Zum Inhalt
InsolitoFallarchivAlle FälleKarteSpiele
Alle Fälle

Machynlleth, Wales, 2012

April Jones

Eine Fünfjährige verschwindet beim Spielen in Wales, und eine riesige Suche beginnt

Lesezeit etwa 16 Minuten

Worum es geht

Im Oktober 2012 verschwindet die fünfjährige April Jones an einem warmen Abend in der walisischen Kleinstadt Machynlleth, nachdem sie beim Spielen in ein Auto gestiegen ist. Eine siebenjährige Freundin ist die einzige Zeugin, und ihre Aussage wirft für die Polizei zunächst Rätsel auf. Es beginnt eine der größten Suchaktionen in der Geschichte des Vereinigten Königreichs, bei der Hunderte Freiwillige und Polizisten nach dem Mädchen suchen. Schon in der ersten Nacht rückt ein Mann aus der Nachbarschaft in den Fokus der Ermittler, doch seine Version der Ereignisse stößt auf Misstrauen. Der Fall reicht von der Suche über den Prozess bis in die Jahre danach, in denen Aprils Familie mit dem Verlust lebt.

Ortskern von Machynlleth in Wales
Ortskern von Machynlleth in Wales. Foto: Celuici, CC BY-SA 4.0, über Wikimedia Commons.

Intro

Es ist Großbritanniens bis dato größte Suchaktion: Im Oktober 2012 verschwindet ein Mädchen in Wales. Von Anfang an ist klar: April Jones ist entführt worden. Sie wurde beim Spielen von einem Autofahrer angesprochen und in seinen Wagen gelockt. Wie im Film. Noch nie ist so etwas in der walisischen Kleinstadt vorgekommen. Für die Ermittler und für Aprils Familie beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Denn wenn ein Kind verschwindet, zählt jede Minute.

Coral: Da muss jemand sein, der weiß, wo sie ist und der Polizei helfen kann, sie zu finden. Wir sind verzweifelt. April ist erst fünf Jahre alt. Bitte, bitte, helfen Sie, sie zu finden.

Ein ganz normaler Montag

Es ist Montag, der 1. Oktober 2012. Obwohl rein meteorologisch eigentlich gerade der Herbst angefangen hat, ist es angenehm warm. Die Abendsonne steht gegen 19 Uhr über der Stadt Machynlleth in Wales. In der Bryn-Y-Gog-Siedlung sind einige Kinder auf den Straßen unterwegs. Es ist zwar bald Zeit fürs Bett, aber an einem der wohl letzten warmen Abende des Jahres drücken die Eltern mal ein Auge zu. Der Ort ist klein und beschaulich, die Kinder untereinander alle miteinander bekannt und eng befreundet. Die Kinder kennen sich in dem Gebiet aus und sind nie weit von zuhause weg.

Auch die fünf Jahre alte April Jones ist an diesem Abend noch draußen. Am Nachmittag hatte sie Schwimmunterricht, danach ist eine Freundin mit zu ihr gekommen. Die Mädchen haben zusammen zu Abend gegessen und durften einen Disney-Cartoon schauen. Danach wollten die zwei unbedingt noch ein bisschen zusammen raus. Eigentlich ist es für den Geschmack von Aprils Eltern schon ein bisschen spät. Aber da das Wetter so schön ist und April nicht locker lässt, geben sie sich geschlagen.

Die Kinder sind mit ihren Rädern unterwegs und fahren auf den Straßen auf und ab. April liebt ihr pinkes Fahrrad über alles. Für sie hat es eine besondere Bedeutung, denn April hat in ihrem linken Bein eine infantile Zerebralparese. Das ist eine Bewegungsstörung, die während der Gehirnentwicklung als Baby auftreten kann. April war ein Frühchen und hatte einen komplizierten Start ins Leben. Aber ein paar Jahre später ist außer den Problemen mit dem Bein davon nichts mehr zu spüren.

