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Mississippi, 2024

Carly Gregg

Eine 14-Jährige erschießt in Mississippi ihre Mutter und schießt auf ihren Stiefvater.

Lesezeit etwa 11 Minuten

Worum es geht

Am 19. März 2024 findet Heath Smylie seine Frau Ashley tot im gemeinsamen Haus in Mississippi und setzt einen verzweifelten Notruf ab. Im Mittelpunkt steht Ashleys 14-jährige Tochter Carly Gregg, die nach der Scheidung ihrer Eltern und dem Tod ihrer kleinen Schwester psychisch auffällig geworden war und in Behandlung stand. Der Fall zeichnet nach, wie sich die Lage in der Familie zuspitzte, was Überwachungskameras, Nachrichten und Zeugenaussagen über die Zeit nach der Tat zeigen und wie vor Gericht um die Schuldfähigkeit der Jugendlichen gestritten wird. Auch nach dem Urteil versuchen ihre Anwälte, einen neuen Prozess zu erreichen.

Rotary Club am Lake Tiak-O'Khata, Mississippi
Rotary Club am Lake Tiak-O'Khata, Mississippi. Foto: Jphill19, CC BY-SA 4.0, über Wikimedia Commons.

Intro

Als Heath Smylie am 19. März 2024 nach Hause kommt, glaubt er, dass ein ganz normaler Nachmittag auf ihn wartet. Der Physiotherapeut hat gerade Feierabend gemacht und parkt sein Auto vor dem Haus, in dem er mit seiner Frau und seiner Stieftochter lebt. Seine Frau hatte ihm gerade eben noch eine SMS geschickt und gefragt, wann er nach Hause kommen würde. Aber als Heath Smylie die Haustür öffnet, kommt alles anders.

Notrufzentrale: Okay, beruhigen Sie sich… Stiefvater: Oh mein Gott! Sie hat ihre Mom getötet! Notrufzentrale: Sie hat – was? Stiefvater: Sie hat ihre Mom getötet!

Family

Ashley Smylie wird 1983 im US-Bundesstaat Florida geboren. 2005 heiratet sie ihren ersten Ehemann Kevin Gregg, gemeinsam bekommen die beiden zwei Töchter. Aber die Ehe hält nicht – und die jüngere der beiden Töchter stirbt im Kleinkindalter. Ashley muss nicht nur mit ihrer Scheidung fertig werden und sich größtenteils allein um ihre ältere Tochter Carly kümmern, sondern währenddessen noch irgendwie den tragischen Tod ihrer jüngsten Tochter verarbeiten.

Von ihrem Ex-Mann Kevin bekommt Ashley nur bedingt Unterstützung.

Tochter Carly besucht ihn zwar des Öfteren, allerdings soll Kevin wohl ein Drogenproblem haben. Carly erzählt später, er habe sich kaum um sie gekümmert, wenn sie zu Besuch war. Sie erinnert sich auch daran, dass Kevin gegenüber Ashley gewalttätig gewesen ist.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass auch Tochter Carly auffällig wird. Immerhin verarbeitet auch sie die Scheidung ihrer Eltern, den Tod ihrer kleinen Schwester und den Konflikt zwischen ihren Eltern Ashley und Kevin. Einmal bringt Carly sogar ein Messer mit zur Schule. Daraufhin wird sie verwarnt und muss die Schule wechseln. Ihre Noten werden davon aber nicht beeinflusst. Sie überspringt sogar eine Klasse. Carly wird als ausgesprochen clever beschrieben, ihre Noten sind trotz aller Schwierigkeiten zuhause exzellent. Vielleicht liegt das auch an der bedingungslosen Unterstützung ihrer Mutter Ashley.

Nach ein paar Jahren findet Ashley endlich ein neues Glück. Sie lernt Heath Smylie kennen, der ihr zweiter Ehemann wird. Ashley, Heath und Ashleys Tochter Carly ziehen zu dritt nach Mississippi. Nach dem Umzug in einen anderen Bundesstaat scheint es für Ashley endlich wieder richtig bergauf zu gehen. Die Ehe mit Heath läuft gut, das Paar nimmt sogar zwei Golden Retriever auf. Und Ashley beginnt, als Mathelehrerin zu arbeiten.

Sie hat sich schon immer für Naturwissenschaften interessiert, und das Unterrichten bringt ihr große Freude. Auch Ashleys Tochter Carly, die langsam ins Teenageralter kommt, lebt sich in Mississippi gut ein. Sie hat eine enge Beziehung zu ihrer Mutter und zu ihrem Stiefvater Heath. Ashley unterrichtet sogar an genau der Highschool, die Carly nach dem Umzug besucht. Allerdings machen sich Ashley und Heath auch ein bisschen Sorgen um Carly. Im Sommer 2023 entwickelt die damals 13-Jährige Schlaf- und Essprobleme.

