Intro
Amy Mihaljevic ist zehn Jahre alt, als sie ein nahegelegenes Einkaufszentrum besucht, um dort gemeinsam mit einem Freund ein Geschenk für ihre Mutter zu kaufen. Doch dieser scheinbar harmlose Plan soll sich als tödliche Falle entpuppen. Die Absichten ihres Begleiters sind trügerisch und die kleine Amy verschwindet spurlos. Die Jagd nach dem Unbekannten entwickelt sich zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Wird es der Polizei gelingen, die Zehnjährige noch rechtzeitig zu retten?
Das Leben von Amy Mihaljevic
Amy Mihaljevic wird am 11. Dezember 1978 in Little Rock, Arkansas, geboren. Ihre Eltern Margaret McNulty und Mark Mihaljevic haben sich bereits in der High School kennengelernt. Amy hat noch einen zwei Jahre älteren Bruder namens Jason. 1984 zieht die Familie in den ruhigen Vorort Bay Village, in der Nähe von Cleveland, Ohio. Die Stadt gilt als eine der sichersten in den gesamten USA und ist besonders beliebt bei jungen Familien. In Bay Village mietet die Familie ein Haus im Linford Drive mit vier Schlafzimmern. Zu dieser Zeit sind Verbrechen wie Entführungen, Morde oder Vergewaltigungen in der Gegend völlig unbekannt, und die Polizei wird für ihre gute Arbeit geschätzt.
Amy ist ein aufgewecktes, zehnjähriges Mädchen, das die fünfte Klasse der Bay Village Middle School besucht. Ihr Bruder Jason geht auf die gleiche Schule und besucht die siebte Klasse. Amy ist eine gute Schülerin und gilt als sehr selbstständig und tierlieb. Zu ihrer Mutter hat sie ein besonders enges Verhältnis, es ist fast so, als wären die beiden beste Freundinnen. Da Margaret häufig erst später nach Hause kommt, verbringen Amy und Jason nach der Schule oft etwas Zeit allein. Damit sich ihre Mutter keine Sorgen machen muss, rufen sie sie immer an, wenn sie zuhause angekommen sind. Monatelang klappt diese Abmachung ohne Probleme, bis sich am 27. Oktober 1989 plötzlich alles für immer verändern soll.
Amys Verschwinden
Es ist der 27. Oktober 1989, ein Freitag. Amy macht sich an diesem Morgen mit ihrem Fahrrad auf den Weg zur Schule. Sie trägt eine grüne Hose und ein blassgrünes Hemd mit lavendelfarbenem Rand, dazu türkisfarbene Ohrringe in Form von Pferdeköpfen. Sie erzählt ihrer Mutter, dass sie später am Tag an einem Vorsprechen für den Schulchor teilnehmen möchte. Am Vormittag hält der Polizist Mark Spaetzel einen Vortrag in der Schule. Er spricht über die Gefahren von Fremden und darüber, dass man unter keinen Umständen mit Fremden mitgehen sollte.
Der Unterricht endet an diesem Tag für die Fünftklässler um 14:10 Uhr. Obwohl sie am Morgen mit dem Fahrrad gekommen ist, geht Amy nun zu Fuß an dem Rad vorbei und biegt in die Wolf Road ab. Auf dem Weg trifft sie ihre Freundin Olivia Masiak. Die beiden saßen bei dem Vortrag des Polizisten nebeneinander. Amy holt sie ein und fragt Olivia, ob sie mit ihr zusammen gehen darf. Olivia ist überrascht, da Amy diesen Weg sonst nie nimmt. Als sie sie danach fragt, antwortet Amy ihr: „Ich treffe jemanden. Ich treffe einen Freund.“
Olivia fragt nicht weiter nach und die beiden laufen die Wolf Road entlang, überqueren eine Brücke und kommen schließlich am Bay Village Square, einem beliebten Einkaufszentrum der Stadt, an. Hier trennt sich Amy von Olivia und geht allein über den Parkplatz in Richtung der bei Schülern beliebten Baskin-Robbins-Eisdiele. Sie setzt sich auf eine Bank und scheint dort auf jemanden zu warten. Als Olivia weitergeht, sieht sie noch, wie Amy sich an einer Laterne immer wieder im Kreis dreht.
