Intro
In der Nacht vom 17. September 2016 brechen Nathan Carman und seine Mutter Linda zu einem Angelausflug auf. Schon seit Jahren verbinden die regelmäßigen Trips auf Nathans eigenem Boot die beiden. Die gemeinsamen Angelabenteuer nutzen Mutter und Sohn, um sich ganz in Ruhe unterhalten zu können. So ist es auch dieses Mal. Das Wetter ist gut und das Meer glitzert ruhig unter der aufgehenden Sonne. Doch der friedliche Anblick trügt. Von ihrem Angelausflug wird nur einer der beiden lebend zurückkommen. Und es stellt sich schnell die Frage: Hat es ein tragisches Schiffsunglück gegeben? Oder war es ein kaltblütiger Mord?
Die Jugend von Nathan Carman
Am 21. Januar 1994 erblickt Nathan Carman das Licht der Welt. Als einziges Kind von Clark und Linda Carman wächst er in Middletown, einer Stadt in Connecticut, auf. Linda arbeitet zeitweise als Krankenschwester und später als Kindermädchen. Clark ist Techniker bei der US Air Force und verdient dort genug, um seine Familie zu versorgen. Er und Linda trennen sich aber bald darauf und Linda muss Nathan von da an allein großziehen, da Clark kein Interesse mehr an seinem Sohn zeigt.
In ihrer Zeit als Krankenschwester kommt Linda auch mit Menschen mit Autismus in Berührung, was es ihr ermöglicht, frühzeitig die ersten Anzeichen dieser Entwicklungsstörung bei ihrem Sohn zu erkennen. Mit fünf Jahren erhält Nathan die Diagnose Asperger-Autismus. Als ruhiges und zurückhaltendes Kind fällt es ihm schwer, Freundschaften mit Gleichaltrigen zu knüpfen. Seine geringe Sozialkompetenz sorgt schnell für Belustigung bei seinen Mitschülern und Nathan ist in den nächsten Jahren immer wieder starkem Mobbing ausgesetzt.
Sein Zuhause wird für Nathan zum sicheren Hafen. Er fühlt sich besonders bei Erwachsenen wohl und entwickelt ein sehr enges Verhältnis zu seinen Großeltern. Sein Opa John Chakalos ist für ihn wie ein Vater. Nathan verbringt jede freie Minute mit ihm und betrachtet ihn als sein großes Vorbild. John ist auch der Grund, warum sich Linda und Nathan niemals Sorgen um Geld machen müssen. Lindas Vater gehören zahlreiche Immobilien und er hat sich durch seine Arbeit in der Immobilienbranche ein Vermögen von ungefähr 44 Millionen US-Dollar aufgebaut. Dabei ist er immer großzügig geblieben und unterstützt gerne diejenigen, die weniger Glück haben als er selbst. Seine regelmäßigen Spenden haben ihm ein hohes Ansehen in der Stadt verschafft.
Besonders bekannt ist John für seine große Liebe zu Weihnachten. Jedes Jahr zieht sein aufwendig geschmücktes Anwesen zahlreiche Leute an, die die bunten Lichter und Figuren bewundern wollen. Aber eine Sache liebt John noch viel mehr als Weihnachten: seinen Enkel Nathan. Er ist für ihn sein Ein und Alles. John richtet ihm ein Konto mit 400.000 Dollar darauf ein, was ein Geheimnis zwischen John und Nathan bleibt. Da Nathan Tiere über alles liebt, schenkt ihm John in seiner frühen Kindheit ein Pferd. Nathan nennt es Cruise, und das Tier wird in den kommenden Jahren zu seinem treuesten Begleiter. Wenn ihm das Mobbing in der Schule zu viel wird, findet er bei Cruise einen Ruhepol, der ihm Kraft schenkt.
