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Philadelphia, Pennsylvania, 1997

Judy Smith

Eine Krankenschwester verschwindet 1997 in Philadelphia und wird in North Carolina tot gefunden.

Lesezeit etwa 16 Minuten

Worum es geht

Im April 1997 begleitet die Krankenschwester Judy Smith ihren Mann Jeffrey auf eine Geschäftsreise nach Philadelphia. Am 10. April bricht sie zu einer Sightseeing-Tour auf und kehrt nicht ins Hotel zurück. Zeugen melden zahlreiche Sichtungen, die ein widersprüchliches Bild ergeben. Im September 1997 entdecken Jäger in einem Nationalforst in North Carolina, mehr als 950 Kilometer entfernt, ihre sterblichen Überreste samt auffälliger Ausrüstung, die ihr nicht gehörte. Wie und warum sie dorthin kam, ist bis heute ungeklärt.

Lagekarte: Philadelphia, USA. Kartendaten: Natural Earth.

Intro

Wann immer eine Reise oder ein Urlaub ansteht, können die meisten von uns es nicht abwarten, loszufahren. Völlig egal, ob man in ein fernes Land fliegt oder die eigene Region erkundet, ein Urlaub ist immer ein Grund zur Freude. So auch für Judy und Jeffrey Smith. Das Paar macht sich 1997 im Rahmen einer Geschäftsreise von Jeffrey auf den Weg nach Philadelphia. Doch was abseits von Jeffreys beruflichen Verpflichtungen ein schöner Pärchenurlaub werden sollte, entwickelt sich zum Albtraum. Denn Judy Smith verschwindet mitten in der fremden Stadt. Erst Monate später wird sie wieder auftauchen – tot. An einem Ort, der Rätsel aufgibt.

Jeffrey: „Ich hatte Angst, ihr könnte etwas passiert sein. Dennoch glaubte ich wirklich daran, dass ich sie finden können würde. Es war unfassbar. Ich konnte einfach nicht ergründen, was ihr passiert sein könnte.“

Die Geschäftsreise

Vor der Reise, von der sie niemals zurückkehren wird, geht es Judy Smith gut. Sehr gut sogar. Nachdem ihre ersten beiden Ehen nicht gehalten haben, ist sie nun mit ihrem dritten Mann Jeffrey glücklich. Die beiden sind schon seit mehr als zehn Jahren ein Paar. Vor fünf Monaten haben sie sich schließlich das Ja-Wort gegeben. Judy arbeitet als Krankenschwester und ist Mutter von zwei Kindern namens Craig und Amy, die aus vorherigen Beziehungen stammen. Durch ihren Job haben Judy und ihr Mann Jeffrey sich auch kennengelernt. Judy hat den schwer kranken Vater ihres späteren Ehemanns gepflegt, dabei kamen Judy und Jeffrey sich näher. Die beiden leben gemeinsam in Massachusetts und sind froh, nach gescheiterten Ehen noch einmal die große Liebe gefunden zu haben.

Jeffreys Geschäftsreise nach Philadelphia lässt sich hervorragend mit einem entspannten Urlaub verbinden. Abseits der Konferenz hat Jeffrey genügend Freizeit, um mit Judy gemeinsam Ausflüge zu machen. Zudem ist New Jersey nicht allzu weit entfernt. Dort hat das Ehepaar einige Freunde, denen die beiden einen Besuch abstatten möchten. Judy und Jeffrey freuen sich beide sehr auf die Reise.

Doch schon am Tag ihres Abflugs beginnen Probleme. Probleme, die alltäglich scheinen – aber vor dem Hintergrund der späteren Ereignisse könnte man sie fast für ein böses Omen halten. Als das Ehepaar Smith am 9. April 1997 am Boston Logan International Airport ankommt, fällt Judy etwas auf: Sie hat ihren Ausweis vergessen. Und ohne ihren Ausweis kann sie den Flug nach Philadelphia nicht antreten. Jeffrey muss aber dringend zu seiner Konferenz – außerdem ist es ärgerlich genug, wenn die Smiths eines der beiden Flugtickets umbuchen müssen. Deswegen entscheiden sie, dass Jeffrey wie geplant schon einmal nach Philadelphia fliegt.

Judy würde ihren Ausweis holen und einfach mit einem späteren Flug nachkommen. Am selben Abend geht noch ein weiterer Flug von Boston nach Philadelphia. Die beiden würden durch den unglücklichen Zwischenfall also nicht einmal einen gemeinsamen Urlaubstag verlieren.