Soweit kann sie ganz normal spielen, aber wenn sie müde wird, ist das Gehen für April kaum noch möglich. Mit dem Fahrradfahren klappt es da deutlich besser. Für April, die mit fünf Jahren langsam ihren eigenen Kopf durchsetzen will, ist das Fahrrad also irgendwie auch ein wichtiges Stückchen Eigenständigkeit. Wenn sie mit dem Rad unterwegs ist, muss sie nicht nach ihren Eltern oder ihren Geschwistern rufen, damit die sie hochheben und nach Hause tragen können. Sie kann ganz allein fahren, auch wenn es ein bisschen dauert.

Und Aprils Familie ist jeden Tag einfach nur dankbar dafür, dass es dem Mädchen gut geht. Nach ihrer Geburt war nicht einmal klar, ob April überhaupt überleben würde. Sowohl für ihre Eltern Paul und Coral als auch für ihre ältere Schwester und ihren Bruder war das eine schwierige Zeit. Aber mit den Jahren rückt all das beinahe in den Hintergrund. April ist mittlerweile ein sehr fröhliches, aufgewecktes Kind, das einen riesigen Spaß am Leben hat. Als April und ihre Freundin um 19 Uhr abends mit dem Fahrrad losziehen, ist sie gut gelaunt wie eh und je. Doch nur eine Viertelstunde später wird sie für immer verschwinden.

Um 19:29 Uhr geht ein Anruf bei der Polizei von Machynlleth ein. Eine aufgelöste Coral Jones berichtet, ihre fünf Jahre alte Tochter April sei gerade entführt worden. Coral kann selbst kaum sprechen, ihre Freundin Val steht ihr während des Telefonats zur Seite.

Coral: Meine Tochter wurde entführt! Val, kannst du mit ihnen sprechen, bitte? Val: Sie ist zu jemandem ins Auto gestiegen. Jemand hat sie mit dem Auto eingesammelt oder so. Notruf: Okay, wie lautet der Name des Kindes, das vermisst wird? Val: April Jones. Notruf: Wie alt ist sie? Val: Fünf.

Keine zehn Minuten später ist eine erste Polizeistreife am Ort des Geschehens. Vor Ort spricht die Streife erst einmal mit der Freundin, mit der April draußen gespielt hat. Sie erzählt, April sei gegen 19:15 Uhr auf einmal in ein Auto gestiegen, zu einem Mann. Dabei habe April ganz fröhlich ausgesehen. Das Auto sei ein grauer Van gewesen, der dann sofort weggefahren sei. Nur etwa fünf Minuten später kam Aprils älterer Bruder raus. Er sollte April reinholen, weil es langsam spät wurde. Aber da ist April schon weg.

Und ihre ebenfalls erst sieben Jahre alte Freundin kann nur das berichten, was sie gerade gesehen hat. Das Kind dürfte bei all dem Trubel selbst total unter Schock gestanden haben. Und trotzdem muss die Polizei sich jetzt ganz auf sie verlassen. Bei einer Entführung, vor allem der eines Kindes, zählt jede Minute.

Die Polizei schließt nicht aus, dass April den Autofahrer kannte. Denn Aprils Freundin sagt ja, sie habe fröhlich ausgesehen, als sie in den Wagen geklettert ist. Die Polizei hofft also, dass vielleicht alles ein falscher Alarm ist. Dass irgendein Freund der Familie oder ein Nachbar April aus irgendwelchen Gründen eingesammelt hat. Aber da ist eben auch die andere, deutlich weniger schöne Möglichkeit: dass jemand die Arglosigkeit des Kindes ausgenutzt hat und sehr schlimme Absichten hat.

Wettlauf gegen die Zeit

Aprils Familie und Nachbarn kümmern sich erstmal um das Wohngebiet. Innerhalb kürzester Zeit kommen hunderte Freiwillige zusammen, die die Gegend nach dem Mädchen absuchen. Wiesen, Gärten, kleine Bachläufe – die Suchtrupps drehen buchstäblich jeden Stein um. Durch den ganzen Ort hallen Rufe nach April.