Als Nathan älter wird, schenkt John ihm einen Truck und ein Boot. Während das Verhältnis zwischen Großvater und Enkel stets gut bleibt, verschlechtern sich seine sonstigen sozialen Beziehungen. Nathan und Linda geraten immer öfter aneinander. Ihr Verhältnis wird zunehmend schlechter und auch in der Schule leidet der Teenager immer mehr unter den Anfeindungen seiner Mitschüler. In der High School nimmt das Mobbing gegen Nathan weiter zu. Besonders amüsieren sich einige seiner Klassenkameraden darüber, dass er so leicht ausrastet. Andererseits kritisieren ihn manche zu Recht und wollen aufgrund seines Verhaltens und seiner politischen Ansichten nichts mit ihm zu tun haben. Das liegt vor allem daran, dass Nathan bei Auseinandersetzungen oft gewalttätig wird. Einmal hat er sogar ein anderes Kind mit einem Messer bedroht.
Nathans konservative Denkweise macht die Situation nicht besser. Er befürwortet vehement, dass die amerikanische Bevölkerung im Besitz von automatischen Waffen sein sollte, einschließlich Raketenwerfern und Granaten. Diese Einstellung stößt nicht nur bei seinen Mitschülern, sondern auch in seiner Familie auf Widerstand, was zu zahlreichen hitzigen Diskussionen führt, bei denen Nathan schnell aggressiv wird. Die Situation spitzt sich zu, als Nathan 17 Jahre alt ist und sein geliebtes Pferd Cruise stirbt. Der Verlust des Tiers, das ihm in den letzten Jahren oft Halt gegeben hat, trifft Nathan schwer. Er wird zunehmend aggressiver und entwickelt schließlich paranoide Phasen, dissoziative Aussetzer und psychotische Schübe, die oft religiös geprägt sind. In einer solchen Phase beschuldigt er den Vize-Rektor seiner Schule, der Teufel zu sein, und an Halloween verteilt er Fischinnereien an Kinder.
Linda setzt alles daran, das Verhalten ihres Sohnes unter Kontrolle zu bringen. Doch Nathan reagiert mit noch mehr Aggression und Ablehnung. Schließlich weigert er sich gänzlich mit seiner Mutter zu reden und kommuniziert von da an nur noch über Notizzettel mit ihr. Teilweise wird er so aggressiv, dass Linda Angst vor ihm bekommt. Ihr damaliger Freund sagt einmal zu ihr: „Irgendwann schlitzt er dir die Kehle auf, während du schläfst.“
Linda leidet unter Nathans Verhalten so sehr, dass sie an Depressionen erkrankt und versucht sich mit Glücksspiel abzulenken, was schnell zu einer Sucht wird. Das ohnehin angespannte Verhältnis zu ihrem Vater John wird dadurch immer schlechter. Linda verspielt nicht nur das Geld, das sie von ihrem Vater erhalten hat, sondern greift auch auf Gespartes zurück, das eigentlich für Nathan vorgesehen war. Als sie Geld aus einem Treuhandfonds für Nathan verwendet, eskaliert ein Streit zwischen Linda und John, bei dem sie ihm gegenüber handgreiflich wird. Von diesem Moment an lässt sich ihr Verhältnis nicht mehr kitten.
Trotz all dieser Herausforderungen bleibt Lindas größte Sorge Nathan. Da sich sein Verhalten nicht verbessert, sieht sie keine andere Möglichkeit, als ihn in eine Psychiatrie einweisen zu lassen. Dies führt dazu, dass Nathan einen starken Hass auf seine Mutter entwickelt. Während seines Aufenthalts verweigert er konsequent den Kontakt zu ihr und erlaubt nur Besuche seiner Großeltern. Als er nach einiger Zeit entlassen wird, kommt es zu einer Überraschung: Der abschließende Bericht stellt fest, dass Nathan weder schizophren noch psychotisch ist. Das könnte bedeuten, dass es während seines Aufenthalts keine Aussetzer gegeben hat, aber es besteht auch die Möglichkeit, dass er die psychotischen Episoden nur vorgespielt hat. Nathan verhält sich zuhause nach seiner Entlassung jedenfalls unverändert. Er bleibt weiterhin aggressiv; besonders seiner Mutter gegenüber. Nachdem Linda den Sozialdienst einschaltet, verschwindet Nathan spurlos und hinterlässt einen Brief, in dem er allen außer John die Schuld an seiner Situation gibt.