Tatsächlich läuft alles wie geplant – also nach dem neuen Plan. Am frühen Abend des 9. April kommt auch Judy Smith in Philadelphia an. Sie nimmt ein Taxi zum Doubletree Hotel, wo sich das Ehepaar Smith für die Woche eingemietet hat. Dort nimmt Jeffrey sie in der Hotellobby in Empfang. Judy bringt für Jeffrey sogar einen Strauß Blumen mit, als Entschuldigung dafür, dass sie aufgrund ihrer Versäumnisse einen späteren Flug nehmen musste.

Am nächsten Tag geht Jeffrey zu seiner Konferenz, Judy möchte sich die Zeit mit Sightseeing vertreiben. Insbesondere die Independence Hall und Liberty Bell interessieren sie. Um 17 Uhr würden sich die beiden wieder im Hotel treffen und danach eine Cocktailparty in der Hotellobby besuchen. Gegen 9 Uhr verabschieden Judy und Jeffrey sich voneinander. Sie geben sich einen Kuss und umarmen sich. Judy schnappt sich ihren roten Rucksack, den sie immer und überall bei sich trägt, und verlässt das Doubletree Hotel im Stadtzentrum.

An diesem 10. April 1997 verschwindet Judy Smith. Als sie wieder auftaucht, ist sie bereits tot – und die Umstände ihres Ablebens sind so rätselhaft, dass bis heute niemand weiß, was mit ihr geschehen ist.

Die Suche

Zunächst denkt Jeffrey am Abend noch, Judy würde sich einfach verspäten. Dass sie vielleicht die Zeit vergessen oder noch bei einer der Sehenswürdigkeiten der Stadt verweilen würde. Aber seine Frau taucht nicht auf. Ihre Habseligkeiten fehlen im Hotelzimmer. Ihr roter Rucksack, ihr Portemonnaie und Bargeld fehlen. Judy ist von ihrem Ausflug also nicht zwischenzeitlich zurückgekehrt, sondern schon den ganzen Tag unterwegs. Jeffrey schaut sich auch auf der Cocktailparty um, die im Untergeschoss des Hotels stattfindet. Auch dort ist keine Spur von Judy.

Jeffrey: „So gegen 18:30 Uhr fing ich an, mir Sorgen zu machen. Pünktlichkeit war ihr sehr wichtig. Wenn man pünktlich war, war man bei ihren Standards eigentlich schon eher spät dran.“

Jeffrey spricht mit einem Hotelconcierge, der sofort anbietet, die umliegenden Krankenhäuser abzutelefonieren. Vielleicht ist Judy etwas zugestoßen und sie sitzt in irgendeiner Notaufnahme in Philadelphia.

Das Ehepaar hatte am Morgen noch genau darüber gesprochen, was Judy sich an diesem Tag in Philadelphia ansehen wollte. Also entscheidet Jeffrey sich kurzerhand dazu, sich in ein Taxi zu setzen. Judy wollte an diesem Tag mit einem City-Tour-Bus die Stadt erkunden. Gemeinsam fahren Jeffrey und der Taxifahrer die Route des Busses ab. Noch immer hofft Jeffrey, seine Frau irgendwo im Vorbeifahren sehen zu können. Vielleicht in einem Restaurant sitzend, in einer Warteschlange stehend oder verloren am Straßenrand, weil sie die Orientierung verloren hat.

Aber auch dieser Versuch ist vergeblich. Also meldet Jeffrey sich bei der Polizei. Dort wird er jedoch abgewimmelt. Da Judy eine erwachsene Frau ist, darf sie über ihren Aufenthaltsort frei entscheiden. Nach erst einem knappen Tag ist es schlichtweg zu früh, um sie vermisst zu melden. Jeffrey bleibt nichts anderes übrig, als sich von der Polizei beruhigen zu lassen. Sicherlich würde Judy Smith bald wieder im Hotel auftauchen.

Doch auch über Nacht kehrt Judy nicht zurück. In seiner Verzweiflung wendet Jeffrey sich direkt an den Bürgermeister von Philadelphia. Er legt eine Beschwerde ein und ist schockiert darüber, dass niemand ihm bei der Suche helfen zu wollen scheint. Die Beschwerde zeigt tatsächlich Wirkung, die städtischen Behörden kümmern sich darum, dass Polizisten sich dem Fall annehmen. Noch am selben Tag läuft eine große Suchaktion an und Flyer werden ausgehängt. Schon bald werden die ersten Sichtungen gemeldet. Doch anstelle von Hoffnung stiften diese Beobachtungen erhebliche Verwirrung.

