21:38 Uhr ist der Wagen schon wieder auf der Straße und fährt aus London raus. Und Sarah kann sich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr wehren, weil sie in Handschellen auf der Rückbank sitzt.

So fährt Wayne zurück nach Dover, wo er lebt. Dort verfrachtet er Sarah von dem Mietwagen in sein privates Auto, einen Seat. Zwischen 23:53 Uhr und 0:57 Uhr loggt sich Waynes Handy an mehreren Funkmasten in Shepherdswell ein. Um 2:43 Uhr ist Wayne wieder in Dover und kauft an einer Tankstelle Getränke. Man geht davon aus, dass Sarah zu diesem Zeitpunkt bereits tot ist und ihr Leichnam in Waynes Auto liegt. Danach fährt er weiter nach Hoad’s Wood, zu dem Waldgelände, auf dem er ein Teilgrundstück besitzt. Er hat es 2019 für 5.000 Pfund gekauft.

Das Ganze ist aber kein idyllisches Stückchen Wald, wie man es sich jetzt vorstellt. Sondern eher eine illegale Mülldeponie. Dort liegen alte Gefrierschränke, teilverschrottete Autos und anderes Zeug herum.

Wayne hält sich bis etwa 6:30 Uhr in diesem Waldstück auf. Wahrscheinlich, um Sarahs Leichnam dort zu verstecken. Danach fährt er nach Hause, wechselt zurück zu dem Mietauto und fährt nach Sandwich, wo er Sarahs Handy in einem Fluss versenkt. Mit dem Wechseln zwischen den beiden Autos wollte Wayne wahrscheinlich versuchen, seine Spuren zu verwischen.

Am 5. März sucht Wayne eine Tankstelle auf, um dort Benzin in einen Kanister abzufüllen. Dieses Benzin verwendet er, um Sarahs Leichnam im Hoad’s Wood in einem alten Kühlschrank zu verbrennen. Später kauft er in einem Baumarkt Müllsäcke, in die er Sarahs Überreste packt. Diese versenkt er in einem See im Waldgebiet. Dort werden die Überreste am 10. März gefunden. In den Tagen zwischen dem Verbrennen von Sarahs Leiche und seiner Verhaftung hat Wayne weitestgehend normal weitergemacht.

Er hat Zeit mit seiner Ehefrau und den zwei gemeinsamen Kindern verbracht und sich um einen Tierarzttermin für den Familienhund gekümmert. Erst am 8. März hat Wayne sich krank gemeldet und seine Diensthandschellen sowie seinen Polizeigürtel bei seiner Wache abgegeben. Die Polizei vermutet, dass der Polizeigürtel das Werkzeug war, mit dem er Sarah stranguliert hat.

Ihr merkt schon: Die Beweislast gegen Wayne Couzens ist mehr als erdrückend. Auch ohne sein Geständnis hätte es an seiner Schuld wohl keinen Zweifel gegeben. Aus diesem Grunde bekommt er die Höchststrafe. Wayne Couzens ist damit der erste Polizeibeamte in Großbritannien, der eine lebenslange Freiheitsstrafe erhält.

Noch nach seiner Verurteilung kommen immer mehr Anschuldigungen gegen Wayne Couzens zusammen. Als er Anfang 20 war, soll er eine Teenagerin sexuell missbraucht haben. Zudem soll Wayne laut einigen Berichten auch einschlägige Bilder von Kindern besessen haben. Zwischen 2006 und 2007 soll Wayne eine Frau in London vergewaltigt haben. Im Oktober 2019 gab es einen weiteren Vergewaltigungsvorwurf in London. Und im Sommer 2019 soll Wayne einen Mann in einer Bar in Kent vergewaltigt haben. Auch gegenüber dem männlichen Geschädigten hat Wayne behauptet, er sei Polizeibeamter. Wer weiß also, wie oft er diese Masche schon abgezogen hat.

Neben diesen Fällen melden sich noch vier weitere Personen, die Wayne Sexualstraftaten vorwerfen. Diese Fälle wurden damals nicht angezeigt und sind erst im Nachhinein an die Polizei herangetragen worden. Aber auch zuvor hat es ja Ermittlungen und Zwischenfälle gegeben. Zuletzt erst drei Tage vor Sarahs Entführung. Konsequent gehandelt wurde nie.