Es dauert vier Tage, bis man Nathan 960 Kilometer von seinem Zuhause entfernt in einem Supermarkt in einer kleinen Stadt in Virginia findet. Bei sich trägt er ein Foto von sich mit seinem Pferd und eine Haarsträhne von Cruises Mähne. In ihrer Verzweiflung unternimmt Linda einen letzten Versuch, indem sie Nathan im Jahr 2012 in ein Camp für Verhaltenstherapie von schwer erziehbaren Jugendlichen schickt. Zu diesem Zeitpunkt ist er 18 Jahre alt. Obwohl das Camp für Nathan schwierig und laut seiner eigenen Aussage nach auch traumatisch ist, scheint es ihm nach seiner Rückkehr nach Hause besser zu gehen. Er wirkt ruhiger und ausgeglichener. Die letzten Monate hat er in einem Wohnwagen vor Lindas Haus verbracht, da er eigentlich ausziehen wollte, aber seine Mutter es ihm nicht erlaubt hat. Nun, da es ihm besser geht, zieht er vorübergehend mit seinem Cousin in eine WG und plant bald darauf, in ein Haus seines Großvaters in New Hampshire zu ziehen. Mit dessen Hilfe beginnt er auch in der Immobilienbranche zu arbeiten.
Es scheint, als würde endlich Ruhe in Nathans Leben einkehren. Doch die Freude darüber ist nur von kurzer Dauer, denn nur ein Jahr später wird sein geliebter Großvater ermordet.
Der Mord an John Chakalos
Ende 2013 erleben Nathan und Linda gleich zwei schwere Schicksalsschläge. Im November verstirbt Johns Frau Rita an Lungenkrebs. In den darauffolgenden Wochen ist John untröstlich. Am 19. Dezember geht er abends noch mit Nathan essen. Am nächsten Morgen gegen 08.30 Uhr findet Johns Tochter Elaine den 87-Jährigen erschossen in seinem Bett vor. Drei Schüsse in Kopf und Rücken haben ihn getötet, nur fünf Tage vor Weihnachten, seinem liebsten Fest. Die Ermittler stehen vor einer Herausforderung, denn es gibt nur wenige Hinweise auf den Täter. Es wurden keine Spuren hinterlassen, und sogar die Patronenhülsen wurden nach der Tat eingesammelt. Es wird schnell vermutet, dass John von jemandem aus seinem Umfeld ermordet wurde, da es im Haus keine Einbruchsspuren gibt und nichts gestohlen wurde. Der Verdacht richtet sich zunächst auf Linda, besonders aufgrund ihres schwierigen Verhältnisses zu ihrem Vater, das sich durch ihre Glücksspielsucht noch verschärft hat. Da sie ihm gegenüber bereits einmal handgreiflich geworden ist und durch das Erbe stark profitieren würde, trauen die Ermittler ihr den Mord zu.
Linda beschreibt ihren Vater als manipulativ. Sie gibt an, immer die Befürchtung gehabt zu haben, dass er Nathan manipulieren wollte, um ihn auf seine Seite zu ziehen. Den Mord an ihm bestreitet sie aber vehement und besteht auch einen Lügendetektortest. Als Nächstes gerät Nathan in den Fokus der Ermittler. Zunächst haben sie keine Idee, warum Nathan seinen Großvater getötet haben sollte, da er zu Lebzeiten immer zu ihm aufgeblickt hat und von ihm stets unterstützt wurde. Doch je mehr sich die Ermittler mit Nathan und seiner Beziehung zu seinem Großvater befassen, desto realistischer erscheint ihnen diese Theorie.