Sichtungen

Eine Mitarbeiterin des Doubletree-Hotels erinnert sich daran, dass Judy sie am Morgen ihres Verschwindens angesprochen habe. Sie fragte, wo sich die Haltestelle für die City-Bus-Touren befinden würde. Judy scheint also, wie von Jeffrey angegeben, vorgehabt zu haben, eine solche Tour zu machen. Ein Busfahrer bestätigt, Judy sei bei ihm zugestiegen. Gegen 15 Uhr habe er sie in der Nähe des Doubletree Hotel wieder abgesetzt. Wie wir wissen, war Judy aber nicht dort, als sie sich um 17 Uhr mit ihrem Mann Jeffrey treffen sollte.

Die Polizei bemüht sich, mehr Informationen darüber zu bekommen, was Judy nach 15 Uhr am 10. April unternommen hat. Jemand will sie an einer Haltestelle für Greyhound-Busse gesehen haben. Allerdings befinden sich dort auch öffentliche Toiletten. Judy muss also nicht unbedingt dort gewesen sein, um mit einem Bus weiterzufahren, sondern sie hätte auch die Toiletten benutzen können.

Weiter wurde in einem Bekleidungsgeschäft eine interessante Beobachtung gemacht. Eine Frau mit einem roten Rucksack, wie Judy ihn trug, soll dort Klamotten gekauft haben. Sie habe der Verkäuferin erzählt, die Sachen seien für ihre Tochter. Sie würde ihr des Öfteren Kleidung kaufen und mitbringen, obwohl die Sachen ihrer Tochter nur selten gefallen würden. Judys Tochter Amy bestätigt dieses Detail später gegenüber der Polizei.

Weiterhin soll die Frau erzählt haben, sie sei nach Philadelphia gekommen, um ihren Mann zu einer Konferenz zu begleiten. Diese Sichtung scheint also relativ zuverlässig zu sein. Als die Frau das Geschäft verlassen habe, habe sie sich allerdings mit einem Mal merkwürdig verhalten. Sie habe ein junges Mädchen dazu aufgefordert, mit ihr mitzukommen und behauptet, das fremde Mädchen sei ihre Tochter. Judys Tochter Amy hielt sich zu diesem Zeitpunkt aber zum einen nicht in Philadelphia auf und zum anderen ist Amy eine erwachsene Frau. Wie genau die Situation weiterging, wurde nicht mehr beobachtet. Danach verliert sich Judy Smiths Spur.

Es gibt allerdings Aussagen, die die Vermisste in ein ähnlich bizarres Licht rücken. Von den meisten Zeugen, die Judy gesehen haben wollen, wird sie als verwirrt und desorientiert beschrieben. Sie soll in Restaurants, Bekleidungsgeschäften und beim scheinbar ziellosen Herumstreunen durch die Stadt gesehen worden sein. Und sie könnte sogar auswärts übernachtet haben.

Einige Mitarbeiter des Society Hill Hotel in Philadelphia behaupten, Judy habe sich bei ihnen aufgehalten. Das Hotel ist eine billige Unterkunft, die heutzutage recht negativ im Internet bewertet wird. Das Personal gibt damals an, sich noch gut an Judy erinnern zu können. Sie sei während ihres Besuchs im Society Hill so negativ aufgefallen, dass die Mitarbeiter sie zum „Weirdo Of The Week“ ernannt hätten.

Judy habe wirres Zeug geredet und behauptet, bald würde ihr jemand namens „The Emperor“ Geld schicken. Außerdem soll sie vor einem geöffneten Fenster für weitere Hotelgäste sichtbar masturbiert haben. Das passt alles überhaupt nicht zu Judy. Am Morgen ihres Aufbruchs zur Sightseeing-Tour war sie bester Laune, alles war wie immer.

Ein Obdachloser, der von der Polizei befragt wird, behauptet, Judy habe auf einer Bank neben ihm geschlafen. Allerdings soll eine wohnungslose Frau, die Judy ähnlich sieht, in der Gegend umhergestreift sein. Sogar Judys Kinder Craig und Amy, die nach Philadelphia gekommen waren, um die Suchmaßnahmen zu unterstützen, sollen die Obdachlose auf den ersten Blick einmal für ihre verschwundene Mutter gehalten haben. Ob es sich bei den gemeldeten Sichtungen wirklich um Judy oder eben um die wohnungslose Frau gehandelt hat, ist unklar.