Die Polizei kann sich unterdessen um noch umfangreichere Maßnahmen kümmern. Immerhin weiß man durch die Zeugin, dass April in einen grauen Van gestiegen ist. Aber davon gibt es halt auch viele, selbst in einem kleineren Ort wie Machynlleth. An einem Detail aus der Aussage der Zeugin bleiben die Ermittler die ganze Nacht über immer wieder hängen. Aprils Freundin hat gesagt, April sei auf der Fahrerseite eingestiegen. Aber das ergibt natürlich gar keinen Sinn.

Sowieso ist April ja erst fünf Jahre alt, klar, dass sie da nicht selbst fahren kann. Aber auch sonst: Wie soll das geklappt haben? Hat der Entführer April auf seinen Schoß gesetzt und ist so mit ihr weggefahren? Und wenn ja, hätte die Zeugin das dann nicht auch einfach genau so gesagt?

Aber nach einiger Zeit geht der Polizei ein Licht auf. April ist auf der Fahrerseite eingestiegen, hat die Freundin gesagt. Und welche Seite ist die Fahrerseite? In Großbritannien ist das rechts. Aber in anderen europäischen Ländern ist es eben nicht rechts, sondern links. Was Aprils Freundin eigentlich sagen wollte: April ist auf der rechten Seite eingestiegen. Und damit aller Wahrscheinlichkeit nach in ein Auto, das seinen Fahrersitz links hat. Und das ist in Großbritannien eine absolute Seltenheit, vor allem in einer Kleinstadt mitten in Wales. Die Polizei kann die Suche dank dieser Aussage also noch weiter eingrenzen. Man sucht nicht mehr nur einen grauen Van, sondern ganz spezifisch einen der seltenen Linkslenker.

Noch in den frühen Morgenstunden wertet die Polizei Material von Überwachungskameras aus der Stadt aus. Dabei stößt man auf einen PKW, der genau zu den Angaben der Zeugin passt: ein Van, graue Farbe, Linkslenker. Er gehört zu einem Mann namens Mark Bridger, der ganz in der Nähe lebt. Und noch dazu wurde es kurz nach Aprils Verschwinden an einer nahegelegenen Tankstelle gesehen. Die Polizei entscheidet sich dazu, Mark umgehend einen Besuch abzustatten.

Aber als die Polizei am Mittag des zweiten Oktober anrückt, ist das Haus von Mark Bridger leer. Kurzerhand verschaffen sich die Ermittler Zutritt. Im Inneren des Hauses riecht es stark chemisch, irgendwie nach Reinigungsmitteln. Zudem ist es sehr warm. Obwohl niemand da ist, brennt im Kamin ein Feuer. Darüber hängt ein Gewehr. Dazu liegen zwei Paar Handschellen und zahlreiche Messer herum. Das ist zwar alles per se nicht verboten, die Polizisten beschleicht trotzdem ein ungutes Gefühl. Konkrete Spuren eines Verbrechens lassen sich zunächst aber nicht erkennen.

Später stellt sich heraus, dass Mark Freunden erzählt hat, dass er vom Special Air Service ausgebildet wurde. Mit der britischen Armee sei er in Myanmar stationiert gewesen, später in Afghanistan und Kuba. Das würde auch gut zu den Waffen in seinem Haus passen. Aber dieser Lebenslauf ist komplett erfunden.

Gegen 15:30 Uhr am 2. Oktober wird Mark Bridger zufällig von einer Polizeistreife gesehen. Er läuft seelenruhig eine Schnellstraße entlang. April ist zu diesem Zeitpunkt schon seit 20 Stunden verschwunden. Die Ermittler schlagen zu und nehmen Mark vorläufig fest.