John hatte Nathan gedroht, ihm kein Geld mehr zu geben, wenn er sein College nicht abschließen würde. In letzter Zeit ist Nathan bei mehreren Kursen durchgefallen, was John enttäuscht haben könnte. Nathan ist auch der Letzte gewesen, der John lebend gesehen hat. Die beiden waren zusammen essen, und niemand weiß, wo Nathan anschließend hingegangen ist. Er selbst verweigert jede Aussage dazu. Ursprünglich hatte er geplant, sich um 2 Uhr morgens mit seiner Mutter zu treffen, um mit ihr angeln zu gehen. Allerdings ist er nicht erschienen und hat sich erst um 4 Uhr morgens bei Linda gemeldet. Ein Nachbar gibt zudem an, genau um 2 Uhr morgens in dieser Nacht einen Schuss aus John Chakalos' Haus gehört zu haben.
Am Tag des Todes seines Großvaters hat Nathan auch den GPS-Chip aus seinem Auto entfernt, so dass nicht mehr nachvollziehbar ist, wo er am Tatabend gewesen ist. Auch hierzu verweigert er jede Aussage und lehnt einen Lügendetektortest ab. Im Laufe der Ermittlungen geraten insgesamt elf Personen unter Verdacht. Nathan ist der Einzige, der sich einem Lügendetektortest verweigert. Es gibt weitere Hinweise, die auf Nathan als möglichen Täter hindeuten. Nach dem Mord entfernt er beispielsweise die Festplatte aus seinem Laptop. Einige Wochen vor der Tat hat er per E-Mail den Anwalt der Treuhandgesellschaft seines Großvaters kontaktiert, um einige Fragen zu stellen und sein finanzielles Interesse zu bekunden.
Einen Monat vor der Tat erwirbt Nathan ein Gewehr, das das gleiche Kaliber aufweist, mit dem auch John erschossen wurde. Nach der Tat kann die Waffe plötzlich nicht mehr gefunden werden. Nathan behauptet, sie verloren zu haben, und gibt an, nicht zu wissen, wo sie ist. Trotz umfangreicher Suchen bleibt die Waffe verschwunden. Bei einer Durchsuchung von Nathans Wohnung stoßen die Ermittler auf seltsame handschriftliche Notizen über improvisierte Sprengsätze und Informationen über Gewehre.
Der Mord an John bleibt ungelöst. Nathan ist zwar weiterhin verdächtig, aber ihm kann die Tat nicht nachgewiesen werden, da es keine Beweise gibt und die Tatwaffe nicht gefunden werden kann. Durch den Tod seines Großvaters erbt Nathan 550.000 Dollar. Die Verkettung seltsamer Ereignisse bricht daraufhin aber noch nicht ab. Nicht einmal drei Jahre später kommt es zu einem weiteren mysteriösen Todesfall in Nathans direktem Umfeld.
Der Tod von Linda Carman
Im Spätsommer 2016 ist Nathan Carman 22 Jahre alt, arbeitslos und knapp bei Kasse. Das Erbe seines Großvaters hat er vollständig ausgegeben. Mit dem Geld ist er von Connecticut nach Vermont umgezogen und hat sich dort ein dreistöckiges Bauernhaus gekauft. Von dem restlichen Geld hat er die „Chicken Pox“ erworben, ein etwa 10 Meter langes Boot, das in Point Judith, einem kleinen Dorf an der Küste von Narragansett in Rhode Island, anliegt.
Das Verhältnis zwischen Linda und Nathan hat sich in den letzten Jahren verbessert. Die beiden unternehmen oft etwas zusammen und reisen gerne. Ihr größtes gemeinsames Hobby ist es aber, mit der Chicken Pox aufs Meer hinauszufahren und zu angeln. Linda isst keinen Fisch, aber sie liebt dennoch die gemeinsamen frühmorgendlichen Angelausflüge mit ihrem Sohn. Dadurch haben sich die beiden wieder angenähert, und mittlerweile ist es zu einem festen Ritual geworden, das sie regelmäßig betreiben.
Am 17. September 2016 brechen die beiden gegen Mitternacht erneut zu einem Angelausflug auf. Bisher sind sie dafür immer die etwa 32 Kilometer zu der Insel Block Island gefahren, aber an diesem Tag möchte Nathan gerne zum Block Canyon, einem Gebiet weiter draußen. Daher müssen die beiden auch in der Nacht losfahren, um in den frühen Morgenstunden anzukommen. Nathan zufolge soll die Gegend perfekt sein, um Thunfisch zu angeln, und das möchte er gerne ausprobieren.