Amy: „Für mich hat das alles keinen Sinn ergeben. Ich dachte, dass meine Mutter nicht mehr wüsste, wer sie ist. Und dass sie in der Stadt herumirren würde. Das war ein schrecklicher Gedanke.“

Das von Zeugen beschriebene sonderbare Verhalten würde eigentlich nicht zu Judy passen. Und schon gar nicht zu den Plänen, die sie für den Urlaub in Philadelphia gehabt hat. Sie hatte eine feste Verabredung mit ihrem Mann und Freunden. Weshalb sollte sich ihr Verhalten so schlagartig geändert haben? Und wieso sollte sie im Society Hill Hotel eingecheckt haben? Könnte der Grund für das merkwürdige Verhalten und das rätselhafte Verschwinden vielleicht ganz nahe liegen?

Die Leiche

Wenn die Polizei nach einer vermissten Person sucht, ist es üblich, dass zuerst das nahe Umfeld unter die Lupe genommen wird. Die Person, die Judy am nächsten ist, ist ihr Ehemann Jeffrey. Er ist auch derjenige, der die Reise mit Judy geplant hat. Und die Person, die Judy als Letztes gesehen hat, bevor sie zu ihrem Ausflug aufgebrochen ist. Also beginnen die Ermittler, Jeffrey Smith eingehend unter die Lupe zu nehmen.

Einige Polizisten halten Jeffrey für dringend verdächtig. Laut verschiedener Berichte soll er einen Lügendetektortest verweigert haben. Allerdings gibt es keine Hinweise darauf, dass Jeffrey seiner Frau etwas angetan haben könnte, geschweige denn ein Motiv dafür hat. Freunde und Familie sind sich ganz sicher, dass er nicht der Schlüssel zur Lösung des Falles ist.

Fünf Monate nach Judys Verschwinden, am 7. September 1997, gibt es neue Entwicklungen. Entwicklungen, die den gesamten Fall Judy Smith auf den Kopf stellen.

Der Pisgah National Forest im US-Bundesstaat North Carolina ist mehr als 950 Kilometer von Philadelphia entfernt. Fünf Monate nach der Vermisstenmeldung machen zwei Jäger im Pisgah Forest einen erschütternden Fund. Die beiden sind in der Nähe der Chestnut Creek und der Stony Point Picknick-Area unterwegs.

Auf dem aufgewühlten Waldboden finden sie skelettierte Überreste eines Menschen. Genauer gesagt, einer Frau. Der Leichnam war in eine blaue Decke eingewickelt worden. Ein BH, der bei den Überresten gefunden wird, hat Einstichstellen. So, als wäre der Toten wiederholt in die Brust gestochen worden.

Um eine genaue Todesursache feststellen zu können, ist der Leichnam allerdings zu verwest. Bei den menschlichen Überresten findet man außerdem 200 US-Dollar Bargeld, einen blauen Rucksack, der mit Winterkleidung gefüllt ist, und eine hochwertige Sonnenbrille der Marke Bollé. Der Rucksack und die Sonnenbrille sind in flachen Löchern nahe des Fundortes vergraben. Ein mit einem Diamanten besetzter Ehering liegt noch am skelettierten Finger der Toten.

Während ihr sicherlich schon eine traurige Vermutung habt, zu wem der weibliche Leichnam gehört, können die Ermittler nicht ahnen, wessen Überreste sie da vor sich haben. Immerhin ist der Fundort nicht gerade naheliegend, er liegt 950 Kilometer von dem Ort entfernt, wo sie zuletzt gesehen wurde. Erst anhand einer Gebissanalyse gibt es Gewissheit: Die Tote aus dem Pisgah National Forest ist die vermisste Judy Smith.

Jeffrey: „Wir bekamen die Informationen, dass der Zahnabgleich positiv war. Und meine erste Reaktion war, dass ich es nicht geglaubt habe.“

Der Leichenfund bringt für Judys Mann Jeffrey und ihre weiteren Angehörigen nicht nur traurige Gewissheit, sondern auch viele Fragen. Denn die Umstände des Fundes sind mindestens so rätselhaft wie die von Judys Verschwinden.