Outro

Und genau dieser Umstand ist einer der Gründe, weshalb der Fall Sarah Everard so eine traurige Berühmtheit erlangt hat. Denn Wayne Couzens ist ein Mann, der immer wieder auffällig geworden ist. Trotzdem konnte er im Polizeidienst arbeiten und seine sich daraus ergebende Machtposition ausnutzen. Der Fall Sarah Everard wird zu einem Symbol für die Ungerechtigkeit und die Angst, mit der sich viele Frauen konfrontiert sehen. Denn Sarah Everard hätte jede andere Frau sein können. Sie war zur falschen Zeit am falschen Ort – was leider eben auch bedeutet, dass keine Frau sicher war, als Wayne Couzens auf der Suche nach einem Opfer durch London gefahren ist.

Und ihr kennt das von euch selbst oder aus eurem Umfeld sicherlich; die wenigsten Frauen fühlen sich dabei wohl, im Dunkeln nach Hause zu gehen. Was eigentlich alltäglich sein sollte, bereitet vielen Frauen verständlicherweise ein echtes Angstgefühl. Und der Fall Sarah Everard zeigt, dass diese Angst leider nicht unberechtigt ist. Noch dazu wurde Sarah von jemandem ermordet, der seine Position als Polizeibeamter und das Vertrauen in dieses Amt ganz bewusst ausgenutzt hat.

Trotz des Lockdowns kommen damals Hunderte Personen in London zusammen, um für die Rechte von Frauen zu demonstrieren. Selbst Herzogin Kate mischt sich damals unter die Protestierenden. Später wird die Veranstaltung von der Polizei aufgelöst, weil sie gegen die Lockdown-Auflagen verstößt. Dabei werden sogar vier Personen verhaftet. Dafür hagelt es weitere Kritik, die nicht nur aus der Zivilbevölkerung kommt. Auch der zukünftige Premierminister Keir Starmer und der damalige Amtsinhaber Boris Johnson äußern ihr Unverständnis gegenüber dem rigorosen Vorgehen der Polizei.

Denn genau darum geht es unter anderem ja eben auch. Darum, dass die Polizei Frauen und Räume für Frauen schützen sollte. Genau so, wie die Polizei Frauen wie Sarah Everard vor Wayne Couzens hätte schützen sollen.

Bestimmt haben viele von euch den Fall Sarah Everard damals zumindest am Rande mitbekommen. Ich kann mich gut daran erinnern, in den Medien davon gelesen zu haben. Viele Hintergründe, vor allem zum Täter, waren mir bis zur Recherche aber unbekannt. Schreibt gern mal in die Kommentare, was in diesem Video für euch vielleicht neu war. Ganz nebenbei unterstützt ihr den Channel so auch und zeigt mir, dass euch das Video gefallen hat. Das geht natürlich auch mit einem Like – und solltet ihr es noch nicht getan haben, würde ich mich sehr freuen, wenn ihr Insolito abonnieren würdet. Vielen Dank und bis zum nächsten Mal, ciao.

Quellen

  1. What happened to Sarah Everard? Timeline of events in 33-year-old’s disappearance The Independent, 2024
  2. Who was Sarah Everard and what do we know about her? Evening Standard, 2021
  3. Sarah Everard handcuffed and falsely arrested before she was murdered, court told YouTube, 2021
  4. ‘Don’t Get In The Car. Don’t Believe Him. Run!': The Heart-Breaking Words Of Sarah Everard's Mother ELLE UK, 2021
  5. Exclusive: How they caught Sarah Everard's killer YouTube, 2021
  6. ‘Where did I miss the signs?’ Wayne Couzens’ wife speaks out Evening Standard, 2021
  7. Wayne Couzens: Met PC missed chance to investigate, hearing told BBC, 2023
  8. COVID-19 Response - Spring 2021 (Summary) GOV.UK
  9. No access outside UK Channel 5
  10. Wayne Couzens joked about sexual assault in newly released WhatsApp messages with six other police officers Sky News
  11. Wayne Couzens nicknamed ‘The Rapist’ three years before he was hired by Met Evening Standard, 2021
  12. All the missed opportunities to catch Wayne Couzens before Sarah Everard’s murder The Independent, 2024
  13. Sarah Everard vigil: Boris Johnson 'deeply concerned' by footage BBC, 2021
Fallakte
Orte
London, Clapham, Brixton, Dover, Hoad’s Wood, Swanley
Region
England
Land
Großbritannien
Jahr
2021
Status
Gelöst
Fallart
Tötungsdelikt, Entführung, Vermisstenfall
Personen
Sarah Everard, Wayne Couzens, Josh
Lagekarte
Kartendaten: Natural Earth