In einigen Quellen ist auch von selbstverletzendem Verhalten die Rede. Wie ihr bereits gehört habt, gab es in Carlys Kindheit durchaus ein paar familiäre Probleme. Ihre Mutter und ihr Stiefvater machen sich Sorgen, dass Carly eine Depression entwickeln könnte. Sie entscheiden sich dazu, eine Psychiaterin hinzuzuziehen.

Bei ihrem ersten Termin im Januar 2024 bekommt Carly ein Antidepressivum verschrieben, dessen Dosis später noch erhöht wird. Allerdings fühlt sich Carly mit dem Medikament unwohl, weshalb das Antidepressivum wieder abgesetzt wird. Stattdessen wird dem Mädchen Anfang März 2024 Lexapro verschrieben. Das Medikament wird zur Behandlung schwerer Depressionen und Angstzustände verschrieben und erhöht die Ausschüttung von Serotonin im Gehirn.

Gleichzeitig versucht Carly heimlich, ihre Symptome mit einer weiteren Maßnahme zu bekämpfen: dem regelmäßigen Konsum von Marihuana. Dass das in Wechselwirkung mit den Medikamenten gegebenenfalls gefährlich werden könnte, scheint der Teenagerin nicht klar zu sein. Sie erzählt niemandem davon. Dass sie drei- bis viermal pro Woche Marihuana raucht, bleibt ihr Geheimnis. Nur einige wenige Freunde wissen Bescheid. Bis alles auffliegt – und eine Tragödie geschieht.

Der Mord

Am 18. März hat Carly einen Termin bei ihrer Psychiaterin. Der fällt nichts Ungewöhnliches auf – es scheint für sie, als komme Carly gut mit ihren neuen Medikamenten klar. Die 14-Jährige nimmt sie zu diesem Zeitpunkt seit etwa einer Woche. Ihr Verhalten ist nicht weiter auffällig. Die Psychiaterin lässt Carly nach dem Termin guten Gewissens zurück nach Hause gehen. Der 19. März 2024 startet eigentlich ganz normal. Am Morgen trinkt Ashley gemütlich ihren Tee.

Nachdem die Familie sich fertig gemacht hat, verabschieden Ashley und Carly sich von Heath. Mutter und Tochter verlassen das Haus gemeinsam, um zur Schule zu fahren. Um kurz vor vier Uhr nachmittags kommen Ashley und Carly dann zurück nach Hause. Heath ist nicht da, er ist noch auf der Arbeit.

Als Ashley und Carly wieder zuhause sind, ist die Stimmung zwischen den beiden mehr als angespannt. Denn am Vormittag war ein Mitschüler von Carly auf Ashley zugekommen. Dieser hatte ihr von Carlys Marihuanakonsum erzählt. Er hat sich Sorgen um Carly gemacht und sich deshalb dazu entschieden, ihre Mutter zu informieren. Ashley hört das an diesem Tag zum ersten Mal. Wie man sich vorstellen kann, ist die Mutter mehr als besorgt. Zuhause angekommen durchsucht Ashley deshalb Carlys Kinderzimmer.

Was Carly in dieser Zwischenzeit tut, sorgt binnen Minuten für eine Katastrophe. Denn während Ashley in Carlys Zimmer herumwühlt, geht Carly ins Schlafzimmer ihrer Eltern. Sie weiß, dass die beiden unter dem Bett eine Schusswaffe verstecken. Carly schnappt sich die Waffe und geht damit zurück in ihr eigenes Zimmer, wo Ashley sich noch immer aufhält. Und dann schießt sie ihrer Mutter direkt in den Kopf – dreimal.

Kurz darauf kommt Carlys Stiefvater Heath nach Hause. Er weiß natürlich nicht, was nicht mal eine Stunde zuvor passiert ist. Als er die Tür öffnet, steht seine Stieftochter ihm mit einer Schusswaffe gegenüber und feuert los. Geistesgegenwärtig gelingt es Heath, Carly die Pistole abzunehmen. Die 14-Jährige gibt ihm einen Schlag auf den Nacken und läuft davon.

Heath sieht noch, wie Carly in Richtung des Gartens rennt und über den Zaun klettert. Er wählt daraufhin den Notruf – er ist hörbar überfordert mit der Situation. Er glaubt zu diesem Zeitpunkt noch, dass vielleicht Einbrecher im Haus sind, vor denen seine Stieftochter geflüchtet ist. Von seiner Frau Ashley ist nichts zu sehen. Und dann entsteht genau das Anrufprotokoll, das ihr am Anfang gehört habt. Während Heath noch mit der Notrufzentrale telefoniert, findet er in Carlys Zimmer die Leiche von Ashley. Das Protokoll ist wirklich nichts für schwache Nerven. Solltet ihr nicht mehr hören wollen als in der Einleitung, überspringt die nächsten Sekunden.