Bis dato war er eher ein unauffälliger Typ. Mark Bridger ist 46 Jahre alt und sechsfacher Vater. Ursprünglich kommt er aus London, ist aber in seinen Zwanzigern nach Wales gezogen. Zunächst hat er in einem Schlachthaus gearbeitet, später hat er verschiedene Handwerks-Jobs gemacht und als Taxifahrer gearbeitet. Von seiner Frau ist Mark geschieden, er hat aber eine neue Freundin, die ebenfalls Mutter ist. Und die Kinder dieser Freundin von Mark gehen auf dieselbe Schule wie April.

Mark holt die Kinder des Öfteren von der Schule ab. Er kennt April also eventuell vom Sehen, und April ihn. Das passt dazu, dass April ganz entspannt gewesen und freiwillig in das Auto gestiegen sein soll. Wenn sie einen Erwachsenen kennt, aus einer sicheren Umgebung wie der Schule, und ihn auch noch als Vaterfigur anderer Kinder identifiziert – dann ist es nicht abwegig, dass sie ihm vertraut hat.

Da April am Vorabend verschwunden ist, hofft die Polizei noch, sie lebend finden zu können. Mark wird ganz direkt und ohne Umschweife gefragt, wo April sei. Er sagt immer wieder, er wisse nichts dazu. Aber nach einer Weile beginnt er doch, zu berichten. Allerdings trauen die Ermittler seiner Aussage nicht.

Mark: Gestern hatte ich einen Termin mit der Lehrkraft meiner Tochter. Es war Elternabend. Ich habe gegenüber des Hauses meiner Freundin geparkt, ich glaube, es ist nicht weit weg vom Haus von Aprils Eltern. Ich hatte ein bisschen was getrunken… Und da waren zwei Mädchen auf ihren Fahrrädern unterwegs. Die Dunkelhaarige war hinter dem Auto. Ich habe geschaut, wo das andere Mädchen war, aber konnte das andere kleine Mädchen nicht sehen. Und dann war das Fahrrad auf einmal da…

Mark: Ich habe das Auto gestartet, als ich ausparken wollte. Das Auto… da war kein Aufprall. Ich verstehe nicht…- Das Auto heult auf, und als ich aufmache und nach vorn gehe… Unter der Frontseite des Autos… Ist jetzt… April… Sie war so klein.

Mark behauptet, er habe April versehentlich beim Ausparken überfahren. Er schildert weiterhin, er habe April danach hochgehoben und sie auf den Beifahrersitz gesetzt. Sie habe keinen Puls gehabt, und auch eine Mund-zu-Mund-Beatmung habe nicht geholfen. Darum sei er losgefahren, um April zu einem Arzt zu bringen. Mark behauptet, für die Zeit danach Erinnerungslücken zu haben.

Er erinnert sich, an verschiedenen Orten gewesen zu sein. In der Nähe des Bahnhofs von Machynlleth, am Monument im Ortskern, in seinem Haus. Irgendwann sei April einfach nicht mehr in seinem Auto gewesen. Er beteuert, er hätte Aprils Leichnam nie irgendwo entsorgt. Irgendwie muss er sie unbewusst an einen sicheren Ort gebracht haben. Spätestens das ist der Zeitpunkt, an dem sich die Ermittelnden sicher sind, dass Mark lügt. Mit der Geschichte über den angeblichen tödlichen Unfall will er wahrscheinlich einfach nur Schlimmeres vertuschen.

So oder so bleibt Mark Bridger in Untersuchungshaft. Dass er April etwas angetan hat, steht ja außer Frage. Unklar ist aber weiterhin, wo April ist und ob sie noch lebt. Die Polizei traut Mark so wenig, dass sie es für möglich hält, dass April zu diesem Zeitpunkt noch irgendwo versteckt wird und am Leben ist. Und auch wenn das nicht der Fall sein sollte. April soll und muss nach Hause zu ihrer Familie kommen, egal ob lebendig oder tot.