Ungereimtheiten

Zunächst einmal wäre da die offensichtlichste Frage – Wie ist die vermisste Judy Smith von Philadelphia aus ins mehr als 950 Kilometer entfernte North Carolina gekommen? Laut Jeffrey, mit dem sie immerhin zehn Jahre lang zusammengelebt hatte, gab es nie einen Plan, dorthin zu reisen. Noch dazu ist die Gegend, in der Judy gefunden wurde, sehr abgelegen. So tief in den Pisgah National Forest gelangt man nur, wenn man sich auskennt oder eine anspruchsvolle Wanderung unternehmen möchte.

Der Ehering, der bei Judys Leichnam gefunden wurde, gehört tatsächlich ihr. Die Sonnenbrille und der blaue Rucksack allerdings nicht. Von ihrem eigenen, roten Rucksack, mit dem sie am Tag ihres Verschwindens im Hotel aufgebrochen war, fehlt jede Spur. Die Kleidung, die Judy trug, als sie starb, hat ihr Mann Jeffrey noch nie zuvor gesehen. Auch die Polizei ist verblüfft, denn es handelt sich um nagelneue, hochwertige Wanderkleidung. Judy scheint sich mit Thermounterwäsche, Wanderstiefeln und einer neuen Jeans ausgestattet zu haben. Daraus leitet die Polizei ab, dass Judy diese Wanderkleidung wahrscheinlich in North Carolina selbst gekauft hat und dann zu einer Wanderung in den Pisgah National Forest aufgebrochen ist. Das Bizarre daran: Judy litt unter schwerer Arthrose in ihrem Knie. Eine Wanderung durch den Pisgah Forest wäre für sie mit erheblicher Anstrengung und auch Schmerzen verbunden.

Dass ihr Mörder Judys Leiche einfach im Wald abgelegt hat, ist unwahrscheinlich. Auch, weil die nächste Straße weit von der Fundstelle entfernt ist. Egal wo die Polizisten ansetzen, immer wieder kommen sie zur selben Frage zurück. Wie und warum ist Judy nach North Carolina gekommen? Und wie, warum und wann begegnete sie ihrem Mörder?

North Carolina

Die Polizei beginnt, vor Ort in North Carolina zu ermitteln. Tatsächlich können einige Zeugen gefunden werden. Vier Personen behaupten unabhängig voneinander, Judy Smith in der Stadt Asheville gesehen zu haben. Eine von ihnen ist die Inhaberin eines kleinen Geschäfts in der Stadt. Sie gibt an, Judy sei mit einem grauen Auto bei ihr vorgefahren. Sie habe mehrere Sandwiches im Wert von 30 US-Dollar und einen Spielzeug-LKW gekauft. Die Sichtung wird von der Polizei als verlässlich eingeschätzt, wirft aber zahlreiche Fragen auf. Woher sollte Judy das graue Auto gehabt haben? Und für wen hätte sie einen Spielzeug-LKW kaufen sollen? Die Sandwiches könnten darauf hindeuten, dass sie Proviant für einen längeren Ausflug gebraucht haben könnte.

Es gibt noch eine weitere Verkäuferin eines anderen Geschäfts, die angibt, Judy Smith sei in ihren Laden gekommen. Die Begegnung habe sich nur wenige Tage nach ihrem Verschwinden in Philadelphia zugetragen.

“Sie wirkte auf mich sehr aufmerksam. Sie war sehr angenehm. Ich habe nichts an ihr gesehen, was darauf hinweisen würde, dass sie in irgendeiner Weise nicht in Ordnung war.

Sie erzählte mir, dass ihr Mann Anwalt sei und dass sie aus Boston kämen. Sie seien in Pennsylvania gewesen, und er sei auf einem Kongress gewesen. Und sie hatte beschlossen, hierher zu kommen.”

Das widerspricht den Aussagen der Hotelmitarbeiter in Philadelphia. Diese hatten behauptet, Judy habe sich total merkwürdig verhalten und sei als „Weirdo of the Week“ aufgefallen. Ein weiterer Zeuge, der auf einem Campingplatz in der Nähe des Leichenfundorts lebt, gibt an, Judy dort gesehen zu haben.

Diese beiden Zeugenaussagen und Judys neue Wanderausrüstung sprechen also weiterhin dafür, dass sie freiwillig nach North Carolina gekommen ist. Weshalb auch immer. Dort muss sie allerdings jemanden getroffen haben, der ihr etwas Böses wollte. Doch mit welchem Motiv?