Als Jason um 15.14 Uhr seine Mutter auf der Arbeit anruft, ist Amy noch nicht zuhause. Jason ist besorgt, aber Margaret erinnert sich, dass Amy ihr am Morgen erzählt hat, dass sie nach der Schule noch bei der Chorgruppe vorsprechen möchte. „Warte einfach ein wenig“, beruhigt sie ihren Sohn. „Sie meldet sich bestimmt bald.“ Als Jason um 15.30 Uhr erneut anruft und Amy immer noch nicht zuhause ist, beginnt auch Margaret sich Sorgen zu machen. Kaum eine Viertelstunde später – um 15:40 Uhr – klingelt das Telefon bei Margaret erneut, und diesmal ist es Amy selbst. Sie spricht nur wenige, knappe Worte. Sie sagt „Gut“ und „Ja“, als ihre Mutter sie fragt, wie es ihr geht und ob alles in Ordnung ist. Für einen Moment ist Margaret erleichtert. Sie glaubt, Amy sei sicher nach Hause gekommen und würde nun, wie üblich, auf sie warten.
Doch die Erleichterung hält nicht lange an. Amys ungewöhnliches Verhalten bei dem Gespräch irritiert Margaret zunehmend. Ihre Tochter ist normalerweise eine lebhafte, gesprächige Zehnjährige, und ihre knappen und tonlosen Antworten gehen ihr nicht aus dem Kopf. Sie macht früher Feierabend und kommt um kurz nach 16:30 zuhause an. Amy ist noch immer nicht zurückgekehrt. Auch ihr Sohn wartet vergeblich auf seine Schwester. Sofort fährt Margaret zur Bay Village Middle School. Dort entdeckt sie Amys zurückgelassenes Fahrrad. Das Schulgelände ist leer, und Amy ist nirgendwo zu sehen. Margaret ist sich nun sicher, dass ihrer Tochter etwas zugestoßen sein muss, und meldet sie kurz darauf bei der Polizei als vermisst.
Gegen 18 Uhr kommt Amys Vater, Mark Mihaljevic, nach Hause. Er hat einen langen Arbeitstag bei General Motors hinter sich und ahnt noch nichts von dem Verschwinden seiner Tochter. Seine Frau und die Polizei warten bereits auf ihn und erklären ihm, was passiert ist. Mark möchte sofort selbst tätig werden und nach seiner Tochter suchen. Gemeinsam mit den Beamten und einigen Freunden durchkämmt er in den nächsten Stunden die Umgebung.
„Wir durchsuchten die Schlucht, die zum See hinunterführt. Wir sind alles abgegangen, jeden Zentimeter, und haben ihren Namen gerufen, Amy … Amy.“ Noch bevor die Sonne vollständig untergeht, beginnt eine groß angelegte Suchaktion, bei der sich neben der Polizei auch zahlreiche Freiwillige beteiligen. Die Bay Village Police nimmt den Fall sofort ernst und behandelt ihn als mögliche Entführung. Freunde, Nachbarn und Eltern von Mitschülern befragen sich gegenseitig und versuchen herauszufinden, ob irgendjemand gesehen hat, wohin Amy gegangen sein könnte.
Wenige Stunden später wird auch das FBI hinzugezogen, das gemeinsam mit der örtlichen Polizei, der Highway Patrol und den Rangern des Metroparks die Region durchforstet. Margarets Hoffnung, Amy könnte einfach in den Wald gegangen sein, um die Enten zu füttern oder mit Tieren zu spielen, führt die Suchtrupps zu nahegelegenen Flüssen und Seen. Doch Amy bleibt verschwunden. Margaret schläft in einem Schlafsack neben dem Telefon und hofft vergeblich auf ein Lebenszeichen ihrer Tochter.
Am nächsten Morgen beginnt das FBI offiziell zu ermitteln. Special Agent Dick Wrenn übernimmt die Ermittlungen und beginnt sofort, systematisch alle möglichen Hinweise zu sammeln. Während die örtliche Polizei weiterhin in der Umgebung nach Amy sucht, gehen Wrenn und sein Kollege Tompkins Haus für Haus in der Nachbarschaft durch und befragen Anwohner und Bekannte. Dabei stoßen sie schließlich auf eine Information, die alles verändert.
Der unbekannte Mann
Eine enge Freundin von Amy berichtet den Ermittlern, dass Amy in den Tagen vor ihrem Verschwinden mehrfach Anrufe von einem Mann erhalten hat. Er habe behauptet, er sei ein Arbeitskollege ihrer Mutter und dass er sie mit einem Geschenk überraschen wolle, da sie eine Beförderung erhalten hat. Da er jedoch nicht genau wisse, was ihre Mutter gerne mag, hofft er, dass Amy ihm dabei helfen könnte, das perfekte Geschenk auszusuchen.