Also wird die ohnehin riesige Suche noch einmal ausgeweitet. Hunderte Polizisten und Freiwillige aus der Region kommen zusammen, um alles nach dem Mädchen zu durchkämmen. Es ist eine der größten Suchaktionen in der Geschichte des Vereinigten Königreichs.

Zeitgleich kümmert sich die Polizei um weitere Ansätze. Mark Bridger wird weiterhin befragt, Zeuginnen und Zeugen werden gesucht und ihre Aussagen ausgewertet.

Eine Zeugin sagt aus, sie habe Mark am Morgen des 2. Oktober in der Nähe eines Flusses gesehen, der in der Nähe seines Wohnhauses verläuft. Der Zeugin sei aufgefallen, dass Mark einen großen schwarzen Müllsack bei sich gehabt habe. Die Polizei schlussfolgert, in dem Sack könnte sich Aprils Leiche befunden haben. Aber als man den Fluss und das Ufer absucht, findet man nichts.

Also untersucht man noch einmal das Haus von Mark Bridger. Dabei findet man nun im Badezimmer winzige Blutstropfen an der Wand. Es sind nur ein paar Spritzer, aber für die Ermittelnden könnten sie von größter Bedeutung sein.

Während diese Blutspuren im Labor ausgewertet werden, kehrt man noch mal an den Ort von Aprils Verschwinden zurück. Mark hat ja behauptet, er habe April überfahren. Dementsprechend müssten vor Ort ja eigentlich Blutspuren sichtbar sein. Forensiker suchen die Straße auch akribisch ab – finden jedoch nichts. Es gibt nicht die kleinste Spur eines Unfalls. Keine Reifenspuren, kein Blut, keine Fasern von Aprils Kleidung, keine Spuren vom Lack ihres rosafarbenen Fahrrads. Abgesehen von Mark Bridgers Aussage gibt es damit offiziell nichts, was irgendwie auf einen Autounfall hindeutet.

Noch viel belastender sind die Ergebnisse der forensischen Untersuchungen der Blutspuren. Das Blut, das an der Badezimmerwand von Marks Haus gefunden wurde, stammt wirklich von April. Auch am Kragen eines Oberteils von Mark findet man Aprils Blut. Die Spuren sind klein, aber sie sind da. Mark behauptet, er habe wohl Aprils Blut an den Händen gehabt. Als er sich zuhause die Hände gewaschen habe, müsste wohl etwas Blut gegen die Wand gespritzt sein. Allerdings befinden sich im Auto keinerlei Blutspuren, das ergibt also keinen Sinn.

Weiterhin findet man Aprils DNA an der Innenseite von Marks Jogginghose. Noch dazu befindet sich auf seinem Laptop pornografisches Material mit Minderjährigen. Als ihm die Aufnahmen vorgelegt werden, streitet Mark ab, irgendetwas dabei zu empfinden. Wieder ist sich die Polizei ganz sicher, dass er lügt. Auf dem Rechner befinden sich mehr als 500 kinderpornografische Fotos. Aber das ist noch nicht alles. Auf seinem Laptop sind noch weitere Fotos von Kindern gespeichert. Zum Beispiel von Holly Wells und Jessica Chapman, zwei Mädchen, die Jahre zuvor in Großbritannien ermordet wurden. Und auch Fotos von Mädchen aus Marks Umgebung.

Darunter sind auch welche von Aprils 16 Jahre alter Schwester Jazmin. Mark hat ihr auf Facebook sogar mal eine Freundschaftsanfrage geschickt. Er hat ihr damals mehrere Nachrichten geschickt, die beiden würden sich doch kennen, er sei mit Jazmins Eltern befreundet. Jazmin hat damals auch bei ihren Eltern nachgefragt. Ihr Vater Paul kannte Mark wirklich, aber richtig befreundet waren die Männer nicht.