Ein Raubmord kann ausgeschlossen werden. Die 200 US-Dollar Bargeld und den diamantbesetzten Ehering hätte sich wohl kaum ein Dieb entgehen lassen. Noch dazu müsste einem halbwegs professionellen Verbrecher klar gewesen sein, dass Judy anhand des Rings leicht identifiziert werden könnte. Außerdem spricht der Fund im tiefsten Wald von North Carolina weiter gegen Jeffrey Smith als Täter. Nicht nur hat er durch die Konferenz ein wasserdichtes Alibi. Jeffrey Smith ist stark übergewichtig, laut Einschätzungen von Experten so stark, dass eine Wanderung, wie Judys Mörder sie unternommen haben muss, für ihn unmöglich wäre.

Zu der Zeit von Judys Verschwinden treibt in North Carolina ein Serienmörder sein Unwesen. Der Serientäter namens Gary Michael Hilton wird von der Polizei als potenzieller Verdächtiger untersucht. Allerdings können keine Verbindungen zum Mord an Judy Smith hergestellt werden.

Cold Case

Als Jeffrey und Judys Kinder Amy und Craig von ihrer Suche in Philadelphia ergebnislos zurückkehren, geben sie noch nicht auf. Zuhause in Massachusetts engagiert Jeffrey Privatdetektive und verteilt eigenhändig hunderte Flyer.

Doch weder die beauftragten Privatermittler, noch die Behörden können verhindern, dass der Fall Judy Smith zum Cold Case wird. Selbst erfahrene Ermittler sind angesichts der Indizienlage ratlos. Einige Polizeibeamte glauben, Judy habe eine Art Midlife-Crisis gehabt und sei deshalb alleine nach North Carolina gereist. Dort könnte sie ihrem Mörder zufällig begegnet sein. Doch Judys Familie glaubt nicht daran. Laut ihnen war Judy in der Zeit vor ihrem Verschwinden mehr als zufrieden. Nur eine einzige Freundin von Judy äußert sich skeptisch. Sie sagt: „Zu der Zeit, als das geschah, war die Ehe von Jeff und Judy sehr zerbrechlich. Ich glaube, dass irgendetwas passiert ist, das sie dazu veranlasst hat, sich eine Auszeit von Jeff zu nehmen.“

Doch mit ihrer Reise nach North Carolina hätte Judy ja nicht nur Jeffrey zurückgelassen. Sondern auch weitere Familienmitglieder, Freunde, und vor allem ihre Kinder Craig und Amy.

Jeffrey Smith zieht sich in den nächsten Jahren immer weiter zurück. Als Anwalt nimmt er nur noch sporadisch Aufträge an. Er sagt, nun, da er selbst auf der Opferseite stehe, könne er es nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren, Verbrecher zu vertreten.

Jeffrey: „Judy war fürsorglich, herzlich, verantwortungsbewusst und jemand, den ich sehr geliebt habe.“

Zu Judys Tochter Amy und ihrem Sohn Craig hat er weiterhin ein gutes Verhältnis. Doch Jeffrey soll sehr darunter gelitten haben, nichts zur Lösung des Falles seiner ermordeten Ehefrau beigetragen zu haben. Denn bis heute weiß niemand, was im Frühling 1997 mit Judy Smith geschehen ist.

Outro

Judys Ehemann Jeffrey Smith lebt mittlerweile nicht mehr. Er ist 2005, acht Jahre nach dem Mord an seiner Frau, verstorben. 2016 wurde die Akte zum Fall Judy Smith noch einmal geöffnet. Leider konnten keine wegweisenden neuen Erkenntnisse gewonnen werden.

Der Fall ist mittlerweile ein berüchtigter Cold Case. Seine vielen Ungereimtheiten lassen Spielraum für zahlreiche Theorien und Spekulationen. Natürlich würde mich auch interessieren, was ihr zu dem Fall denkt. Was glaubt ihr, was mit Judy Smith passiert ist? Was wollte sie in North Carolina, und wie könnte es dazu gekommen sein, dass sie dort ihren Mörder traf? Ich bin wirklich gespannt auf eure Gedanken. Mit einem Kommentar supportet ihr Insolito außerdem ganz nebenbei. Auch ein Like unterstützt mich enorm.

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Quellen

  1. The Strange Disappearance and Death of Judy Smith journalnews.com.ph, 2021
  2. The unsettling case of Judy Smith news.com.au
Fallakte
Orte
Philadelphia, Pisgah National Forest, Asheville, Boston
Region
Pennsylvania
Land
USA
Jahr
1997
Status
Ungelöst
Fallart
Vermisstenfall, Tötungsdelikt, Ungeklärter Todesfall
Personen
Judy Smith