Weil es eine Überraschung werden soll, bittet er Amy, das Treffen geheim zu halten, und sagt, dass sie sicher gut darin sei, Geheimnisse zu bewahren. Als kleine Belohnung verspricht er ihr ein eigenes Geschenk, wenn sie ihm hilft. Die beiden verabreden sich daraufhin am Bay Village Square. Amys Mutter sagt später: „Ich habe meinen Kindern immer erklärt, wie sie sich verhalten sollen, dass sie nicht mit Fremden sprechen sollen. Wenn ein Fremder aus dem Auto heraus nach dem Weg fragt, sollten sie nie zum Auto gehen. So wie ich Amy kenne, hätte sie nie etwas getan, ohne mich um Erlaubnis zu fragen – außer, wenn sie was Gutes für mich hätte tun wollen. Unglücklicherweise ist ihr genau diese Liebe, dieses Vertrauen und Kümmern-Wollen zum Verhängnis geworden.“
Das FBI ist beunruhigt. Dieser Mann scheint Details über Amy und ihre Familie zu kennen, die er nur wissen kann, wenn er sie schon länger beobachtet hat. Er kennt ihre Adresse, die Telefonnummer und den Arbeitsort ihrer Mutter. Margaret hat tatsächlich vor kurzem eine Beförderung erhalten, was bedeutet, dass Amy kein Zufallsopfer gewesen ist. Da die technischen Möglichkeiten 1989 noch begrenzt sind, kann man leider nicht herausfinden, wer Amy angerufen hat.
Während man Ferngespräche durchaus hätte zurückverfolgen können, ist das bei lokalen Anrufen nicht möglich. Der Anrufer muss aber dementsprechend aus der näheren Umgebung stammen. Die Polizei und das FBI wissen mittlerweile, dass Amy zuletzt am Bay Village Square gesehen wurde. Innerhalb von nur 24 Stunden verteilen die Ermittler tausende Flugblätter in der Umgebung und in Nachbarstädten. Die Suche wird zu einem der größten Einsätze, bei dem sich unzählige Freiwillige und die verschiedensten Behörden zusammentun.
Leider gibt es zu dieser Zeit nur wenige Überwachungskameras, so dass es keine Aufnahmen von Amy und dem Mann gibt. Bei den Zeugenbefragungen stellt sich aber heraus, dass mehrere Leute Amy und den Unbekannten zusammen beim Einkaufszentrum gesehen haben. Er wird als groß beschrieben, mit dunklem Haar. Einige Zeugen schätzen sein Alter auf 25 bis 35, andere auf 35 bis 45. Ein Zeuge behauptet, der Mann habe eine Brille getragen, während ein anderer sagt, dass er keine getragen hat. Aus diesen widersprüchlichen Aussagen entstehen schließlich zwei Phantombilder, die veröffentlicht werden. Die Ermittler vermuten, dass der Täter allein lebt oder oft umzieht und dass er häufig seinen Job wechselt.
Die Wochen vergehen und jede Suche nach Amy bleibt erfolglos. Der Fall wird groß in den Medien geteilt, in der Hoffnung, dass jemand den Mann erkennt und Hinweise liefern kann. Auch der elfte Geburtstag von Amy am 11. Dezember vergeht ohne ein Lebenszeichen von ihr. Für die Familie ist das eine besonders schwere Zeit und ihre Hoffnung schwindet mit jedem Tag. Es soll noch fast zwei Monate dauern, bis sie erfahren, was mit ihrer Tochter passiert ist.
Der Fund
Am 8. Februar 1990, genau 106 Tage nach Amys Verschwinden, wird die Ungewissheit auf schreckliche Weise beendet. Eine Frau (namens Janet Seabold) joggt an diesem Morgen in der Nähe der County Road 1181 in Ashland County und entdeckt Amys Leiche. Amy liegt mit dem Gesicht nach unten in einem Gebüsch. Die Sheriffs von Ashland County und das FBI werden informiert und nur kurze Zeit später ist der Fundort bereits abgesperrt. Schnell lässt sich feststellen, dass es tatsächlich Amy ist.
Sie trägt noch immer die Kleidung, die sie am Tag ihres Verschwindens getragen hat. Und schnell ist auch klar, dass sie vermutlich bereits kurze Zeit nach ihrem Verschwinden verstorben ist. Die Obduktion der Gerichtsmedizinerin (Elizabeth Balraj) bestätigt, dass Amy vor ihrem Tod noch mindestens eine Mahlzeit zu sich genommen hat. Ihr Körper ist brutal zugerichtet. Ihr wurde zuerst auf den Kopf geschlagen und dann mehrfach mit einem Messer in den Hals und Nacken gestochen, wobei ihre Hauptschlagader durchtrennt worden ist. Ob Amy sexuell missbraucht wurde, lässt sich aufgrund des Verwesungszustands nicht mehr mit Sicherheit sagen.