Einige von Lindas Freunden und Familienmitgliedern wissen, dass die beiden in dieser Nacht unterwegs sind. Linda schreibt sogar vor der Abfahrt ihrer Freundin Sharon: „Solltest du nichts von mir hören, rufe mich um 12 Uhr an.“ Als Linda sich tatsächlich bis 12 Uhr nicht meldet, versucht Sharon vergebens, sie zu erreichen. Auch Lindas Familie versucht, Nathan oder Linda zu kontaktieren, aber keiner der beiden geht ans Telefon. Als die beiden weiterhin vermisst bleiben, alarmiert ihre Familie schließlich die Küstenwache. Diese versucht, die Chicken Pox in dem Gebiet zu finden, wo sie zuletzt in einer Funkzelle eingeloggt gewesen ist. Das gelingt ihnen aber nicht, und auch alle Suchen in den umliegenden Gebieten bleiben erfolglos.
Nach sechs vergeblichen Tagen stellt die Küstenwache ihre Suche ein. Lindas Schwestern, Elaine, Charlene und Valerie, verdächtigen von Anfang an ihren Neffen, Linda ermordet zu haben. Sie glauben, dass Nathan Geldprobleme hatte und daher seine Mutter getötet hat, um die 7 Millionen Dollar zu erhalten, die sie von ihrem Vater geerbt hat. Am 25. September, acht Tage nach dem Verschwinden von Nathan und Linda, bemerkt die Besatzung eines chinesischen Frachters ein kleines Rettungsboot, das im Meer treibt. Darauf befindet sich ein Mann, der um Hilfe ruft – es ist Nathan Carman. Der 22-Jährige schwimmt in Richtung des Frachters und wird von der Besatzung gerettet.
Er berichtet der Küstenwache, was geschehen ist: „Mom und ich – zwei Leute, ich und meine Mutter – haben am Block Canyon geangelt. Und da habe ich ein komisches Geräusch im Motorraum gehört. Ich habe geschaut und viel Wasser gesehen. Meine Mutter konnte ich nicht sehen.“ Nathan erzählt weiter, dass er und Linda ihr Ziel am Block Canyon erreicht hätten. Der Morgen sei noch wunderschön gewesen, aber am Mittag hätten die Probleme begonnen. Er habe ein komisches Geräusch gehört und gesehen, wie Wasser in das Boot gelaufen sei. Zunächst habe er versucht, das Problem selbst zu finden und zu reparieren, aber das Boot habe bereits zu sinken begonnen, was ihm zunächst nicht aufgefallen sei. Dann habe er schnell das sich selbst aufpustende Rettungsboot ins Wasser geworfen und sei hinterhergesprungen. Seine Mutter habe er nicht mehr gesehen, als er sich umdrehte. Es gab zwar Rettungswesten an Bord, aber keiner der beiden habe eine getragen. Er habe noch nach Linda gerufen, aber sie nicht mehr finden können.