Notrufzentrale: Okay, beruhigen Sie sich… Stiefvater: Oh mein Gott! Sie hat ihre Mom getötet! Notrufzentrale: Sie hat – was? Stiefvater: Ja! Sie hat ihre Mom getötet! Notrufzentrale: Wo ist ihre Mom? Wo ist ihre Mom? Stiefvater (?) Ich…. (?) Mich töten…. (?) Notrufzentrale: Sir? Sir?

Der Prozess

Ein halbes Jahr später sitzt die nun 15 Jahre alte Carly Gregg auf der Anklagebank. Sie muss sich im September 2024 für den Mord an ihrer eigenen Mutter verantworten, ebenso für den versuchten Mord an ihrem Stiefvater. Die Aufnahme, die ihr gerade gehört habt, wird vor Gericht abgespielt. In voller Länge ist sie sieben Minuten lang. Carly bricht in Tränen aus und weint, während sie den Anruf anhört .

Vor der Verhandlung wurde Carly ein Deal mit 40 Jahren Gefängnis angeboten, den sie jedoch ablehnte. Stattdessen will die Verteidigung Carlys Schuldunfähigkeit beweisen. Das Mädchen sei zum Tatzeitpunkt nicht bei klarem Verstand gewesen und hätte die Tat nicht einordnen können. Demgegenüber steht aber, dass Carly ihrer Mutter nicht ein-, sondern direkt dreimal in den Kopf geschossen hat. Noch dazu liegen zwischen den Schüssen auf Ashley und den Schüssen auf ihren Stiefvater Heath ganze 45 Minuten.

Das ist durch Aufnahmen der Überwachungskameras aus dem Haus der Familie belegt. Darauf ist zu sehen, wie Carly mit der Waffe hinter ihrem Rücken durch das Haus läuft. Kurz darauf hört man auf der Aufnahme und einen Schrei. Daraufhin kommt Carly zurück in die Küche und beschäftigt sich mit ihrem Handy. Sie schreibt einer Freundin, dass es einen ‘Notfall in ihrer Familie’ gebe, und bittet sie, zu ihr zu kommen.

Carly schickt außerdem eine Nachricht an Heath – und zwar von Ashleys Handy aus. Sie schreibt: „Bist du gleich zuhause, Honey?“ Heath antwortet, er müsste noch ein paar Minuten arbeiten. Von Ashleys Handy kommt ein Daumen-Hoch-Emoji zurück. Sie versucht also ganz bewusst vorzutäuschen, dass Ashley noch leben würde. Obwohl sie ihr zwei Minuten zuvor drei Mal in den Kopf geschossen hat.

Die Freundin, die Carly kontaktiert hat, kommt tatsächlich sofort vorbei – noch bevor Heath nach Hause kommt. Carly fragt sie, ob sie schon mal eine Leiche gesehen habe, und zeigt ihr den Leichnam von Ashley. Die Freundin sagt später aus, dass Carly zudem gesagt habe, ihr Stiefvater Heath sei ‘der Nächste’.

In dieser Dreiviertelstunde hat Carly nicht versucht, Hilfe für Ashley zu holen. Stattdessen hat sie sogar noch ihren Stiefvater angegriffen und in Kauf genommen, ihn ebenfalls tödlich zu verletzen. Und sie hat eine Freundin zu sich bestellt, um ihr den Leichnam ihrer Mutter zu zeigen.

Übrigens – die Freundin war noch anwesend, als Heath nach Hause kam – nach den Schüssen auf ihn sind sie zu dieser Freundin nach Hause gerannt. Dort haben sie den Vater der Freundin angetroffen, der seine Tochter direkt zur Polizeistation gebracht hat, damit sie eine Aussage machen kann.

Carly wurde kurz darauf am Straßenrand aufgegriffen und festgenommen. Der gesamte Aspekt mit der Freundin, die dazu gekommen ist und die Leiche gesehen hat, wirkt auf euch vielleicht sehr verworren. Man muss aber bedenken, dass diese Freundin auch ein Kind gewesen ist – und wahrscheinlich nicht nur total überfordert von der Situation, sondern auch noch ängstlich war. Immerhin hatte Carly eine scharfe Schusswaffe.