Einige Gegenstände, die Amy bei sich hatte, fehlen. Ein Ohrring, ihre Stiefel, ihr Rucksack und ein Notizbuch. Die Ermittler vermuten, dass der Täter diese Dinge möglicherweise als Trophäen behalten hat. Etwa 300 Meter entfernt von Amys Leiche findet die Polizei einen dunkelgrünen Vorhang und eine helle Decke. Die Sachen könnten genutzt worden sein, um Amys Körper darin einzuwickeln oder ihn zu transportieren. Auf Amys Kleidung entdeckt man außerdem goldene Fasern, die von den Teppichen bestimmter Automodelle der Marke General Motors stammen. Auch wenn niemand gesehen hat, wie Amy in ein Auto eingestiegen ist, gehen die Ermittler nun davon aus, dass der Täter sie in einem transportiert haben muss.
Eine weitere Spur in der Nähe der Leiche ist ein Stück Klebeband, an dem drei Haare kleben, die weder von Amy noch von jemandem aus ihrer Familie stammen. Damals ist die Technologie jedoch noch nicht weit genug, um DNA-Profile ohne Haarwurzeln zu erstellen, weshalb diese Haare den Ermittlern wenig weiterhelfen. Obwohl man nicht mit Sicherheit sagen kann, ob Amy sexuell missbraucht wurde, beginnt die Polizei bald, gezielt nach einem möglichen Sexualstraftäter zu suchen.
In ihrem Profil des Täters beschreiben die Ermittler ihn als jemanden, der auf den ersten Blick gepflegt aussieht, jedoch sozial isoliert ist. „Er gehört nicht zum Mainstream, ist kein normaler Bürger“. Der Täter wird als jemand beschrieben, der schwer Freundschaften aufbauen kann, vor allem nicht mit Frauen, und der von Bekannten oft als „seltsam“ oder „schwierig“ wahrgenommen wird. Es ist laut der Polizei unwahrscheinlich, dass er in einer stabilen Beziehung lebt. Vermutlich wohnt er allein, möglicherweise sogar noch bei seinen Eltern.
Und wahrscheinlich hat der Täter kurz vor der Tat eine große Veränderung in seinem Leben durchgemacht. Diese Veränderung könnte in seinem Verhalten, seinem Aussehen oder seiner Persönlichkeit sichtbar geworden sein. Agent Wrenn sagt dazu: „Er könnte angefangen haben, stark zu trinken, oder plötzlich aufgehört haben zu trinken. Er könnte auch in eine Sekte eingetreten sein oder sich einer radikalen Gruppe angeschlossen haben“. Für die Polizei deutet alles darauf hin, dass im Herbst 1989 etwas mit dem Mann passiert sein muss, das ihn von der Fantasie zur Tat getrieben hat. Doch trotz der intensiven Ermittlungen und dem detaillierten Täterprofil gehen bei der Polizei keine hilfreichen Hinweise ein.
Im November 2006 wird öffentlich bekannt, dass noch mehr junge Mädchen ähnliche Anrufe wie Amy erhalten haben. Mindestens drei Mädchen, alle aus North Olmsted, einem nahe gelegenen Vorort, berichten, dass sie kurz vor Amys Entführung von einem Mann angerufen wurden. Wie bei Amy gibt er sich als Bekannter der Eltern aus und lädt sie zu einem „Shopping-Trip“ ein, um ein Geschenk zu kaufen. Auffällig ist, dass von allen Familien die Telefonnummern nirgends verzeichnet gewesen sind, dem Anrufer aber trotzdem bekannt waren. Damit ist klar, dass Amy nicht das einzige Ziel gewesen ist – es scheint ein kalkulierter Plan gewesen zu sein, der bei Amy schließlich geklappt hat.
Dass es die anderen Anrufe gegeben hat, wusste die Polizei schon lange. Aber im Jahr 2005 hat ein pensionierter FBI-Agent die anderen Mädchen erneut kontaktiert, um herauszufinden, ob sie sich an einen Besuch im Lake Erie Nature and Science Center erinnern können – ein Naturkundezentrum, das auch Amy oft besucht hat. Damals gab es im Eingangsbereich ein Besucherbuch, in das sich viele der Kinder mit ihren Namen und Adressen eingetragen haben. Einige der betroffenen Mädchen erinnern sich, sich eingetragen zu haben, was dem Täter Zugang zu ihren persönlichen Daten verschafft haben könnte. Es bleibt unklar, ob sich auch Amy in das Buch eingetragen hat.
Im Dezember 2006 nehmen die Ermittler DNA-Proben von mehreren Verdächtigen. Dazu zählen bekannte Sexualstraftäter und einige Bewohner aus der Umgebung von Amy, die wegen ähnlicher Delikte bereits polizeibekannt sind. Doch keiner dieser Verdächtigen scheint der Täter zu sein. Die Liste der Verdächtigen wird eingegrenzt – von Tausenden bleiben am Ende weniger als zwei Dutzend Personen auf der Liste. Die Polizei ist überzeugt davon, dass einer von ihnen Amys Mörder ist.