Nathan fragt, ob man seine Mutter gefunden hat. Die Küstenwache verneint das und sagt, dass sie davon ausgehen, dass sie nicht überlebt hat. Die Polizei fragt sich, wie Nathan die ganzen Tage überleben konnte. Tatsächlich ist sein Rettungsboot mit einem Notfallkit ausgestattet. Darin befinden sich Proteinriegel, Wasser und ein Filter für Salzwasser. Nathan wird nach Boston gebracht, um dort weiter befragt zu werden. Auf die Ermittler macht er einen sonderbaren Eindruck, da er völlig emotionslos wirkt, was nach acht Tagen auf dem offenen Meer und dem Verlust seiner Mutter eher ungewöhnlich ist. Dieses Verhalten könnte aber auch an seinem Autismus liegen. Auch sonst spricht Nathan sehr monoton und zeigt wenig Emotionen. Als er am Abend nach Hause gefahren wird, versammeln sich bereits überall Reporter. Das Verschwinden von Mutter und Sohn hat große Wellen geschlagen, und jeder möchte nun ein erstes Interview mit Nathan führen. Dieser lässt sich tatsächlich kurz darauf ein und sagt: „Ich möchte mich bei der Öffentlichkeit dafür bedanken, dass sie für meine Mutter und mich gebetet haben. Ich habe ziemlich viel durchgemacht und bitte darum, für mich allein trauern zu dürfen.“
Auch hierbei wirkt Nathan emotionslos und distanziert. In den nächsten Tagen bemerken die Ermittler, dass nicht nur Nathans Verhalten, sondern auch seine ganze Geschichte sonderbar wirkt. Sie ziehen erfahrene Fischer zur Hilfe, und alle von ihnen sagen das Gleiche aus: Nathans Plan, am Block Canyon Thunfisch zu angeln, erscheint sehr unrealistisch. Zu zweit ist es kaum möglich, die großen Fische aus dem Wasser zu ziehen, und die Chicken Pox ist gar nicht dafür ausgelegt, so weit aufs Meer hinauszufahren. Aus diesem Grund wollte Linda auch zunächst nicht mitfahren, aber Nathan hat sie schließlich überreden können.
Außerdem hat Nathan nie einen Notruf über das Funksystem abgesetzt. Bis zum vollständigen Untergang des Schiffes war das System noch funktionstüchtig und einsatzbereit, und einen Notruf abzusetzen hätte nur wenige Sekunden gedauert. Nathan sagt dazu, dass er nicht realisiert habe, dass sie untergehen. Seine Mutter habe er nach hinten geschickt, um die Angeln einzuholen, und als er bemerkt habe, dass sie sinken, sei es bereits zu spät gewesen. „Ich wusste nicht, dass wir sinken. Ich wusste, dass wir ein Problem haben. Aber ich wusste nicht, dass wir sinken, bis wir sanken.“ Laut ihm seien von dem Beginn der Probleme an bis zum vollständigen Untergehen nur vier Minuten vergangen.
Mehrere Zeugen berichten allerdings, dass Nathan am Tag vor dem Angelausflug an seinem Boot herumgeschraubt hat. Mike Iozza, ein Mann, der ein Boot besitzt, das ganz in der Nähe der Chicken Pox anliegt, hat ihn sogar angesprochen und gefragt, was er da macht. Daraufhin hat Nathan gesagt, dass er nur ein paar Stabilisationsteile entferne. Mike ist darüber sehr verwundert gewesen, da Nathan zwei Löcher in das Boot gebohrt hat, die nah an der Wasserkante waren und durch die das Boot hätte sinken können. Als Nathan dazu befragt wird, gibt er zu, dass er die Löcher gebohrt hat, und sagt dazu, dass er sie benötigt habe, um die Stabilisationsteile abzumontieren und dass er sie anschließend mit Marine Putty, einem speziellen Klebstoff, versiegelt habe, damit kein Wasser hineinfließen kann.
Experten, die zu dem Rettungsboot befragt werden, bezweifeln, dass Nathan darauf acht Tage verbracht hat. Es ging ihm ziemlich gut, als er gefunden wurde, und er hat nicht den Eindruck erweckt, mehr als eine Woche auf dem Ozean herumgetrieben zu sein. Die Strömung hätte ihn außerdem in eine andere Richtung treiben müssen. Daher vermuten sie, dass Nathan eventuell irgendwo an Land gegangen ist und sich erst am achten Tag mit dem Rettungsboot aufs Wasser begeben hat, um seine Rettung zu inszenieren.