Vor etwa zwanzig Jahren seien die beiden ab und an mal zusammen mit dem Auto unterwegs gewesen. Zuletzt habe man sich nur ab und an mal in der Stadt gegrüßt, Paul hat Mark mal ein Buch ausgeliehen. Das war es aber auch schon. Damals kam es den Jones’ schon komisch vor, dass Mark Jazmin eine Freundschaftsanfrage geschickt hat. Vor allem, weil Mark mit Anfang 30 mal mit einem erst 15 Jahre alten Mädchen zusammen war. Aber Jazmin hat die Anfrage einfach abgelehnt und die Jones’ haben die Sache abgehakt. Dass Mark ein Jahr später die jüngste Tochter der Familie mutmaßlich ermorden würde, damit konnte niemand rechnen.

Erst neun Tage vor Aprils Verschwinden soll Mark mehr als zwanzig Fotos von Jazmin gespeichert haben. Er hat die Fotos von ihrem Facebook-Profil kopiert. Auf einigen davon war neben Jazmin auch April zu sehen.

All das ist mehr als genug. Mark Bridger wird offiziell wegen des Mordes an April Jones angeklagt. Obwohl man die Leiche des Mädchens nicht finden konnte, ist die Beweislast überwältigend.

Prozess gegen Bridger

Nur ein paar Wochen nach Aprils Verschwinden wird Mark Bridger der Prozess gemacht. Ihm werden Entführung, Mord sowie die Beseitigung eines Leichnams vorgeworfen. Er plädiert auf nicht schuldig. Mark Bridger hat einige Vorstrafen wegen Diebstahls, Körperverletzung und Waffenbesitzes. Aber keine seiner bisherigen Verurteilungen hatte mit Straftaten gegen Kinder zu tun. Dennoch ist sich die Polizei sicher, dass Mark am 1. Oktober ganz bewusst mit dem Vorsatz unterwegs war, ein Kind zu entführen.

Die Polizei glaubt, dass Mark April mit einem falschen Versprechen in sein Auto gelockt hat. Wahrscheinlich habe er ihr gesagt, sie dürfe bei seiner Tochter übernachten. Dann habe er April mit sexuellen Motiven zu sich nach Hause gebracht und sie dort schließlich ermordet und ihren Leichnam verschwinden lassen.

Mark hingegen bleibt bei seiner Behauptung, er habe April versehentlich mit seinem Auto überfahren. Daran, was er mit ihrer Leiche gemacht habe, könne er sich nach wie vor nicht erinnern. Aber wie ihr im vorigen Kapitel schon gehört habt: Die Beweise gegen Mark Bridger sind unbestreitbar.

Vor Gericht kommt zudem raus, dass Blutspuren von April neben dem Badezimmer auch in anderen Räumen des Hauses gefunden wurden. Und noch etwas: Im Kamin von Mark wurden Knochenreste entdeckt. Sie sind so weit verbrannt, dass man sie nicht mehr identifizieren kann. Nur, dass es sich um Schädelknochenteile eines jüngeren Menschen gehandelt hat. Für die Polizei besteht kein Zweifel daran, dass es die Überreste von April waren. Dazu passt ja auch, dass der Kamin an war, als die Polizei am 2. Oktober erstmals in Marks Haus war. Noch dazu hat es damals stark nach Reinigungsmitteln gerochen. Er hat wahrscheinlich versucht, die Blutspuren im Haus weitestgehend zu beseitigen.

Mark wird schuldig gesprochen und zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, ohne Aussicht auf Bewährung. Er wird also definitiv den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen.

Monate nach dem Prozess wird bekannt, dass Mark Bridger gegenüber einem Gefängniswärter ausgepackt haben soll. So soll er gestanden haben, Aprils Leichnam im Afon Dulas versenkt zu haben. Das ist ein Fluss, der direkt an Marks Haus vorbeifließt und einige Meilen weiter in einen größeren Fluss mündet. Das würde auch zu der Aussage der Zeugin passen, die Mark in der Nähe des Flusses mit einem Müllsack gesehen haben will. Die Polizei glaubt aber, dass Mark auch hier lügt.