Zwei dieser Verdächtigen stechen besonders hervor: Der eine ist ein junger Mann aus Fairview Park, der sich in den frühen Suchaktionen als freiwilliger Helfer engagiert hat. Er hatte psychische Probleme und hat sich nur wenige Monate nach Amys Verschwinden das Leben genommen. Ein FBI-Agent sieht darin einen möglichen Schuldhinweis, doch bei Durchsuchungen seines Hauses und persönlicher Gegenstände wird kein Beweis gefunden, der auf eine Beteiligung hindeutet. Der zweite Verdächtige ist ein Mitarbeiter des Reitstalls, den Amy regelmäßig besucht hat. Trotz einer gewissen Ähnlichkeit mit der Täterbeschreibung wird er nach langer Überwachung und Untersuchung von der Liste der Verdächtigen gestrichen.
2019 überprüft die Polizei erneut die beiden Textilien, die in der Nähe von Amys Leiche gefunden wurden: eine helle Decke und einen dunkelgrünen Vorhang. Sie finden an den Gegenständen Spuren von Amys Haaren, weswegen die Ermittler nun sicher sind, dass ihre Leiche darin eingewickelt wurde. Aber sie finden auch Haare von Jake, dem Hund der Familie. Entweder hatte Amy diese Haare an ihrer Kleidung oder die Gegenstände stammen aus dem Haus der Familie. Amys Mutter hält es durchaus für möglich, dass die beiden Sachen aus ihrem Haus stammen, aber sie kann sich keinen Reim darauf machen, wie diese entwendet wurden. Amy hat das Haus am Tag ihres Verschwindens jedenfalls ohne die Sachen verlassen. Als die Ermittler und Amys Familie schon nicht mehr mit einem Durchbruch rechnen, kommt es im Januar 2019 zu einer entscheidenden Wendung.
Dean Runkle
Im Januar 2019 erhält die Polizei einen entscheidenden Hinweis: Eine Frau ruft an und äußert den Verdacht, dass ihr Exfreund, Dean Runkle, Amys Mörder sein könnte. Dean, der zum Zeitpunkt von Amys Verschwinden als ehrenamtlicher Mitarbeiter im Lake Erie Nature and Science Center tätig gewesen ist, passt in vielerlei Hinsicht ins Profil. Er stammt aus New London, einem kleinen Ort in der Nähe der Fundstelle von Amys Leiche, und ist mit der Gegend bestens vertraut. Durch seinen Job im Naturkundezentrum hätte er Zugriff auf das Buch mit den Adressen gehabt.
Dean Runkle hat außerdem eine auffällige Vergangenheit. Er wurde auf einer Farm geboren und wuchs in einem Bauernhaus auf, das 1950 abgebrannt ist, im selben Jahr, in dem auch seine Zwillingsschwester starb. Später hat er Pädagogik mit dem Schwerpunkt Biologie studiert und 1967 angefangen als Lehrer an der Sailorway Middle School in Vermilion zu arbeiten. Er wurde von Anfang an als exzentrischer Lehrer beschrieben, der engen Kontakt zu seinen Schülern gepflegt hat. In seinem Klassenzimmer hat er einen eigenen Schulzoo aufgebaut. Bis 1982 hatte er eine drei Meter lange Boa constrictor, einen Präriehund namens Susie, ein Becken mit Piranhas, ein Frettchen und unzählige Hamster und Rennmäuse gesammelt. Einige Schüler nannte er seine Assistenten, und sie durften nach der Schule und an den Wochenenden bei ihm bleiben, um bei der Reinigung der Käfige und der Fütterung der Tiere zu helfen. Er selbst sagt später dazu: „Als ich zu der Schule kam, gab es diese Wand – Schüler auf dieser Seite, Lehrer hier drüben. Ich habe es geschafft, diese Mauer einzureißen. Auf diese Weise lernte ich die Kinder wirklich kennen, und sie lernten mich kennen, und wir verstanden uns auf diese Weise gegenseitig.“
Er war aber auch bekannt dafür, seine Schüler zu filmen, zu fotografieren und die Fotos anschließend selbst zu entwickeln. Obwohl er für viele seiner Schüler eine inspirierende Persönlichkeit war, erinnern sich einige von ihnen auch an verstörende Momente. So berichtet eine ehemalige Schülerin, dass er in der Klasse oft einen „intensiven Blick“ hatte, und dass sie sich beobachtet fühlte, sobald er den Raum betrat. „Er starrte mich an. Es war mehr als nur unheimlich; es fühlte sich an, als würde ein Tier bemerken, dass man einen Raum betritt. Er hatte ein paar Mädchen, denen er besonders nahestand, wie dem Mädchen, das vor mir saß. Ich beobachtete, wie er seine linke Hand auf ihren Rücken legte und sich herunterbeugte, um ihr ins Ohr zu flüstern. Die Art und Weise, wie er einige der Mädchen behandelte, erscheint mir heute unangemessen.“