Auch Nathans restliche Familie zweifelt an seinen Aussagen. Seine Tanten möchten nie wieder ein Wort mit ihm wechseln und erscheinen nicht zu der von Nathan organisierten Trauerfeier. Und auch einige andere Familienmitglieder sind überzeugt davon, dass der 22-Jährige seine eigene Mutter kaltblütig ermordet hat. Nathan sagt dazu: „Es wäre toll, Menschen um sich herum zu haben, die sich darüber freuen, dass man noch am Leben ist. Die mich unterstützen und mir dabei helfen, den Tod meiner Mutter zu verarbeiten. (…) Ich hätte gerne eine Familie. Ich möchte, dass sie Teil meiner Familie sind. Es fühlt sich für mich an, als hätte ich keine Familie.“
Vor Gericht
Nach Lindas Tod erbt Nathan von ihr sieben Millionen Dollar, die sie zuvor von John geerbt hat. Laut Gerichtsdokumenten wollte Linda kurz vor ihrem Tod ihr Testament ändern lassen und Nathan daraus entfernen. Ihre Schwestern sind verärgert darüber, dass Nathan trotzdem das Geld erhält. Sie sind überzeugt davon, dass er sowohl John als auch Linda getötet hat. Elaine, Charlene und Valerie klagen gegen ihn. Bei der Verhandlung feuert Nathan seine Anwälte und vertritt sich spontan selbst. Er sagt aus, dass er nicht wisse, wer seinen Großvater getötet hat, und dass er mit dem Tod seiner Mutter nichts zu tun habe. Er verdächtigt eine 21-jährige angebliche Geliebte seines Großvaters, ihn getötet zu haben, da die beiden am Abend vor seinem Tod angeblich noch miteinander telefoniert hätten.
Die Klage seiner Tanten scheitert, und Nathan darf sein Erbe behalten. 2017 steht er außerdem vor Gericht, da er von seiner Versicherung 85.000 Dollar für den Totalschaden seines Bootes möchte. Die Versicherung hatte sich geweigert zu zahlen, da sie seine Reparaturarbeiten als Grund für das Sinken sieht. Vor Gericht beschuldigt Nathan die Vorbesitzer des Bootes schuld an dem Unglück zu sein. Am 04. November 2019 gibt das Gericht seiner Versicherung recht: Das Sinken der Chicken Pox ist offiziell seine eigene Schuld, da er fehlerhafte Reparaturen durchgeführt und so die Stabilität des Schiffes beeinträchtigt hat.
Im Mai 2022 wird Nathan wegen dem Mord an seiner Mutter angeklagt. Er plädiert auf nicht schuldig. Es wird zwar vermutet, dass er auch John getötet hat, aber es fehlen genügend Beweise, um ihn auch deswegen anklagen zu können. Solange der Prozess läuft, muss Nathan in Untersuchungshaft bleiben, da man befürchtet, dass er sonst untertauchen würde. Im Falle einer Verurteilung droht Nathan eine lebenslange Freiheitsstrafe. Man geht davon aus, dass es noch einige Beweise gibt, die der Öffentlichkeit nicht bekannt sind und die erst im Laufe des Prozesses veröffentlicht werden sollen.
Nathan versucht gegen die Untersuchungshaft vorzugehen, aber selbst seine eigene Familie setzt sich dafür ein, dass er in Haft bleiben muss. Seine Tanten schreiben in einem Brief an das Gericht: „Wir unterstützen nachdrücklich das Vorgehen der US-Staatsanwaltschaft, Nathan in Haft zu behalten, da wir der festen Überzeugung sind, dass er, da wir Nathan besser kennen als jeder andere, sowohl eine Gefahr für unsere Familie als auch ein Fluchtrisiko darstellt.“ Sein Vater unterstützt Nathan allerdings und schreibt in einem Brief, dass sein Sohn ein „verantwortungsbewusster junger Mann sei, der keine Gefahr für sich selbst oder andere darstellt“. „Es gibt keinen Grund, warum er den beiden wichtigsten Menschen in seinem Leben, seiner Mutter und seinem Großvater, oder sonst jemandem Schaden zufügen sollte.“
Nathan erklärt sich bereit, bei einer Freilassung seinen Reisepass abzugeben, sein gesamtes Geld als Kaution zu hinterlegen und sich einer elektronischen Überwachung zu unterziehen. Immer wieder werden seine Aggressionen und Wutausbrüche aus seiner Jugend erwähnt und als Grund dafür aufgeführt, warum Nathan nicht auf Kaution entlassen werden dürfte. Aber weder seine eigenen Anwälte noch die Staatsanwaltschaft beantragen eine psychiatrische Untersuchung. Mittlerweile ist Nathan auch im Besitz eines neuen Bootes mit dem Namen „Out Foxed“, und es besteht die Sorge, dass er möglicherweise versuchen könnte, damit zu fliehen.