Sie hält eher für wahrscheinlich, dass Mark April verbrannt und die Überreste dann in der Landschaft rund um sein Grundstück verstreut hat. So hat er es unmöglich gemacht, das Mädchen jemals zu finden.

Eine große Beisetzung gibt es für April im September 2013 trotzdem. In dem Kindersarg liegen die insgesamt siebzehn Knochenfragmente, die aus Marks Kamin geborgen wurden. Mehrere hundert Leute kommen zur Trauerfeier, um Abschied von April zu nehmen. Bei der Beerdigung ist kaum in Schwarz dekoriert. Stattdessen steht alles im Zeichen von Aprils Lieblingsfarbe, Rosa.

Outro

Leider ist inzwischen auch Aprils Vater Paul Jones verstorben. Bei ihm wurde sechs Jahre nach Aprils Verschwinden eine Gehirnerkrankung diagnostiziert. Dadurch hat er 2018 zahlreiche Erinnerungen verloren. Er wusste zum Beispiel noch, dass er und seine Frau Coral drei Kinder haben. Er konnte sich aber nicht mehr daran erinnern, was mit April passiert ist. Immer wieder hat er sich wohl Fotos von der Familie angeschaut und seine Frau gefragt, wo April sein würde. Sie musste ihm dann noch einmal neu erklären, was der gemeinsamen Tochter angetan wurde.

Anfang 2025 ist er dann im Alter von nur 55 Jahren verstorben. Wo die Überreste seiner Tochter sind, hat er nie erfahren. Schon ein paar Jahre vor seiner Diagnose waren Paul und Aprils Mutter Coral bei einem anderen, sehr wichtigen Tag dabei: Das Haus von Mark Bridger wurde abgerissen . Der Ort, an dem April wahrscheinlich getötet wurde, ist damit Geschichte. Die Jones’ haben zugesehen, während die Mauern heruntergerissen wurden.

Obwohl Aprils Leichnam nie gefunden werden konnte, sagt Coral einmal in einem Interview, dass die Familie abgeschlossen habe. Das Wichtigste sei, dass Mark Bridger verurteilt wurde. Und was bleibt, sind die schönen Erinnerungen an April.

Ich hoffe, dass euch dieses Video gefallen hat. Wenn dem so sein sollte, würde ich mich sehr über ein Like und einen Kommentar freuen. Vielen Dank für eure Unterstützung und bis zum nächsten Mal, ciao.

Quellen

  1. April Jones: An unimaginable tragedy told by those at its heart WalesOnline
  2. April Jones murder case - timeline The Guardian, 2013
  3. (Tonspur ab 13:59 bis 14:18) YouTube, 2022
  4. Coping With the Murder of My Sister April Jones YouTube, 2017
  5. April Jones: Mark Bridger Jailed For Entire Life YouTube, 2013
  6. Mark Bridger: 'fantasist killer' jailed for life YouTube, 2013
  7. Funeral service held for April Jones BBC (Internet Archive)
  8. April Jones: A 'happy-go-lucky' little girl who never let her cerebral palsy slow her down WalesOnline, 2013
  9. Mark Bridger approached April Jones's sister on Facebook, court hears The Guardian, 2013
  10. Bridger had 'pictures of April on laptop' Metro, 2013
  11. Father of murdered April Jones dies suddenly of brain disease BBC, 2025
  12. April Jones murder: Mark Bridger told prison chaplain he dumped body in river WalesOnline, 2013
Fallakte
Orte
Machynlleth, Bryn-y-Gog, Afon Dulas
Region
Wales
Land
Großbritannien
Jahr
2012
Status
Teilweise geklärt
Fallart
Tötungsdelikt, Kinder & Jugendliche, Entführung, Vermisstenfall
Personen
April Jones, Mark Bridger, Coral Jones, Paul Jones
Lagekarte
Kartendaten: Natural Earth