Andere berichten, dass er Mädchen gegenüber besonders aufdringlich gewesen sei und sexuelle Witze, in Bezug auf das Aussehen und die Kleidung der Schülerinnen, gemacht habe. Eine Schülerin sagt dazu: „Er ist einer dieser Männer, bei denen man sich unwohl fühlt, wenn man mit ihnen allein ist. Er machte Bemerkungen über die Kleidung der Mädchen. Ich erinnere mich, dass er zu einem Mädchen, das einen viel zu kurzen Rock trug, sagte: 'Das ist nicht angemessen, aber ich bin froh, dass du es in meiner Klasse getragen hast.“
Eine andere Schülerin berichtet, dass er einmal erzählt habe, dass er eine Katze in flüssigem Stickstoff eingefroren und ihren Körper anschließend zerschmettert habe. Er habe auch berichtet, dass er als Kind geschlagen wurde und als später eine Schülerin schwanger wird, soll er gesagt haben, dass er sich wünschen würde der Vater des Kindes zu sein. Als einer seiner Schüler mit ihm in seinem Auto sitzt, macht Dean komische Anspielungen und spricht davon, dass das Armaturenbrett seines Autos wie Brüste aussehen würde. „Wann immer ich in seinem Auto saß, sagte er: 'Das sind meine Brüste, das sind meine Doppel-Ds'“.
In den späten 1980er-Jahren tritt Dean Runkle überraschend von seiner Position zurück und zieht zurück zu seinen Eltern. Seinen Kollegen sagt er, er müsse aus „gesundheitlichen Gründen“ gehen. Er erzählt der Verwaltung und den Schülern verschiedene Geschichten, die von schlechtem Essen während einer Safari in Afrika bis hin zu einer Blutkrankheit reichen, die er sich zugezogen hat, als er sich an einer Koralle in die Hand geschnitten hat. Er nimmt später eine Stelle in einer Tierhandlung an, in der er Mäuse züchtet und einige davon an Naturzentren weitergibt – vermutlich auch an das Lake Erie Nature and Science Center. Dean Runkle kehrt später wieder in den Schuldienst zurück, baut erneut einen Zoo in seinem Klassenzimmer auf und lädt Kinder dazu ein, ihm nach der Schule zu helfen.
Im Jahr 2003 kündigt er schließlich erneut und verlässt seine Position, ohne eine Erklärung abzugeben. Er beantragt nicht einmal seine Rente und zieht sich vollständig zurück. Mehrere Schülerinnen haben später angegeben, dass sie von der Schulleitung zu Deans Verhalten befragt worden sind, aber dennoch wurde nichts zu seinem Handeln in seiner Personalakte vermerkt. Die Exfreundin von Dean Runkle, die sich 2019 bei der Polizei meldet, berichtet, dass sie und Dean zur Zeit von Amys Verschwinden nur etwa zwei Kilometer vom Tatort entfernt gewohnt haben. In der Nacht von Amys Entführung habe er sich auffällig verhalten. Er sei nicht nach Hause gekommen und habe sie um 22 Uhr angerufen und gefragt, ob sie schon von dem Verschwinden von Amy Mihaljevic gehört habe und ob es Neuigkeiten gebe. Doch zu diesem Zeitpunkt ist Amys Verschwinden noch gar nicht bekannt gemacht worden, die Nachricht geht erst etwa eine Stunde später an die Öffentlichkeit. Die Freundin berichtet auch, dass sie und Dean mehrmals in Ashland County gewesen seien, die Gegend, in der Amys Leiche später gefunden wird und wo Dean auch aufgewachsen ist.
Neben diesen Aussagen häufen sich weitere Hinweise, die für Dean Runkle als Täter sprechen. Er sieht damals nicht nur dem Phantombild zum Verwechseln ähnlich, sondern er ist zu der Zeit auch einen goldenen Grand Prix gefahren, dessen standardmäßige Innenraumstoffe und Teppiche mit den Fasern übereinstimmen, die später an Amys Kleidung gefunden werden. Dazu passt auch, dass mehrere Zeugen berichtet haben, dass ein goldenes Auto vor dem Einkaufszentrum gestanden habe, als sich Amy mit dem unbekannten Mann getroffen hat. Ein Zeuge hat sogar berichtet, dass er gesehen habe, wie Amy in das Auto eingestiegen ist. Als man ihm später ein Foto von Dean Runkle zeigt, ist er überzeugt davon, dass das der Mann ist, mit dem er Amy an diesem Tag gesehen hat.