In einem Tagebuch hat Carly eine Liste mit fünf „Überzeugungen“ hinsichtlich ihres Lebens geführt. Diese Grundsätze reichen von „es gibt keinen Gott“ bis hin zu „es ist in Ordnung, böse zu sein“ und „man braucht keine Familie“. Während die Verteidigung in dem Tagebuch einen weiteren Beweis für Carlys schlechten Gesundheitszustand sieht, ist eine Expertin anderer Meinung. Eine forensische Psychiaterin nennt die Einträge ‘höchst alarmierend’.

Übrigens sagt auch Heath Smylie im Zeugenstand aus. Er sagt, er habe seine Stieftochter immer als ein ‘liebes, süßes Mädchen’ wahrgenommen. Am Tag des Mordes habe er sie nicht wiedererkannt, als er die Haustür öffnete. Es habe ausgesehen, als sei Carly von einem ‘Dämon’ besessen gewesen. Heath sagt: „Ich habe noch nie jemanden so gesehen, nicht einmal in Filmen, sie war nicht sie selbst, und ich glaube nicht, dass sie mich überhaupt erkannt hat.“

Letztlich wird Carly Gregg trotz ihres jungen Alters zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Eine Möglichkeit auf Bewährung wird es nicht geben. Sie wird wegen des Mordes an ihrer Mutter und des versuchten Mordes an ihrem Stiefvater schuldig gesprochen. Zudem auch wegen der Unterschlagung von Beweismitteln. Denn Carly soll eine der Überwachungskameras aus dem Haus im Kühlschrank versteckt haben – in der Hoffnung, damit Beweise gegen sie verschwinden zu lassen.

Die Anwälte von Carly Gregg versuchen schon kurz nach dem Urteil, den Prozess neu aufzurollen. Carlys erster Prozess sei nicht fair gewesen, man habe potenziell entlastende Zeugen nicht zugelassen und es seien neue Beweise aufgetaucht, die Einfluss auf das Urteil haben könnten. So soll Carlys leiblicher Vater in einem Interview gesagt haben, Carly sei schon als Kind wegen auditiver Halluzinationen in Therapie gewesen. Also, weil sie Stimmen gehört habe. Und das könnte eben ein wichtiger Faktor sein, um Carlys angebliche Unzurechnungsfähigkeit zu beweisen. Allerdings gibt es keine Aufnahme von dieser Aussage – das ist Hörensagen von dem Journalisten, der Carlys Vater interviewt hat.

Carlys leiblicher Vater selbst hat eine Aussage zugunsten seiner Tochter verweigert. Er erzählt im selben Interview nämlich auch – und dieser Teil liegt als Aufnahme vor -, dass Carly definitiv gewusst habe, was sie tat. Er sagt: „Dieses Mädchen wusste, was richtig und was falsch war. Dieses Mädchen ist nicht geisteskrank, das war eine sehr dumme Verteidigung, wenn Sie mich fragen. Aber ich war nicht involviert. Niemand hat mich je angerufen.“

Der zuständige Richter lehnt eine Neuaufnahme des Verfahrens letztlich ab. Nichts, was man noch vorbringen könnte, würde etwas am Urteil gegen Carly Gregg ändern. Somit ist schon jetzt klar, dass die 15 Jahre alte Carly Gregg den Rest ihres Lebens hinter Gittern verbringen wird.

Outro

Damit sind wir am Ende des heutigen Videos angekommen. Mal wieder ein aktueller und sehr bewegender Fall. Die Videos von Carlys Gerichtsverhandlung waren im Herbst für ein paar Tage überall auf Social Media zu sehen. Wurden euch auch Clips davon in die Timeline gespült? Carlys Anwälte haben den Kampf um einen neuen Prozess noch immer nicht aufgegeben. Möglicherweise berichte ich euch also bald bei Insolito Crime News noch mal von dem Fall. Schaut gern dort vorbei, wenn ihr auf dem Laufenden bleiben möchtet. Abonniert gern auch diesen Kanal kostenlos, um keine neuen Videos zum Thema True Crime zu verpassen. Vielen Dank fürs Zusehen und bis zum nächsten Mal. Ciao.

Quellen

  1. Carly Gregg Bawls While Listening to Step-Father’s Hysterical 911 Call YouTube, 2024
  2. Carly Gregg sentenced to life in prison for killing mother YouTube, 2024
  3. Teenage girl, who killed mom and invited friend to see corpse, gets life in prison The Independent, 2024
  4. Judge tosses new trial bid by babyface teen killer Carly Gregg New York Post, 2024
Fallakte
Orte
Mississippi, Florida
Region
Mississippi
Land
USA
Jahr
2024
Status
Gelöst
Fallart
Tötungsdelikt, Familie & Partnerschaft, Kinder & Jugendliche
Personen
Carly Gregg, Ashley Smylie, Heath Smylie, Kevin Gregg
Lagekarte
Kartendaten: Natural Earth