Nathan äußert selbst, dass er sich missverstanden fühlt und aufgrund seines Asperger-Syndroms ein leichtes Ziel für die Polizei sei. Sein Antrag auf Freilassung wird letztendlich abgelehnt, und Nathan bleibt in Haft. Der Prozess gegen ihn sollte ursprünglich im Oktober 2023 stattfinden, jedoch kommt es nicht mehr dazu. Am Donnerstag, den 15. Juni 2023, wird der mittlerweile 29-Jährige tot in seiner Zelle aufgefunden. Es gibt keine Hinweise auf Fremdeinwirkung, und derzeit geht man davon aus, dass Nathan sich das Leben genommen hat. Er hat eine Notiz hinterlassen, deren Inhalt bisher nicht veröffentlicht wurde. Ein Kommentar von einem seiner Anwälte, David Sullivan, lässt darauf schließen, dass die Notiz an seine Anwälte gerichtet war: „Wir glauben, dass Herr Carman uns einen Brief hinterlassen hat, den wir gerne erhalten würden, um in dieser sehr tragischen Situation Sinn zu finden.“
Epilog
Und damit sind wir am Ende des heutigen Videos angelangt. Durch Nathans Tod lässt sich nicht mehr mit Gewissheit sagen, ob er seinen Großvater und seine Mutter ermordet hat. Sollte es irgendwann dennoch ein Update in diesem Fall geben, werde ich euch darüber auf meinem Zweitkanal informieren. Was denkt ihr denn? Glaubt ihr, dass Nathan John und Linda getötet hat? Schreibt mir eure Meinung dazu gerne in die Kommentare. Damit unterstützt ihr auch gleichzeitig diesen Kanal. Wenn ein Video kurz nach dem Upload viel Interaktion erhält, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass es auch Leuten vorgeschlagen wird, die Insolito noch nicht abonniert haben. Denkt auch daran, den Kanal zu abonnieren und die Glocke zu aktivieren. Wenn ihr möchtet, könnt ihr mir auch auf Instagram folgen oder meinem Discord beitreten. Die Links dazu findet ihr in der Videobeschreibung. Und wenn ihr meine Videos zukünftig unzensiert und ohne Werbung anschauen möchtet, könnt ihr das tun, indem ihr mich bei Patreon unterstützt. Die Links dazu findet ihr ebenfalls in der Videobeschreibung. Ansonsten bleibt nicht mehr viel zu sagen. Ich bedanke mich fürs Zuschauen und wünsche euch noch einen schönen Morgen, Mittag oder Abend, je nachdem, wann ihr das Video schaut. Wir sehen uns beim nächsten Video wieder. Bis dahin. Ciao, Leute.
Quellen
- Nathan Carman, accused of killing his CT mom, left note in cell, death not suspicious, officials say CT Insider, 2023
- Man was accused of killing his family members to get money. Now, he has died in custody, authorities say CNN, 2023
- Rescued Boater Nathan Carman Says He Wasn't Responsible for Mom's Death YouTube, 2017
- Cops Discover Son's Horrifying Secret After Fishing Trip with Mom YouTube, 2022
- Sohn soll Mutter während Angelausflug in USA aus Gier umgebracht haben Frankfurter Allgemeine, 2022
- Nathan Carman, accused of murdering his mother, will stay in jail while awaiting trial vtdigger.org, 2022
- Nearly 6 years later, Nathan Carman indicted in mother's death at sea The Boston Globe, 2022
- Nathan Carman, charged with killing mother at sea, seeks freedom - CBS Boston CBS News, 2022
- Nathan Carman to remain jailed on charges of killing mom at sea New York Post, 2022
- Man accused of killing mother at sea to inherit millions to be held without bail MassLive, 2022
- Vermont man charged with killing mom at sea will remain in jail, judge rules Fox News, 2022