Am Tag, an dem Amys Leiche entdeckt wird, hat das FBI einen Agenten an einer nahegelegenen Kreuzung postiert, um die Kennzeichen aller vorbeifahrenden Autos zu notieren. Man ist davon ausgegangen, dass der Täter möglicherweise zum Ort des Geschehens zurückkehren wird, um mit etwas Abstand die Ermittlungen zu beobachten. Und tatsächlich findet man bei den Aufzeichnungen auch das Kennzeichen von Dean Runkle. 1991 hat er seinen goldenen Grand Prix verkauft und das Auto wurde später auf einem Schrottplatz zerstört, weswegen man es leider nie auf DNA-Spuren von Amy untersuchen kann.
Im November 2019, wenige Tage nach dem 30. Jahrestag von Amys Entführung, geht Dean Runkle freiwillig zur Polizei und wird umfassend befragt. Der zuständige Detektiv sagt später, dass Dean „sehr verdächtige Aussagen“ getätigt habe. Dean gibt an, dass 1989 und 1990 eine „dunkle Zeit“ für ihn gewesen seien, und behauptet, Amys Mutter Margaret vielleicht einmal in einer Bar getroffen zu haben. Auf die Frage, ob er Amy vor ihrer Entführung angerufen habe, meint er: „Ich könnte es getan haben“, und sagt, dass er sich verwählt haben könnte. Er sagt aber auch, dass er vielleicht Amys Stimme am Telefon mit der ihrer Mutter verwechselt haben könnte. Ein eher unglaubwürdiges Statement, weil die Stimme einer Zehnjährigen nur schwer mit der einer erwachsenen Frau zu verwechseln ist.
Auf die Frage, ob sich Amy jemals in seinem Auto befunden habe, antwortet er zunächst: „Ich glaube nicht.“ Und als der Beamte die Frage erneut stellt, sagt er: „Okay, aber ich weiß nicht, wie genau die Situation gewesen wäre.“ Als man ihn fragt, ob seine DNA am Vorhang oder an den anderen Gegenständen, die am Tatort gefunden wurden, sein könnte, sagt er, dass das durchaus möglich sei, aber dass sie dann jemand dort platziert haben müsste.
Dean gibt bereitwillig eine DNA-Probe ab und stellt sich einem Lügendetektortest, den er allerdings nicht besteht. Er darf anschließend gehen und soll am nächsten Tag wieder aufs Revier kommen, um Papiere zu unterschreiben, die den Beamten ermöglichen einen Lagerraum von ihm zu durchsuchen. Als er nicht erscheint, organisiert sich die Polizei einen Durchsuchungsbefehl, durchsucht seinen Lagerraum und beschlagnahmt dabei mehrere verdächtige Gegenstände. Genauere Infos darüber, um was für Gegenstände es sich gehandelt hat, sind nicht bekannt.
Bei den Ermittlungen kommt jedoch nichts Verwertbares heraus und man kann auch sonst keine weiteren Hinweise finden, die für Dean als Täter sprechen. Dadurch dass sein Auto und somit der wichtigste Beweisgegenstand zerstört worden ist, kann man ihn nicht in Amys Fall anklagen. Die Polizei befragt auch die anderen Mädchen, die ebenfalls Anrufe erhalten haben und auch als Kind im Naturkundezentrum gewesen sind, aber keiner von ihnen kommt Dean bekannt vor. Schließlich muss sich die Polizei geschlagen geben. Ihnen fehlen Beweise, um Dean zu überführen und zu verhaften. Runkle lebt mittlerweile in Florida und arbeitet dort in einem Restaurant. Er ist obdachlos, besitzt aber ein Handy und einen angemieteten Lagerraum.
Auch heute, über 30 Jahre nach Amys Verschwinden, geht die Polizei noch jedem Hinweis nach. Mittlerweile haben über 20.000 Befragungen stattgefunden und Amys Fall gilt als eine der größten Suchaktionen in Ohio seit dem Verschwinden von Beverly Potts im Jahr 1951. Pro Jahr gehen bei der Polizei von Bay Village und dem FBI rund 75 bis 100 Hinweise zu Amys Fall ein, die die Ermittler nach wie vor gründlich prüfen. Allein in den letzten zwei Jahren hat das Polizeidepartment 75.000 Dollar in fortschrittliche DNA-Tests investiert, in die die Ermittler große Hoffnung setzen. Detective Jay Elish vom Bay Village Police Department sagt zu Amys Fall: „Wir nutzen heute den wissenschaftlichen Ansatz mehr denn je, weil sich die DNA-Technologie ständig weiterentwickelt.“
Da die meisten Beweisstücke mittlerweile aber sehr alt sind, ist es nicht so leicht, verwertbare Spuren zu finden. Dennoch gibt die Polizei nicht auf und ermittelt unermüdlich weiter. Lt. Mark Spaetzel, der leitende Ermittler, sagt: „Es ist ein sehr aktiver Fall. Wir erhalten weiterhin fünf bis sechs Anrufe pro Monat.“ Auch der Bürgermeister von Bay Village, Tom Jelepis, betont, dass niemand aufgeben wird: „Von dem Tag an, an dem sie gefunden wurde, haben wir angefangen, nach Amys Mörder zu suchen, und wir haben nicht aufgehört. Und wir werden nicht aufhören.“
Amys Mutter sagt abschließend: „Warum Amy? Warum wir? Warum? Es gibt keine Antwort. Und ich habe mich mit der Tatsache abgefunden, dass es keine Antwort gibt… Ich möchte nur darum bitten, dass jeder, der eine Ahnung oder einen Verdacht hat, einen winzigen Zweifel, dies den Behörden mitteilt. Es geht nicht um die Bestrafung. Es geht darum, dass dieser Mann immer noch da draußen ist und eine schreckliche Gefahr für Kinder darstellt… Bitte melden Sie sich. Ein kleines Stück Information – die Polizei und das FBI haben viele Fäden, sie brauchen nur eine Sache, um sie alle zusammenzufügen.“
Das Leben von Amys Eltern, Margaret und Mark Mihaljevic, ist nie wieder das gleiche geworden. Weniger als zwei Jahre nach Amys Tod lassen sie sich scheiden. Unter Tränen sagt Margaret in einem Interview: „Ja, das hat eine Rolle gespielt. Es war nicht der einzige Grund, aber es hat… Es war für uns beide schwer. Wir sind Freunde. Es ist alles in Ordnung.“ Mark sitzt dabei schweigend neben ihr und legt eine Hand auf ihren Arm. Später heiratet er erneut, während Margaret allein bleibt.
Bis zu ihrem Tod im Jahr 2001 bleibt sie unermüdlich im Einsatz für vermisste Jugendliche. Als Reaktion auf das Verschwinden ihrer Tochter gründet sie den „Community Fund for Assisting Missing Youth“, um Kinder und Jugendliche für die Gefahren im Umgang mit Fremden zu sensibilisieren. Doch Amys Verschwinden bleibt ungelöst, und Margaret stirbt im Alter von 54 Jahren, an den Folgen von Lupus und einer Alkoholsucht, ohne jemals zu erfahren, was ihrer Tochter zugestoßen ist.
Epilog
Und damit sind wir am Ende des heutigen Videos angelangt. Ich finde es besonders traurig, dass Amy noch am Tag ihres Verschwindens in der Schule einen Vortrag darüber gehört hat, dass man Fremden nicht trauen und nicht mit ihnen mitgehen darf. Ihr Mörder muss sie so manipuliert haben, dass sie ihm vertraut und nicht damit gerechnet hat, dass er ihr etwas antun würde. Glaubt ihr, dass Dean Runkle der Täter ist? Schreibt mir gerne eure Meinung dazu in die Kommentare. Damit unterstützt ihr auch diesen Kanal. Wenn ihr mich noch mehr unterstützen möchtet, hinterlasst gerne einen Daumen nach oben und ein Abo. Vielen Dank schon einmal im Voraus. Einzig und allein durch eure Unterstützung kann ich der Arbeit nachgehen, die ich liebe, und euch regelmäßig mit Videos versorgen. Das bedeutet mir wirklich viel. Wenn ihr möchtet, könnt ihr mir bei Instagram folgen oder meinem Discord beitreten. Die Links dazu findet ihr in der Videobeschreibung. Und wenn ihr meine Videos zukünftig unzensiert und ohne Werbung anschauen möchtet, könnt ihr das machen, indem ihr mich bei Patreon unterstützt. Der Link dazu ist auch in der Videobeschreibung. Ansonsten gibt es nicht mehr viel zu sagen. Ich bedanke mich fürs Zuschauen und wünsche euch noch einen schönen Morgen, Mittag oder Abend, je nachdem, wann ihr das Video schaut. Wir sehen uns beim nächsten Video wieder. Bis dahin. Ciao, Leute.
Quellen
- 32 Years Later, And Still No Answers - Who Killed Amy Mihaljevic? YouTube, 2021
- Murder of Amy Mihaljevic Wikipedia (englisch)
- EXCLUSIVE: Court documents reveal startling new developments in Amy Mihaljevic murder investigation News 5 Cleveland WEWS, 2021
- Person Of Interest clevescene.com, 2008
- 33 years since her kidnapping, new developments in the Amy Mihaljevic murder mystery Cleveland 19, 2022
- Who Killed Amy? clevelandmagazine.com
- The Amy Mihaljevic Case Bay Village, OH
- The Tragic Abduction and Unsolved Murder of Amy Mihaljevic Medium, 2022
